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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen
Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen
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Ein akademischer Boykott ist notwendig
von Oren Ben-Dor, Mai 2005
Ich schreibe als Ex-Israeli, der zufällig ein britischer
Akademiker ist. Ich schreibe, weil mein Gewissen durch Erfahrung
das Leid gelehrt hat, das die Folge davon ist, dass man freie
historische Debatte verhindert hat. Es ist gefährlich, wenn man
die Stimme des Anderen die ( eigenen) nationalen heroischen
Mythen nicht anzweifeln lässt.
Meine ganze Ausbildung in Israel war einseitig: der Andere wurde
als Feind behandelt, als Mörder, Aufständischer, Terrorist –
ohne dass man in irgend einer Weise sein Leiden und seine
Wünsche erwähnte. Für meine Lehrer - also auch für mich - war
der Zionismus jenseits von Lob und Tadel; er war auf Grund von
Verfolgung eine Rückkehr zum verheißenen Land ; er hat die
Sümpfe trocken gelegt; er baute einen Staat, der sich auf den
jüdischen Genius gründete.
Der Holocaust, in dem die Hälfte meiner Familie umkam, lieferte
einen ständigen Vorrat eines geblendeten kollektiven
Gedächtnisses – ein Gedächtnis des Opfer-Seins und folglich eine
Quelle der Selbstgerechtigkeit, viel, viel Selbstgerechtigkeit.
Der Holocaust/ Die Shoa (hebr. Katastrophe) hat in Israel immer
und allein das Gedenk-Monopol – es gibt keinen Raum für die
Al-Nakba ( arab. Katastrophe) , der Preis, den die Palästinenser
für die Schaffung des isr. Staates zahlen mussten . Für mich und
meine Lehrer waren die 750 000 palästinensischen Flüchtlinge von
1948 bittere Feinde, die in einem Krieg besiegt wurden. Es waren
keine menschlichen Wesen mit Gefühlen, Erinnerungen, verlorenem
Land und zerstörtem Selbstbewusstsein.
Ich schreibe diesen Artikel, weil erschreckenderweise die
Leugnung und Marginalisierung des Narrativ des Anderen bis heute
in israelischen akademischen Kreisen weiter geht. Ich schreibe
dies als einen ersten Versuch, meine Kollegen wegen dieser
Leugnung anzuklagen, eingeschlossen mich selbst von früher
anzuklagen. Aber ich schreibe es nicht nur, um mein schlechtes
Gewissen schnell zu beruhigen -- da ich um die Macht des
kollektiven Gedächtnisses und der kollektiven Leugnung weiß. Mir
ist klar, dass es dafür auch keine schnelle Reparatur gibt.
Stattdessen schreibe ich, um zwei drängende Argumente
durchzusetzen, die mit der augenblicklichen Debatte über den
AUT-Boykott ( British Association of University Teachers)
gegenüber israelischen Universitäten zu tun hat. Erstens, die
Überwindung der Nakba-Leugnung innerhalb israelischer Akademien
steht im Mittelpunkt einer Konfliktlösung in Palästina. Als
Akademiker israelischer Herkunft weiß ich, dass ein akademischer
Boykott notwendig ist, um die akademische Freiheit zu schaffen,
die nötig ist, um die Nakba-Leugnung zu überwinden.
Die Leugnung der Nakba in den israelischen Hochschulen.
Veränderungen, besonders jene, die einen Blick in den Spiegel
erfordern, müssen wachsen . Der Teufelskreis ... aus Opferrolle
und Hass muss von beiden Seiten durchbrochen werden und muss von
innen her gelöst werden und weniger mit dramatischer Gebärde wie
äußere Verbrechens- und Straflogistik.... Genau das ist es,
warum etwas gegen die Leugnung und die Marginalisierung der
Nakba in israelischen Hochschulen getan werden muss. Die
grundsätzliche Veränderung, die Israel so dringend benötigt,
kann solange nicht geschehen, bis nicht das Narrativ des anderen
angehört ( und akzeptiert) wurde. ( s. auch Uri Avnery:
„Wahrheit gegen Wahrheit“ – 101 Thesen)
Es sollte erwähnt werden, dass Dr. Ilan Pappe, Uni Haifa, zu
einem allgemeinen Boykott israelischer akademischer
Institutionen aufgerufen hat – sein Aufruf wurde ungenau
wiedergegeben und in der Begründung begrenzt, die von den
Befürwortern der AUT-Boykott-Bewegung, Haifa betreffend, gegeben
wurde. Wie ich Pappe verstehe, bezieht sich sein Boykottaufruf
auf die Art und Weise, wie Israels Akademien direkt oder
indirekt jeden Diskussionsversuch über die Verbrechen des
Zionismus in Palästina zum Schweigen bringen oder
marginalisieren. Wie ich Pappe verstehe, versucht er einen
Boykott ( nur) all jener israelischen Institutionen, die diese
Debatte zum Schweigen bringen.
Pappe protestiert gegen die Zensur, die von der vorherrschenden
zionistischen Stimme in Israel auferlegt wird, wie sie auf der
äußerst stagnierenden und unkritischen akademischen Plattform/
Bühne manifestiert wird. Sie hindert jede Möglichkeit der
Debatte, ja, rechtfertigt damit ( sogar) die Verbrechen des
Zionismus.
Mit sehr wenigen ehrenhaften Ausnahmen, von denen Pappe eine ist
, betrachten sich diese Akademiker selbst als ein Teil der
israelischen Linken. Sie sind aber Bestandteil der zionistischen
Stimme, die die palästinensische Stimme zum Schweigen bringt.
Die israelische Linke war schon immer gegen die Besatzung der
Westbank und des Gazastreifens. Die Besatzung wird dort nicht
geleugnet, auch nicht unter den Akademikern oder allgemein in
Israel; es gibt viele „Friedensaktivisten“, die nach dem Ende
der Besatzung rufen. Aber es ist wichtig zu sehen, dass die
israelische zionistische Linke die Geschichte des Anderen
verschweigt, indem sie das Problem auf die „Besatzung von 1967“
beschränkt.
Wenn erst einmal das Problem in dieser Weise eingegrenzt ist,
können diese Linken die Rolle der „Unschuldigen“ annehmen, die
ungerechterweise durch einen Boykott zur Zielscheibe werden,
deren Förderer aber die israelischen Hochschulen für die
umfassendere ( also die ganze) Geschichte öffnen wollen. Diese
zionistischen Linken haben guten Grund, ängstlich zu sein: sie
selbst sind das sehr raffinierte Hindernis für die Debatte, die
Pappe bewirken will, aber in der nationalistischen Hochschule
nicht bewirken kann – nämlich die Debatte über den Zionismus.
Falls die Debatte in Israel erfolgreich wäre, würde sie die
Authentizität der israelischen Linken in Frage stellen.
Es geht nicht (nur) um die Besatzung der Gebiete von 1967, die
im Mittelpunkt der Debatte der israelischen Hochschulen steht
und die vertuscht und marginalisiert wird. Das große Problem
stattdessen ist die zionistische Besatzung Palästinas, die
Besatzung von vor 1967, die während der Errichtung des Staates
die einheimische Bevölkerung vertrieben hat, weil sie einen
Staat gründete, in dem (eine)Religion und (ein) Volk
vorherrschen sollten. All diese „Linken“, die nun schreien, dass
der akademische Boykott aufgehoben werden soll ( welch
Überraschung!) – und sich selbst Unterstützer der
palästinensischen Sache nennen, sind selbst Gefangene des
zionistischen Tabus, dessen Lehre sie nicht wollen. Sie sind
aber unfähig, sie zu hinterfragen.
Um akademische Freiheit zu schaffen, ist ein Boykott nötig
Eine akademische Debatte, die durch aktiven oder passiven
Nationalismus zum Schweigen gebracht wird, ist offensichtlich
eine unterdrückte akademische Freiheit. Das ist nicht nur nach
der Behandlung von Pappe und einiger seiner Kollegen durch die
Haifaer Universität deutlich geworden, sondern auch durch das
Unvermögen, eine wichtige Debatte zu führen, die in israelischen
akademischen Kreisen eben nicht geführt wird. Die herrschenden
Paradigmen für Debatten sind wohl gehütet – um die Totalität der
zionistischen Besatzung von Palästina aus der Diskussion zu
halten. Nur ein gut informierter und fester Boykott von außen
wird diese pathologische akademische Mitschuld/ Mittäterschaft
ändern und die zionistische Frage verschlossen halten.
Doch warum ein Boykott gegen alle israelischen Akademiker? Sind
sie nicht unschuldige Leute, die nur Wissen voranbringen/
vermitteln. Sollen wir neutrale akademische Aktivitäten mit
politischen Debatten vermischen? Die Antwort ist, dass alle
israelischen Akademiker Komplizen der unterdrückenden,
delegitimierenden und marginalisierenden Debatte ihrer Institute
sind. In dem sie nicht ihre Stimmen gegen ihre korrupten
Institute erheben, betrügen sie die Ideale, von denen sie als
Akademiker geleitet werden sollten. Die offiziellen Antworten
der Haifaer Uni auf die AUT-Boykott-Resolution zeigt den Mangel
interner Bereitschaft und bestätigt genau, warum Druck von außen
nötig ist. Tiefliegende Fesseln, die im israelischen
Kollektivgedächtnis eingebettet sind, werden den Anfang einer
akademischen Debatte nicht erlauben, die das Zerstören dieser
Hemmschwellen zur Folge hat.
Diese israelischen Hemmschwellen sind enttäuschend, aber die
sich daraus ergebende Notwendigkeit für Druck von außen muss
anerkannt werden. In Anbetracht dessen sind die getrennten,
institutionellen Antworten einiger führender britischer
Universitäten auch enttäuschend und spielen in die Hände der
zionistischen Lobby. ...Kritik am Boykott wird in Worte der
Notwendigkeit von akademischer Freiheit gefasst. Wie paradox ist
doch diese akademische Freiheit, die genau in der israelischen
Akademie fehlt, die gerade der starke Beweggrund für die
Schaffung des Boykottes ist. Sie ist es, deren angebliche
Existenz von den Kritikern des Boykotts, einschließlich
britischer Institutionen, instrumentalisiert wird.
Der allgemeine Boykott
Lassen wir für einen Augenblick das Thema der Nakba-Leugnung in
den Universitäten beiseite, da gibt es (trotzdem )
vertretbarerweise sehr gute Gründe für einen allgemeinen Boykott
Israels wie z.B. in den Bereichen von Handel, Sport etc. Hier
Parallelen mit Süd-Afrika zu ziehen, ist nicht fehl am Platze.
Solch ein Boykott sollte gesondert gesehen werden von einem, der
gegen die Nakba-Leugnung der israelischen Hochschulen gerichtet
ist. Wenn Akademiker in einen allgemeinen Boykott eingeschlossen
werden, ist es die Folge ihrer Zugehörigkeit zu einer
Bevölkerung, die boykottiert wird, weil sie verschiedene
Aktivitäten eines kriminellen Staates unterstützt.
Auch wenn über das größere Problem zionistischer Schuld an der
Nakbah geschwiegen wird, gibt es unter Israelis eine ausgedehnte
innere Debatte über die Besatzung des Landes, das 1967 erobert
wurde. Dies hat ein Stadium erreicht, wo ein allgemeiner Boykott
gegenüber Israel helfen würde, die Besatzung mit den vielen
Verbrechen und die daraus resultierenden
Menschenrechtsverletzungen zu stoppen.
Es ist nicht nur die Besatzung – es ist auch die Nakba
Vom palästinensischen Standpunkt aus würde ein Ende der
Besatzung aber nicht das wirkliche Problem erfassen. Noch einmal
werden die Israelis bei ihrem Rückzug aus den Besetzten Gebieten
die Gelegenheit sicherlich wahrnehmen, das wirkliche Problem tot
zu schweigen. Jeder Boykott muss sich davon überzeugen, dass die
Welt Israel nicht los lässt, auch wenn es die Besatzung ( der
1967-Gebiete) aufgibt. Der Boykott muss auch verlangen, dass das
Problem des Rückkehrrechtes der Flüchtlinge nach Israel nicht
beiseite geschoben wird. Keiner ist berechtigt, das individuelle
palästinensische Recht in dieser Sache zu beseitigen oder diese
Rechte zwangsweise in Kompensation umzuwandeln. Das
Flüchtlingsproblem ist ein zionistisches Verbrechen, ein
israelisches Verbrechen und als solches müssen sich die Israelis
damit auseinandersetzen – egal welche Folgen seine
Wiedergutmachung für das Image des Landes haben wird.
Ein Wort der Vorsicht
Wenn man einen Boykott verhängt, um die Israelis dahin zu
bringen, das palästinensische Recht der Rückkehr zu akzeptieren,
dann sollte man behutsam vorgehen. Es ist nicht wie bei der
1967-Besatzung – es wäre naiv, von einem Boykott unmittelbar
eine Lösung des Flüchtlingsproblems zu erwarten. Israel ( und
wohl einige der sog. „moderaten“ Palästinenser) müssen mit dem
Flüchtlingsproblem konfrontiert werden. Aber Israel muss auch
die Zeit gegeben werden, sich intern damit zu befassen. Vorsicht
ist geboten, weil dies der Punkt ist, wo der zionistische Nerv
blank liegt.
Im Augenblick würde es ein Fehler sein, den Boykott
ausgesprochen gegen den Zionismus zu führen. Die Israelis sind
noch nicht bereit, auf einen so bezeichneten Boykott zu
reagieren. Nichts würde mehr in die Hände jener arbeiten, die
bereit sind, das israelische Gefühl der Opferrolle zu
manipulieren, als ein Boykott „gegen den Zionismus“. Das
zionistische Gefühl würde dadurch nur noch stärker.
Den Israelis einen Spiegel vors Gesicht halten, sie der
unbewussten Haltung ihres Rassismus auszusetzen, muss langsam
geschehen, wenn man das gewünschte Ziel erreichen will: die
allmähliche Anerkennung, dass „ein jüdischer und demokratischer
Staat“ ein Oxymoron darstellt; eine Anerkennung, die hoffentlich
das allmähliche Verschwinden des jüdischen Staates zugunsten
einer echten Koexistenz veranlasst. Dieser Prozess, der die
israelische Gesellschaft dahinbringt, über die Beziehungen
zwischen Zionismus und dem Jüdischsein nachzudenken, benötigt
Zeit. Auch die Palästinenser benötigen Zeit, um ihren
Nationalismus zu überwinden, der durch das Opfer-sein und den
Hass – beides eine Folge der erlittenen aktuellen und
symbolischen (?) Unterdrückung und Beherrschung - sich
verstärkte.
Es war der exkommunizierte jüdische Philosoph Baruch Spinoza,
der als eines seiner Hauptprinzipien die Idee der „Behutsamkeit“
hatte. Das „Wie“ ist so wichtig wie das „Was“. Der Fall Israel
ist einmalig, in seiner Geschichte, in seinen Leugnungen und
Komplexen/ seiner Vielschichtigkeit. Ein schlecht bezeichneter
Boykott wird den internen Prozess nicht in Gang bringen – und
das bedeutet Blutvergießen.
Der akademische Boykott ist notwendig, um den Prozess in Gang zu
bringen
Eine endgültige Lösung der Krisis in Palästina erfordert, dass
die Israelis sich ihrer Verantwortung für die palästinensische
Nakba stellen. In erster Linie, ja exklusiv, ist es in den
israelischen Hochschulen nötig, dass die längst fällige Debatte
beginnt.
Doch damit dies geschieht, muss akademische Freiheit, die
Nakba-Leugnung und die zionistische Frage zu debattieren, nicht
nur „erlaubt“ oder „gewährt“ werden. Damit akademische Freiheit
wirklich ihre Aufgabe erfüllen kann und ihren Wert hat, ist viel
mehr nötig. Man möge sich daran erinnern, dass gegenwärtig die
Debatte über Zionismus und die Nakba der unkritischen
israelischen Psyche äußerst unwillkommen ist. Darum sollte man
die aktive Legitimierung, die Erleichterung, die Sorge, dass
solch eine Debatte entsteht, als eine Pflicht ansehen, die den
israelischen Hochschulen und ihren Akademikern obliegt. In
anderen Worten: dieser Debatte muss auf dem Marktplatz der Ideen
in Israel die gleiche Chance im Wettbewerb gegeben werden. Dafür
ist aktive Mithilfe nötig, um den augenblicklichen Nachteil auf
diesem Markt zu kompensieren. Die israelische Akademie muss
spezifische Ressourcen und Möglichkeiten liefern, damit die
Debatte beginnen kann. Aber jeder, der bereit ist, sich den
Fakten zu stellen, kann aus dem, wie die Haifaer Universität
Ilan Pappe behandelte - und die er zu verteidigen versuchte –
sehen, dass ohne Druck von außen, solche Vorbedingungen nicht
geschaffen werden. Wenn es keinen anderen Grund gäbe, dann wäre
der allein schon für einen akademischen Boykott ausreichend.
Der akademische Boykott ist nicht nur eine andere Facette eines
allgemeinen Boykotts. Er ist viel bedeutender als dieser. Der
akademische Boykott ist von zentraler Bedeutung, damit der
Prozess der israelischen Selbstprüfung beginnen kann. Das ist
die Hauptvorbedingung für die Lösung des Konfliktes.
Oren Ben-Dor, ursprünglich aus Israel, ist Dozent für Jura an
der Universität von Southhampton in Großbritannien.
(dt. Ellen Rohlfs)
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