Brief
an den deutschen Außenminister Fischer
Sehr
geehrter Herr Außenminister!
Sie
kommen gerade von einer Reise aus Nahost zurück, wo Sie
noch einmal Ihre Solidarität gegenüber dem Staat Israel in
einer schweren Zeit kund taten. Sie waren, wie üblich, auch in
der Gedenkstätte Yad Vashem – das erwartet man von Ihnen. Und
ich finde das ganz in Ordnung.
Ich
hoffe, Sie haben bei Ihrem Abstecher nach Palästina – um der
Symmetrie willen - auch die Nakbeh - Gedenkstätte auf dem Ölberg
in Ost-Jerusalem besucht – ach, Verzeihung, die gibt es ja
erst virtuell. Stattdessen haben Sie sicher einen großen Scheck
dagelassen, damit nach 55 Jahren mit dem Bau dieser Gedenkstätte
endlich begonnen werden kann, so dass deutsche Staatsgäste des
nun hoffentlich - mit der neuen „Roadmap“ - bald
entstehenden Staates Palästinas auch dorthin geführt werden können
– die Nakbeh hat nämlich viel mit der deutschen Geschichte zu
tun. Das sollte einem – sollte man es vorher noch nicht
gewusst haben - nach einem Besuch dann dort deutlich
geworden sein. Es könnten dort dann Kränze für die Opfer der
Massaker von Deir Yassin ( genau heute vor 55 Jahren! ), Tantura
, Ramle, Jaffa, Kafr Kassem, Khan Yunis, Kibiya, Sabra und
Shatila, Kana , Jenin, die 3500 Opfer beider Intifadas
...hingelegt werden. Auch diese Opfer dürfen nicht vergessen
werden.
Ich
möchte mich bei Ihnen im Namen meiner palästinensischen
Freunde bedanken, denn sicher haben Sie in Ihrer Funktion als Außenminister
auch über verschiedene Arten von Terrorismusbekämpfung
gesprochen und haben dabei gewiss auch die Menschenrechte
angesprochen. Sie haben dabei sicher um die Freilassung der palästinensischen
Parlamentarier Marwan Barghouti und Husam Khader gebeten, sich
auch um die Freilassung von 3-500 Kindern und Jugendlichen (13
-17 Jahre) bemüht, die in israelischen Gefangenenlagern in unwürdiger
Weise und ohne Gerichtsverhandlung – festgehalten werden, nur
weil sie Palästinenser sind. Diese Gefängnisse werden so zu
Brutstätten des Terror. In Schulen, Ausbildungsstätten und
Universitäten wären die Jugendlichen ganz gewiss vernünftiger
und hoffentlich sicherer aufgehoben. Die Brutstätte des Terrors
würde austrocknen.
Und
sicher haben Sie auch um die Freilassung der kranken Gefangenen
unter den mehr als12 000 Administrativhäftlingen gebeten.
Unter ihnen ist eine schwer krebskranke Mutter mehrerer Kinder
und der querschnittsgelähmte, schwerkranke Anan Nabih Labadeh
(30), dem man in der Ramleher Gefängniszelle auch noch
den Rollstuhl weggenommen hat, der keinerlei medizinische
Versorgung erhält, dem keinerlei Hygiene möglich ist,
der also schlimmer als ein Tier gehalten wird. Ich hoffe, Sie
haben diesen in großer Not befindlichen Menschen helfen können.
Ob Sie gehört haben, dass es allein im März mehr als 100 tote
und 700 verletzte Palästinenser gegeben hat und eine junge Frau
aus USA der ISM Gruppe wurde absichtlich von einem isr.
Bulldozer 2mal überfahren und starb, ein junger Mann aus USA
(ISM) ist in Jenin ins Gesicht geschossen worden. Diese jungen
Leute üben in unglaublich mutiger, stellvertretender,
verantwortlicher Weise Solidarität mit dem unsagbar
gepeinigten, in lebensgefährlich engem Würgegriff befindlichen
palästinensischen Volk und -- sind unerwünschte Zeugen
des Staatsterrors bzw. Genozids – da die Staatengemeinschaft,
die EU und die UNO versagen. Wöchentlich erhalte ich
erschreckende Berichte von ISM über isr. Gewalt.
Vielleicht
haben Sie gehört, dass kürzlich wieder Wohnhäuser ( 16) am
Rande Jerusalems zerstört wurden und in diesen Tagen weitere
vier – haben Sie diese nun obdachlosen Menschen besucht
und ihnen Hilfe zugesagt, vielleicht dass sie als Asylanten in
Deutschland aufgenommen werden? Sie würden damit allerdings der
israelischen Regierung in die Hände spielen – denn die
Menschen wollen viel lieber in ihrer Heimat bleiben
- schaffen wir ihnen also ein neues Dach über dem Kopf!
Wie
soll man nun gewaltfrei den Terrorismus zu kämpfen? Man sollte
diesen Menschen neue Zukunftsperspektiven, ja, Sinn für ihr
Leben geben, damit das Leben wieder wertvoller wird als der Tod
– dann käme keiner von ihnen auf die Idee, eine „Bombe auf
Beinen“ (Avnery) zu werden. Denn man muss kein Psychologe
sein, um zu wissen, dass mit jeder Zerstörung eines Hauses, mit
jeder Enteignung von Land, Zerstörung von Ölbäumen und
Brunnen, jeder Tötung, Verletzung, Folterung, Demütigung,
Ungerechtigkeit, Unfreiheit und Diskriminierung von Palästinensern
immer mehr Menschen bereits von Kindheit an schwer traumatisiert
werden und so die Zahl potentieller Terroristen rasant wächst,
die eines Tages nicht nur Israelis und Juden in aller Welt
sondern die ganze westliche Welt in Angst und Schrecken
versetzen können – nicht weil sie als menschenverachtende
Terroristen geboren wurden, sondern weil die arrogante, zerstörerische
israelische Besatzung sie zu schwer traumatisierten Menschen
gemacht hat. Hier muss beim Kampf gegen Terror angesetzt werden
– ohne Raketen, Panzer, Bulldozer und neuer 8-14 m hoher
Trennungsmauer.
In
dem Augenblick, in dem der Staat Israel die arabische Bevölkerung
im eigenen Staat und die Palästinenser in den besetzten
Gebieten mit Achtung und als Menschen völlig gleichberechtigt
behandelt, ihnen also die menschliche Würde zurückgibt, Israel
seine Schuld gegenüber diesem Volk anerkennt und ernsthaft
darum bemüht ist, diese Schuld wieder gut zu machen, ihm die
restlichen nur (!!) 22% seines Landes (ohne jüdische
Siedlungen) lässt, ihm Freiheit und Sicherheit , auf die es
nach dem Völkerrecht das selbe Recht hat wie Israel - gewährt
– dann werden die Gewalttaten von arabischer Seite immer
seltener, der Antisemitismus in der Welt weniger, das Image des
Staates Israel wird sich bessern. Nur Gerechtigkeit und
Frieden werden Sicherheit bringen, heißt es sehr weise bei
Jesaja (32.)
In
Israel gibt es Friedens- und Menschenrechtsgruppen, die sich
vorbildlich um Menschlichkeit gegenüber den Palästinensern bemühen,
jede Gruppe auf ihre spezielle Weise, wie ich dies selbst
vielfach erlebt habe. Diese mutigen Gruppen brauchen unsere großzügige
Unterstützung, nicht nur wie heute schon von einzelnen, sondern
vom deutschen Staat, von der EU. Nicht Panzer, Raketen, und
U-Boote bringen Israel Sicherheit - sondern medizinische, pädagogische,
wirtschaftliche, psychologische und finanzielle Hilfe für die
Palästinenser zum Wiederaufbau all dessen, was von israelischen
Panzern und Raketen zerstört wurde – aber auch Geduld, Verständnis
und Toleranz.
Bis
zum Herbst 2000 gab es einige wunderbare Ansätze von Brückenbau
zwischen beiden Völkern, die ich selbst miterlebt und in meinem
Buch dokumentiert habe – drum weiß ich, dass ein
Zusammenleben der beiden Völker möglich ist, wenn die
Regierung will. Allerdings müsste der in den Siedlungen
kultivierte Rassismus – ein hässliches aus Europa
mitgebrachtes Erbe - genau so bekämpft werden wie bei uns
Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.
Hier
sollten Ihre Bemühungen liegen – nicht in der Unterstützung
der rechtsradikalen rassistischen Regierung, die die
Massenvertreibung von Palästinensern auf ihr Banner geschrieben
und den Irakkrieg dazu ausnützend geplant hat - dazu die
deutschen Panzer benötigt, die inzwischen in allen palästinensischen
Orten nur Zerstörung, Angst, Schrecken und Traumata und -
damit als legale (!) Gegenwehr, den Terror, die „Waffe des
Schwachen“ verursacht haben.
Vor
ein paar Monaten habe ich einen maßgeblichen, bekannten jüdischen
Deutschen, während ich mit großer Sorge die Situation in
Nahost beobachtete, darum gebeten, in diesem Sinne mit Ihnen zu
sprechen. Er möge Ihnen Mut machen, gegenüber der israelischen
Regierung freundschaftliche, aber ernste und klare Worte zu
reden– um des Friedens und um beider Völker Sicherheit
willen. Ob er wohl mit Ihnen in diesem Sinne geredet hat?
Sie betonen immer wieder, dass wir gegenüber dem Staate Israel
eine spezielle historische Verpflichtung haben, die in
besonderer Not auch eine besondere Freundschaft einschließt,
aber echte Freundschaft lässt Freunde nicht ins Verderben
rennen! Es kann dem einen Volk nur geholfen werden, wenn das
Lebensrecht des andern auch gewährleistet ist.
Das
sollte deutlich und mutig von unsern Politikern, auch von Ihnen,
gesagt werden – auch wenn nicht jeder dem zustimmt; es
geschieht aus echter historischer Verantwortung und aus
Freundschaft – und nicht aus niederen Motiven, die man uns aus
falsch verstandener Solidarität sehr schnell
unterschieben möchte. Lassen wir uns nicht irritieren –
lassen Sie sich nicht irritieren!
Hören
wir den Hilferuf all derer in Israel und Palästina, die noch
ein Gewissen haben und die einfach in Frieden mit einander leben
wollen.
Shalom-Salam!
Ellen
Rohlfs
Autorin
des Buches : Die Kinder von Bethlehem“
Vertreterin
der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom in BRD Gründungsmitglied
von ICPPP: Internationales Committee for Protection of
Palestinian People, Section in BRD
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