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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen Gemeinde Österreich entsprechen. Alle Rechte vorbehalten.

 

Eindrücke einer Reise ins Westjordanland

Der eigentliche Grund meiner Reise nach Ramallah war ein Familienbesuch. Unerwartet hatten die Kinder meines Mannes, ein palästinensischer Flüchtling, die Möglichkeit, während der Feiertage endlich einmal zusammen zu kommen; etwas, das für die meisten Familien auf dieser Welt als selbstverständlich gilt, wenn sie sich die Reisekosten bezahlen können. In der Familie meines Mannes ist dies nicht der Fall, weil das Leben und die Bewegungsfreiheit der PalästinenserInnen, die unter der israelischen Militärbesatzung leben, bis ins letzte Detail von der Besatzungsmacht bestimmt wird. Und diese Besatzungsmacht will das Leben der PalästinenserInnen natürlich weder erleichtern noch schöner oder angenehmer machen

 

Wir waren also überglücklich, dass meine Schwiegertochter, ihr Mann und ihr kleines Kind ein Sondererlaubnis bekommen haben – durch besondere Vermittlung – von Gaza nach Ramallah im Westjordanland zu fahren. Die Entfernung zwischen Gaza und Ramallah beträgt 90 Kilometer – eine Strecke, die die meisten PalästinenserInnen aber nicht überqueren können, weil dieser Weg durch Israel führt. Mein Mann hat in seinem Leben nur zweimal die Erlaubnis bekommen, durch sein Geburtsland zu fahren aus dem er und seine Familie 1948 fliehen mussten. Diese Erlaubnis wurde erst nach 50 Jahren durch persönliche Vermittlung auf höherer Ebene ermöglicht. Allerdings musste er versprechen, dass er nicht länger als bis 22 Uhr im Lande bleiben würde!

 

Während meines Aufenthaltes fand der International Human Rights March of Women statt, eine Aktion initiiert und organisiert von einer norwegischen Frauengruppe, der israelischen Coalition of Women for a Just Peace und der General Union of Palestinian Women. Ich hatte also das Glück, mit diesen Frauen, darunter viele Frauen in Schwarz, und auch mit vielen Menschen aus anderen Ländern (organisiert von der EU-Parlamentarierin Luisa Morgantini und Dr. Mustafa Barghouti, dem Generalsekretär der Palestinian National Initiative und Präsident der Palestinian Medical Relief Committees und seinem Team) auf drei Fahrten an drei verschiedenen Tagen einige Dörfer in der Umgebung von Ramallah zu besuchen. Ich bin beeindruckt, wie unermüdlich, engagiert und bewundernswert deren Ausdauer und Optimismus sind. Diese Dörfer sind oder werden alle vom Bau der Apartheid-, Sicherheits-, Trennungs- oder Schandmauer betroffen. Was wir erlebten war zutiefst deprimierend.

 

Wir trafen arme, friedliche Bauern, deren rechtmäßiges Land - ihr Wasser, ihre Pflanzungen und Olivenbäume - durch die israelische Besatzungsarmee und von radikalen Siedlern entweder bedroht, geraubt, niedergewalzt oder vernichtet wird. Bald werden diese Menschen in ihren Dörfern buchstäblich „eingemauert“, entweder wirklich durch eine riesige Betonmauer (bei Qualqilya ist sie 8 Meter hoch), oder bei anderen Ortschaften durch elektrisch geladene Zäune mit Schützengräben, die um mehrere Dörfer mit einem einzigen Tor als Ein- und Ausgang verlaufen. Dieses Tor wird von einem oder zwei israelischen Soldaten ab und zu für kurze Zeit geöffnet und die Einwohner brauchen Erlaubnis, um ihre Häuser und ihr Dorf zu verlassen und auch wieder nach Hause zu gelangen. So ihres Landes beraubt, fehlt ihnen jede Möglichkeit einen Lebensunterhalt finden.

 

Die Dörfer, durch die wir gefahren sind, waren Safa, Beit Luqya, Qibya, N’ilin und Budrus. In Budrus empfingen uns die Frauen des Dorfes in ihrer palästinensischen Kleidung im Gemeindehaus. Sie hatten eine kleine Veranstaltung mit Reden, Musik und Tanz für uns vorbereitet. Was uns zutiefst bewegte war einer der Titel des Programms „Wir sind keine Terroristen“ und die Tatsache, dass sie das Gefühl hatten, sie müssten uns klar machen, dass sie „normale“ Menschen und nicht gefährlich seien.

 

Wir haben auch Qibya besucht, das Dorf, wo Ariel Sharon als junger Offizier schon 1953 am Angriff auf das Dorfes beteiligt war. Dabei wurden viele Häuser demoliert oder in die Luft gesprengt und 66 Frauen, Kinder und Männer umgebracht.

 

Was ich überall sah waren arme, magere Kinder, die sich sehr freuten, uns zu sehen und mit ihrem begrenzten englischen Wortschatz mit uns zu reden. Und natürlich sprachen wir mit besorgten, oft verzweifelten älteren Menschen.   In Beit Luqya, gab es eine riesige Versammlung von Dorfbewohnern, unter ihnen zwei palästinensische Männer mit Kuffiyeh (dem traditionellen arabischen Kopftuch) , einer mit einem Stock um den eine Friedensfahne gewickelt war.

 

Überall wurden wir freundlichst empfangen und von den Dorfbewohnern herumgeführt. Sie zeigten uns ihr Land, das bald von der israelischen Armee für den Bau der Mauer zerstört, durchtrennt, gestohlen sein wird. Die Mauer ist keine Trennungsmauer, die auf der grünen Linie zwischen Israel und den Besetzten Gebieten gebaut wird, sondern sie schlängelt sich durch das Westjordanland. Durch diese Land- und Wasserenteignung wird das Leben der rechtmäßigen palästinensischen Besitzer ruiniert, ihnen jede Hoffnung genommen und ein unabhängiges Leben unmöglich gemacht.

 

In Budrus machten wir gemeinsam mit der palästinensischen Bevölkerung eine friedliche Demonstration. Die internationalen TeilnehmerInnen bildeten eine Menschenkette und marschierten - sozusagen als Schutzwand - vor den Frauen, Männern und Kindern des Dorfes auf die diensthabenden israelischen Soldaten zu. Mehrere von uns wurden von ausländischen Journalisten um Interviews gebeten. Ich sprach mit einem Mann, einem Amerikaner jüdischer Herkunft, von Beruf Lehrer, der als Mitglied der Internationalen Solidaritätsbewegung viel Zeit in Nablus und Budrus verbracht hat. Er sagte mir, dass er oft in New Yorker Synagogen über die gegenwärtige Situation in den besetzten Gebieten spricht; er wurde vom arabischen Sender Al Jazeera interviewt. Ich wurde von einem Korrespondenten aus Abu Dhabi um ein kurzes Interview gebeten. Dann bat mich eine Mitarbeiterin von Dr. Barghouti, mit den Soldaten zu sprechen. Vermutlich glaubte sie meine jüdische Herkunft würde meinen Argumenten und Ansichten mehr Gewicht verleihen und mich vor Gewalt schützen. Leider haben die Soldaten gar nicht zugehört – oder sie hatten Anweisung, auf Gespräche nicht zu reagieren. Doch bin ich sicher, dass ihnen einige harte Bemerkungen nicht entgangen sind.

 

Bekanntlich wurden in Budrus am darauf folgenden Vormittag bei einer friedlichen Demonstration sieben Jugendliche angeschossen, Frauen und Kinder von den Soldaten geschlagen, die Menschen mit Tränengas beworfen, vier internationale und vier israelischen AktivistInnen verhaftet und ein schwedischer Parlamentarier ausgewiesen. Die Menschen waren in einer friedlichen Demonstration einfach zu ihrem Land gegangen, um es vor den Bulldozern zu schützen und wurden auf diese Weise von der Armee angegriffen.

 

Wir sind dann am Nachmittag des 31. Dezember in einem Minibus wieder hinausgefahren nachdem wir hörten, was in der Früh passiert war. Es haben einige solcher Demonstrationen in den nächsten Tagen stattgefunden aber, aus zeitlichen Gründen konnte ich nicht wieder daran teilnehmen.

 

Am Tag vor meiner Abreise habe ich in Jerusalem einer Diskussion über die Auswirkung der Besatzung auf Frauen beigewohnt sowie an einer Mahnwache der Frauen in Schwarz in Westjerusalem teilgenommen. Leider wäre ohne die Anwesenheit vieler AusländerInnen diese Mahnwache mit dem Slogan „End the Occupation“ („Beendet die Okkupation“) ziemlich klein gewesen.

Täglich werden PalästinenserInnen in den besetzten Gebieten in einer unbeschreiblichen und rassistischen Weise unterdrückt, verhaftet, ermordet. Sie sind entrechtet, bedroht, ethnisch „gesäubert“. Kinder und Jugendliche werden angeschossen und umgebracht. Diese Politik von Sharon und seiner Regierung wird von großen Teilen der israelischen Bevölkerung befürwortet. Nablus lebt seit vielen Monaten unter strikter Ausgangssperre. Die historische 400 jährige Altstadt wird zerstört, medizinische Versorgung verboten, Menschen in den Flüchtlingslagern hungern und werden willkürlich verhaftet oder umgebracht ohne daß dies in den europäischen Medien berichtet wird. Ich erinnere mich an den Jugoslawien-Konflikt und die Belagerung von Sarajewo. Damals war es anders: wir lasen in den Zeitungen jeden Tag darüber.

Viele reden über die verbrecherischen Selbstmordattentate auf israelischem Boden aber kaum darüber, wie die PalästinenserInnen in den Gebieten täglich, stündlich terrorisiert werden. Die wahren Gründe, die Wurzel dieses Konflikts - nämlich die israelische Besatzung und die immer wachsende Brutalität der Armee und Siedler und Landnahme – werden kaum erwähnt. Wie es derzeit ausschaut, wird das Morden sicherlich weitergehen. Und vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten sagen, die Menschheit hätte dagegen handeln sollen.

 

Ende der Geschichte: Mein Mann und ich sind nach Amman und weiter nach Wien gefahren. Seine Familie aus Gaza hat tagelang in Ramallah darauf gewartet, Erlaubnis zu bekommen, wieder über Israel nach Gaza zurück zu fahren. Fast haben wir geglaubt, dass sie von Ramallah erst nach Amman fahren müssten, um nach Kairo zu fliegen und über Rafah nach Gaza zu gelangen. Plötzlich kam dann doch die Erlaubnis – fast im letzten Augenblick.

Eine Freundin aus Israel erzählte mir neulich, dass sie auf einem Schild im Büro eines Offizier gelesen hat: „Halte sie in Unsicherheit!“

 

Und so ist es tatsächlich.

 

Paula Abrams-Hourani
Frauen in Schwarz (Wien)
Jüdische Stimme für einen Gerechten Frieden im Nahost - Österreich

 

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