Das
Gaza-Fiasko beobachten – eine Schande für alle
von Jennifer
Löwenstein, Counterpunch, 17.8.05
Vor den Medien aller Welt findet
gerade ein großer Zirkus statt.
Es ist die gut inszenierte Evakuierung von 8000 jüdischen
Siedlern aus ihren illegalen Siedlungsheimen. Und sie wurde
sorgfältig vorbereitet ....
Es gab für Israel keinerlei Gründe, eine Armee zu senden, um die
Siedler dort herauszuholen. Diese ganze Operation hätte ohne das
Melodrama für den Medienrummel arrangiert werden können, indem
man ihnen einen festen Zeitpunkt gibt, an dem sich die IDF aus
dem Gazastreifen zurückziehen. Alle Siedler hätten eine Woche
vorher ohne TV-Kameras ruhig den Gazastreifen verlassen können,
auch ohne weinende Mädchen, ohne gepeinigte Soldaten, ohne
Kommentatoren, die widerliche Fragen stellen, wie Juden Juden
aus ihren Heimen vertreiben können, und ohne Trauma über ihr
schreckliches Leiden. Es sind die Opfer der Welt, denen geholfen
werden muss, die Palästinenser aus der Westbank zu vertreiben.
Die Siedler werden in andere Teile Israels und in manchen Fällen
auch in andere illegale Siedlungen der Westbank umgesiedelt und
reichlich für ihre Unannehmlichkeiten entschädigt. Jede jüdische
Familie, die den Gazastreifen verlässt, wird tatsächlich
zwischen 140 000 und 400 000Dollar für die Kosten des Hauses
erhalten, das sie zurücklässt. Aber diese Details werden selten
in der Hitze der Berichtsgefechte über die „große Konfrontation“
und den „historischen Augenblick“ berichtet, der uns von Sharon
und der von ihm geschaffenen stehlenden und mordenden
Siedlerkultur vermacht wurde.
Im ABC-Nightline-TV (USA am Montagabend) interviewte ein
Reporter eine junge, sympathische israelische Frau aus der
größten Siedlung im Gazastreifen, Neve Dekalim – ein Mädchen mit
einer ernsten Stimme. Sie hielt die Tränen zurück. Sie sah die
Soldaten nicht als ihre Feinde an, sagte sie, und sie wolle
keine Gewalt. Sie wird weggehen, obwohl ihr das großen Schmerz
bereitet. Sie sprach von dem Baum, den sie mit ihrem Bruder vor
das Haus gepflanzt hatte, als sie drei Jahre alt war. Sie war in
diesem Haus groß geworden, das sie nun verlassen wird, die
Erinnerungen und zu wissen, dass sie nie zurückkehren wird, und
selbst wenn sie könnte, dass dann alles anders wäre. Die Kamera
schwenkte dann zu ihren Eltern hinüber, die melancholisch
inmitten der gepackten Sachen saßen und die Szene beobachteten.
Ihre Mutter war einst Kindergärtnerin, wurde uns erzählt . Sie
wusste alles über die Kinder, die hier so nah am Meere
aufwuchsen.
In den 5 Jahren, in denen Israel den palästinensischen Aufstand
gegen die Besatzung brutal unterdrückte, sah oder hörte ich
nicht einmal ansatzweise so lange, sentimentale, menschliche
Details wie jetzt hier. Ich erinnere mich nicht an ein einziges
Mal, dass ein Reporter einer sympathischen jungen
Palästinenserin, deren Heim gerade von Bulldozern zerstört
worden war und die alles verloren hat, was sie besaß, es
ermöglichte, ihren Schmerz und ihre Sorge auszusprechen, von
ihren und der Familie Erinnerungen zu reden, keiner konnte ihren
nachdenklichen Fragen lauschen, wo sie jetzt hingehen und wo sie
jetzt leben solle.
Und dabei leben allein in Gaza mehr als 23 000 Menschen, die
seit September 2000 ihre Häuser durch israelische Bulldozer und
Bomben verloren haben - oft von einem Augenblick zum anderen, da
sie Israels Sicherheit bedrohen würden. Der weitaus größte Teil
der zerstörten Häuser standen zu nah an einem
IDF-Militär-Außenposten oder an einer illegalen Siedlung, die
dort weiterhin stehen bleiben durfte. Die Opfer erhielten für
ihre Verlust keine Entschädigung und hatten keinen Platz, an dem
sie sich wieder ansiedeln konnten. Die meisten kamen in die
vorübergehenden UNRWA –Zeltstädte, bis sie irgendwo in dem dicht
bevölkerten Gazastreifen Unterschlupf finden konnten. 25% seines
besten Landes wurde von 1% der Bevölkerung bewohnt, die jüdisch
war, und die das Land auf ihre Kosten besetzte.
Wo war der Fotoreporter im Mai 2004 in Rafah, als die
Flüchtlinge bei einem nächtlichen Überfall zum zweiten Mal ihre
Häuser verloren und nicht in der Lage waren, irgend etwas von
ihrem Besitz zu retten. Wo waren sie, als die Bulldozer und
Panzer asphaltierte Straßen mit ihren Schaufeln aufrissen und
dabei Abwasserrohre und Wasserleitungen, elektrische Kabel
zerschnitten, einen Park und einen Zoo zerstörten; wo waren sie,
als Scharfschützen zwei Kinder, Bruder und Schwester,
erschossen, als sie ihre Tauben auf dem Dach ihres Hauses
fütterten; als die Besatzungsarmee eine Panzergranate in eine
Gruppe friedlicher Demonstranten abschoss und 14 von ihnen,
darunter zwei Kinder töteten.
Wo sind die Reporter in den letzten fünf Jahren gewesen, als die
Sommerhitze das Leben in Rafah unerträglich machte, man dann nur
noch im Schatten eines Wellblechdaches sitzen konnte, weil es
einem verboten war, an den Strand zu gehen, der nur 10 Minuten
vom Zentrum entfernt liegt. Oder wenn man es wagte, ins Freie zu
gehen, wurde man ( für die Scharfschützen) zu wandelnden
menschlichen Zielen. Und wenn die Bürger Widerstand leisteten,
wo waren dann die feierliche Umarmung und die bewundernden
Medien, die das „Gezerre“, den „starken Willen“ und „die
Kühnheit“ dieser jungen Leute kommentierten.
Am Dienstag, den 16.August berichtete die israelische
Tageszeitung Haaretz, dass mehr als 900 Journalisten aus Israel
und aller Welt gekommen waren, um über die Ereignisse in Gaza zu
berichten. Hunderte andere waren in den Städten und Orten
Israels, um die lokalen Reaktionen aufzunehmen. Waren während
der letzten 5 Jahre je so viele Journalisten an einem Platz, um
die palästinensische Intifada so ausführlich zu behandeln?
Wo waren die 900 internationalen Journalisten im April 2002,
nachdem das Flüchtlingslager in Jenin im Laufe einer Woche in
einer Schau purer israelischer Selbstüberhebung und Sadismus in
Schutt und Asche gelegt wurde? Wo waren die 900 internationalen
Journalisten im letzten Herbst, als das Jabalya-Flüchtlingslager
in Gaza unter israelischer Belagerung stand und mehr als 100
Zivilisten getötet wurden? Wo waren sie während der fünf Jahre,
als die ganze materielle Infrastruktur des Gazastreifens
zerstört worden war? Wer von ihnen berichtete, dass jedes
Verbrechen der israelischen Besatzung von der Hauszerstörung,
gezielten Tötungen und totalen Absperrungen bis zum Mord an
Zivilisten und der mutwilligen Zerstörung von Handelswaren und
Allgemeinbesitz - nach der Ankündigung von Sharons Abzugsplan
sich bedeutend erhöhte – und dass ein großer Schritt in Richtung
Frieden angekündigt wurde? Wo sind die Hunderte von
Journalisten, die über die vielen gewaltfreien Proteste der
Palästinenser und Israelis gegen die Apartheidmauer berichten?
Gewaltfreie Demonstranten stehen gewalttätigen und demütigenden
israelischen bewaffneten Kräften gegenüber? Wo sind die Hunderte
von Journalisten, die über die wirtschaftliche und geographische
Abwürgung des palästinensischen Ost-Jerusalem und der Teilung
der Westbank und die Unterteilung jeder Region in Dutzende
isolierter Mini-Gefängnisse berichten?
Warum sind wir nicht mit wütenden Berichten über die „nur für
Juden“-Straßen überschüttet worden und über die Hunderte
sinnloser interner Kontrollpunkte? Über die zahllosen
Todesstrafen ohne Gerichtsverhandlung und Verstümmelungen? Über
die Folterungen und Misshandlungen von Palästinensern in Israels
Gefängnissen?
Wo waren die Hunderte von Journalisten, als jedes der von
israelischen Soldaten erschossenen 680 palästinensischen Kinder
von ihren von Schmerz und Trauer erfüllten Familienangehörigen
zur letzten Ruhe gelegt wurden? Die Schande darüber kennt keine
Worte.
Und jetzt kommt ein Bericht nach dem anderen über „ das Ende der
38 Jahre andauernden Besatzung“ des Gazastreifens, über einen
„Wendepunkt zum Frieden“ und die Nachricht, dass „ es nun für
Israelis illegal sei, in Gaza zu leben.“ Ist das ein Witz?
Ja, es ist „illegal für Israelis, im Gazastreifen als Siedler
aus einem anderen Land zu leben. Es ist 38 Jahre lang illegal
gewesen. (Wenn sie es wünschen, mit Palästinensern
gleichberechtigt und nicht als israelische Bürger dort zu leben,
können sie es)
Sharons einseitiger „Abzugsplan“ beendet aber die Besatzung von
Gaza nicht. Die Israelis geben die Kontrolle über den
Gazastreifen nicht auf. Sie behalten die Kontrolle über alle
Land-, Luft- und Seegrenzen, einschließlich des
Philadelphi-Korridors entlang der Gaza/ Ägyptengrenze, wo die
Ägypter unter Israels wachsamen Auge und gemäß Israels
strengsten militärischen Kategorien patrouillieren dürfen. Die
1,4 Millionen Bewohner des Gazastreifens bleiben Gefangene in
einer riesigen Strafkolonie – trotz und gegen die Behauptungen
ihrer Parteiführer. Die IDF gruppieren sich nur außerhalb des
Gazastreifens neu um, der umgeben ist von elektrischen Zäunen
und Betonmauern, Stacheldraht, Beobachtungstürmen, bewaffneten
Wächtern und Bewegungszensoren. Es behält sich je nach Laune das
Recht vor, in den Gazastreifen wieder einzufallen. 8000 in
Israel für einen Sklavenlohn arbeitende palästinensische
Arbeiter werden bald nicht mehr zu dieser Arbeit fahren dürfen.
3200 Palästinenser, die in den Siedlungen für weniger als den
Mindestlohn arbeiteten, sind alle ohne Überbrückungsgeld oder
eine andere Form von Entschädigung entlassen worden. Und die,
die ihren Lebensunterhalt in der Gaza-Industriezone verdienten,
werden diese Arbeit verlieren, wenn die Israelis diese Zone
irgendwo in den Negev verlegen.
Die Weltbank berichtete im Dezember 2004, dass nach dem Abzug -
selbst unter den besten Umständen - Armut und Arbeitslosigkeit
steigen werden, weil Israel die volle Kontrolle über den
Warenaustausch in und aus dem Gazastreifen behalten wird, die
Trennung der Westbank von Gaza aufrecht erhalten und so den
Besuch der Bewohner der Westbank zum Gazastreifen und umgekehrt
verhindern will. Israel wird mit jeder Zone gesonderte
Zollabkommen abschließen und so ihre sowieso schon
zusammengebrochene Wirtschaft trennen –
und doch müssen wir uns tagaus, tagein die Nachrichten über
diese historische Friedensinitiative anhören, diesen großen
Wendepunkt in der Karriere Ariel Sharons, diese Geschichte des
nationalen Traumas für die Brüder und Schwestern, die die
schmerzvollen Befehle ihres weisen und bedrängten Führers
ausführen müssen.
Was wird nötig sein, um dem Volk die Wahrheit beizubringen? Der
jungen Frau in Neve Dekalim, die ohne mit der Wimper zu zucken
und ohne Scham ( über ihr Leid) sprechen kann. Als sich die
Kameras auf die ärgerlichen Siedler konzentrieren, die schwer
mit ihren „Brüdern und Schwestern“ der israelischen Armee
zusammenstoßen, wer wird dann noch über ihre anderen Brüder und
Schwestern im Gazastreifen betroffen sein? Wann wird die
palästinensische Geschichte von 1948 und 1967 und jeder Tag
unter der Gewalt von Enteignung und Entmenschlichung eine
Schlagzeile in unsern Zeitungen erhalten?
Ich erinnere mich an ein Interview, das ich in diesem Sommer in
Beirut mit Hussein Nabulsi von der Hisbollah hatte, einer
Organisation, die nichts mit der palästinensischen
Befreiungsbewegung zu tun hat, die sich aber einmal mit denen
verbunden hat, die sie als die wirklichen Opfer der US- und
Israelpolitik und ihren Lügen erkannte. Ich erinnere mich sehr
wohl an seine fest geschlossenen Augen und geballten Fäusten,
als er fragte, wie lange Araber und Muslime noch die
Anschuldigungen akzeptieren müssen, dass sie die Täter und
Terroristen seien. „ Es tut weh,“ sagte er flüsternd, doch
leidenschaftlich, „ es tut so weh, jeden Tag diese
Ungerechtigkeiten zu sehen.“ Er fuhr dann mit der Erklärung
fort, warum die Amerikaner und Israelis mit ihrem monströsen
Waffenarsenal doch niemals siegen werden.
Jennifer Loewenstein wird ab Herbst 2005 Gastdozentin beim
Studienzentrum für Flüchtlinge an der Oxford-Universität sein.
Sie kann erreicht werden:
amadea311@earthlink.net
(dt. Ellen Rohlfs)
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