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Gandhi, Gewehre und Gaza
von Satya Sagar - ZNet 13.09.2004

Gandhi oder Guevara? Gewalt oder Gewaltlosigkeit? Der Mahatma oder die Maschinenpistole?

Das sind Fragen, die schon lange durch den Raum schwirren, aber trotzdem jedes Mal, wenn ich sie höre lange in meinem Kopf herumgeistern. Sie verwandeln mein Bewusstsein in feste Knoten – da ist so ein Haken an ihnen, der mein Gehirn zum ausflippen bringt.

Weil es Fangfragen sind – so etwas wie „Essen oder Freiheit“, „Liebe oder Geld“, „Kaffee, Tee, oder ich“ Wie wär’s mit ein bisschen von allem oder wenigstens eins nach dem anderen bitte!

Deswegen schüttle ich solche Fragen ab indem ich rebellisch werde und mir Gandhi mit einer AK-47 vorstelle, Gandhi der bewaffnete Guerillakämpfer in Stiefeln, mit einer Mütze, einem roten Stern und schönen, langen Locken. Ich versuche mir auch Che Guevara den Vegetarier vorzustellen, den friedlichen, der die Massen bewegt – „Mahatma Guevara“. Es geht nichts über ein bisschen Blasphemie um wieder normal zu werden.

Diese ganzen Bilder erscheinen nur deswegen vor meinem inneren Auge, weil Arun Gandhi, einer der Enkel Mahatmas, kürzlich in Gaza auftauchte, um die Palästinenser aufzufordern weiter der israelischen Besatzung Widerstand zu leisten, aber friedlich. „Wir können nur durch Gewaltlosigkeit Frieden erreichen,“ predigte Gandhi vor einer Versammlung von palästinensischen und israelischen Friedensaktivisten, und er fügte hinzu: „Wenn wir auf den Unterdrücker auf dieselbe Weise reagieren, wie er uns behandelt hat – nämlich mit Gewalt – verlieren wir unsere moralische Stärke.“

Arun Gandhi ist ein bisschen spät dran, ca. 6 Jahrzehnte überfällig schätze ich, aber Tatsache ist, dass er den Mut hat zu predigen was er tut und wo er es tut. Ich glaube außerdem, dass sein Besuch im besetzten Palästina aus Gründen von Bedeutung ist, die weit über die Debatte über Gewalt und Gewaltlosigkeit hinausgehen, die von diesem Ereignis ausgelöst wurde.

Diese Debatte ist meiner Meinung nach eine Ablenkung, und sie wird nie richtig enden so lange die Menschheit existiert, denn nur Gott weiß was das Wort Gewalt wirklich bedeutet. Wenn es, wie es in jedem Standardwörterbuch definiert ist, ein Akt von Aggression ist, der zu Verletzungen und Zerstörung führt, dann wissen wir aber auch, dass all das auch ohne jegliche physische Gewalt möglich ist.

Denn töten nicht die Ungleichgewichte, die der Marktwirtschaft innewohnen durch Hunger, Armut und Krankheiten mehr Menschen als alle Kriege zusammen? Muss ein verhungerndes Kind auf den Straßen von irgendeinem Dritten Welt Land aus geringster Entfernung erschossen werden um mich zu überzeugen, dass ihm oder ihr Gewalt angetan wurde? Ist nicht für die Kranken und Sterbenden die Verweigerung von lebenswichtigen Medikamenten infolge von Liefersperren aufgrund geistiger Eigentumsrechte ein Akt kaltblütigen Mordes? Und was ist mit den 300 000 Leuten, die jedes Jahr auf den Straßen in Asien von Autos zermalmt werden? Sie machen den Ausdruck „Autobombe“ heutzutage zu einem sehr passenden Symbol des Konflikts.

Und deswegen denke ich auch nicht, dass es alleine Gandhis gewaltlose Bewegung war, die Indiens Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht bewirkte. Sie lieferte sicherlich den Anstoß für den Prozess, aber über die indische Freiheit wurde auf weit entfernten Schlachtfeldern entschieden, dort wo die zwei Weltkriege – ausgetragen zwischen europäischen Mächten über ihre Kolonialbeuten – damit endeten, dass alle ihre Kolonien verloren.

Und außerdem: ist die indische Freiheitsbewegung völlig ohne Blutvergießen abgelaufen? Nicht wirklich, wenn man bedenkt, dass eine Million Menschen bei den Unruhen ums Leben kamen, die auf die Loslösung des indischen Subkontinents folgten. Was im Endeffekt bedeutet, dass wir, während wir extrem nett und höflich mit unseren Kolonialherren umgegangen sind, es nicht schafften unsere eigenen Nachbarn wie menschliche Wesen zu behandeln.

Ich könnte so weitermachen, aber ich werde es nicht, denn es geht hier nicht darum Gandhi in irgendeiner Weise im Nachhinein zu beschuldigen. Dieser Mann war ohne Frage ein Genie, ein Heiliger und ein Staatsmann in einer Person und man kann eine Menge von ihm lernen.

Der Punkt ist, dass das ganze Thema Gewalt versus Gewaltlosigkeit falsch ist, weil die Antwort offensichtlich vom Kontext abhängt und keine der beiden Strategien das alleinige Dogma sein kann. Den Nazis Widerstand leisten, die imperialistische Invasion bekämpfen, oder pure Selbstverteidigung gegen einen Angriff, gewaltsame Kämpfe machen manchmal Sinn. Hätte Batista seine Diktatur abgegeben, wenn Fidel und Che friedlich auf dem Marktplatz in Havanna demonstriert hätten? Er wäre sicherlich halb umgekommen vor Lachen, aber hallo, das ist hier keine Argumentation für Gewaltlosigkeit im vorrevolutionären Kuba.

Auf der anderen Seite ist bei einem Großteil der Massenpolitik Gewaltlosigkeit die bevorzugte Strategie, weil es einfach wesentlich teilnehmerfreundlicher, transparenter und unblutiger ist. Es ist wohl nicht nötig zu erwähnen wovon jeder gute „Gandhianer“ ein Lied singen kann, nämlich dass Gewaltlosigkeit nichts mit Passivität zu tun hat. Es ist bestenfalls ein aggressives Hochhalten von Prinzipien und Rechten, das bei niemandem, die Unterdrücker eingeschlossen, zu körperlichem Leid führt, aber sie politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Schädigungen aussetzen kann.

Es gibt auch noch andere Vorzüge von Gewaltlosigkeit. Mord und ähnliche Dinge können nicht unbedingt durch andere Morde gelöst werden. Auge um Auge und die ganze Welt wird blind, wie Mahatma gesagt hat. Die Idee, die Antwort immer schwächer zu auszuführen als den Angriff, findet auch bei bewaffneten Auseinandersetzungen verschiedenster Art Anwendung. Es ist wichtig den Wendepunkt zu erkennen, den Punkt bei dem man jede Bewegung und dessen gesamte Seele verändern kann.

Das ist genau das Stadium in dem wir nach mehr als einem halben Jahrhundert palästinensischen Freiheitskampfes sind. Wenn man die aktuellen Handlungen verfolgt, sieht man, dass es inzwischen so viel Gift und Hass auf beiden Seiten gibt, dass keine der beiden Parteien auf einen Sieg hoffen kann, der ihrem Volk Frieden und Glückseligkeit, oder wenigstens wahre Unabhängigkeit bringen würde. Das war also die Debatte, die durch Arun Gandhis Besuch in Palästina ausgelöst wurde. Aber trotz dem Interesse, das in den besetzten Gebieten unter gewöhnlichen Palästinensern und Aktivisten wach gerufen wurde, regiert dort weiter die Gewalt. Vor allem und andauernd Gewalt gegen palästinensische Zivilisten ausgeführt von den israelischen Besatzungstruppen, aber auch gegen israelische Zivilisten durch Selbstmordattentäter aus verschiedenen palästinensischen Bewegungen, die jede Hoffnung auf eine andere Form von Widerstand verloren zu haben scheinen.

Ist das das Ende der Geschichte? Palästinenser und Israelis sind zurück auf dem einzigen Weg zu kommunizieren, den sie kennen – mit Gewehren, Kugeln und Bajonetten – begleitet von dem Jammern unschuldiger Zivilisten, die im Kreuzfeuer gefangen sind. Und der Enkel von Mahatma war nur ein überoptimistischer Idealist, der versucht hat Aufmerksamkeit für eine verlorene Sache zu gewinnen? Ich glaube nicht. Die Bedeutung von Arun Gandhis Einmischung in die Sache liegt hier:

a) Bei seinem Versuch für das scheinbar Unmögliche einzutreten, z.B. dieses Problem mit friedlichen Mitteln zu lösen, und das in einer Zeit, in der sich offen gesagt herausgestellt hat, dass Palästina eine fortwährende Kriegsmaschine zu sein scheint, die immer mehr menschliche Opfer verlangt, um ihren Status als heiligsten Ort auf der Erde zu bewahren. Ob Gewaltlosigkeit alleine das Israel - Palästina – Problem lösen kann bleibt dahingestellt, aber dadurch dass Arun Gandhi dieses Prinzip verbreitet, fordert er alle Spieler heraus aus ihren festgefahrenen Positionen herauszukommen und andere Möglichkeiten zu überdenken. Es gibt ohnehin wenig Hoffnung, dass das Problem innerhalb nicht nur der geographischen Abgrenzung Israel/West Bank/Gaza, sondern auch der strengen Vorstellungen über Nationalstaat, Rassen- und Religionszugehörigkeit des 19.Jahrhunderts lösbar ist. Bevor wir darüber diskutieren, ob es eine Ein- oder Zweistaatenlösung geben wird, brauchen wir zum Beispiel zunächst einmal kühnere und radikalere Ideen, wie so ein Staat heutzutage aussehen könnte, bevor uns die alte Definition alle umbringt.

b) Der Aufruf des Mahatmas im israelisch – palästinensischen Szenario versetzt uns zurück in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, in die Tage von Gandhi und dem indischen Freiheitskampf. Damals setzten sich die Machenschaften verschiedener Kolonialmächte in Bewegung, um den Staat Israel zu errichten, bei dessen Gründung sich europäische Juden auf palästinensischem Land ansiedelten. Die Schriften des Mahatma aus dieser Zeit zeigen, dass seiner Meinung nach der Kampf zwischen Juden und Palästinensern in Wirklichkeit ein Kampf zwischen zwei Opfern der Geschichte ist. Die Juden, Opfer des europäischen Rassismus mit gezogenem Säbel gegen die Palästinenser, Opfer des europäischen Kolonialismus – und alles wegen einem kleinen wertvollen Stück Land. Diese historische Perspektive hilft uns, die zentrale Rolle Europas zurück in das israelisch-palästinensische Bild zu bringen. Als der israelische Außenminister vor einem Jahr vorschlug, Israel könne sich für einen Beitritt in die EU bewerben, wurde sein Anliegen seitens eines Großteils der europäischen Länder mit Stillschweigen beantwortet. Europa war entsetzt bei der Vorstellung, dass dieses Chaos, das es vor etwas über einem halben Jahrhundert selbst kreiert hatte, in ihren eigenen Hinterhof zurückkehren könnte. Israel und einem neuen unabhängigen Palästina bedingungslosen Beitritt zur EU zu gewähren und damit nationale Grenzen bedeutungslos zu machen, könnte jedoch eine mögliche Lösung der momentanen Situation im mittleren Osten sein. Das ist keine einfache Aufgabe, aber eine die der historischen Gerechtigkeit nachkommen würde. Europa muss Teil einer Lösung sein, die Opfer von ihren Mitgliedern verlangt und jetzt ist es an der Zeit, dass die Mitglieder aufstehen und mehr Verantwortung für die Fehler ihrer Vergangenheit übernehmen.

c) Arun Gandhi hat uns an den fundamentalen Glauben Mahatmas erinnert, dass man in den scheinbar schlechtesten Menschen etwas Gutes finden kann. Das ist der wahre Kern des Prinzips der Gewaltlosigkeit – die Fähigkeit immer an deine eigene Menschlichkeit und die deines Gegenspielers zu denken. Es ist ein Prinzip, an das auch die, die in die brutalsten Kämpfe verwickelt sind sich erinnern sollten aus dem einfachen Grund, weil es wahrscheinlich der Wahrheit über alle menschlichen Wesen am nächsten kommt – sie sind niemals schwarz oder weiß, sondern immer grau.

Deswegen ist die aufkeimende Bewegung normaler israelischen und palästinensischer Staatsbürger, die einander die Hände reichen und die Vorurteile des auf immer „bösen Gegners“ beiseite schieben, so wichtig für eine gerechte Lösung. Was der Israel/Palästina – Konflikt jetzt braucht, ist einen Aufstand derer, die an das Gute im Menschen glauben wollen gegen die, die dunkle und verzweifelte Visionen haben und nur noch Tod und Zerstörung um sich herum verbreiten können.

 

Satya Sagar ist ein in Thailand lebender Journalist, Autor und Filmemacher. Man kann unter sagarnama@yahoo.com Kontakt mit ihm aufnehmen.

Übersetzt von: Linda Ramcke

 

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