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Die Integration der Muslime in Europa

GASTKOMMENTAR VON OMAR AL-RAWI (Die Presse) 21.07.2005
 
Österreich ist im Umgang mit den Muslimen ein Modell für Europa. Aber auch die Muslime Österreichs sind ein europäisches Modell.

Die Attentäter von London haben doppelt schockiert. Dieses Mal handelte es sich nicht um eingereiste ausländische Terroristen, sondern um "brave Jungs" von nebenan, scheinbar gut integrierte Jugendliche der zweiten Generation. Was ist da passiert und was ist schief gelaufen? Eine Analyse der Situation der 1,6 Millionen britischen Muslime gibt rasch einige Antworten. In einem Geheimdossier der britischen Regierung mit dem Codewort "Contest", welches von der "Sunday Times" auszugsweise veröffentlicht wurde, wird die wirtschaftliche Lage der Muslime als extrem schlecht beschrieben. Die Arbeitslosenrate ist dreimal so hoch wie der Durchschnitt, die Erwerbsquote extrem niedrig. Die Berufsqualifikationen sind mangelhaft, an die 40 Prozent haben keinerlei Ausbildung. Sie leben in den heruntergekommensten Gegenden. Ihre Identität beziehen die Muslime, vor allem die Jugendlichen, aus der Religion (als zweithäufigste Nennung nach der Familie). Besonders junge Gläubige erleben den Umgang mit ihrer Religion als diskriminierend. Eine Konsequenz daraus ist der gesellschaftliche Rückzug. Die Mitglieder keiner anderen Religionsgemeinschaft beteiligen sich laut "Contest" so wenig am öffentlichen Leben wie die Muslime. Die Doppelstandards der britischen Außenpolitik wie etwa in Afghanistan, im Irak, in den Palästinensergebieten oder in Tschetschenien werden als ungerecht empfunden. Daraus ergäben sich Unzufriedenheit, Ärger, Entfremdung und Aktivismus. Kann man angesichts solcher Zustände von einer gelungenen Integration sprechen? Auch genügt der eigene soziale Aufstieg nicht, wenn die eigene Gruppe oder "Sippe" es nicht geschafft hat. Es lohnt sich daher an dem Beispiel von zwei europäischen Denkschulen, Frankreich und Großbritannien, die nicht wirklich gelungen sind, den beschrittenen Weg zu analysieren.

[*] Frankreich / Deutschland: Schon als Kolonialmacht setzte Frankreich auf zwanghafte Assimilation. Der französische Lebensstil und die Kultur wurden mit Gewalt durchgesetzt. Die Kolonien wurden als französisches Territorium betrachtet. Die nordafrikanischen Länder leiden bis heute an den Spätfolgen dieser Zeit. Noch immer sprechen Algerier, Tunesier teilweise besser Französisch als Arabisch. Die größte muslimische Gemeinde Europas befindet sich in Frankreich und kommt vor allem aus den ehemaligen Kolonien der Maghreb-Staaten. Sie sprechen perfekt Französisch und gelten alles andere als integriert oder akzeptiert in der Gesellschaft. Ihre Wohn- und wirtschaftliche Situation ist denen der britischen Muslime sehr ähnlich. Durch ein fundamentales Verständnis von Laizismus werden sogar Mädchen, die ein Kopftuch tragen, der Schule verwiesen.

Einen ähnlichen Weg schlägt Deutschland ein. Dort werden die Mädchen mit Kopftuch zwar nicht vom Schulbesuch ausgeschlossen, aber die berufliche Laufbahn im öffentlichen Dienst ist ihnen verwehrt. Dort dürfen religiöse Symbole anderer Religionen unangetastet bleiben, nicht aber die der Muslime. Auch konnte man sich bis heute nicht dazu aufraffen, den Islam als Religion anzuerkennen. Eine Doppelbödigkeit im Umgang mit Muslime wird wahrgenommen und als frustrierend empfunden. Wen wundert es noch, wenn dadurch bei Umfragen unter deutschen Jugendlichen der zweiten Generation sich nur 20 Prozent als Deutsche fühlen?

[*] Großbritannien / Niederlande: Hier war das Verhalten als Kolonialmacht anders. Die Länder waren höchstens in loser Form im Rahmen des "Commonwealth" zusammengehalten. Mit den Migranten ist man liberal und tolerant umgegangen. Hier tragen muslimische Polizistinnen ein Kopftuch als Teil ihrer Uniform. Doch wie in den Niederlanden interessierte man sich nicht mehr für die weitere Entwicklung. Nach dem Motto: "Ihr genießt unsere Toleranz und es interessiert uns nicht, was sonst noch läuft." Eine Parallelgesellschaft war das Ergebnis mit teilweise verheerenden Folgen, wie die letzten Monate gezeigt haben.

[*] Österreich - Weg der Mitte: Hier wird im Großen und Ganzen kein Assimilationsdruck ausgeübt. Es gibt keine Kopftuchdebatte, weder an den Schulen noch im beruflichen Leben. Der Islam ist als offizielle Religion seit 25 Jahren anerkannt. Religionsunterricht findet seitdem in deutscher Sprache an den öffentlichen Schulen statt, an denen ca. 40.000 SchülerInnen jährlich teilnehmen. Die Muslime können genauso wie ihre jüdischen Mitbürger das rituelle Schächten der Tiere praktizieren. Auf muslimischen Rekruten im Bundesheer wird Rücksicht genommen. Sowohl ihre Gebetszeiten als auch ihre Essensvorschriften dürfen sie einhalten. In der Maria-Theresien-Kaserne wurde voriges Jahr ein islamisches Gebetshaus eingeweiht. Die Islamische Glaubensgemeinschaft genießt den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, die für den Staat als Ansprechpartner und für die Muslime als Sprachrohr fungiert. Damit gibt es einen institutionalisierten Dialog, durch den man viele Spannungsfelder im Vorfeld bereinigen kann.

Somit ist Österreich im Umgang mit den Muslimen ein Modell für Europa. Aber auch die Muslime Österreichs sind ein Europäisches Modell.

Dipl.-Ing. Omar Al-Rawi ist Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Mitbegründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und SP-Gemeinderat in Wien.

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