Was Indianer und Palästinenser gemeinsam haben
von Justine McCabe
Im US-Bundesstaat
Connecticut hat die Kontroverse um die Rechte der Indianer
mittlerweile einen neuen Höhepunkt erreicht: Die Regierung
revidierte die Anerkennung der Stämme der Eastern Pequots (in
Stonington) und der Schaghticoke (in Kent). Sowohl die
Bevölkerung als auch viele Offizielle scheinen darüber im
allgemeinen erbaut. Wie Staatsanwalt Richard Blumenthal in The
Litchfield County Times sagt: "Ein Grund, weshalb dies so
historisch ist, liegt darin, dass es bislang keinen Fall gab, in
dem eine positive Anerkennungsentscheidung wieder revidiert
wurde. (Es war) landesweit das erstemal. Umso bedeutsamer und
befriedigender ist es".
Für die indigenen Völker Connecticuts ist die Entscheidung
natürlich alles andere als befriedigend. Mehrere Jahrhunderte
nach ihrem ersten Kontakt mit den europäischen Siedlern steht
ihr Recht auf das Land und ihre Liebe zu diesem Land immer noch
nicht außer Frage.
Die Argumente, die im Verlauf der Kontroverse gebraucht wurden,
spiegeln die Ironie des Kampfes der amerikanischen Urbevölkerung
um Anerkennung auf eindrucksvolle Weise: Sie müssen beweisen,
dass es sie überhaupt gibt, sie müssen beweisen, dass ihre
Kultur und ihre Menschen die Versuche von US-Regierungen, sie
auszulöschen und das Land, von dem ihr Überleben abhing zu
konfiszieren, überlebt haben.
Das ursprüngliche Unrecht ist mittlerweile eingebettet in ein
bürokratisches System zur Leugnung dieses Urunrechts: Selbst ein
Antrag auf BIA*-Anerkennung kostet Millionen - was viele Stämme
dazu verleitet, sich mit Casino-Investoren einzulassen, obwohl
diese die traditionellen (indianischen) Werte verraten. Wo
Indianer in den - unleugbar suspekten - Prozess einbezogen sind
(oder gar Erfolg haben), ruft das bei meinen nichtindianischen
Nachbarn hier in Kent Feindseligkeit und Verunsicherung hervor.
Sobald von der Urenteignung und Traumatisierung der Indianer
durch den Kontakt mit den Europäern die Rede ist - eine
Erfahrung die noch nicht zu Ende ist -, weichen die Leute aus.
Eine Entschuldigung oder gar das
Bekenntnis zur kollektiven Verantwortung: Fehlanzeige.
Die meisten Amerikaner befinden sich in einer Art kollektiver
Verleugnungshaltung, wenn es um ihre schandbare Vergangenheit
geht. Von diesem Erbe geht weiterhin Gefahr aus - nicht nur
innenpolitisch sondern auch in Hinblick auf unsere Außenpolitik.
Zur selben Zeit, als Staatsanwalt Blumenthal rechtliche Mittel
gegen die Anerkennung der Schaghticoke-Indianer einlegte,
besuchte der damalige palästinensische Präsidentschaftskandidat
Mahmoud Abbas einige der Flüchtlingslager im Libanon, in denen
400 000 Palästinenser leben. Er versicherte den Palästinensern,
ihr Recht auf Rückkehr in ihre Heimat im heutigen Israel werde
auch bei künftigen Verhandlungen nicht preisgegeben.
Weltweit gibt es mehr als 6 Millionen palästinensische
Flüchtlinge, die seit 1947/1949, seit der Zeit der Naqba
("Katastrophe") also, der Rückkehr in die Heimat harren. Die
meisten leben weniger als 60 Meilen von ihren Heimatorten
entfernt - einige so nah, dass sie die einstigen Obstgärten und
Felder in Sichtweite beweinen können.
Es geht ihnen wie den Ureinwohnern Amerikas. Die Bürde der
Beweisführung liegt bei ihnen, wenn es darum geht, ob sie
überhaupt existieren bzw. ein Anrecht auf das Land ihrer
Vorfahren haben.
Dass sie immer noch ihre alten Hausschlüssel und Urkunden
besitzen und von der UN offiziell als Flüchtlinge registriert
wurden, reicht nicht aus. Auch das internationale Recht versagt.
Unter Berufung auf mehrere Gesetze hatten die Vereinten Nationen
den Beitritt Israels zur UN (1949) explizit davon abhängig
gemacht, dass Israel UN-Resolution 194 umsetzt. Darin heißt es:
Die Palästinenser haben das unveräußerliche Recht auf Rückkehr.
Dennoch verweigert Israel seinen nativen Völkern die Rückkehr in
ihre Heimat, und seit Präsident Truman unterstützen die USA
diese israelische Haltung
implizit.
Die Enteignung der Indianer dauert natürlich schon länger als
die der
Palästinenser. Doch die israelische und die amerikanische Nation
sind auf sehr ähnliche Weise entstanden - auch die Leugnung
trägt ähnliche Züge: Beides wichtige Komponenten der so betonten
"Sonderbeziehung" zwischen beiden Ländern. Diese
Leugnungshaltung ist das letzte Mosaiksteinchen, um zu erklären,
weshalb die amerikanische Außenpolitik sich so wenig um die
Antipathien schert, die Amerika unleugbar entgegenschlagen - und
die seit der Invasion im Irak und der Besatzung nur noch
schlimmer geworden sind.
Wie die Amerikaner "WISSEN" die Israelis; sie wissen, was ihre
Historiker gut dokumentiert haben: Die Enteignung der
Palästinenser bildete die Grundlage ihres Staates. Zwischen 1947
und 1949 vertrieben die zionistischen Streitkräfte mehr als 75%
der eingeborenen Bevölkerung; deren Land wurde zur exklusiven
Nutzung durch die israelischen Juden bestimmt. 1967 wurden 35%
der Bevölkerung des palästinensischen Gaza und des
palästinensischen Westjordanlands vertrieben. Einige wurden so
schon zum zweitenmal (innerhalb einer Generation) zu
Flüchtlingen.
Für Palästinenser wie Israelis ist die Kolonialvergangenheit
noch Gegenwart.
Seit 1967 erfahren 3,3 Millionen Palästinenser in den Besetzten
Gebieten Tag für Tag die postmoderne Version des (amerikanischen
Gründungsmythos) Manifest Destiny: 400 000 jüdische Siedler, die
den israelischen Landraub fortsetzen - in der Zeit des Osloer
"Friedens" waren es 200 000. Allein in den letzten vier Jahren
konfiszierte Israel über 56 000 Acres** Palästinenserland, dazu
vernichtete es 18 000 Acres** Ackerland und entwurzelte über 1,1
Millionen Bäume. Die Umgehungsstraßen nur für Israelis
(insgesamt über 250 Meilen Straßennetz) und Hunderte von
Checkpoints haben
zu über 200 abgetrennten Palästinenserreservaten geführt. Und
selbst wenn Israel Gaza evakuiert, der israelische Premier
Scharon beharrt auf den Erhalt der (illegalen) jüdischen
Großsiedlungen in der Westbank. Was Scharon vorhat, zeigt auch
die demnächst fertiggestellte "Trennungs"-Mauer - eine Mauer,
die weitere 15% der Westbank verschlingt und 600 000
Palästinenser in ein Freiluftgefängnis zwischen Mauer und Grüner
Linie einzwängt.
Den nichtjüdischen Bürgern des Staates Israel ist es nicht
erlaubt, auf "Staatsland" zu leben, es zu mieten oder zu kaufen.
Dieses Land, exklusiv nur für Juden, macht jedoch 93% Israels
aus. Das israelische Rückkehrrecht, das sogenannte Law of
Return, erlaubt es jedem Juden und jeder Jüdin, egal, wo
sein/ihr Geburtsland liegt, die Immigration nach Israel und
gewährt ihm/ihr die Staatsbürgerschaft. Die aus dem Land
stammenden Flüchtlinge jedoch dürfen nicht heimkehren.
Warum verstößt Israel weiter gegen internationales Recht? Damit
der "jüdische" Charakter des Landes erhalten bleibt. Historisch
gesehen eine nur allzu bekannte Antwort. Sie wird dadurch jedoch
nicht weniger ethnozentristisch. Dennoch ist und war Israel
stets ein multikulturelles Land - selbst innerhalb der Grenzen
der Grünen Linie. Rund 28% der Bürger Israels sind keine Juden,
darunter mindestens 20% Palästinenser.
Völker, die in der Vergangenheit kolonialisiert waren, stellen
die große Mehrheit der heutigen Weltbevölkerung. Diese Menschen
identifizieren sich mit der palästinensischen Sache, dem
Unrecht, das den Palästinensern widerfährt. Daraus erwächst eine
feindselige Haltung gegenüber den USA und Israel. Die Sicherheit
sowohl der Amerikaner wie auch der Israelis ist gefährdet. Auf
einer tiefen, tiefen psychologischen Ebene könnte man sagen, die
Indianer Amerikas und die Palästinenser zeigen uns, dass
Menschen an ihrem Land und an ihrer Heimat hängen und dass es
sich rächt, wenn dies von Politikern geleugnet und ihr Anspruch
partiell abgelehnt wird.
Für Israel ist es nicht zu spät. Israel befindet sich noch nicht
in dem
chronischen Zustand, in dem sich die USA befinden - wo die
indigene Bevölkerung auf weniger als 1% reduziert wurde (rund
1/3 dieser Indianer leben in den Reservaten, in die sie vor mehr
als hundert Jahren verbannt wurden). In Israel leben 78% der
jüdisch-israelischen Bevölkerung auf nur 15% des Landes. Es wäre
also denkbar, dass palästinensische Flüchtlinge auf nahezu
unbesiedeltes Land zurückkehren - ohne dass deshalb viele
Israelis umgesiedelt werden müssten. Das Land teilen - eine
Frage der Fairness und des internationalen Willens und nicht des
Überlebens.
Die Kolonialisierung Amerikas durch die Europäer setzte, ebenso
wie die Kolonialisierung Palästinas, auf dem Hintergrund eines
imperialistischen Denkens ein, das seine Blüte im 19.
Jahrhundert hatte. Jährlich erhält Israel von uns Hilfen, Waffen
und politische Unterstützung im Wert von mehreren Milliarden
Dollar. Damit unterstützen wir eine koloniale Praxis, die aus
dem 19. Jahrhundert stammt und für die sich sicher die meisten
Amerikaner und Europäer des 21. Jahrhunderts schämen (wie sehr
sie dies auch verdrängen mögen).
Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, die koloniale
Vergangenheit
Amerikas, die Erniedrigung seiner nativen Völker ist nicht
rückgängig zu machen. Was wir allerdings können, ist verhindern,
dass die "ethnischen Säuberungen" heute in Palästina weitergehen
- nicht in unserem Namen und nicht mit unserem Geld jedenfalls.
Dr. Justine McCabe ist Kulturanthropologin und Psychiaterin. Sie
lebt in New Milford/USA
Anmerkung d. Übersetzerin
* BIA = Bureau of Indian Affairs (Indianerbüro)
** 1 Acre = circa 40,46 Ar
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