Nachruf:
Heimatlos zwischen Orient und Okzident
Mit
großer Trauer und in Respekt vor einem aufrechten Leben und
einem Zeugnis für Humanität, Gerechtigkeit und Wahrheit
betrauern wir den Tod von Edward W. Said.
1935 in Jerusalem geboren, verbrachte er einen großen Teil
seiner Kindheit in Kairo und im Libanon. Er lehrte an der
Columbia University Anglistik und Vergleichende
Literaturwissenschaften und war Autor zahlreicher Bücher, unter
anderem „Orientalismus“ sowie „Kultur und
Imperialismus". Darüber hinaus schrieb er Musikkritiken
und war ein Pianist. In einem New Yorker Krankenhaus ist er
heute gestorben, nachdem er lange Jahre an Leukämie litt.
Wenige waren wie er mit so großer Klarheit und
Eindringlichkeit, Nüchternheit und Schärfe der Analyse zu
einem wortmächtigen Anwalt der palästinensischen Sache im
Westen geworden.
Die zuletzt erschienene Autobiographie „Am falschen Ort“
(Berlin Verlag, Berlin 2000) ist ein überaus bewegendes Zeugnis
einer Kindheit und Jugend in einer inzwischen versunkenen
arabischen Welt, eine intensive Erinnerungsarbeit, eine Art
emotionaler archäologischer Expedition - zurück in eine
unwiederbringlich vergangene Welt.
Palästina, das Palästina aus dem Said stammte, ist heute
Israel, der Libanon seiner Jugend nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg
vollkommen verändert und das koloniale Ägypten, damals noch
eine Monarchie, ist verschwunden. Dieses Buch ist eine
Geschichte von Exil und Verlust, - und zugleich die Geschichte
einer Identitätsfindung, verfasst von einem der engagiertesten
Intellektuellen unserer Zeit. Deutlich wird darin auch die
innere Heimatlosigkeit der christlichen Palästinenser-Familie
Said.
Für seine alte Heimat schwebte Edward Said ein Kantonsstaat
nach Schweizer Vorbild vor, in dem demokratisch gesinnte und
kosmopolitisch fühlende Israelis und Palästinenser einander
respektieren.
Gestorben ist Edward Said zu einem Zeitpunkt, an dem diese
Vision so weit entfernt scheint, wie lange nicht mehr.
Sein Zeugnis aber bleibt eine Mahnung und eine Ermutigung, nicht
aufzuhören an einen, an den neuen Nahen Osten zu glauben, der
nicht durch Hegemonie und Vorherrschaft, durch Unterdrückung
und Gewalt gekennzeichnet sein wird, sondern durch Respekt und
Humanität. rip