al-nakba
- die "Katastrophe" von 1948
Dem Un-Teilungsbeschluss folgten schon Anfang Dezember die
ersten Angriffe und Terrorakte der Hagana auf palästinensische
Dörfer und Zivilisten (Plan Gimmel). Das Land wurde zunehmend
in militärische Auseinandersetzungen verstrickt, denen nach der
Ausrufung des Staates Israel am 15. Mai 1948 die arabischen
Staaten beitraten. Der erste arabisch-israelische Krieg endete
mit einem Sieg der Israelischen Streitkräfte (IDF) über die
Arabische Befreiungsarmee; 418 palästinensische Dörfer wurden
von der israelischen Armee zerstört, 800 000 - 900 000 Palästinenser
zur Flucht gezwungen.
Die Niederschlagung des übermächtigen arabischen Feindes
grenzte nach israelischer Darstellung an ein Wunder. Tatsächlich
beruhte der Sieg Israels jedoch auf der faktischen Überlegenheit
von Hagana und IDF: In der Anfangsphase der
Auseinandersetzungen, noch vor dem Kriegseintritt der arabischen
Staaten, stand der gut organisierten und militärisch erfahrenen
jüdischen Untergrundorganisation eine palästinensische
Gesellschaft gegenüber, der die zentrale politische und militärische
Führung fehlte, nach Kriegsausbruch kämpften die IDF gegen die
schlechter ausgerüstete, auf fremden Terrain taktisch
unterlegene Arabische Befreiungsarmee, die keiner zentralen
Befehlsgewalt unterstand, und schließlich verhinderte eine
israelisch-jordanische Übereinkunft das Vorrücken der
jordanischen Armee über die Grenzen der Westbank hinaus.
Für die Palästinenser wurde der erste arabisch-israelische
Krieg zur nakba ("Katastrophe"): Er markierte nicht
nur den Verlust ihrer Heimat und den Beginn ihres Flüchtlingsschicksals,
sondern auch den Zusammenbruch der palästinensischen
Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und die Niederlage der
Nationalbewegung.
Sie wurden Opfer einer systematischen Vertreibungspolitik, die
ihren Anfang im April 1948 - also noch vor dem Eingreifen der
arabischen Staaten in das Kriegsgeschehen - nahm. In diesen
Zeitraum fiel der Beginn der Umsetzung des Plan Dalet, der die
"Säuberung" des von der UN zugesprochenen jüdischen
Territoriums, der Grenzgebiete und der Kommunikationslinien
zwischen jüdischen Bevölkerungsgebieten von "feindlichen
und potentiell feindlichen Kräften" zum Ziel hatte. Seine
Instruktionen zur Vorgehensweise waren deutlich: Zerstörung von
Dörfern und Bevölkerungszentren, die als auf Dauer schwer
kontrollierbar eingeschätzt werden müssten. Dies sollte durch
Einkreisung und Durchkämmung des Dorfes, der Niederschlagung
eventuell anzutreffenden Widerstandes und der Vertreibung der
Bevölkerung außerhalb der Landesgrenzen geschehen.
Innerhalb weniger Wochen fielen nun die meisten arabischen Städte
Galiläas - Tiberias (17.4.), Haifa (22.4.), Safad (11.5.) und
Akko (14.5.). Nicht selten wurde dies von gewaltsamen Übergriffen
auf Bewohner naheliegender Dörfer, so z.B. Khirbet Nasr ad-Din
und Ein az-Zeitun, eingeleitet und meist folgte nach der
Einnahme einer größeren Ortschaft eine panikartige Flucht der
umliegenden Dörfer. Insbesondere nach dem Massaker an
Zivilisten in Deir Jassin (9. April 1948) - durchgeführt von
Menachem Begins Irgun und Yitzhak Schamirs Lechi (Stern-Gruppe)
sowie unter Mitwirkung der Hagana - flohen viele Menschen aus
Angst vor ähnlichen Gräueltaten. Wie so oft in den folgenden
Jahrzehnten des palästinensisch-israelischen Konflikts schritt
die Weltgemeinschaft trotz der Vertreibung Hunderttausender, die
keineswegs freiwillig ihre Heimat verließen, wie wenige Jahre
später von der israelischen Regierung behauptet und trotz der
offensichtlichen Übergriffe und Massaker an der Zivilbevölkerung
nicht ein.
Bis zum Datum der israelischen Unabhängigkeitserklärung am 15.
Mai 1948 eroberten jüdische Einheiten 21 % des von den UN den
Palästinensern zugesprochenen Staatsgebietes. Der gesamte Küstenstreifen
zwischen Tel Aviv und Haifa, einschließlich der Hafenstadt
Jaffa, die am 12.5. kapitulierte, befand sich in jüdischer
Hand. 391 000 Palästinenser hatten ihre Heimat verlassen und
waren auf der Flucht.
Der Kriegseintritt der arabischen Staaten markierte eine neue
Phase. Auf israelischer Seite ist eine zunehmende Tendenz zur
Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung zu erkennen, die
schließlich im Herbst 1948 eskalierte. Kennzeichnend dafür war
die Vertreibung der Einwohner Lyddas und Ramlas am 12. Juli
1948, die unter dem Befehl von Yigael Allon im Rahmen der
Operation Dani vorgenommen wurde. Angebliche Heckenschützen und
eine Konfrontation mit jordanischen Panzern dienten der
israelischen Armee als Vorwand, 250 Zivilisten und zum Teil
entwaffnete Gefangene zu töten. Wenig später wurden 70 000
Menschen - rund ein Zehntel der gesamten Flüchtlinge zwischen
1947 - 49 - zur Flucht gezwungen, bei der abermals 350 Menschen
ihr Leben verloren. Es kam zu Plünderungen und standrechtlichen
Exekutionen. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich im Oktober 1948
im Norden des Negev im Zuge der Operation Yoav und einen Monat
später im Zentrum und im Norden Galiläas. Nur wenige Orte,
meist mit drusischer oder christlicher Bevölkerung, wurden von
der Vertreibung verschont. Nun, da der Sieg als gesichert gelten
konnte, nahmen außerdem Gräueltaten und Massaker, wie in den
Orten Safsaf, Sasa, Eilabun, Dawayma und Jisch zu.
Einen wichtigen Aspekt dieser Vertreibungspolitik stellte das
Verbot der Rückkehr dar. Schon Anfang Mai 1948 erhielten jüdische
Bauern die Anweisung, das von Palästinensern verlassene Land zu
übernehmen. Im Juni fällte die politische Führung die
Entscheidung, den Flüchtlingen eine Rückkehr in ihre Dörfer
mit Gewalt zu versagen, sie am Abernten ihrer Felder zu hindern
und die Ernte zu verbrennen, falls Israelis nicht dazu in der
Lage waren, sie einzuholen. Klares Ziel der israelischen Politik
war es nun, die Rückkehr der Palästinenser in ihre Heimat
"um jeden Preis" zu verhindern, wie Ben Gurion es
ausdrückte. Palästinensische Dörfer wurden zerstört oder mit
jüdischen Immigranten besiedelt, die Böden unter den
umliegenden Kibbuzim aufgeteilt.
Eine wichtige Rolle bei diesen Maßnahmen spielte Josef Weitz,
der damaligen Direktor der Abteilung für Bodenfragen des Jüdischen
Nationalfonds. Weitz, ein überzeugter Zionist, der in Palästina
keinen Platz für zwei Völker sah, trat ebenso wie viele Anhänger
der zionistischen Bewegung für die Deportation der arabischen
Bevölkerung Palästinas in die benachbarten Staaten ein. Schon
früh hatten zionistische Aktivisten erkannt, dass das von
Israel Zangwill ausgegebene Motto "ein Land ohne Volk für
ein Volk ohne Land" nicht der Wahrheit entsprach, da im
Gegenteil Palästina einer der dichtbesiedeltsten Räume des
Nahen Ostens war, und so der Traum eines homogenen jüdischen
Staates nur schwer verwirklicht werden konnte. Seit den 30er
Jahren diskutierte man deswegen in zionistischen Kreisen die
Idee des "Transfers". Nun, angesichts der Kriegswirren
und der allgemeinen Anarchie, sah Weitz den Zeitpunkt gekommen,
diese Idee in die Tat umzusetzen und "so viele Araber wie möglich"
zu vertreiben, hatte Ben Gurion doch schon Jahre zuvor erklärt,
dass er in der "zwangsweißen Aussiedlung (...) nichts
Unmoralisches" sehe.
Zwischen Februar und Juli 1949 kam es schließlich zu
Waffenstillstands- Vereinbarungen zwischen Israel und Ägypten,
Libanon, Jordanien und Syrien. Weit über 700 000 Palästinenser
fanden sich zerstreut in den Flüchtlingslagern des Libanons,
Syriens, Jordaniens, der Westbank und des Gazastreifens. Alle
Versuche von arabischer Seite, zu einer Lösung des Flüchtlingsproblems
und friedlichen Regelung auf Grundlage der Resolution 181zu
gelangen, wurden von den Israelis auf der Konferenz von Lausanne
(1949) zurückgewiesen. Auch die Vereinten Nationen drängten in
einer Resolution auf die Rückkehr der Vertriebenen in ihre
Heimat (Res. 194), doch Israel ignorierte diese wie unzählige
folgende Resolutionen, erließ 1950 ein Gesetz über den
"Besitz Abwesender", das die Enteignung und
Konfiszierung von palästinensischem Grundbesitz legalisierte
und verfügte noch im selben Jahr, dass jeder auf der Welt
lebende Jude ein Anrecht auf Rückkehr nach Israel und die
Erlangung der israelischen Staatsbürgerschaft besitze. Die 151
000 in Israel verbliebenen Palästinenser wurden bis 1966 unter
eine Militärgesetzgebung gestellt, die u.a. ihre Meinungs-,
Presse-, und Bewegungsfreiheit erheblich einschränkte.
Jordanien stellte die Westbank unter seine Herrschaft und
annektierte schließlich 1951 das Gebiet, während der
Gazastreifen unter ägyptische Verwaltung geriet. Bis heute hat
Israel die Palästinenser - trotz des 1993 eingeleiteten
Friedensprozesses - daran gehindert, ihr Recht auf Unabhängigkeit
und Selbstbestimmung in einem souveränen palästinensischen
Staat umzusetzen.
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