Was
heißt „Absperrung“ (Closure)?
Wenn
die Raketen in Gaza fliegen und jeden Tag Dutzende umbringen,
mag das kleine Wort „Absperrung“ eher gutartig klingen.
Besonders für diejenigen unter uns, die gewohnt sind,
hinzugehen, wo wir wollen, einzukaufen, was wir brauchen,
arbeiten, wenn das von uns verlangt ist und heimzugehen, wenn
alles erledigt ist; wir gehen zum Arzt, wenn es nötig ist, und,
und, und, wie die Palästinenser sagen. Vielleicht denken wir
sogar, ein Tag, an dem es uns verboten ist, etwas von den angeführten
Dingen zu tun, könnte uns zu einer Ausrede verhelfen, zu Hause
zu bleiben und uns auszurasten, wie an einem Schneetag. Und wenn
das nur einen oder zwei Tage dauert, ist es auch wahr.
Am Dienstag abends, 7. Oktober, kam unser Freund und Nachbar,
Abu Rabia, herüber um uns mitzuteilen, dass er gerade die
Nachricht von einer neuen Vorschrift erhalten hatte, die am nächsten
Tag in Kraft treten würde. Er ist der Bezirks-
Verbindungskoordinator (DCL) für den Bezirk Salfit und bekommt
die Information als erster direkt von den israelischen Behörden.
Die Vorschrift beinhaltete, dass kein Palästinenser sich auf
israelischen Straßen bewegen dürfe – die unter dem Namen
„Siedlungsstraßen“ bekannt sind – weder zu Fuß noch im
Auto. Jedes Auto, das man auf der Straße findet, würde
beschlagnahmt, jeder Fußgeher auf der Straße würde
festgenommen, und, was für die Leute in unserer Region am
wichtigsten ist, niemand dürfte Oliven pflücken, weder in noch
außerhalb der Dörfer. Jeden Morgen würde am Eingang zu jedem
Dorf die Armee postiert sein, um die „Absperrung“ zu
erzwingen.
Für diese Blitzmaßnahme gab es keinen Grund. Es wurde auch
kein Zeitrahmen angegeben, es hieß einfach „bis auf
Weiteres“. Es hat schon früher Absperrungen wie diese
gegeben. Gewöhnlich dauerten sie zwei bis vier Tage und wurden
unterschiedlich gehandhabt.
Am Mittwoch gingen wir um 6.30 am Morgen zur Straßensperre, und
wirklich war da ein Jeep am Dorfeingang, und acht Soldaten
kontrollierten eine große Menge Menschen, die dort versammelt
waren und warteten. Einer Handvoll Leuten wurde ein Passieren
des Checkpoint erlaubt: Lehrer, Ärzte, Regierungsangestellte,
einige Leute, die zum Arzt gehen mussten, aber weder Studenten,
noch die meisten Arbeiter, oder Leute, der Oliven pflücken
wollten. Interessanterweise fuhren an diesem Tag noch Busse und
Lohnfuhrwerke (Taxis) auf den Siedlungsstraßen, aber Hunderte
Menschen wurden viele Stunden lang an den verschiedenen
Kreuzungen um Hares zurückgehalten.
Am nächsten Tag war die Situation an der Straßenblockade die
gleiche, nur waren überhaupt keine palästinensischen Autos
mehr auf der Straße.
Die Blockade dauerte fast drei Wochen. Hunderte Autos wurden für
durchschnittlich zwei Wochen beschlagnahmt. Tausende Schul- und
Arbeitsstunden waren verloren. Dutzende Taxifahrer wurden
festgenommen, obwohl sie die richtigen Erlaubnispapiere für die
Straßen hatten, auf denen sie fuhren. Man sagte ihnen, sie hätten
doch wissen müssen, dass das Gebiet abgesperrt war. Unser
Nachbar war auch einer von ihnen. Man gab ihm einen Fetzen
Papier als Bestätigung für sein Auto in die Hand. Das war mit
einem Stift in hebräischer Sprache beschrieben und ohne
Unterschrift außer der Angabe der Armeeeinheit, die ihn
aufgehalten hatte. Israelische Rechtsorganisationen sagten, sie
könnten überhaupt nichts tun, denn das sei legal.
Eine Gruppe von Krankenschwestern, die eine Schule in Zawiya
besucht und den ganzen Tag Medikamente ausgeteilt hatten, wurde
von der Armee angehalten, während sie auf ihren Kleinbus
warteten, der sie aufnehmen und nach Salfit zurückbringen
sollte, wo sie alle leben und arbeiten. Der Kommandant sagte,
die Frauen könnten nicht zurück nach Salfit gehen, sie müssten
nach Zawiya zurückkehren. Sie weigerten sich. Es gäbe eine Möglichkeit,
meinte er: Da sie am Morgen aus Salfit herausgelassen worden
seien, könnte man ihnen erlauben, jetzt zurückzukehren. Aber für
den nächsten Tag, wenn sie wieder herauskämen, dürften sie
nicht wieder zurück. Dann erfuhren die Frauen, dass der
Kleinbus nicht über die Checkpoints zwischen Salfit und Qarawat
gekommen war und sie mussten die 45 Minuten bis Hares zu Fuß
gehen, um von dort eine Transportmöglichkeit auf den Landstraßen
zu finden. Als wir näher an Hares kamen, sagte eine der
Schwestern: „Und wenn mir jetzt gleich jemand sagt, geh und
besuch deine Mutter, sie wohnt ja gleich dort unten, ich würde
auch nicht einen einzigen Schritt gehen, um sie zu sehen“.
Nach Jerusalem zu reisen wurde zu einer Foltergeschichte.
Normalerweise kommt man in 1½ Stunden mit dem Bus oder mit
einem Taxi hin und das kostet 13,5 Schekel; Jetzt holpert man über
harte löchrige Landstraßen, das dauert 3 bis 6 Stunden und
kostet 30 bis 50 Schekel. Auf einer Fahrt von Tulkarem nach
Nablus, was normalerweise nicht mehr als 30 Minuten dauert,
wurden die IWPS-Frauen stundenlang mehr auf einem Saumpfad als
auf einer Straße über die Berge gefahren. Oft fuhren wir in
einer Richtung los, um dann plötzlich die Richtung zu ändern
und zurückzufahren, woher wir gekommen sind, um einen anderen
Weg zu finden, von dem der Fahrer durch Flüsterparolen erfahren
hatte, um rund um die „wandernden Checkpoints“ zu kommen.
Wenn man weniger Glück hatte, konnte man stundenlang vor diesen
„wandernden Checkpoints“ stehen und bekam gesagt, man könne
da nicht durch, aber man könne auch nicht nach Hause. Der Preis
ist nicht vorhersehbar; die Antwort auf die Frage „Quaddesh?“
– Wie viel – könnte lauten: „Also gut, wenn wir diesen
Weg gehen können, kostet es 20 Schekel, aber wenn wir diese
Route nehmen müssen, sind es 50“. So wissen die Leute nicht,
ob sie sich leisten können, dorthin zu kommen, wohin sie
eigentlich wollten.
In Qarawat Bani Zeid, südlich von Salfit, wurden zwei Männer
auf ihrem Weg von der Arbeit und vom Olivenpflücken nach Hause
am 16. Oktober angeschossen. Einer von ihnen – er ist über 60
– wurde dreimal von hinten in die Beine geschossen. Die
Rettungswagen durften den Checkpoint nicht passieren. Nach mehr
als einer Stunde Wartezeit gaben die beiden auf, und gingen
stattdessen zum Dorfarzt.
Während dieser Absperrung war der Ort Jbarra, ein Flecken mit
300 Einwohnern außerhalb von Tulkarem, 9 Tage lang von Tulkarem
abgeschnitten. Im Dorf gibt es keinen Laden. Die Kinder, die
alle in andere Dörfer in die Schule gehen, durften 11 Tage lang
nicht durch die Absperrungen gehen, um zur Schule zu gelangen.
Der einzige Checkpoint zur Stadt Qalqilya war drei Wochen lang
geschlossen, niemand durfte die Stadt verlassen. Das war erst
dann zu Ende, als Angestellte der Stadtgemeinde zu einer
Demonstration aufriefen, um zum Checkpoint zu marschieren; dort
verhandelten sie mit dem Offizier, der mit der
Bezirkskommandantur betraut war, um die Stadt tagsüber zu öffnen.
Niemand weiß, wie lange sie offen bleiben würde, und trotzdem,
junge Männer dürfen nicht über den Checkpoint. Während wir
dort standen, hielten Soldaten einen Krankenwagen auf, in dem
eine Frau in den Wehen lag.
Jeden Tag werden Olivenpflücker in Deir Istya, Marda, Jemaiin,
Kifl Hares, Mas’ha und Hares von der Armee nach Hause
geschickt; ihre Hoffnung, die Ernte vor dem Ramadan
einzubringen, wurde immer dünner. In Mas’ha wurden drei Männer
arretiert; man hatte sie erwischt, als sie versuchten, zur Ernte
auf ihr Land zu gehen.
In Jayyous wurden die Tore in der Apartheid-Mauer, durch die
Bauern zu ihrem Land auf der anderen Seite gehen, sieben Tage
lang nicht aufgemacht. (Fast das ganze Bauernland von Jayyous
ist auf der anderen Seite der Sperranlage). Eines Tages
zerbrachen die Bauern, als ein Akt von Widerstand, das Schloss
am Tor. Nach ungefähr einer Woche wurden sieben Familien die
ganze Nacht lang auf der Westseite der Sperranlage ohne Essen
oder Dach über dem Kopf zurückgehalten, um sie zu zwingen, der
Armee zu sagen, wer das Tor beschädigt hat.
Im Dorf Kufr Eyin im Bezirk Ramallah besetzte die Armee zwei Häuser
und errichtete für vier Tage einen Checkpoint mitten im Ort.
Niemand durfte durch den Checkpoint gehen; das bedeutete, dass
70 Prozent der Leute ihre Oliven nicht ernten und keiner der
Lehrer die Schule erreichen konnte; daher musste die Schule
zugesperrt werden. Zwanzig Familien, die auf der anderen Seite
dieses Behelfs-Checkpoints wohnen, konnten weder Nahrung noch
andere Güter für den täglichen Verbrauch kaufen. Um in das
Dorf zu kommen, mussten wir einen steilen Pfad zwischen
Felsterrassen und Steinblöcken hinaufkrabbeln. Eine Frau, die
vom Arzt kam, musste die gleiche Kletterei machen – mit einem
neugeborenen Baby im Arm.
Am Samstag wurden zwei Mitglieder des IWPS-Teams nach Yasouf zum
Essen eingeladen. Sie erreichten die Straßenblokade um 1 Uhr
mittags; viele Menschen waren da, die man nicht aus dem Dorf ließ.
Auch ihnen wurde nicht erlaubt, ins Dorf zu gehen. Um 4 Uhr
endlich durften sie ins Dorf hinein.
Nach einer Woche mit dieser Behandlung lag die Frustration und
Verzweiflung fühlbar in der Luft. Im Dorf hatten die Menschen
keine Geduld mehr. Aber nach zwei Wochen, zu der Zeit, als man
anfing, die Blockade zu erleichtern, hatten die Leute sich daran
gewöhnt. Mehr und mehr Taxis mit gelber Nummerntafel (Sherut)
aus der nahen israelischen Stadt Kufr Qasem hingen in den Dörfern
herum, um Passagiere aufzunehmen, die gestrandet waren;
offensichtlich brachten sie mehr Einkommen von Palästina nach
Israel.
Eines Abends sagte Abu Rabia: „Das ist die längste und ärgste
Blockade seit dem Beginn der Intifada. Der Zweck davon ist,
glaube ich, auszuprobieren, was wir uns gefallen lassen, zu
schauen, ob sie damit weiterkommen, unsere Wohnungen in Gefängnisse
umzuwandeln“.
Text von Kate, Oktober 2003,
Übersetzung G.Merz
Schauen Sie auch auf unseren Bildbericht über den kürzlich
erfolgten Überfall und die Massenverhaftung in Kufr Eyin http://www.womenspeacepalestine.org/iwpsreports.htm
(in Englisch)
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