Die bleibenden 99,5 Prozent
von Amira Hass, Haaretz 24.8.05
„Ich als Jude möchte dich als Jüdin etwas fragen,“ sagte ein
junger Mann vor ein paar Tagen.
Ein Beginn dieser Art lädt in diesen Tagen zu einem Dialog ein,
in den wir seit ein paar Wochen hineingezogen werden. Es ist ein
Dialog, in dem die Definition „Jude“ verwendet worden ist, um
eine Art einzigartiger Entität zu beschreiben, die außerhalb
jeder anderen menschlichen Spezies, einer überlegeren, steht.
Manchmal ist es der jüdische Junge vom Warschauer Getto mit
erhobenen Armen; manchmal ist es das junge Mädchen mit der
orangenfarbigen Bluse, auf der der Slogan steht: Wir werden
nicht vergessen und nicht vergeben; und manchmal ist es der
Soldat, der sich weigert, Juden zu evakuieren. Eine einzigartige
Entität, die durch Blut, Heiligkeit und Land mit einander
verbunden ist.
„Als ein Jude zu einer Jüdin“, sagte der junge Mann, der sich
als Tourist aus Südamerika herausstellte, der Verwandte in
Israel hat und Hebräisch versteht. Es war an der Erez-Kreuzung
zwischen Stacheldraht, verschlossenen Toren, den Drehtüren, den
einschüchternden Wachtürmen, den Soldaten mit speziellen
Kameras, die auf die Durchgehenden ein Auge haben, die
dröhnenden Lautsprecher, durch die sie ihre Befehle auf
Hebräisch gegenüber Frauen bellen, die seit fünf Stunden in der
Hitze warten, um ihre gefangenen Söhne im Ber-Sheva-Gefängnis zu
besuchen.
„Ist es möglich,“ fährt er mit seiner Frage fort, „dass die
Israelis, die so nett und gut sind – ich habe nämlich Verwandte
hier – nichts von der Ungerechtigkeit wissen, die sie hier
verursacht haben?“ Die Bilder der Zerstörung, die durch Israel
im palästinensischen Gaza zurückgelassen wird und von ihm in den
letzten Tagen gesehen wurde, hat bei ihm einen Schock
hinterlassen. „Ich bin Jude und mein Vater ist ein
Holocaustüberlebender und ich wuchs mit völlig anderen Werten
des Judentums auf – soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und dass
man sich um einander kümmert.“
So naiv die Frage auch gewesen sein mag, so war sie für mich wie
ein erfrischender Lufthauch. Hier stand ein Jude, der seine (
mitfühlende) Meinung über das Schicksal des 1,3 Millionen-
Volkes aussprach, während die ganze Welt sich auf jeden
einzelnen der 8000 Siedler zu konzentrieren schien, die gerade
umzuziehen. Hier war ein Jude, der davon betroffen war, was
sonst nur trockene Zahlen sind : 1719 Palästinenser wurden
allein im Gazastreifen ab September 2000 bis heute getötet; und
nach verschiedenen Schätzungen waren etwa 2/3 von ihnen nicht
bewaffnet und wurden nicht in Schlachten oder im Verlauf eines
Versuchs, einen Militärposten oder eine Siedlung anzugreifen,
getötet.
Auf Zahlen des palästinensischen Zentralbüros für Statistik
gegründet, wurden 379 Kinder (unter 18) getötet; 236 waren
jünger als 16; 96 waren Frauen, und 102 waren Opfer von
gezieltem Töten während dem die IDF noch weitere 95 Personen
tötete, die - auch nach militärischen Quellen - „unschuldige
Passanten“ waren.
Etwa 9000 Bewohner des Gazastreifens wurden verwundet; 2704
Häuser von 20 000 Leuten wurden von IDF-Bulldozern und
Helikopterangriffen zerstört; 2187 wurden teilweise zerstört.
Etwa 31 650 Dunum landwirtschaftlich genützten Landes wurden
verbrannt zurückgelassen.
Die israelischen Antworten auf diese Zahlen sind normalerweise:
Sie haben es sich selbst anzulasten, oder: Was erwarten sie,
wenn sie Kassamraketen auf Kinder und friedliche Häuser werfen
oder versuchen, einzudringen und Bürger in ihren Häusern morden
– dass die IDF zu ihrer Verteidigung kommt?
Man kann eine direkte Linie zwischen diesen Fragen ziehen, die
die öffentliche Unterstützung für die israelische
Angriffspolitik ausdrückt und der Teilnahme an den Sorgen der
Evakuierten und dem Staunen über das „großartige Kapitel“ in der
Geschichte des zionistischen Siedlungsunternehmens – eine
direkte Linie des fundamentalistischen Glaubens in die
Superrechte der Juden in diesem Land. Tatsächlich kann man sich
denen anschließen, die sich über die Siedler im allgemeinen und
insbesondere über die Siedler im Gazastreifen wundern.
Was für ein Mensch muss man sein, um 35 Jahre lang (ungerührt)
in einem blühenden Park und in herrlichen Villen zu wohnen, die
nur 20m von übervölkerten, erstickenden Flüchtlingslagern
stehen. Was für ein Mensch muss man sein, um Sprinkleranlagen
über Rasenflächen anzustellen, während schon auf der anderen
Straßenseite 20 000 Menschen von der Verteilung von Trinkwasser
aus Tankwagen abhängig sind; und zu wissen, dass man dies
verdient hat, dass deine Regierung prächtige Straßen für dich
baut und dabei ( vor Oslo, vor 1994) die palästinensische
Infrastruktur nicht nur vernachlässigte, sondern auch zerstörte.
Was für ein Mensch muss man sein, um aus dem wohlgepflegten
Gewächshaus zu treten und ungerührt an 60jährigen
früchtetragenden Dattelpalmen vorbeizugehen, die wegen dir
entwurzelt wurden, oder an Straßen, die wegen dir blockiert
werden; und an Häusern, die wegen dir zerstört wurden, an
Kindern, die aus Hubschraubern und Panzern erschossen und neben
dir beerdigt wurden – nur um der Sicherheit deiner Kinder willen
und der Erhaltung deiner Superrechte wegen.
Wegen eines etwa halben Prozentes der Bevölkerung von Gaza,
eines jüdischen halben Prozentes wegen, wurde das Leben der
übrigen 99,5 Prozent total unterbrochen und zerstört – man
sollte sich wirklich darüber wundern. Es ist auch verwunderlich,
wie die meisten Israelis, die nicht selbst dorthin als Siedler
gingen, diese Realität ertrugen und nicht ihre Regierung
aufforderten, dem ein Ende zu setzen - bevor die Kassams kamen.
Eine wohl-genährte Ziege – die Siedler - wurde diese Woche aus
dem Gazastreifen weggebracht. Verständlich ist darum, dass die
99,5% aufgeatmet haben – doch gibt es einen ziemlich großen
Unterschied zwischen der Realität, die in den so oberflächlichen
Berichten unserer Medien auftaucht, und der Realität der Feiern
von Hamas und der palästinensischen Behörde. Ein früher in den
Siedlungen Arbeitender aus Khan Yunis sagte letzte Woche: „Die
Siedlungen teilten den Gazastreifen in drei oder vier
Gefängnisse. Jetzt werden wir in einem großen, wenn auch einem
bequemeren Gefängnis leben – aber es bleibt ein Gefängnis.“
(dt. Ellen Rohlfs)
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