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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen Gemeinde Österreich entsprechen. Alle Rechte vorbehalten.

 

Ein Jahr nach der Trennung vom Dorf: Das Ein-Familien-Ghetto von Mas’ha

 

Zwischen einer acht Meter hohen Betonmauer und einem alarmgesicherten Zaun liegt ein kleines Tor. Hastig sperrt Hani Amer den einzigen Eingang zu seinem Haus auf. Über eine Militärstrasse führt er ein dänisches Fernsehteam hinein, wo bereits zwei kanadische Bauern und drei weitere AktivistInnen aus Deutschland, Südafrika und Frankreich warten. Die Vertreter der internationalen Friedensbewegung wollen Hani und Munira Amer über deren „Leben im Einfamilienghetto“ befragen – so wird das zu Hause der Familie Amer genannt, seit Israel das Gebäude mit der Apartheidmauer und drei Zäunen von allen Seiten eingekreist hat. Heute, am 6. Februar, jährt sich die größte Katastrophe in der Geschichte der Familie Amer. Hani will uns diese Geschichte von Anfang an erzählen.

 

Alles beginnt 1948, mit der Gründung Israels. Hanis Familie floh aus Kufr Kasem, weil ihre Heimatstadt von Israel besetzt wurde. Die Bewohner von Kufr Kasem wurden im Laufe der kommenden Jahre wiederholt angegriffen: Am 29. Oktober 1956 starben 49 Dorfbewohner, darunter sieben Kinder und neun Frauen, nachdem Grenzsoldaten den Beginn der täglichen Ausgangssperre von 18 Uhr auf 17 Uhr vorverlegt hatten – und die Nachzügler töteten.

 

Hanis Großvater wurde 1948 auf der Flucht von israelischen Truppen getötet. Die Flüchtlingsfamilie rettete sich in das 10 Kilometer entfernte Dorf Mas’ha. Ohne ihren Hauptverdiener lebten sie zehn Jahre lang unter den Bäumen, bis sie sich ein Haus leisten konnten.

 

1972 baute auch Hani sein eigenes Haus. Die folgenden 32 Jahre lebte er „ganz normal“ in Mas’ha unter der militärischen Besatzung. Er fand eine Stelle als Verwalter der Landbewässerung von Azun Atme, einem nahe gelegenen Dorf. Er und Munira hatten damals vier Kinder. In den späten 90er Jahren gründeten sie eine Gärtnerei, in der sie junge Oliven- und Zitrusbäume, Weinstöcke, Blumen und Ziersträucher züchteten sowie Dünger verkauften.

 

Das Haus von Hani und Munira liegt am westlichsten Rand Mas’has. Als die Siedlung Elkana in den 80er Jahren errichtet wurde, wurde dafür das Land Mas’has bis 20 Meter vor Hani Amers Haustür beschlagnahmt.

 

Besatzung, Landdiebstahl und Siedlungsbau: Hani und Munira sagen, das alles seien nur die „kleine Leiden“ im Vergleich zur „großen Katastrophe“, die genau vor einem Jahr – am sechsten Februar 2003 – begann. Damals kamen hochrangige Soldaten der israelischen Armee zum Haus der Amers. Sie boten der Familie zwei Möglichkeiten an: Das Haus müsse niedergerissen werden, um die Apartheidmauer an jener Stelle zu bauen. Sie könnten aber auch in ihrem Haus bleiben. Dann würde die Mauer allerdings zwischen ihnen und Mas’ha gebaut. Damit würde ihr Haus völlig isoliert von Mas’ha alleine auf der Siedler-Seite der Mauer stehen. Als Palästinenser dürften sie die Siedlung jedoch nicht betreten: Darum müsse das Haus auch von den restlichen drei Seiten eingezäunt werden. „Ihr habt keine dritte Wahl“, sagten die Soldaten.

 

Hani wurde Geld angeboten, um ihn zum Auszug zu bewegen. Aber er sagte: „Dieses Land würde Euch das gesamte Staatsbudget von Amerika und Israel kosten, und selbst dann würde ich es höchstwahrscheinlich nicht verkaufen.“

 

Vier Monate später sagten die Soldaten, sie würden die Apartheidmauer nun doch auf der anderen Seite des Hauses errichten, zwischen seinem Haus und der Siedlung. Das Amer-Haus würde in Mas’ha bleiben. Kurze Zeit darauf wurde die Entscheidung widerrufen: Die Soldaten kamen mit einer Landkarte und erklärten, dass auf Grund von Siedler-Protesten die Familie doch vom Dorf getrennt werde: „Es ist Euere Entscheidung ob Ihr bleibt oder geht“. Später kam eine weitere Gruppe von Soldaten. Sie orderten Hani an, das Haus für vier Jahre zu verlassen, und dann zurückzukehren – der obskure Befehl wurde nie weiter erläutert.

 

Eines Tages war die ganze Familie auf Besuch in Mas’ha. Als sie nach Hause kamen, umzingelten 30 israelischen Soldaten ihr Haus. Diese behaupteten, es würde eine militärische Regelung geben, die das Haus auf der anderen Seite der „Grenze“ bzw. in Israel platziere. Die Amers konnten 15 Tage lang ihr Heim nicht betreten. Als sie schließlich zurück durften, fanden sie alle ihre jungen Oliven- und Zitrusbäume, Weinstöcke, Blumen, Dünger und die Ziersträucher zerstört – einen Verlust von zig-tausend Dollar. 1948 war wieder da.

 

Die Amers investierten, was ihnen von ihren Ersparnissen noch übrig blieb, in einen Geflügelbauernhof in Azun Atme. „Jedes Huhn kostete acht Dollar. Ich habe 3.000 Hühner, einen Wasserspeicher und einen Generator gekauft und bezahlte für das Gebäude,“ erzählt Hani. Doch nach dem Mauerbau durfte er sein Haus nur noch selten verlassen. Er konnte die Hühner nicht mehr täglich betreuen. Den Bauernhof musste er mit großem Wertverlust verkaufen, weil Palästinenser in Israel seit Begin der zweiten Intifada kaum noch Arbeit bekommen. Deshalb verfügen nur noch wenige über die nötigen Mittel, einen Geflügelbauernhof zu kaufen.

 

Früher besaß Hani auch 15 Ziegen und Schafe. „Die waren nicht fürs Geschäft, die hatte ich einfach gern.“ Hani hat sie alle verkauft - wieder zu einem Spottpreis. Der Schafstall wurde im Juli 2003 bei Bauarbeiten an der Mauer zerstört. Hani wusste, dass er seine Tiere nicht mehr durch den Zaun zum fressen würde führen können.

 

Die größte Katastrophe – das war, als die Mauer gebaut wurde. Die Mauer drückt uns nieder, genau wie der ständige Terror der israelischen Siedler, die nachts Steine werfen. Es macht uns fertig." sagt Hani. Vor zwei Wochen stiegen 20 Siedler durch den Zaun. Nachts um halb zwei zerstörten ihre Steinwürfe den Wasserspeicher, die Solaranlage und die Fenster. Auch die Kinder der Amer Familie wurden schon mehrmals während des Spielens mit Steinen beworfen. Das Haupttor zwischen dem Amer-Haus und der Elkana-Siedlung ist der einzige Durchgang, der nie zugesperrt wird. Somit haben israelische Siedler freien Zugang zur verletzbaren palästinensischen Familie. Der von der israelischen Regierung so genannte „Sicherheitszaun“ sperrt die Amer Familie mit genau den israelischen Siedler zusammen, die behaupten, von den Palästinenser Schutz zu brauchen.

 

Aufgrund der ständigen Steinwürfe führte Israels Channel 1 Fernsehstation ein Interview mit den Amers. Channel 1 produzierte eine Sendung, die das Leben der Amers mit einem Leben im Gefängnis oder im Ghetto verglich. Innerhalb von drei Tagen waren die hochrangigen Soldaten wieder da. Sie fragten die Amers, wie sie es wagen können, öffentlich gegen die israelische Armee auszusagen. Sie sagten der Amer Familie, dass sie sonst nie auf ein eigenes Tor nach Mas’ha hoffen könnten. „Was nützt uns das Tor, wenn Ihr uns nach Lust und Laune ein- oder aussperren könnt, und Besuche von meiner Familie und meinen Freunde verhindert?“ fragte Munira. Schließlich übergaben die Soldaten doch den Torschlüssel. Gleichzeitig drohten sie, das Haus abzureißen, falls sie noch einmal Journalisten oder andere Besucher zum Haus kommen sähen.

 

Nach dem Verlust der Blumen, der Pflanzen, der Weinstöcke, der Oliven- und Zitrusbäume, der Ziegen und Schafe, der Hühner und der Eier, wird Hani jetzt wohl auch noch seine Arbeit verlieren. Die Zäune, die Mauer und die Tore machen den zehnminütigen Trip nach Azun Atme zu einer unkalkulierbaren, ein bis zwei Stunden langen Reise. Das ist schwierig für die palästinensischen Bauern, da sie ihre Felder regelmäßig bewässern müssen und auf eine zuverlässig funktionierende Bewässerungsverwaltung angewiesen sind. Hani sagt, er wisse, wie wichtig das Wasser für die Bauern sei. Er sei deshalb einverstanden, wenn sie ihn ersetzen wollten.

 

So haben Hani, Munira und ihre vier Kinder fast alles verloren. Munira ist den ganzen Tag allein zu Hause, während Hani bei der Arbeit und die Kinder in der Schule sind. Sie kann das Haus nicht unbewacht lassen und weder zum Frauenverein noch anderswo hinzugehen, weil Siedler oder Soldaten das Haus besetzen könnten. Zugleich fühlt sie sich nicht im Stande, das Haus alleine gegen einen eventuellen wiederholten Angriff von 20 Siedlern zu verteidigen. Abgegrenzt von den Nachbarn ist sie, ohne irgend jemanden um Hilfe bitten zu können, allein mit ihrer Angst. Hani gibt „Bush, Sharon, der palästinensischen Autonomiebehörde und den arabischen Staaten“ die Schuld an seiner Situation. „Ich habe noch nie einen Verantwortlichen der palästinensischen Autonomiebehörde in einem der Dörfer gesehen“, sagt er. „Sie haben nichts unternommen, um uns Bauern vor der Mauer zu beschützen. Durch Euch will ich Präsident Yasar Arafat ansprechen: Er nennt uns Terroristen, weil wir gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung leisten. Glaubt er, dass ich jetzt, wo ich mein Land verloren habe, nach Kanada oder Europa auswandern kann? Die Mutter all dieser Tragödien ist, dass israelische AktivistInnen und Menschen der ganzen Welt meinen Fall kennen und mich unterstützen, aber Yasser Arafat – mein eigener Präsident – ist gegen mich.“

 

Obwohl die Situation der Familie kaum ärger werden kann, haben sie sich geschworen, den israelischen Besatzungstruppen nicht nachzugeben. Zum Anlass des ersten Jahrestages ihrer „großen Katastrophe“, haben sie uns diese Nachricht übergeben: „Heute gibt es sehr viel Ungerechtigkeit. Alle politischen Führer der Welt üben Ungerechtigkeit aus. Bush repräsentiert Ungerechtigkeit. So kann es nicht weitergehen. Es muss ein Ende haben. Wir sind einfache Leute, und wir sind stolz, dass wir als einfache Leute der israelischen Armee Widerstand leisten können. Wir haben uns nie schwach gefühlt, obwohl unsere Situation uns schwach macht. Wir widersetzten uns der Ungerechtigkeit, und das gibt uns Kraft. Wir appellieren an alle Menschen der Welt, sich nicht unterdrücken zu lassen, sondern gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, wo immer sie sein mag.“

 

Text: Anna, IWPS, 6. Februar 2004 Übersetzung: Kay Schwendinger Edited by m.

 

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