Entfesselung des Bösen
von Tanya Reinhart
Israelische
'Vergeltungsschläge' sind keine Racheakte, sondern von langer
Hand vorbereitet worden
Folgt man dem gängigen politischen Diskurs, so erscheinen die
jüngsten Greueltaten Israels als "Vergeltungsakte" - als
Reaktion auf die letzte Welle von Terrorangriffen auf
israelische Zivilisten. Doch tatsächlich ist diese "Vergeltung"
sorgfältig von langer Hand vorbereitet worden. Schon im Oktober
2000 am Beginn des palästinensischen Aufstands hatten
Militärkreise detaillierte Operationspläne zum Sturz von Arafat
und der Palästinenserbehörde fertig gestellt. Das war, bevor die
palästinensischen Terrorangriffe anfingen. (Der erste Angriff
auf israelische Zivilisten erfolgte am 3. November 2000 auf
einem Markt in Jerusalem). Ein Dokument, das von den
Sicherheitsdiensten auf Anforderung des damaligen
Premierministers Barak erarbeitet worden ist, stellt am 15.
Oktober 2000 fest, dass "Arafat als Person eine ernste Bedrohung
des Staates (Israel) darstellt, und dass der Schaden, der aus
seinem Verschwinden resultieren wird, geringer ist als der von
seiner Existenz ausgehende Schaden." (Einzelheiten des Dokuments
wurden in Ma'ariv vom 6.07.2001 veröffentlicht.) Der
Operationsplan mit dem Namen "Dornenfeld" wurde schon im Jahre
1996 ausgearbeitet und dann während der Intifada aktualisiert.
(Amir Oren, Ha'aretz, 23.11.2001). Der Plan umfaßt alles, was
Israel in der letzten Zeit verwirklicht hat und mehr (1).
Andererseits arbeiteten die politischen Spitzen (Kreise um Barak)
daran, die öffentliche Meinung auf den Sturz von Arafat
vorzubereiten. Am 20 November 2000 verbreitete Nahman Shai, der
damalige Koordinator für Öffentlichkeitsarbeit der
Barak-Regierung, bei einem Treffen mit der Presse ein 60seitiges
Dokument, das den Titel trug "Verstöße der
Palästinenserbehörde...Eine Bilanz der Böswilligkeit und des
Fehlverhaltens". Das Dokument, auf das man sich informell als
das "Weißbuch" bezog, war von dem Mitarbeiter Baraks, Danny
Yatom, erarbeitet worden. Laut "Weißbuch" ist Arafats
derzeitiges Verbrechen - "die Orchestrierung der Intifada" - nur
das letzte in einer langen Kette von Beweisen, daß er nie die
"Option der Gewalt und des 'Kampfes' " fallen gelassen hat".
"Schon bei seiner Rede auf dem Rasen vor dem Weißen Haus am 13.
September 1993 gab es Anzeichen, dass für ihn die D.O.P (declaration
of principles = Grundsatzerklärung) nicht notwendiger Weise ein
Ende des Konflikts bedeutete. Er hat zu keinem Zeitpunkt seine
Uniform abgelegt, das Symbol für seinen Status als
revolutionärer Kommandeur" Abschnitt 2). Diese Uniform ist
übrigens das einzige "Anzeichen", das der Bericht für Arafats
verborgene, angeblich schon damals gehegte Absichten anführt.
Ein längerer Abschnitt des Dokuments ist der Darlegung von
Arafats "zweideutiger und zustimmender Haltung" zum Terror
gewidmet. "Im März 1997 gab es erneut mehr als einen Hinweis auf
'Grünes Licht' von Arafat für Hamas vor den Bombenattentaten in
Tel Aviv...Das geht indirekt aus einer Stellungnahme eines Hamas
nahestehenden Mitglieds von Arafats Kabinet, Imad Faluji,
gegenüber einer US-amerikanischen Zeitung hervor (Miami, Herald
v. 5.4.1997) ".
Weitere Hinweise, wie
Arafat mit den Bombenattentaten in Verbindung steht, gibt es
zwar nicht, aber schon gibt es das Thema "Grünes Licht für den
Terror", das der Militärgeheimdienst (Ama'a) ab 1997 ins Spiel
bringt, seitdem sich seine Anti-Oslo-Linie verfestigt hat.
Dieses Thema ist seitdem von Militärkreisen ständig wiederholt
worden; es wurde schließlich das Mantra der israelischen
Propaganda - Arafat ist immer noch ein Terrorist und er ist
persönlich für die Taten aller Gruppen von Hamas und Islamischem
Jihad bis Hizbollah verantwortlich.
Der 'Foreign Report' (Jane's information) vom 12. Juli 2001
enthüllt, daß die israelische Armee (unter der Regierung Sharon)
ihren Plan für einen "Generalangriff zur Zerschlagung der
Palästinenserbehörde, Vertreibung ihres Führers Jassir Arafat
und Tötung oder Gefangennahme ihrer Armee", aktualisiert hat.
Der Planentwurf unter dem Titel "Zerstörung der
Palästinenserbehörde und Entwaffnung aller Streitkräfte" wurde
der israelischen Regierung von Generalstabschef Shaul Mofaz am
8. Juli 2001 vorgelegt. Ausgelöst werden sollte der Angriff,
wann immer die Regierung dies nach einem großen
Selbstmordanschlag in Israel mit vielen Toten und Verwundeten,
für richtig hielt und dabei die Bluttat als Rechtfertigung
anführen konnte.
Viele in Israel haben den Verdacht, dass die Ermordung des
Hamas-Terroristen Mahmoud Abu Hanoud genau zu dem Zeitpunkt, als
Hamas seit zwei Monaten schon die Vereinbarung mit Arafat
einhielt, nicht innerhalb von Israel anzugreifen, darauf
angelegt war, die geeignete "Bluttat-Rechtfertigung" am Vorabend
von Sharons Reise in die USA zu schaffen. (So stellte Alex
Fishman, angesehener sicherheitspolitischer Korrespondent von "Yediot",
fest, dass "wer auch immer über die Liquidierung von Abu Hanoud
entschied im Voraus wusste, dies würde der Preis sein. Die
Angelegenheit wurde ausführlich diskutiert, sowohl von den
militärischen Spitzen Israels wie den politischen, bevor
entschieden wurde, die Liquidierung auszuführen". (Yediot
Aharonot, 25.11.2001).
Israels Aktionen zur Zerstörung der Palästinenserbehörde können
daher nicht als ein spontaner "Akt der Vergeltung" angesehen
werden. Es handelt sich um einen wohl überlegten Plan, an dem
seit langen gearbeitet wurde. Die Ausführung erforderte
zunächst, die Schwächung des palästinensischen Widerstands,
woran Israel systematisch seit Oktober 2000 gearbeitet hat, und
zwar durch die Tötung von Menschen, die Bombardierung der
Infrastruktur, die Abriegelung der Bevölkerung in ihren
Siedlungen sowie durch Maßnahmen, mit denen die Menschen dem
Verhungern nahe gebracht wurden. All dies in der Erwartung, dass
die internationalen Bedingungen für die "weiteren" Schritte
dieses Plans "heranreiften".
Nun scheinen die Bedingungen "herangereift" zu sein. In der
machttrunkenen politischen Atmosphäre in den USA ist inzwischen
alles möglich geworden. Wenn es zunächst so schien, dass die USA
versuchen würden, die arabische Welt durch einige
Beschwichtigungsgesten auf ihrer Seite zu halten, wie sie dies
im Golf-Krieg getan hatten, so ist nun klar, dass ihnen dies
alles völlig egal ist. Die US-Politik beruht nicht länger auf
Koalitionsbildung oder Beschwichtigung sondern auf blanker
Gewalt. Der überwältigende "Sieg" in Afghanistan war eine klare
Botschaft an die Dritte Welt, dass nichts die USA mehr stoppen
kann, jede Nation zur Vernichtung ins Visier zu nehmen. Sie
scheinen zu glauben, das die entwickeltesten Waffen des 21ten
Jahrhunderts in Verbindung mit einer völligen Absage an jegliche
Erwägungen moralischer Prinzipien, des internationalen Rechts
oder der öffentlichen Meinung sie für immer zu den einzigen
Herrschern der Welt machen können. Von nun an soll Angst
ausreichen, um Gehorsam zu erzwingen.
Die US-Falken, die darauf drängen, den Krieg auf den Irak und
darüber hinaus auszudehnen, sehen Israel als Aktivposten. Es
gibt wenige Regime in der Welt, die wie Israel so leicht geneigt
sind, das Leben ihrer Bürger für einen neuen regionalen Krieg
aufs Spiel zu setzen. Wie Prof. Alain Joxe, der Leiter von
CIRPES (einer französischen Institution für friedens- und
sicherheitspolitische Studien), in Le Monde gesagt hat, "wird
die US-amerikanische Führung gegenwärtig von gefährlichen
Rechtsextremisten aus dem Süden maßgeblich beeinflußt, die
versuchen, Israel als Angriffswerkzeug zu benutzen, um den
ganzen Mittleren Osten zu destabilisieren" (17.12.2001).
Dieselben Falken sprechen auch davon, die künftige Kriegszone
auf Ziele auszudehnen, die auf Israels Tagesordnung stehen wie
z.B. Hizbollah und Syrien.
Unter diesen Umständen hat Sharon in Washington sein grünes
Licht bekommen. Und die israelischen Medien heulen vor
Entzücken: "Bush hat von diesem Typ (Arafat) die Schnauze voll",
"Powell erklärte, dass Arafat aufhören muss zu lügen". (Banea
und Schiffer, 'Yediot', 7.12.2001) Während Arafat sich in seinem
Bunker versteckt hält, israelische F-16-Bomber den Himmel
durchpflügen und Israels Brutalität täglich neue verzweifelte
menschliche Bomben hervorbringt, drängen die USA, von der
Europäischen Union seit geraumer Zeit flankiert, Arafat immer
wieder zu "handeln".
Aber war steckt als
rationale Überlegung hinter Israels systematischem Drängen auf
Ausschaltung der Palästinenserbehörde und Rückgängigmachung der
Vereinbarungen von Oslo?
"Enttäuschung" über
Arafats Leistungen ist, wie meist behauptet wird, mit Sicherheit
nicht der Grund dafür. Tatsache ist, dass Arafat vom Standpunkt
des israelischen Interesses an einer Aufrechterhaltung der
Besatzung Israels Erwartungen in all den Jahren erfüllt hat.
Soweit es um Israels
Sicherheit geht, ist nichts von der Wahrheit weiter entfernt als
die Beschuldigungen in dem "Weißbuch" oder die daran
anschließende israelische Propaganda. Um nur ein Beispiel zu
nennen: Im Jahre 1997 - dem Jahr, das im "Weißbuch" als
Musterfall für Ararats "Grünes Licht für den Terrorismus"
erwähnt wird, - wurde unter der Schirmherrschaft des Leiters der
CIA-Dienststelle in Tel Aviv, Stan Muskovitz, ein
"Sicherheitsabkommen" zwischen Israel und der
Palästinenserbehörde unterzeichnet. Das Abkommen verpflichtet
die Palästinenserbehörde, aktiv für die Sicherheit Israels tätig
zu werden - "die Terroristen, die terroristischen Basen und die
Umfeldbedingungen, die der Unterstützung von Terror förderlich
sind" in Zusammenarbeit mit Israel zu bekämpfen, einschließlich
"des gegenseitigen Austauschs von Informationen, Ideen und
militärischer Zusammenarbeit" [Absatz 1] (übersetzt aus dem
hebräischen Text in Ha'aretz vom 12.12.1997). Arafats
Sicherheitsdienste erledigten diesen Job zuverlässig durch
Ermordung von Hamas-Terroristen - getarnt als "Unfälle - und
durch Verhaftungen von politischen Führern von Hamas.
Über diese Aktivitäten
wurde in den israelischen Medien ausgiebig informiert, und
"Quellen im Sicherheitsapparat" waren über Arafats Leistungen
des Lobes voll. So verkündete zum Beispiel Ami Ayalon, damals
Leiter des israelischen Geheimdienstes (Shab"ak), in der Sitzung
der Regierung vom 5. April 1998, dass "Arafat seinen Job
erledigt - er bekämpft den Terror und setzt sein ganzes Gewicht
gegen Hamas ein." (Ha'aretz, 06.04.1998) Die Erfolgsquote der
israelischen Sicherheitsdienste bei der Eindämmung des Terrors
war nie höher als die von Arafat, sie war tatsächlich viel
niedriger.
In linken und kritischen Kreisen kann man kaum Mitleid mit
Arafats Geschick antreffen (im Gegensatz zur Tragödie des
palästinensischen Volkes). Wie David Hirst in The Guardian
schreibt, kam Arafat 1994 bei seiner Rückkehr in die besetzten
Gebiete "ebenso als Kollaborateur wie als Befreier. Für die
Israelis war Sicherheit - die Sicherheit der Israelis nicht der
Palästinenser - das Ein und Alles von Oslo. Sein Job war es,
diese in ihrem Namen durchzusetzen. Aber er konnte die Rolle des
Kollaborateurs nur beibehalten, wenn er die politische
Gegenleistung bekam, die angeblich durch eine Serie von
"Interim-Abkommen" auf dem Wege zum "Endstatus" erreicht werd en
sollte. Dies aber hat er nie vermocht. . . (In der Zwischenzeit)
fand er sich dazu bereit, immer mehr Konzessionen zu machen, die
nur die Kluft noch vergrößerten, die zwischen dem, was er
tatsächlich erreichte, und dem, was er, wie er seinem Volk
versicherte, mit dieser Methode schließlich erreichen würde,
bestand. Er war immer noch Mister Palästina mit dem ihm eigenen
Charisma und seiner historischen Legitimation. Aber er erwies
sich als Versager bei dieser anderen großen und umfassenden
Aufgabe, seinen Staat-im-Werden aufzubauen.
Wirtschaftliche Not,
Korruption, Verletzung der Menschenrechte, die Schaffung eines
ausgedehnten Repressionsapparates - all dies ging, ganz oder
teilweise von der Behörde aus, der er vorstand." (Hirst, 'Arafat's
last stand?' in The Guardian, 14.12.2001)
Aber aus Perspektive der israelischen Besatzung bedeutete all
dies, dass der Oslo-Plan im Wesentlichen erfolgreich war. Arafat
schaffte es, durch scharfe Repressionsmaßnahmen die Frustration
seines Volkes einzudämmen und die Sicherheit der Siedler zu
garantieren, während die Israelis weiterhin ungestört neue
Siedlungen bauten und noch mehr palästinensisches Land
enteigneten. Die Repressionsmaschine, Arafats diverse
Sicherheitskräfte, wurde in Zusammenarbeit mit Israel
aufgestellt und ausgebildet. Viel Energie und Mittel wurden in
die Aufstellung dieses komplexen Oslo-Apparates hineingesteckt.
Häufig wird zugegeben, dass die israelischen Sicherheitskräfte
keineswegs besser als Arafat in der Lage sind, Terror zu
vereiteln. Warum waren dann aber die militärischen und
politischen Spitzen schon im Oktober 2000 so entschlossen, all
dies zu zerstören, noch bevor der Terror begann? Eine Antwort
darauf erfordert einen Blick in die Geschichte.
Schon von Beginn des "Oslo-Prozesses" im September 1993 an gab
es im politischen und militärischen System Israels zwei
widerstreitende Konzeptionen. Die eine unter Führung von Yosi
Beilin strebte danach, eine Spielart des Alon-Planes zu
verwirklichen, den die Arbeitspartei seit Jahren befürwortet
hatte. Der ursprüngliche Plan bestand in der Annexion von etwa
35% der Territorien durch Israel und einer jordanischen
Herrschaft oder einer Art Selbstverwaltung für den Rest, d.h.
dem Land auf dem die Palästinenser tatsächlich leben. In den
Augen seiner Befürworter handelte es sich bei diesem Plan um
einen Kompromiss, dessen Notwendigkeit sich im Vergleich zu den
beiden Alternativen ergab, d.h. entweder der völligen Aufgabe
dieser Territorien oder des unaufhörlichen Blutvergießens (wie
wir es heute erleben). Es schien, dass Rabin diese Linie
befolgen wollte, zumindest im Anfang, und dass er im Gegenzug zu
Arafats Verpflichtung, die Frustration seines Volkes unter
Kontrolle zu halten und die Sicherheit Israels zu gewährleisten,
der Palästinenserbehörde erlauben wollte, diese Enklaven, in
denen die Palästinenser noch ansässig sind, in Form einer Art
Selbstverwaltung zu betreiben, die man sogar als einen
palästinensischer "Staat" würde bezeichnen können.
Aber selbst hiegegen sperrte sich der andere Pol der offiziellen
Meinungsbildung. Am meisten erkennbar war dies in
Militärkreisen, deren vernehmbarster Sprecher in den frühen
Jahren von Oslo der damalige Generalstabschef Ehud Barak war.
Ein weiteres Zentrum der Opposition war natürlich Sharon und die
extreme Rechte, die von Anfang an gegen den Oslo-Prozess waren.
Diese Affinität zwischen den Militärkreisen und Sharon ist kaum
überraschend. Sharon - der letzte der Führer der "1948er
Generation" - war eine legendäre Figur in der Armee und viele
der Generäle waren wie Barak seine Schüler. So schrieb Amir Oren:
"Baraks tiefe und beständige Bewunderung für Ariel Sharons
militärische Einsichten ist ein weiterer Anhaltspunkt für seine
Ansichten; Barak und Sharon gehören beide zu der Linie der
politischen Generale, die mit Moshe Dayan begann." (Ha'aretz,
8.01.1999)
Dieser Schlag von Generälen ist mit dem Mythos der Rückgewinnung
des Landes aufgewachsen. Einen Einblick in Sharons Weltsicht
bekommt man in seinem Interview mit Ari Shavit. (Ha'aretz,
Wochenendbeilage vom 13.04.2001) Alles ist in einen romantischen
Rahmen verwoben: Die Felder, die Blüten der Obstgärten, der
Pflug und die Kriege. Das Herzstück dieser Ideologie ist die
Heiligkeit des Landes. In einem Interview 1976 erklärte Moshe
Dayan, der im Jahre 1967 Verteidigungsminister war, was damals
zu der Entscheidung führte, Syrien anzugreifen. Im kollektiven
israelischen Bewußtsein dieser Zeit wurde Syrien als ernste
Bedrohung der Sicherheit Israels und als ständiger Initiator von
Angriffen gegen die Einwohner von Nord-Israel wahrgenommen. Aber
laut Dayan ist das "Quatsch" - Syrien war vor 67 keine Bedrohung
für Israel. "Hören Sie doch damit auf...Ich weiß, wie wenigsten
80% aller Zwischenfälle mit Syrien anfingen. Wir schickten einen
Traktor in die entmilitarisierte Zone, und wir wußten, dass die
Syrer schießen würden." Laut Dayan (dem zur Zeit des Interviews
eingestandenermaßen einige Bedenken kamen), war es Landgier, was
Israel bewog, Syrien auf diese Weise zu provozieren - die
Vorstellung, dass es möglich ist, "sich ein Stück Land
unrechtmäßig anzueignen und es so lange zu behalten, bis der
Feind schlapp macht und es uns gibt." (Yediot Aharonot`,
27.04.1997)
Am Vorabend von Oslo war die Mehrheit der israelischen
Gesellschaft der Kriege überdrüssig. In ihren Augen waren die
Kämpfe um Land und Ressourcen vorbei. Die meisten Israelis
glauben, dass der Unabhängigkeitskrieg von 1948 mit seinen
schrecklichen Folgen für die Palästinenser notwendig war, um
einen Staat für die Juden zu errichten, die vom Alptraum des
Holocaust verfolgt wurden. Aber nun, da sie einen Staat haben,
sehnen sie sich danach, einfach mit dem zu leben, was sie haben.
Doch die Ideologie der Rückgewinnung des Landes ist in der Armee
nie ausgestorben, ebenso wenig wie in den Kreisen der
"politischen Generale", die aus der Armee in die Regierung
wechseln. Mag auch in ihren Augen Sharons Alternative des
Kampfes gegen die Palästinenser bis zum bitteren Ende und der
Durchsetzung einer neuen regionalen Ordnung - wie im Libanon
1982 von ihm versucht - wegen der Schwäche der verwöhnten
israelischen Gesellschaft gescheitert sei. Nun aber, da es die
neue Kriegsphilosophie gibt, die in Irak, Kosovo und Afghanistan
durchexerziert worden ist, glauben sie, dass es mit der massiven
Überlegenheit der israelischen Luftwaffe immer noch möglich sein
könnte, diese Schlacht in der Zukunft zu gewinnen.
Während Sharons Partei zur Zeit von Oslo in der Opposition war,
nahm Barak als Generalstabschef an den Verhandlungen teil und
spielte eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der
Vereinbarungen und Israels Haltung zur Palästinenserbehörde.
Ich zitiere aus einem Artikel, den ich im Februar 1994 schrieb,
weil er wiedergibt, was jeder sehen konnte, der damals die
israelischen Medien aufmerksam las: "Von Anfang an konnte man
zwei Konzeptionen identifizieren, die dem Oslo-Prozess zugrunde
liegen. Die eine besteht darin, dass damit eine Verminderung der
Besatzungskosten möglich wird, und zwar durch Einsatz eines
palästinensische Günstlingsregimes mit Arafat als oberstem
Polizisten, verantwortlich für die Sicherheit Israels. Die
andere besteht darin, das der Prozess zum Zusammenbruch von
Arafat und der PLO führen dürfte. Die Erniedrigung von Arafat
und sein immer weiteres Nachgeben werden schrittweise zum
Verlust der Unterstützung durch die Bevölkerung führen. Folglich
wird die PLO zusammenbrechen oder zu Machtkämpfen übergehen.
Damit wird die palästinensische Gesellschaft ihre weltliche
Führung und weltlichen Institutionen verlieren. In der
machtbesessenen Geistesverfassung derjenigen, die auf die
Aufrechterhaltung der israelischen Besatzung versessen sind,
wird der Zusammenbruch der weltlichen Führung als eine
Errungenschaft gedeutet werden, weil es eine lange Zeit brauchen
wird, bis das palästinensische Volk wieder organisiert ist, und
auf jeden Fall ist es einfacher, die schlimmsten Akte der
Unterdrückung zu rechtfertigen, wenn der Gegner eine fanatische
moslemische Organisation ist. Höchst wahrscheinlich ist der
Konflikt zwischen den beiden widerstreitenden Konzeptionen noch
nicht beigelegt, aber im Augenblick scheint die zweite
dominierend: Um die erste umzusetzen, hätte der Status von
Arafat wenigstens mit einigen Errungenschaften gestärkt werden
müssen, um bei den Palästinensern Unterstützung entstehen zu
lassen, statt der israelischen Politik ständiger Erniedrigungen
und des Bruchs von Versprechungen."
Dennoch ließ sich das Szenario des Zusammenbruchs der
Palästinenserbehörde nicht verwirklichen. Die palästinensische
Gesellschaft nahm wieder einmal zu ihrer erstaunlichen Strategie
des "Zumud" Zuflucht - des Festhaltens am Land und des
Standhaltens gegen den Druck. Von Anfang an hat die
Hamas-Führung und andere immer wieder gewarnt, dass Israel
versucht, die Palästinenser in einen Bürgerkrieg zu treiben, in
dem die Nation sich selbst umbringt. Alle Elemente der
Gesellschaft kooperierten, um diese Gefahr abzuwenden und
Konflikte zu entschärfen, sobald sie in Waffengewalt ausarteten.
Sie schafften es auch, trotz der Tyrannei von Arafat's
Herrschaft eine eindrucksvolle Reihe von Institutionen und
Infrastruktur aufzubauen. Die Palästinenserbehörde besteht nicht
nur aus den korrupten Führern und den verschiedenen
Sicherheitskräften. Der gewählte Palästinenserrat, der unter
unendlichen Beschränkungen arbeitet, ist immer noch ein
repräsentativer politischer Rahmen, eine gewisse Basis für
demokratische Einrichtungen in der Zukunft. Für jene, deren Ziel
die Zerstörung der palästinensischen Identität und die
schließliche Einverleibung ihres Landes ist, war Oslo ein
Fehlschlag.
Im Jahre 1999 kehrten die "politischen Generale" an die Macht
zurück - erst Barak und dann Sharon. (Sie wirkten bei den
letzten Wahlen zusammen, um sicher zu gehen, dass kein anderer,
kein ziviler Kandidat, die Möglichkeit bekam, sich zur Wahl zu
stellen) Der Weg wurde frei, um den aus ihrer Sicht schweren
Fehler von Oslo zu korrigieren. Um dahin zu gelangen, mußte man
erst die verwöhnte israelische Gesellschaft überzeugen, dass die
Palästinenser nicht bereit seien, in Frieden zu leben, und
unsere schlichte Existenz bedrohten. Sharon allein hätte dies
nicht zustande gebracht, Barak schaffte es mit dem
betrügerischen Trick seines "großzügigen Angebots". Nach einem
Jahr schrecklicher Terroranschläge in Verbindung mit massiver
Propaganda und Lügen meinen Sharon und die Armee nun, dass
nichts mehr sie bei der vollen Durchsetzung ihrer Absichten
aufhalten kann.
Warum hat man es so
eilig, Arafat zu kippen? Shabtai Shavit, ehemaliger Leiter des
Geheimdienstes ("Mossad"), der nicht den Beschränkungen
unterliegt, die offiziellen Quellen auferlegt sind, gibt eine
unverblümte Erklärung: "In den etwa 30 Jahren, da er (Arafat) an
der Spitze steht, erreichte er es, wirkliche Errungenschaften
auf politischer und internationaler Ebene zu erzielen.... Er
erhielt den Friedensnobelpreis, und mit einem einzigen Anruf
bekommt er einen Gesprächstermin mit jedem führenden Politiker
der Welt. Es gibt niemanden in den palästinensischen Reihen, der
im Bezug auf seinen internationalen Status in seine Fußstapfen
treten kann. Wenn sie (die Palästinenser) diesen Vorteil
verlieren, dann ist das für uns eine gewaltige Leistung.
Palästina wird als Thema von der internationalen Tagesordnung
verschwinden." (Interview in der Wochenendbeilage von Yediot v.
7.12.2001)
Ihr unmittelbares Ziel
ist es, die Palästinenser von der internationalen Tagesordnung
verschwinden zu lassen, damit das Gemetzel, die Aushungerung,
die Zwangsvertreibung und die "Auswanderung" ungestört ihren
Fortgang nehmen können, was dann möglicherweise zur endgültigen
Verwirklichung von Sharons lang gehegten Visionen führen könnte,
die in den Plänen der Militärs Gestalt angenommen haben. Das
unmittelbare Ziel eines jeden, der sich mit der Zukunft der Welt
befasst, sollte es sein, diesem Prozess der Entfesselung des
Bösen Einhalt zu gebieten. Wie Alain Joxe zum Schluß seines
Artikels in Le Monde feststellt: "Es ist Zeit, dass die
öffentliche Meinung im Westen sich der Sache annimmt und die
Regierungen zwingt, moralisch und politisch Stellung zu beziehen
angesichts der vorhersehbaren Katastrophe, nämlich einer
Situation des permanenten Krieges gegen die arabischen und
moslemischen Völker und Staaten - in dem sich die zweifachen
Hirngespinste von Bin Laden und Sharon erfüllen würden.
(17.12.2001)
Anmerkungen:
1) Einzelheiten diese Operationsplans siehe: Anthony Cordesman,
"Peace and War: Israel versus the Palestinians A second
Intifada?" Center for Strategic and International Studies (CSIS)
December 2000, and it summary in Shraga Eilam, "Peace With
Violence or Transfer", 'Between The Lines', December 2000.
(2) Dieses Dokument ist zugänglich unter:
www.gamla.org.il
(3) Wegen eines
Überblicks über einige der Morde der Palästinenserbehörde and
Hamas-Terroristen siehe meinen Artikel "The A-Sherif affair", 'Yediot
Aharonot', April 14, 1998,
www.tau.ac.il
(4) Dieser Artikel (nur
in hebräisch) ist zugänglich unter:
www.tau.ac.il
* Autorin: Tanya Reinhart
Professorin an der Universität Tel Aviv
Übersetzung aus dem Englischen: Klaus von Raussendorff
Quelle: Mid-East Realities [mailto:MERL@MiddleEast.Org]
Gesendet: Donnerstag, 20. Dezember 2001 02:23
Quelle: © Philosophischer Salon e.V, Berlin
www.kalaschnikow.de
zurück