Die
Intifada im Film
Seit 1948 hat der Palästina-Konflikt ein großes Filmarchiv aus
Dokumentarfilmen von freien Filmgruppen und internationalen
Fernsehanstalten, aber auch aus Spielfilmen, die für oder gegen
die palästinensischen Rechte Stellung nehmen, geschaffen.
Alleine in den arabischen Ländern, Palästina inklusive, sind
in den letzten 40 Jahren etwa 50 Spielfilme und weit mehr als
110 Dokumentarfilme produziert worden.
Das Interesse am palästinensischen Widerstand im arabischen
Film galt der Entwicklung des Filmstils. Am Anfang stand dieser
Stil unter dem Eindruck des alten ägyptischen Spielfilms, einer
Mischung aus Theaterstück und Melodrama. Aber das junge Kino in
Algerien und Syrien brachte neue realistische Darstellungen. Die
palästinensischen Filmemacher konnten mit Hilfe der
Filmabteilung der PLO in Beirut in den 70er Jahren mit
dokumentarischen Filmen experimentieren, um das Filmhandwerk zu
erlernen. Die PLO selbst trat bei verschiedenen Spielfilmen mit
Algerien und Syrien als Koproduzent auf, darunter Filme mit
internationaler Anerkennung.
Palästinensische Spielfilme sind erst in den 80er Jahren
entstanden wie ,,Eine Frau, ein Land" (1981) von Michel
Khleifi, ,,Rückkehr nach Haifa" (1982) von Kassem Hawal,
,,Hochzeit in Galiläa" (1987) und das ,,Lied der
Steine" (1990), beide von Michel Khleifi. Im besetzten Palästina
gibt es ebenfalls erste Versuche, einen palästinensischen
Spielfilm zu drehen.
Die Intifada als Fundus
Die Intifada ist zu einem reichen Thema für die Filmemacher
geworden, ob in Dokumentar- oder Spielfilmen. Das
spannungsreiche Gegenüber von Kindern mit Steinen und Soldaten
mit Maschinenpistolen, einem Volk in zivilem Ungehorsam und
einer aggressiv drohenden Besatzungsmacht hat die Kameraleute in
aller Welt fasziniert. Fast alle Fernsehanstalten der Welt haben
Dokumentarfilme über die Intifada gedreht. Die Geburt eines
neuen Widerstandes hat auch die Geburt von neuen Filmen
gebracht.
Bis jetzt sind drei Spielfilme über die Intifada gedreht
worden; ein vierter ist in Vorbereitung. Zu sehen waren bislang
allerdings nur zwei, ein palästinensischer und ein
israelischer. Der palästinensische Spielfilm ,,Das Lied der
Steine" von Michel Khleifi wurde bislang im ZDF gezeigt und
war auf den Filmfestspielen von Cannes unter der ,,Nationalität"
Palästina/Belgien vertreten, was einen Protest der israelischen
Regierung veranlaßte, weil Palästina als Staat nach Cannes
eingeladen worden war. Michel Khleifi, der 1950 in Nazareth
geboren wurde, studierte an der Brüsseler Regisseurhochschule
und lebt im belgischen Exil. Er ist international nicht
unbekannt. Sein Spielfilm ,,Hochzeit in Galiläa" über den
palästinensisch-israelischen Konflikt wurde mit vielen Preisen
ausgezeichnet und als neue Entdeckung der Filmwelt gefeiert.
Hochzeit in Galiläa
Der Film selbst ist eine Antwort auf die brutale israelische
Besatzung. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist einfach.
Wie die taz kommentiert, ,,zwischen der zärtlichen Liebe und
dem grauenvollen Opfer": Es entwickelt sich eine
Liebesgeschichte zwischen der Palästinenserin Bushra
(diejenige, die eine gute Nachricht verkündet) und Makram (der
Großzügige). Sie treffen sich nach 16 Jahren Trennung wieder.
Bushra kehrt aus der Emigration aus den USA nach Palästina zurück,
um eine Arbeit über die Intifada zu schreiben, und trifft ihre
große Liebe wieder, einen Palästinenser, der erst kurz zuvor
nach 16 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Er
arbeitet inzwischen für eine Selbsthilfevereinigung palästinensischer
Bauern. Die beiden versuchen ihre Gefühle füreinander neu zu
beleben.
Die Intifada und die israelische Besatzung sind der Rahmen für
diese Geschichte. In diesem Rahmen wird die Intifada
dokumentiert, von Jerusalem bis Gaza, vom Herzen des Landes bis
zu seinen fernen Teilen. In der Liebesgeschichte hören wir
Worte wie Selbstaufopferung, Exil, Schmerzen. Folter und Gefängnis.
In der Straße sehen wir, wie die israelischen Soldaten hinter
demonstrierenden Schulmädchen herrennen, Häuser zerstören.
Wir sehen die Welt in den Augen der alten palästinensischen Männer,
die Verletzten in den Krankenhäusern und die Kinder, die mit
der Munition spielen, von der sie zuvor verletzt wurden. Am Ende
des Films singt die berühmte palästinensische Sängerin
Kamilia Jibran ein bekanntes Lied zu Ehren des ,,Alten" (Yassir
Arafat) und des ,,Staates Palästina".
Landschaft in der Morgendämmerung
Michel Khleifi hat 1981 in seinem Film ,,Eine Frau, ein
Land" das Schicksal zweier palästinensischer Frauen
dokumentiert und den palästinensisch-israelischen Konflikt
thematisiert. Mit seinem zweiten Film ,,Hochzeit in Galiläa"
hat der Regisseur einen Spielfilm gemacht, der eine detaillierte
Studie der Konfrontationen zwischen der israelischen
Besatzungsmacht und dem alltäglichen palästinensischen Leben
bis in intimste Bereiche dieses Alltags zeichnet.
Im ,,Lied der Steine" vermischt der Filmemacher seine
beiden bisherigen Formen und produziert eine Art
Dokumentarspielfilm. Wo die Hochzeit in Galiläa endet, fängt
das Lied der Steine an. Die Schlußszene des ersten Film zeigt
ein Kind, das in der Morgendämmerung einen Weg aus seiner
Verzweiflung sucht; der zweite Film beginnt mit derselben
Einstellung, Landschaft in der Morgendämmerung, die Intifada.
Auf beide Filme hat das arabische Publikum mit verschiedenen
Kontroversen reagiert, weil der Regisseur mit Absicht an das
Problem der Gleichberechtigung der Frauen in der arabischen
Gesellschaft angeknüpft hat. Für Khleifi kann es eine
wirkliche Befreiung nicht geben, wenn nicht auch die Frau ihre
Befreiung erfährt, eine große thematische Nähe zum Film Yo1
(Weg) von Jilmaz Güney. Die andere Kontroverse drehte sich
darum, daß das arabische Publikum die Gewohnheit angenommen
hat, die Intifada durch die Brille der westlichen Fernsehkameras
zu sehen: Spannende Straßenschlachten zwischen Kindern und
Soldaten. Um die innere Poesie des Widerstandes und die
symbolische ästhetische Darstellung der Intifada zu entdecken,
bedurfte es einer palästinensischen Kamera.
Poetischer Realismus
Michel Khleifi gehört mit diesem Film zur neuen palästinensichen
Kulturrichtung, die in Kunst, Erzählung und im Lied bereits
Verbreitung gefunden hat: Der poetische Realismus, ein Stil, der
erst durch die Ereignisse der Intifada entwickelt worden ist.
Die arabischen Filmkritiker haben Verständnis gezeigt für
Khleifis neue Form in diesem Film. Sie schreiben, daß es in dem
Film nicht um eine persönliche Liebesgeschichte zwischen Mann
und Frau geht. Die Frau symbolisiere vielmehr alle Palästinenser
im Exil; der Mann symbolisiere die Palästinenser unter der
Besatzung, eine Liebe zwischen zwei getrennten Teilen eines
Volkes. Und trotz der Trennung gewinnt diese Liebe wieder neues
Leben im Rahmen der Intifada.
Die romantische Darstellung der Liebesgeschichte und die
dokumentarische Darstellung der Ereignisse der Intifada
verlaufen mal parallel, überschneiden sich bisweilen, um sich
dann wieder in harmonischem Gleichklang zu vereinen. Dieser
Rhythmus erinnert an die arabische Musik, wenn die Nai (Flöte)
und die ´Ud (Laute) zusammenspielen. Diese Art von palästinensischer
Kultursprache ist in unseren Erzählungen, in der Dichtkunst und
in der Musik geläufig, aber im Film ist sie neu.
Arabische Filmkritiker haben lediglich angemerkt, daß die
Darstellung des symbolisch poetischen Teiles (die
Liebesgeschichte), die in hocharabischer und hochpoetischer
Sprache gehalten ist, dennoch poetischen Tiefgang vermissen läßt.
Andererseits schreiben dieselben Kritiker, daß die Sprache der
Straße in den Ereignissen der Intifada eine große poetische
Ausstrahlung und Überzeugung hat. Vielleicht war gerade das die
Absicht des Regisseurs, die Konkurrenz zwischen der
intellektuellen Sprache und der Sprache der Straße zu
dokumentieren.
Michel Khleifi läßt die Kamera in diesem Film sehr oft selbst
sprechen. Genau wie die Steine der Kinder verfolgt die Linse der
Kamera die israelischen Soldaten und kreist sie förmlich ein,
offenbart den alltäglichen Wahnsinn der Besatzungspolitik. Wie
im Film ,,Hochzeit in Galiläa" bleibt auch hier beim
Zuschauer die Überzeugung, daß niemand die Palästinenser von
ihrem Land trennen kann. Im Film sehen wir niemals, wie ein Kind
einen Stein wirft. Aber wir sehen die Steine selber mit ihrer
Wut, besonders die Steine der gesprengten Häuser, und wir fühlen
ihren Willen, ohne die Hilfe der menschlichen Hände die
Besatzung selber zu schlagen.
Die konservative französische Zeitung ,,Le Figaro" greift
den Film an, weil er zum Haß aufrufe. Michel Khleifi hat diese
Behauptung zurückgewiesen. ,,Ich glaube das nicht. Die Palästinenser
in dem Film zeigen ihre Schmerzen. Sie wollen Frieden. Ihre
Kinder sterben jeden Tag unter der Besatzung, Nein, mein Film
hat keinen Haß, nur Schmerzen!'
Neue Filme
Der jüngste Film zur Intifada ist eine arabische Koproduktion
mit dem Titel ,,Al-Intifada". Der Film ist die erste
Koproduktion auf gesamt-arabischer Ebene. Das Szenario wurde von
dem Syrer Rafiq al-Saban geschrieben, Regie führte Ahmed
al-Khatib. Bekannte arabische Dichter und Schauspieler aus
Libyen, Sudan, Ägypten, Syrien, Libanon und Tunesien waren an
der Fertigstellung des Filmes beteiligt. Seine Premiere steht
indes noch bevor.
Eine italienisch-palästinensische Koproduktion über die
Intifada ist in Planung. Das Szenario, das der Italiener
Gregorio Akorio (bekanntester Film ,,Quemada") geschrieben
hat, soll noch einmal mit dem palästinensischen Schriftsteller
Emil Habibi bearbeitet werden. Das hat die Kulturabteilung der
PLO vorgeschlagen. Koproduzent des 12 Millionen Dollar teueren
Filmes wird der Italiener Francesco Laudadio sein.
Burhan Karkutli
zurück