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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen Gemeinde Österreich entsprechen. Alle Rechte vorbehalten.

 

Offener Brief an die Israelitische Kultusgemeinde Wien

 

Wien im Dezember 2003

Fünf Fragen an die IKG-Wien

 

Sehr geehrte Damen und Herren der Israelitischen Kultusgemeinde!

 

Anlässlich der bedenklichen und besorgniserregenden Ereignisse in der Zirkusgasse vom 9. November 2003 sowie der damit verbundenen rassistischen Ausschreitungen gegen die teilnehmenden MuslimInnen und arabischen Menschen, bzw. der zionistischen Gewalttätigkeiten gegen die europäischen AntifaschistInnen ersuchen wir Sie höflich einige uns in diesem Zusammenhang in höchsten Maße wichtig erscheinende Fragen zu beantworten. Wir hoffen im Interesse aller Beteiligten, aller teilnehmenden Personen, sowie im Interesse einer sachlichen und objektiven Aufklärung der unerfreulichen Angelegenheit auf Ihre geschätzte Antwort.

 

1. Wie erklären die betreffenden Verantwortlichen der IKG Wien als Mitveranstalter der Gedenkkundgebung vom 9.11.2003 in der Zirkusgasse die Anwesenheit und Teilnahme von Gruppierungen, die sich bereits seit Jahren durch ihre zionistische und rassistische Agitation, sowie durch ihre distanzlose Haltung zur derzeitigen israelischen Regierung unter Sharon, deren Kriegs- und Kolonialpolitik sowie zur Kriegspolitik der derzeitigen US-Regierung einen zweifelhaften Ruf gemacht haben? Wie rechtfertigt die IKG die Mitwirkung von Gruppierungen, die den völkerrechtswidrigen und verbrecherischen US-Krieg gegen den Irak, den Genozid am irakischen Volk, exekutiert durch ein jahrelanges, schließlich nur noch von den USA aufrechterhaltenes UN-Embargo, welches eineinhalb Millionen Menschen im Irak das Leben kosteten bejubeln und feiern? Wie legitimiert die IKG die Beteiligung von Gruppierungen, die in ihren Aufrufen und Reden zu ebendieser Gedenkkundgebung VertreterInnen der österreichischen Sozialdemokratie, EU-Abgeordneten und VertreterInnen der österreichischen Grünen Unterstützung eines "Vernichtungsantisemitismus" (!) vorwerfen, weil sie an einer Friedensdemonstration für die Rechte des palästinensischen Volkes teilnahmen und eine kritische Haltung zur israelischen Politik einnehmen?

 

 

2. Wie verantwortet die Israelitische Kultusgemeinde, die als Vertretung der Opfer und der Überlebenden des Holocaust handeln will, daß eine Gedenkkundgebung an die Novemberpogrome durch zionistische und rassistische TeilnehmerInnen in eine proisraelische, die Regierung Sharon unterstützende Demonstration umfunktioniert, pervertiert und derart geschändet wird? Wie könnte es auch nur im Entferntesten dem Anliegen der Opfer der NS-Barbarei und aller AntifaschistInnen und AntirassistInnen gerecht werden, wenn der Gedenktag an die barbarischen Pogrome des November 1938 und an die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes derart entwürdigt und für eine proisraelische Kundgebung instrumentalisiert wird? Wie erwägen die Verantwortlichen diesem schändlichen Mißbrauch des Andenkens an die Opfer des faschistischen Terrors in Zukunft entgegenzuwirken und der indiskutabel Instrumentalisierung durch derartige Gruppierungen, deren einziges Ziel das Abfeiern und Bejubeln von Krieg, Vernichtung und Kolonialisierung zu sein scheint, Einhalt zu gebieten?

Zuversichtlich, daß es nicht in der Absicht der Israelitischen Kultusgemeinde liegen kann der gewalttätigen Eskalation Vorschub zu leisten, wie sie zum Beispiel in Frankreich durch Bündnisse zionistischer Organisationen mit der rechtsextremen Front National, durch rassistische Ausschreitungen zionistischer und rechtsextremistischer Schlägertruppen gegen arabische und muslimische Menschen beklemmende Ausmaße erreicht hat, wenden wir uns mit der Frage an Sie:

 

Welche bewußtseinsbildenden Schritte und antirassistische Aufklärungsarbeit werden Sie in die Wege leiten, um künftig zu verhindern, daß einzelne gewaltbereite Personen durch den Anblick einer Kefije ("Palästinensertuch"), beim Anblick hijabtragender Muslima, beim Anblick palästinensischer Fahnen und/oder bei Rufen nach einer kritischeren Haltung zur Politik der USA und Israels in rassistische Raserei ausbrechen? Wie setzt sich die Israelitische Kultusgemeinde im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 9. November 2003 (dokumentiert durch ein auf www.utv.at veröffentlichtes Video) mit den AngreiferInnen auseinander, die mit ihren rassistisch motivierten Gewalttätigkeiten gegen die muslimischen, arabischen und europäischen TeilnehmerInnen die Feindseligkeiten eröffneten und den antirassistischen und antifaschistischen Charakter der Gedenkkundgebung schändeten? Welche Maßnahmen wird die Kultusgemeinde ergreifen um mäßigend auf jene Gruppierungen einzuwirken bzw. um eine rassistische Vereinnahmung der Gedenkkundgebung durch zionistisch-rassistische AgitatorInnen künftig zu verhindern? Hat die IKG in Österreich noch einen mäßigenden Einfluß auf diese zionistischen RassistInnen?

 

3. Wir sind wie Michel Warschawski, Leiter des Alternative Information Center in Jerusalem davon überzeugt, daß die "wirklich antirassistische und antikolonialistische Linke" den "Kampf gegen die antisemitische Pest" "desto wirksamer fortführen" wird, "je klarer und unzweideutiger sie zu den Kriegsverbrechen Israels und zu seiner Kolonialisierungspolitik Stellung bezieht". Da es demzufolge unmöglich im Interesse der Opfer des NS-Terrors, der AntifaschistInnen und AntirassistInnen sein kann, daß das Judentum mit der rassistischen Politik des Staates Israel und der Regierung Sharon gleichgesetzt wird und umgekehrt die Kritik an der derzeitigen Form des israelischen Staates mit seinem institutionalisierten Rassismus, seiner Apartheid-, Kriegs- und Kolonialpolitik gleichgesetzt wird mit der Ausgeburt des Antisemitismus, bitten wir Sie uns zu beantworten, welche Schritte die Israelitische Kultusgemeine in Wien künftig setzen wird, um klar, unzweideutig und nachdrücklich zwischen den rassistischen Interessen der ZionistInnen mit ihrer kolonialen Kriegspolitik in Palästina bzw. ihrer rassistischen Propaganda in Europa einerseits und dem antifaschistischen, antirassistischen und aufrichtigen Gedenken an die NS-Barbarei andererseits zu trennen? Wie wird die IKG künftig verhindern, daß sie und die von ihnen vertretenen Opfer des Holocausts von zionistischen AgitatorInnen und rassistischen FanatikerInnen in Geiselhaft genommen und durch diese in ihrem Kampf gegen die antisemitische Pest kompromittiert und behindert werden?

 

4. Da wir aus den Erfahrungen vieler Menschen, die eine konsequent antifaschistische Politik betreiben wissen, daß zionistische Kräfte innerhalb der jüdischen Gemeinden stets versucht haben und versuchen den kritischen Antizionismus als "antisemitisch" zu diffamieren, seine ProponentInnen zu isolieren, zu kriminalisieren und unter abstrusen Anschuldigungen strafrechtlich verfolgen zu lassen, da wir ferner aus der Geschichte Israels wissen, daß der Zionismus seine Ziele einerseits mit juristischen Mitteln zu erreichen sucht, andererseits selbst das Völkerrecht bricht, wenn das Recht gegen seine Interessen spricht, wenden wir uns mit der Frage an Sie, sehr verehrte Damen und Herren der IKG: Ist es im Interesse der IKG, diese politischen Fragen von österreichischen Gerichten klären zu lassen? Wäre es nicht vielmehr im Interesse aller Beteiligten diese Fragen in einer kritischen Auseinandersetzung, in einem politischen Diskurs zu klären? Wenn Sie davon überzeugt sind, daß die österreichische Justiz die einzig zulässige Instanz ist um das politische und wissenschaftlich-historische Problem des Zionismus als rassistische Ideologie zu analysieren und zu klären, so sind wir gerne bereit unseren Standpunkt auch vor einem österreichischen Gericht zu vertreten, wenn wir auch glauben, daß die politische Debatte dort deplaciert wäre. Wir glauben, daß es in niemandes Interesse sein kann, wenn die notwendige Unterscheidung zwischen Judentum und dem Staat Israel durch Ihre Gleichsetzung in der politischen Praxis verwischt wird, indem Kritik an Israel als "antisemitisch" diffamiert und schließlich kriminalisiert wird. Läge es nicht vielmehr im Interesse aller nicht-zionistischen Menschen in und außerhalb der IKG von Diffamierung, Denunziation und strafrechtlicher Verfolgung kritisch denkender Menschen abzusehen und an Stelle dessen den Dialog zu suchen? Wenn Kritik an institutionalisiertem Rassismus wie er derzeit eklatant in Form der israelischen Regierung in Erscheinung tritt kriminalisiert wird, und diese Kriminalisierung von den bislang maßgeblichen Teilen der IKG betrieben wird, verunmöglicht dies nicht künftig jedweden kritischen Dialog zwischen Ihnen und antifaschistischen Kräften?

 

5. Sollten wider erwarten innerhalb der IKG die rassistisch-zionistischen Kräfte derart hegemonial, bzw. die antizionistischen Kräfte derart schwach, und dadurch der notwendige Bruch und eine deutliche Trennung zwischen dem Apartheidstaat Israel und der IKG in der Öffentlichkeit nicht möglich sein, so müßte dies als ein politischer Standpunkt zur Kenntnis genommen werden. Müßte Ihrer Auffassung und Ihrem demokratischen Verständnis nach die IKG nicht selbst in diesem Fall antirassistischen Gruppen, Parteien oder Einzelpersonen das Recht einräumen ihren eigenen, vom Zionismus abweichenden Standpunkt und ihre Auffassungen über den Staat Israel der Öffentlichkeit darzulegen?

Wir hoffen aufrichtig, daß Sie mit Ihren geschätzten Antworten helfen werden die eventuell vorhandenen Mißverständnisse auf beiden Seiten aus dem Weg zu räumen und verbleiben in freundlicher Erwartung Ihrer Antwort

 

Hochachtungsvoll Ihre

 

Sedunia - Initiative für Internationale Politik

www.sedunia.org

sedunia@gmx.net

 

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