Rabbiner Abraham Yitzchak Rosenberger
Synagoge und Gemeinde Zentrum:
Lorbeergasse 9
1030 Wien
Datum: 11/03/2004.
An:
Volkskrant, FORUM
Zh. Frau Dr. Miriyam Schottelndreier
Amsterdam Holland
Sehr geehrte Herren und Damen!!!
Wie
telephonisch besprochen ersuchen wir Sie sehr herzlichst um eine
freundliche wie vollständige Veröffentlichung unseres folgenden
Beitrag.
Am 23. Februar 2004 haben über 30 Rabbiner und Oberrabbiner aus der ganzen Welt - unter anderem aus den USA, Kanada, Großbritannien, Belgien, Österreich und Palästina - als Vertreter von hunderttausenden strenggläubigen orthodoxen anti-zionistischen Juden vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ihre Solidarität mit dem palästinensischem Volk zum Ausdruck gebracht. "Jahrhunderte-, ja jahrtausendelang haben wir mit unseren palästinensischen, arabischen und im übrigen islamischen Brüdern und Schwestern in Frieden und ohne Konflikt in deren Ländern gelebt und mit Dankbarkeit ihre wunderbare Gastfreundschaft genossen", erklärte der Wiener orthodoxe Oberrabbiner Moishe Arye Friedman gegenüber österreichischen und internationalen
Medien.
Weltweit haben Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen mit großen Schlagzeilen über diesen Auftritt vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag berichtet - nur in den deutschen und österreichischen Medien war mit wenigen Ausnahmen (wie der Wiener Tageszeitung "Die Presse") nichts oder fast nichts darüber zu hören. Der ORF hat es im Unterschied zu Dutzenden Fernsehstationen aus der ganzen Welt nicht einmal für nötig befunden, ein Kamerateam zur Demonstration zu schicken.
Den glaubenstreuen orthodoxen Rabbinern ist es dabei insbesondere darum gegangen, ihre grundsätzliche anti-zionistische Haltung zu bekunden und deutlich zu machen,
dass sie den Staat Israel als solchen nicht anerkennen können und gemäß dem Willen Gottes ablehnen müssen. "Gerade die glaubenstreuen orthodoxen Juden, die immer die loyalen Bürger ihres jeweiligen Staates waren, sind heute weltweit in Gefahr aufgrund der zionistischen Barbarei zu Opfern eines neuaufflammenden Antisemitismus zu werden. Insbesondere orthodox gekleidete Organisationen wie die Kach Kahane Chabad Lubavich Bewegung, die die radikalen und terroristisch gesinnten Siedler ausbildet (und von der österreichischen Regierung Unterstützung erhält!), haben dazu geführt,
dass in der Öffentlichkeit häufig "orthodox" mit ultrazionistisch gleichgesetzt wird, was von Seiten des traditionellen glaubenstreuen Judentums strikt zurückgewiesen wird" - so Rabbi Friedman.
Als Rabbiner der strenggläubigen anti-zionistischen orthodox-jüdischen Gemeinde in Wien erklärte Friedman
des weiteren zum Hintergrund des Auftrittes in Den Haag:
"Angehörige unserer Gemeinden, die in Israel leben, boykottieren diesen zionistischen Staat vollkommen, nehmen nicht an Wahlen teil und erhalten ihrerseits nicht die geringste Unterstützung seitens der Behörden. Als Thora-treue Juden betrachten wir die Diaspora als ein uns von Gott auferlegtes Schicksal und können daher prinzipiell nicht die Errichtung eines auf Gewalt beruhenden jüdischen Staates akzeptieren. Erst nach dem Kommen des Messias wird ein solcher Staat entstehen, dies aber auf vollkommen friedliche und spirituelle Weise.
Schon der historische Holocaust am orthodoxen Judentum wurde vom Zionismus
bewusst provoziert, weil er den politischen Zielen des Zionismus nur nützlich war. So konnte die Vertreibung und teilweise Eliminierung des palästinensischen Volkes ohne Widerstand der internationalen Öffentlichkeit durchgeführt werden, die mit Hinweis auf das Schicksal des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs mundtot gemacht wurde. Doch die israelische Politik läuft selbst auf einen palästinensischen Holocaust, bekannt als "Nakba" hinaus. In dieser Situation empfinden wir große Solidarität und Sympathie mit unseren palästinensischen Brüdern und Schwestern, deren heutige Flucht- und Rückzugsgebiete durch den Apartheid-Staat Israel in ein riesiges Konzentrationslager oder Ghetto verwandelt wird. Aus politischen und humanitären Gründen ist dieser Mauerbau aus der Sicht der jüdischen Religion in keiner Weise zu verantworten. Der Bau der Apartheidsmauer und die barbarische Verfolgung der Palästinenser durch das israelische Militär ist freilich weder der Anfang des Palästina-Problems noch seine Lösung. Die einzige echte Lösung kann nur in einem Ende des Zionismus und in einer friedlichen Auflösung des Staates Israel ohne Blutvergießen bestehen, wie dies die Republik Südafrika und die kommunistischen Staaten Osteuropas vorgemacht haben. Nur dann wird es eine gemeinsame und friedliche Zukunft von Juden und Palästinensern geben können.
Die im Staate Israel errichtete Mauer ist eine Mauer gegen die gesamte Menschheit und gegen jedes internationale Rechtsempfinden. Es ist höchste Zeit,
dass in Europa Politiker auch in dieser Frage eine unbelastete Politik führen können, ohne
dass sie von den Zionisten als Antisemiten gebranntmarkt werden. Auch dafür setzen sich die traditionellen orthodoxen jüdischen Gemeinden weltweit ein. Von der Republik Österreich werden wir im Gegenzug nach wie vor verfolgt; während die radikal-zionistische Chabad Lubavich Bewegung finanzielle Unterstützung erhält, wird uns von Frau Minister Gehrer nach wie vor jede offizielle Anerkennung unserer Gemeinden verweigert."
Wir bedanken uns sehr herzlich bei der Regierung der Benelux-Staaten für die großartige historische Möglichkeit, unser Anliegen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag vorbringen zu können.
Herzlichen Dank
Abraham Yitzchak Rosenberger
Rabbiner der streng Gläubigen Orthodoxen Jüdischen Gemeinde Wien
Österreich
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