Das Dorf neben
der Siedlung ist ungesetzlich oder Israels Liebe zum Gesetz
von Amira Hass / Ha'aretz
/ ZNet Deutschland 27.07.2005
„Ich wurde hier geboren. Hier in Khirbet Tana, und ich erbte das
Land von meinem Großvater. Ich bin ein Hirte und habe eine
zehnköpfige Familie. Wir sind alle Hirten. Die Herden sind
unsere Lebensgrundlage. Im Juni ging ich nach Beit Furik, weil
die Schafe die Sommerhitze hier in Khirbet Tana nicht ertragen.
Am Dienstag, den 5. Juli 05 etwa um 8 Uhr 30 erhielt ich einen
Telefonanruf von einem der anderen Hirten der Gegend. Er sagte
mir, dass unsere Häuser zerstört werden. Ich fuhr sofort hin,
und als ich etwa 2,5 km von den Häusern von Tana entfernt war,
hinderten mich israelische Soldaten mit einem Armeejeep daran,
näher heran zu kommen. Gegen Mittag verließen die Soldaten die
Gegend und anstelle meines Hauses fand ich einen Haufen
Schlackensteine. Meine Familie und ich lebten in zwei neuen
Bauten, die aus Schlackenziegeln und Lehm gebaut waren. Wir
bauten diese, um uns vor der Kälte im Winter und vor der Hitze
im Sommer zu schützen. Die Soldaten zerstörten auch den
Viehstall. Wir hatten in ihm den Taboon, den Brotbackofen. Sie
ließen uns nichts. Sie zerstörten auch andere Häuser und Hütten.
Dies ist der Bericht von Wassef Hanani, 51, den er einem
Mitarbeiter von B’selem gab. Das Haus von Abed al-Khader
Ibrahim, 72, wurde auch zerstört. Er erinnert sich noch an seine
Großmutter, die die Besitzerin des umliegenden Landes war. Er
und seine Geschwister sind in Tana geboren worden. Ich kenne
keinen anderen Ort. Hier heiratete ich und meine 9 Kinder leben
hier ... Zwischen Juni und August ziehen wir nach Beit Furik, um
dort das Vieh zu weiden. Wir leben dort in Zelten, aber nur
vorübergehend. Dort gibt es nicht genug Land oder Wasser für die
Herde. Sie haben nicht nur die Häuser zerstört, sondern auch das
Grundschul-Gebäude mit den beiden Klassenzimmern, wo die Kinder
bis zur 4. Klasse lernen . Es ist die einzige Schule hier. Sie
zerstörten auch einen Teil des Zaunes rund um die Moschee. Es
ist eine alte Moschee, die schon vor 200 Jahren gebaut wurde.
Die Nachricht über die Zerstörung von Tana wurde von den Medien
völlig unterschlagen, weil sie von Nachrichten überschwemmt
waren , die den Abzug aus dem Gazastreifen betrafen. Es ist eine
palästinensische Gemeinde, die sich als ein Ableger vom
Beit-Furik-Dorf entwickelte ( östlich von Nablus) . Es gibt
Dutzende solcher Nebendörfer, die sich im Laufe der Jahrhunderte
in der Westbank bildeten. Einige wurden zu unabhängigen Dörfern,
andere sind mehr oder weniger noch abhängig vom Hauptdorf. Aber
der langsame Übergang vom Leben in Höhlen zum Leben in
primitiven Hütten, dann zu kleinen Häusern oder gar größeren ist
ihnen allen gemeinsam. Viel kann über diesen natürlichen Prozess
in einer Forschungsstudie ( vom Geographen David Grossman, 1977
gedruckt) im Buch „Judäa und Samaria, Kapitel über
Siedlungsgeschichte“ nachgelesen werden Es war in der Abteilung
Geographie an der Tel Aviv und Bar-Ilan-Universität
veröffentlicht worden. (Rehavam Zeevi war einer der
Herausgeber.) Dieser langwierige Prozess belegt die Kontinuität
der palästinensischen Existenz hier seit über 100 Jahren und die
Art und Weise, wie einerseits traditionelle Landwirtschaft mit
den natürlichen harten Lebensbedingungen fertig wurden und die
vorkapitalistischen landwirtschaftlichen Traditionen bewahrten
und wie andrerseits in den letzten Jahren die Schulbildung für
die Kinder wichtig wurde. Darum war auch in diesem Dorfableger
eine Schule gebaut worden, wenn auch nur für die unteren
Klassen.
Am 5. Juli zerstörte die israelische Armee und die
Zivilverwaltung 22 Bauten für 450 Personen und Schafställe. Nur
zwei Bauten blieben stehen und die Moschee. „Es sind vor allem
provisorische Bauten, die ohne Genehmigung gebaut worden sind
und zwar auf einer aktiven Schießzone, die von der IDF benützt
wird“, schrieb die Zivilverwaltung an Haaretz als Antwort. „Es
bestünde eine militärische Sperrzonen-Order für dieses Gebiet.
Es sei überflüssig zu sagen, in welch großer Gefahr sich die
Bewohner befunden haben. Es seien Bauten, die nicht ständig
bewohnt seien. Sie seien vor allem im Winter bewohnt, vor allem
von Bewohnern aus Beit Furik, wo ihr permanenter Wohnsitz sei.“
Für die israelischen Behörden ist jeder Bau, der ohne
Genehmigung der Besatzungsbehörde nach 1967 gebaut wurde,
ungesetzlich und darum ein Fall für die Zerstörung. Und wenn das
Nicht-Vorhandensein von Genehmigungen die Leute nicht davon
abhält, hier zu bleiben, dann kommt eine Schießzone unter dem
Deckmantel der Sorge um die Bewohner. Es ist dieselbe
Schießzone, die aus irgend einem Grund für die Siedler von
Mechora – nur wenige Kilometer von Tana entfernt - nicht
gefährlich ist. Die israelische Liebe für Gesetz und Ordnung
wurde nicht nur in geringem Abstand von Mechora erfüllt, das wie
alle anderen Siedlungen auf der Westbank und im Gazastreifen
nach dem Völkerrecht „ungesetzlich“ ist. Die Zerstörung im Namen
des Gesetzes wurde in nur kurzem Abstand von den Ablegern
ausgeführt, die in Israel als „ungesetzliche“
Siedlungsaußenposten von Itamar bekannt sind.
Tana ist kein Einzelfall. Andere Dorf-Ableger im Jordangraben,
in den südlichen Hebronhügeln und im Raume Kalkilia sind von
Israels Liebe zum Gesetz ähnlich bedroht. Aber es geht um mehr
als nur eine isolierte Aktion. Außer der Zerstörung einer alten
sozialen Lebensweise, ist dies eine andere Methode, durch die
Israel die breiten Ränder der palästinensischen Westbank
angreift und ihre Bewohner enteignet – um ( durch die Mauer)
ihre Annexion an Israel vorzubereiten.
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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