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Intifada

Am 9. Dezember 1987 starben bei einem durch einen israelischen Truckfahrer herbeigeführten Unfall vier palästinensische Arbeiter in Gaza. In Reaktion darauf kam es während Massendemonstrationen zu Zusammen stößen zwischen palästinensischen Jugendlichen und der israelischen Besatzungsarmee. Auch in den folgenden Tagen und Wochen gelang es den israelischen Militärs nicht, die immer weiter um sich greifenden Unruhen unter Kontrolle zu bringen. Der Aufstand der Palästinenser gegen ihre fortgesetzte Unterdrückung und völlige politische Entrechtung, gegen Landenteignung, Besiedlung und wirtschaftliche Ausbeutung erhielt bald einen Namen: Intifada ("Abschütteln").

Israel reagierte mit einer Politik der "Eisernen Faust": Ausgangssperren, Massenverhaftungen, Folter und Deportation folgten. Die seit den 30er Jahren in zionistischen Kreisen kursierende Idee des "Transfers" von Palästinensern aus den besetzten Gebieten und sogar aus Israel selbst, wurde nun in Regierungskreisen offen unterstützt. Verteidigungsminister Rabin erließ den Befehl, jugendlichen Demonstranten die Knochen zu brechen. Dies alles konnte den Widerstandswillen der Palästinenser jedoch nicht brechen. Mittlerweile beteiligte sich die gesamte Bevölkerung quer durch alle soziale Schichten am Aufstand. Komitees bildeten sich, die nicht nur Streiks und tägliche Demonstrationen organisierten sowie den Waren- und Steuerboykott überwachten (Palästinenser zahlten während 20jähriger Besatzung über 800 Mio. $ "Besatzungssteuer"), sondern wichtige soziale Aufgaben - medizinische Versorgung, finanzielle Hilfe für Familien von Gefangenen, schulische Weiterbildung - übernahmen. Entscheidend dafür war die Entstehung der "Vereinten Nationalen Führung der Intifada" (VNFI) in den Besetzten Gebieten (Frühjahr 1988), der neben Fatah und Jihad die DFLP, PFLP und die Kommunistische Partei Palästinas angehörten. Die VNFI operierte aus dem Untergrund durch regelmäßig erscheinende Flugblätter, die Streik- und Demonstrationstermine festlegten. Ziel der Intifadaaktivisten war es, die israelische Besatzung zu beenden und gemäß der unveräußerlichen Rechte eines Volkes auf Selbstbestimmung einen unabhängigen palästinensischen Staat unter der Führung der PLO zu errichten.

Die PLO hatte schon in den Monaten vor Ausbruch der Intifada die Ereignisse in der Westbank und dem Gazastreifen genau mitverfolgt und sie hatte ein breites Netzwerk von Organisationen geschaffen, das die Verbindung zwischen "innen" und "außen" gewährleistete. Nun, da der Aufstand ausbrach, konnte sie innerhalb weniger Wochen die Führung übernehmen, ihm eine politische Zielrichtung geben und Bedingungen schaffen, die das Fortdauern des Aufstandes über Jahre hinweg gewährleistete.

Am 31. Juli 1988 gab König Hussein von Jordanien in einer Fernsehansprache seinen seit Beginn der 50er Jahre erhobenen Souveränitätsanspruch über die Westbank und Ostjerusalem auf. Sein Rückzug war ein entscheidender Sieg der Intifada. Wenige Tage später schon erklärte die PLO, dass sie die Verantwortung für die palästinensischen besetzten Gebiete übernehmen werde.

Die Intifada erreichte ihren Höhepunkt am 15. November  1988. An diesem Tag proklamierte der 19. Nationalratssitzung in Algier einen unabhängigen palästinensischen Staat mit der Hauptstadt Jerusalem. Darüber hinaus erkannte der Nationalrat den UN-Teilungsplan von 1947 (Res. 181) an, erteilte dem Terrorismus eine Absage und erklärte sich zur Aufnahme von direkten Verhandlungen mit Israel auf Grundlage der Resolution 242 bereit. Damit erfolgte vonseiten der PLO schon fünf Jahre vor dem in aller Welt gefeierten "Gaza-Jericho-Abkommen" eine Anerkennung des Existenzrechtes Israels und die Zusage zu einer Zwei-Staaten-Lösung. Während eine überwältigende Anzahl von Ländern den Staat Palästina anerkannte, war Israel weiterhin nicht in der Lage, einen mutigen Schritt zu wagen und einen unabhängigen Staat Palästina zu akzeptieren.

Bis zum Beginn der Golfkrise (August 1990) wurden von arabischer, europäischer und amerikanischer Seite Friedensinitiativen in die Wege geleitet, die jedoch schnell im Sande verliefen - so brachen die USA nur wenige Monate nach Aufnahme von Gesprächen mit der PLO auf Druck Israels ihre Kontakte wieder ab. Während das Scheitern der palästinensischen Friedensinitiative offensichtlich wurde, nahm die israelische Politik in den Besetzten Gebieten für die Palästinenser immer bedrohlichere Züge an. Darüber hinaus setzte ein beispielloser Strom russischer Neueinwanderer ein - ihre Zahl betrug 1991 über eine Millionen - und bestärkte die Groß-Israel- Propaganda auf höchster israelischer Regierungsebene.

Angesichts dieser Geschehnisse ist es logisch, dass die Palästinenser - wie viele Araber - für Saddam Hussein Partei ergriffen. Arafats Parteinahme für Saddam Hussain, die vor allen Dingen darin bestand, zusammen mit Jordanien eine Vermittlerrolle zu übernehmen, ergab sich darüber hinaus aus einer weitgehenden Isolierung in der arabischer Welt. Hilfe aus den USA oder Europa war ohnehin nicht zu erwarten.

Nach Ende des Golfkrieges, den die Palästinenser in den palästinensischen besetzten Gebieten aufgrund der strikten Ausgangssperre eingeschlossen in ihren Häusern und ohne Gasmasken verbringen mussten, propagierten die USA, die einzig verbliebene Weltmacht, eine "neue Weltordnung". Unter der Schirmherrschaft Amerikas und der Sowjetunion begann nach intensiven Vermittlungen der USA die Madrider Friedenskonferenz (30. Oktober 1991). Die Delegationen aus Israel, Ägypten, Syrien, Libanon und Jordanien, der auch Palästinenser aus der Westbank und dem Gazastreifen angehörten, einigten sich auf bilaterale Verhandlungen - zur Lösung des Konfliktes - und auf multilaterale Treffen - um Fragen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit, Umwelt, Wasser, Flüchtlinge und Rüstungskontrolle zu klären.

Ergebnislos verliefen die Gespräche zwischen Palästinensern und Israelis. Letztere schrieben nicht nur die Zusammensetzung der jordanisch-palästinensischen Delegation vor (Palästinensern aus Ostjerusalem war die Teilnahme untersagt), sondern legten auch die Verhandlungspunkte fest. Auch der Sieg Yitzhak Rabins bei den Parlamentswahlen im Juni 1992 änderte zunächst nichts an der festgefahrenen Situation. Im Dezember 1992 wurden 415 Palästinenser ins Niemandsland zwischen dem Libanon und Israel deportiert. Die Intifada lief unvermindert weiter, wobei sich die ökonomische Situation der Palästinenser zunehmen verschlechterte; Menschenrechtsverletzungen, Landenteignungen und Siedlungsbau hielten unvermindert an. Im März 1993 beschloss die israelische Regierung eine totale Abriegelung der Gebiete, die bis heute anhält und den Palästinensern den Zugang nach Ostjerusalem und zu ihren Heiligen Stätten unmöglich macht. So erreichten die palästinensisch-israelischen Beziehungen Anfang 1993 ihren Tiefpunkt.

Trotzdem begannen am 20. Januar 1993 in Norwegen auf Initiative des norwegischen Außenministers Holst eine erste Runde streng geheimgehaltener Verhandlungen zwischen Israelis und der PLO. Im Februar und März wurden in Sarpborg/Norwegen Entwürfe für eine Prinzipienerklärung ausgearbeitet. Nachdem die PLO eine überarbeitete Fassung ablehnte (Mai 1993), beauftragte Außenminister Shimon Peres Joel Singer (juristischer Berater im Außenministerium) und Uri Savir mit der weiteren Verhandlungsführung, um den Gesprächen eine offizielle Ebene zu geben. Schließlich kamen Palästinenser und Israelis durch die Vermittlung von Holst zu einer Einigung (August 1993). In einer geheimen Zeremonie wurde die "Prinzipienerklärung über vorübergehende Selbstverwaltung" unterschrieben (19.August 1993). Einen Monat später tauschten Ministerpräsident Yitzhak Rabin und Yassir Arafat Briefe aus, die die gegenseitige Anerkennung beinhalten (9. - 10. September 1993). Der erste Schritt war getan. Mit der offiziellen Unterzeichnung der Prinzipienerklärung am 13. September 1993 durch Außenminister Peres und Mahmud Abbas (Abu Mazen), Mitglied des Exekutivkomitees und enger Berater Yassir Arafats endete die jahrzehnte währende Feindschaft zwischen Palästinensern und Israelis. Der Friedensprozess war in die Wege geleitet.

 

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