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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen Gemeinde Österreich entsprechen. Alle Rechte vorbehalten.

 

»DSCHENIN, DSCHENIN«
IM SCHATTEN DES IRAK-KRIEGES: GENERALPROBE DER ISRAELISCHEN ARMEE FÜR MASSENVERTREIBUNGEN DER PALÄSTINENSER

von Klaus von Raussendorff

Der Film »Dschenin, Dschenin« zeigt Menschen im Flüchtlingslager von Dschenin, kurz nach dem Angriff der israelischen Armee im April 2002. Bei dem Angriff kamen etwa fünfzig Palästinenser - Zivilisten und Soldaten - und etwa zwanzig israelische Soldaten ums Leben. Das Lager wurde in ein Trümmerfeld verwandelt. Der Film des arabisch-israelischen Künstlers Muhammad Bakri nimmt die Sicht der Opfer ein. In Israel hat ihn die Zensur verboten. Israelische und palästinensische Aktivisten setzen ihn bei Veranstaltungen für ihren gemeinsamen Kampf um Frieden in Nahost ein. Dienstag letzter Woche (1. April) sollte er auf Arte im Rahmen eines
Themenabends gezeigt werden. Doch der Kultursender entschied kurzfristig, den Film zu verschieben und durch einen anderen, schon einmal gesendeten Film über Dschenin zu ersetzen, »aufgrund eines laufenden Gerichtsverfahrens«, wie es in einer Presseerklärung hieß, womit offenbar darauf Bezug genommen wurde, dass der Filmautor in Israel gegen das Verbot klagt.

Politische Zensur

In Wirklichkeit scheinen falsche politische Rücksichtnahmen zur Absetzung des Films geführt zu haben. Der Vorstandsvorsitzende von Arte, Jérome Clémente, sagte gegenüber y-net, dem Internetinformationsdienst von Yedioth Achronoth: »Unsere Aufgabe ist nicht, Zwischenfälle zu verursachen. Wir sind - vor allem wegen der heutigen angespannten internationalen Lage - dazu verpflichtet, vorsichtig und verantwortungsbewusst zu agieren. Als wir den Abend planten, dachten wir nicht im Kontext des Irak-Krieges.« Die französische Regierung soll laut y-net von einer proisraelischen Lobby (»Des Info«) unter Druck gesetzt worden sein. Auch Bakri, der Autor des Films, sprach von politischen Motiven. (Ha'aretz, 01.04.03) Er hatte einen Anruf
von einer Vertreterin von Arte bekommen: »Sie sagte traurig, dass man entschieden habe, den Film nicht zu zeigen, aufgrund von Druck, der auf Arte ausgeübt wurde.« Nach dem Verbot des Films durch die israelischen Zensoren, so Bakri, stünden jüdische Gemeinden im Ausland unter Druck, ihn zu boykottieren. »Zahlreiche Proteste, insbesondere der jüdischen Gemeinde in
Paris« räumte auch der Programmdirektor von Arte, Victor Rocaries, gegenüber FAZ (2.4.03) ein. Seiner Darstellung zufolge galt es, Rücksicht auf Frankreich zu nehmen. Die Dokumentation sei hochinteressant, doch herrsche in Frankreich derzeit eine akute Krisenstimmung zwischen der jüdischen und der arabischen Gemeinde, so dass man den Konflikt nicht zusätzlich schüren
wolle. Der wichtigste Grund, den Film nicht jetzt zu senden, könnte jedoch an den Ereignissen in den besetzten palästinensischen Gebieten gelegen haben.

5000 Männer aus Tulkarem

In den frühen Morgenstunden des 2. April fielen israelische Armee und Grenzpolizei in das Flüchtlingslager Tulkarem ein. Acht Aktivisten der Organisation International Solidarity Movement (ISM), darunter einer aus Deutschland, waren vor Ort. Sie berichteten: An dem Angriff waren Kampfhubschrauber, Panzer, gepanzerte Truppentransporter, Spezialfahrzeuge und Hunderte Soldaten und Grenzpolizisten beteiligt. Nachdem sie das Lager
unter ihrer Kontrolle hatten, begannen sie, die gesamte männliche
Bevölkerung des Lagers zwischen 15 und 45 Jahren zusammenzutreiben. In der Dämmerung mussten die Männer zur Mädchenschule des Flüchtlingslagers von Tulkarem marschieren, wo sie unterschiedlich lange festgehalten und schließlich in Lastwagen abtransportiert wurden. Anscheinend wurde die Mehrzahl der Männer zum Nur-Shams-Flüchtlingslager, etwa 1,5 Kilometer von
Tulkarem entfernt, verbracht, wo sie auf die Straße geworfen wurden und ihnen verboten wurde, in den nächsten drei Tagen in ihre Häuser zurückzukehren.

Nach Schätzungen der Aktivisten wurden etwa 5000 Männer aus Tulkarem entführt. Anschließend begannen die Soldaten, die Häuser des Flüchtlingslagers zu verwüsten. Im Unterschied zu ihren »Durchsuchungen« in Nablus, die systematisch Haus für Haus erfolgten, schienen diese willkürlich durchgeführt zu werden, wodurch es den ISM-Aktivisten erschwert wurde, vorweg zu erkennen, wo die Vandalen als nächstes zuschlagen würden. Am
Nachmittag drang Grenzpolizei in das Thabbat-Thabbat-Krankenhaus von Tulkarem ein. Über Lautsprecher forderte sie alle Männer auf, das Krankenhaus zu verlassen und sich zu ergeben. Die Sicherheitskräfte behaupteten, einer der vor dem Hospital parkenden Wagen sei in Israel
gestohlen worden, man vermute darin eine Bombe. Doch die Leute von ISM ließen sich so plump nicht täuschen. Sie bestanden darauf, dass die Grenzpolizei nicht das Recht hat, Razzia auf Krankenhauspatienten zu machen. Dies sei nach der Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen. Sie blieben im Krankenhaus, bis die Grenzpolizei abends abzog, damit drohend, am nächsten
Tag wiederzukommen.

Bulldozer weiter im Einsatz

Der Vorfall könnte vermuten lassen, dass die israelische Armee unter dem Deckmantel einer Durchsuchungsaktion in Tulkarem nunmehr für die Massenvertreibung gedrillt wird. Solche Massenvertreibungen sind nach den israelischen Plänen für die »Operation Dornenfeld« für die letzte Stufe der Vernichtung der Palästinenser als Nation vorgesehen. »Die Geographie der
Vertreibungspolitik - alles wegzuräumen, was in der Nähe der Grenze und der grünen Linie ist - ist klar«, schrieb die einzige in den besetzten Gebieten ansässige israelische Journalistin Amira Hass in Ha'aretz (20.3.03). Nun werde Israel die grüne Linie noch »dicker« machen, d.h. de facto noch mehr palästinensisches Land annektieren. »Jetzt schon wurden Tausende Palästinenser ihres Landes beraubt, damit der Trennzaun im westlichen Teil
der Westbank gebaut wird. Nun fürchtet man, dass Israel unter dem Deckmantel des Krieges gegen den Irak erneut Vertreibungen auslösen wird. Als erste, so glauben palästinensische Aktivisten in Nichtregierungsorganisationen (NGOs), könnten etwa 14000 Menschen in 15 Dörfern an der Reihe sein, die sich so,
wie der Trennzaun verläuft, in einer Falle zwischen der grünen Linie und dem Zaun vorfinden werden, abgeschnitten von dem Rest der Westbank.«

Am Tag der »Transfer«-Übung der israelischen Sicherheitskräfte in Tulkarem erreichte ein Notruf von ISM-Aktivisten vom anderen Ende der besetzten Gebiete, aus Rafah im Gazastreifen, die israelische Friedensorganisation Gush Shalom. Dort hatte es ebenfalls einen massiven Einsatz der Streitkräfte der israelischen Armee gegeben. Zwei Häuser seien zerstört worden, und die
Armee habe auch eine Moschee in die Luft gesprengt, die schon bei einem früheren Einfall schwer beschädigt wurde. In den letzten zwei Jahren habe die Armee ständig Häuser entlang der Grenze zu Ägypten zerstört, mehrere pro Woche, getreu der rücksichtslos praktizierten Devise, dass einige Häuser von Waffenschmugglern benutzt würden, und da man nicht wisse, welche das sind,
es also »besser« sei, alle zu zerstören.

Am 3. April gingen die administrativ angeordneten Häuserzerstörungen weiter. In der Gegend von Jerusalem wurden laut Ha'aretz insgesamt 16 Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Als die Aktivisten des Israelischen Komitees gegen Häuserzerstörungen (ICAHD) am Donnerstag im Ortsteil Deir Al Amud in der Gemeinde Sur-Baher ankamen, war das Haus der Familie Schweiki bereits zerstört und die Bulldozer näherten sich dem Haus der Familie Amira. Drei ICAHD-Aktivisten versuchten, sich den Bulldozern entgegenzustellen und Widerstand zu leisten, aber die Polizei zerrte sie beiseite und fesselte sie mit Handschellen. Der Vorfall wurde durch die Medien, darunter NBC, wahrgenommen und durch Fotos der Aktivisten dokumentiert. Aufgrund der Lage
der Häuser und in Anbetracht der Tatsache, dass benachbarte Häuser systematisch zerstört wurden und Bewohner aller Häuser in der Gegend nach Aussage der Familie Amira vor einem Jahr eine Warnung erhielten, geht man bei ICAHD davon aus, dass es sich um die erste Phase der Vorbereitung für den Bau eines weiteren Abschnitts der Straße Nummer 80 handeln könnte. Schon vor
einigen Monaten wurde zu diesem Zweck Land beschlagnahmt und wurden Häuser in Za'astra südlich von Deir Al Amud zerstört. Wenn diese Hypothese zutrifft, ist zu befürchten, dass einige Dutzend Häuser längs eines Wadis der Zerstörung anheimfallen werden.

Ebenfalls am 3. April zerstörten die israelischen Sicherheitskräfte in Anata in Ostjerusalem das Haus der Familie Schawamreh. Zum vierten Mal, wie das ICAHD berichtet, das zusammen mit der Globalen Kampagne für den Wiederaufbau gerade dabei war, das Haus erneut wieder aufzubauen.

Weltöffentlichkeit abgelenkt

Die Parallelität der Kriege gegen die Iraker und gegen die Palästinenser wird von Tag zu Tag deutlicher. Inzwischen ist es kein Gerücht mehr: Die US-Armee hat einige der in Dschenin eingesetzten gepanzerten Bulldozer für den Häuserkampf in Bagdad eingekauft. Von einem dieser Bulldozer wurde die junge ISM-Aktivistin Rachel Corrie niedergemacht, als sie sich ihm in Gaza
aus Protest entgegenstellte. Offensichtlich sollten ausländische Zeugen durch diesen mörderischen Akt abgeschreckt werden. Doch im Gedenken an die tapfere junge Frau stellten sich ihre Mitstreiter auch letzte Woche den Bulldozern in Rafah entgegen. Und als der Kommandeur der Ephraim-Brigade, ein Oberst mit Vornamen David, öffentlich die Verantwortung für die massenhafte Einschüchterung der Bevölkerung des Flüchtlingslagers Tulkarem übernahm, machte der israelische Friedensblock (»Gush Shalom«) noch am selben Tag in einem Schreiben an den Leiter der Rechtsabteilung der
israelischen Armee öffentlich darauf aufmerksam, dass die Fakten einen schweren Verstoß gegen Kriegsrecht und israelische Militärvorschriften darstellten. Schließlich gelobten in Jerusalem israelische und palästinensische Aktivisten, das zerstörte Haus der Familie Schawamreh in zwei Tagen bis Samstag wieder aufzubauen.

Selbstverständlich wurde auch die Zensur des Films »Dschenin, Dschenin« bei Arte nicht widerspruchslos hingenommen. Dass sich die Arte-Direktion »der in Israel offiziell praktizierten Zensur gegenüber diesem Film angepaßt« hat, haben u.a. die Regisseure Yulie Gerstel und Nitzan verurteilt, deren israelische Filme im Programm des Arte-Themenabends am 1. April gesendet wurden. Die beiden protestierten mit anderen Teilnehmern eines in Frankreich und Belgien laufenden einwöchigen israelisch-palästinensischen Filmfestivals. Proteste erreichten den Sender schließlich auch von Mitgliedern der mit Beginn des Irak-Krieges gebildeten Deutschen Sektion des Internationalen Komitees für den Schutz des Palästinensischen Volkes (ICPPP).

Sicher lenkt die Aufmerksamkeit für den Krieg der USA im Irak vom
Besatzungsterror Israels in Palästina ab. Aber die Invasion im Irak ist auch ein Höhepunkt der langjährigen politischen und militärischen Partnerschaft zwischen den USA und Israel. Eine der vielen Spuren kolonialistischer Unterdrückung führt direkt von Dschenin nach Bagdad.

 

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