Gemeinsamer Kampf gegen die Mauer (Azawiya-Masha): Gasangriff?
(IWPS: 12.Juni 2004, Bericht über Gush Shalom erhalten)
11. Juni : „Was die Armee gestern hier angewendet hat, war kein Tränengas. Wir wissen, was Tränengas ist und wie es wirkt. Das war etwas völlig anderes.“ Wir werden kurz von A., einem Dörfler mittleren Alters, informiert. Er spricht hebräisch, ruhig und nicht emotional, während er am Freitagmorgen in der glühenden Sonne am Rande der Felder von Azawiya steht. „Als wir noch weit weg von der Stelle waren, wo die Bulldozer arbeiteten, begannen sie mit etwas wie diesem zu schießen“ – (und hielt eine dunkelgrüne Metallhülse mit der Inschrift „ Hand- und Gewehrgranate Nr. 400“ auf Englisch in der Hand) – „Schwarzer Rauch kam raus. Jeder, der es einatmete, verlor sofort das Bewusstsein, es waren mehr als 100 Leute. Sie blieben länger als 24 Stunden bewusstlos. Einer, der im Rafidiya Krankenhaus im Nablus liegt, ist noch immer bewusstlos Sie hatten hohes Fieber und ihre Muskeln wurden starr. Einige brauchten dringend eine Bluttransfusion. Ist das nun eine neue Art, eine Demonstration aufzulösen – oder ist das chemische Kriegsführung?“ „Aber wenn sie glauben, dass dies uns zum Aufgeben bringt, dann sollen sie noch einmal nachdenken,“ sagt ein junger Mann außer sich – einer von den Organisatoren des heutigen Marsches. „Was sind wir ohne unser Land? 7000 Leute ohne Lebensunterhalt. Von hier bis zur grünen Linie sind es 5 km : 5km unsere Felder und Olivenhaine. Die Mauer wird direkt an unsere Häuser herankommen. Sie wird uns nichts übrig lassen. Wovon sollen wir leben, was essen? Besser auf unserm Land sterben - wir werden es jedenfalls nicht aufgeben“.
Während wir reden, kommen immer mehr Dörfler aus Azawiya selbst und den Nachbarorten Rafat und Dir Balat, die drei, die mit einander verbunden werden, wenn der Zaun erst mal fertig ist. Dies wird eine fast völlig abgeschlossene Enklave.
Es kommen immer mehr Israelis und Internationale, ein paar Dutzend, auch die Anarchisten, die schon in den letzten Tagen hier waren, auch Mitglieder von Gush Shalom, Ta’ayush, den ISM und den IWPS-Frauen. (Letztere haben ihre Basis im nahen Hares, sie machten uns aufmerksam auf das, was hier geschieht). Einige sind die ganze Strecke in ihren eigenen Wagen gekommen und haben die Armee und die Polizeistraßensperren umfahren. Andere benützten die Siedlerbuslinien von Tel Aviv und die palästinensischen gelben Taxis, die im Labyrinth blockierter Westbankwege regelmäßig fahren.
Es war fast Mittag, als wir losgingen. An der Spitze die große palästinensische Nationalflagge, und die Jugend rief: „Lang lebe Palästina!“ und „nationale Einheit: Fatah, Hamas, populäre Front!“ Egal zu welcher Partei sie gehörten, sie waren ausnahmslos freundlich und begrüßten jeden Israeli, der sich ihnen anschloss. Jungen boten Eis an und ließen es sich nicht bezahlen. Eine ältere Frau in traditionellem Gewand hatte in der einen Hand ein Megaphon, in der anderen eine Gasmaske. Sie leitete das Singen. Hinter ihr gingen zwei Isländer aus Reikjavik, die als Freiwillige für das palästinensische Medizinische Hilfskomitee arbeiteten. Viele Palästinenser hatten Gasmasken bei sich, auch die internationale Fernsehmannschaft, die den Marsch begleitete. Diejenigen die keine hatten, hatten flache Kartonbehälter mit Bindfaden, die man schnell über Mund und Nase halten kann oder ein Stück Stoff, das man übers Gesicht halten kann. Die Spannung stieg, als der Marsch durch die Felder ging, vorbei an den vor einigen Tagen zerstörten Olivenbäumen... Dann ein Aufatmen: die Soldaten und Bulldozer waren weg. Nur ein einziges Jeep stand in der Ferne und beobachtete. Der Platz der gestrigen Konfrontation lag voll leerer Patronen. Die palästinensische Flagge wurde an einer Stange befestigt, eine grüne islamische Flagge wurde daneben aufgestellt – einige runzelten missbilligend die Stirn. Unter dem Fahnenmast wurden mit dem Megafon einige Reden gehalten: „Hör zu Sharon! Hör zu Bush! Azawiya wird standhaft bleiben. Wir halten an unserm Land fest und an unsern Olivenbäumen!“
Danach knieten Tausende von Dorfbewohnern in Richtung Mekka und hielten einmütig das Freitaggebet.
Nach der Demo und dem Gebet war man im Begriff zurückzugehen, als junge Leute anfingen, dorthin Steine und Felsen zu wälzen, wo die Route für den Mauerzaun schon vorbereitet war. Israelis und Internationale halfen mit. „Ich weiß, das wird die Bulldozer nicht aufhalten – aber wir wollen es ihnen so schwer wie möglich machen,“ sagte einer der jungen Leute ....
(Aus dem Englischen und gekürzt: Ellen Rohlfs)
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