Bericht von Hanan aus Assira
Hallo,
heute nachmittag um 15 Uhr bekamen wir die Nachricht, dass in
Assira ein Haus besetzt wurde. Die Soldaten halten seit
Mitternacht die ca. 10-köpfige Familie in einem Raum fest. Es
sind 2 kleine Kinder mit dabei, ausserdem ein alter Mann und
eine Frau, die dringend Medizin benötigen.
Zu viert machen wir uns auf, kaufen Wasser, Essen und feuchte
Tuecher. Wir naehern uns dem Haus das erste Mal gegen 16 Uhr,
machen uns lautstark bemerkbar, versuchen mit den Soldaten im
Haus zu kommunizieren. Wir wollen mit der Familie reden, ihnen
zeigen, dass wir von ihrer Situation wissen, ihnen bringen, was
sie brauchen, den Soldaten Menschlichkeit abringen... Diese
reagieren ueberhaupt nicht, nach ca. 5 Minuten faehert unten auf
der Strasse ein Jeep vor, der Commander ordert uns heran. Ca. 5
Minuten versuchen wir alles moegliche, ihn zu ueberzeugen, dass
wir nach der Familie im Haus schauen wollen, Essen und Trinken
und ein wenig Beistand hinbringen moechten. Er verweigert alles,
hoert aber wenigstens zu. Die Familie habe alles, was sie
brauche fuer 24 Stunden, es gehe ihnen gut. Er selber habe nicht
persoenlich mit ihnen telefoniert, aber seine Maenner im Haus
haetten ihn informiert.
Wir verziehen uns fuers erste, unsere israelischen
Gruppenmitglieder machen einige wichtige Telefonanrufe, sprechen
mit einigen Knessetmitgliedern. Diese wiederrum kontaktieren die
army, welche versichert, dass nach einer halben Stunde alles
vorueber sein wird. Es ist 18.10.
Wir haben nach einer Essenspause entschieden, uns dem Haus ein
zweites Mal zu naehern. Wieder ohne Reaktion von oben, wo
diesmal alle Lichter erloschen sind, ist inzwischen das halbe
Dorf vor dem Haus versammelt... Nach 40 Minuten faehrt ein Jeep
vor, wartet einige Minuten, faehrt wieder weg, kommt wieder,
braust irgendwann davon. In dieser Zeit haben die Soldaten das
Haus durch die Hintertuer verlassen, was wir aber nicht sicher
wissen. Wir umrunden das Haus, Penny und ich machen uns
lautstark bemerkbar und betreten das Gebaeude. Oben treffen wir
die Familienmitglieder, alle muede, erschoepft, noch geschockt
aber auch irgendwie erleichtert wirkend. Da sich in der
Zwischenzeit das halbe Dorf Zutritt zum Haus verschafft hat,
machen wir uns davon.
Nach einer halben Stunde kehren wir zu zweit noch einmal zurueck,
um eine Telefonverbindung zu einem Reporter in Israel
herzustellen. Wir reden nicht viel mit der Familie, deren Haus
eh uebervoelkert ist, erfahren aber, dass die Soldaten
Goldschmuck, 400 Schekel, die Mobiltelefone sowie die Ausweise
der Familie mitgenommen haben.
Die Familienmitglieder haben uns gehoert, als wir uns Zutritt
verschaffen wollten, ihnen wurde aber mit Erschiessung gedroht,
wenn sie uns antworten wuerden...
Morgen wollen wir versuchen, ein Interview mit der Familie zu
machen, hoffentlich erlauben die aeusseren Umstaende dieses,
sprich, hoffentlich gibt es nicht anderweitige Probleme, derer
wir uns annehmen wollen oder muessen. Heute war die Stimmung
hier in der Gegend komisch. Es waren zwar einige Armeefahrzeuge
da, zum Teil unter den Olivenbaeumen mehr oder weniger
versteckt, aber sie haben die Palaestinenser nicht wie an den
Tagen zuvor gestoppt und gecheckt.
Noch immer sind Soldaten in der Schule hier in Assira
verschanzt. Hoffentlich verziehen sie sich bis morgen.
In diesem Dorf war es heute das allererste Mal, dass ein Haus
besetzt wurde, die Leute sind alle recht aufgeregt. Hoffentlich
war es auch das letzte Mal.
Hanan
Frohe Weihnachten
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