Die beiden Katastrophen
von Baruch Kimmerling, 6.12.2004, Jerusalem
In der Nach-Arafat-Ära bemühen sich Israelis und Palästinenser
wieder darum, einen Weg zum Frieden zu finden. Aber bis nicht
jede Seite die Katastrophe der anderen Seite mit
Einfühlungsvermögen ehrlich zu verstehen versucht *, ist es wie
ein Dialog unter Tauben.
Eines der mutigsten Statements, das jemals aus der Feder eines
jüdisch-israelischen Intellektuellen kam, wurde von dem
Philosophen und Historiker Yehuda Elkana vor über 10 Jahren
gemacht. In einem Artikel, der „ Ein Lob für das Vergessen“
überschrieben war, rief Elkana die israelische politische,
kulturelle und lehrende Elite auf, „den Holocaust zu vergessen.“
„ Ich kann mir heute keine wichtigere politische und
erzieherische Aufgabe für die Führer dieser Nation vorstellen,
als im Namen des Lebens sich selbst dem Aufbau unserer Zukunft
zu widmen und sich nicht von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang mit
den Symbolen, Gedenkfeiern und „Lektionen“ des Holocaust zu
befassen. Es ist ihre Pflicht, die Dominanz historischer
„Erinnerung“ über unser Leben zu entfernen.“
Elkanas Erklärung verursachte extrem heftige emotionale
Reaktionen. Seine Empfehlung wurde nicht nur energisch
zurückgewiesen – seit sie gemacht wurde, ist die israelische
Gesellschaft noch tiefer in Holocaustrituale eingetaucht.
Sicher ist zu hinterfragen, ob es überhaupt möglich ist, solch
eine Erinnerung zu unterdrücken oder zu vergessen. Es ist auch
zu hinterfragen, ob es für Israelis - nicht nur als Juden,
sondern auch als menschliche Wesen - moralisch annehmbar ist,
die Erinnerung an diese schreckliche Katastrophe, eines der
größten je begangenen Verbrechen zu vergessen oder gar aktiv
auszulöschen. Man sollte außerdem fragen, ob es möglich sei, ein
holocaustfreies Gedächtnis herzustellen oder wenigstens eines,
in dem der Holocaust ganz an den Rand gedrückt wird.
Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Aber Elkana verlangte
gar nicht, dass der Holocaust aus dem individuellen und
kollektiven Gedächtnis verschwindet. Seine Sorge richtete sich
gegen die manipulierte Anwendung (Instrumentalisierung) des
Holocaust bei all denen, die sich damit beschäftigten, und die
Überbewertung der Vergangenheit von israelischen und
Diasporajuden auf Kosten der Gegenwart und der Zukunft. Juden im
allgemeinen und israelische Juden im Besonderen ziehen aus dem
Holocaust entgegengesetzte Lektionen. Die eine Lektion ist
ethnozentrisch: „Es ist unsere Pflicht , stark zu sein, um nicht
wie Schafe zur Schlachtbank geführt zu werden,“ und, nachdem,
was Nichtjuden uns gegenüber getan haben, haben wir moralisch
die Freiheit, gegenüber Nicht-Juden fast alles zu tun. Genau
dies ist die Haltung, die Elkana wütend gemacht hat. Die andere,
die entgegengesetzte Lektion ist universalistisch: ein Volk, das
den Holocaust durchlebt hat, hat nicht nur eine starke
Verpflichtung, gegenüber Leiden und Ungerechtigkeit übersensibel
zu sein, sondern sollte sich selbst gegenüber anderen human
verhalten, selbst wenn es auf Kosten gewisser materieller oder
politischer Schäden geschieht.
Ich lebte viele Jahre in einem Jerusalemer Vorort, Mevasseret
Zion. Dies ist eine neue und sich entwickelnde Wohngegend, die
vor allem von Ashkenazim der Mittelklasse bewohnt wird. Zunächst
war es ein Ort, der 1956 errichtet wurde und von „Marokkanern“
(Juden, die aus Marokko nach Israel einwanderten) bewohnt war.
Dann kamen Entwickler und Unternehmer, die es in Mevasseret
umwandelten. In dieser Siedlung wurde ein neues
Absorptionszentrum eingerichtet, das heute hauptsächlich „Äthiopern“
hilft. Dieses Absorptionszentrum ließ in einigen der neuen
Bewohnern von Mevasseret Ängste hoch kommen und den Neid junger
Paare, den Nachkommen der alten Bewohner.
Eine meiner wichtigsten Überlegungen bei der Wahl für Mevasseret
Zion war eine ideologische. Ich wollte nicht jenseits der Grünen
Linie leben, jenseits der Grenze von 1967. Ich wollte kein
„Siedler“ sein. Doch die Wahrheit ist, dass ich dennoch ein
Siedler wurde. Bald nach unserer Ankunft kamen palästinensische
Arbeiter aus den Dörfern und Flüchtlingslagern der Umgebung in
unser Haus und die Nachbarschaft. Sie nannten den Ort nicht
Mevasseret. Für sie ist es bis heute Qalunia – sein ursprünglich
arabischer Name – geblieben. Es war nicht das erste Mal, dass
ich Palästinensern aus allen sozialen Schichten begegnete, vom
einfachen Tagelöhner bis zu Kollegen, Professoren an
Universitäten. Sie saßen mit mir zusammen und erzählten mir ihre
Familiengeschichten, von wo sie waren, wohin sie 1948 vertrieben
wurden oder geflohen waren und was jedem Familienmitglied im
einzelnen, oft in zwanghaften Details erzählt, geschehen ist.
Ich muss gestehen, mehr als einmal war ich versucht, die
Gegengeschichte zu erzählen, meine Geschichte und die meiner
Familie und was uns in „unserem“ Holocaust passiert ist. Es
waren verschiedene Gründe. Einerseits wollte ich Empathie
demonstrieren, um meinem Partner zu zeigen, wie sehr ich ihn
oder sie verstehe, da auch ich wusste, was eine Katastrophe ist
und was es heißt, Flüchtling zu sein. Andrerseits war ich davon
erfüllt, die eine Geschichte gegen die andere Geschichte zu
stellen, die eine gegen die andere Katastrophe, um die Situation
auszubalancieren, um ein gewisses Gleichgewicht zwischen den
Katastrophen herzustellen. Im Falle von Qalunia mag es sogar
mehr als das gewesen sein, eine gewisse Rechtfertigung für meine
persönliche Präsenz an diesem Ort. Aber meistens überwand ich
mich und hielt mich mit dem Erzählen meiner Geschichte zurück.
Ich hielt mich mit dem Erzählen der Gegengeschichte auch deshalb
zurück, weil ich fühlte, dass die al-Nakba, die palästinensische
Tragödie von 1948, mit dem Holocaust nicht vergleichbar ist –
außer in einem Punkt. Beide Ereignisse hinterließen in beiden
Völkern kollektive und persönliche Traumata. Bis zum heutigen
Tag leben beide im Schatten dieser Traumata.
Man kann unmöglich die Kultur oder das Verhalten verstehen, wenn
man nicht den Kern dieser Ereignisse in ihrer Identität und
Erinnerung versteht. Deshalb war ich sehr froh, als ich vor ein
paar Jahren einen Artikel in diesem Sinn von Edward Said über
den Holocaust las, ein Artikel, der mit Saids charakteristischem
intellektuellen Mut geschrieben wurde.
1948 führten die Juden eine ethnische Säuberung durch. Die
meisten arabischen Bewohner, die damals dort lebten, wo der
israelische Staat errichtet wurde, wurden brutal aus ihren
Häusern vertrieben, oft begleitet von Massakern, Vergewaltigung
und Plünderung. Die Folge davon war der kollektive Kollaps der
palästinensischen sozialen und politischen Gesellschaft. Sie
wurden ein Volk von Flüchtlingen und Exilanten. Trotzdem kann
eine brutale ethnische Säuberung und Vertreibung nicht mit dem
systematischen Genozid im Holocaust verglichen werden. Dies war
ein nie vorher da gewesenes Verbrechen größten Ausmaßes, ein
Verbrechen gegen die ganze Menschheit. Es war beabsichtigt, am
Ende eine Weltordnung zu schaffen, in der eine Gruppe als
„Rasse“ alle anderen „Rassen“ beherrschen sollte.
Aus einer dritten Perspektive war die Hineinnahme des Holocaust
in das Gespräch und den Konflikt zwischen uns und den
Palästinensern unerträglich, weil die Palästinenser gar nichts
mit dem „Holocaust“ zu tun hatten - außer in der Weise, wie die
ganze Menschheit damit zu tun hatte. Anders ist es mit der Nakba,
die direkt zu einem Teil der Gründungsgeschichte des jüdischen
Staates wurde.
Die Geschichte ist jedoch noch komplizierter. Der Ort, in dem
ich lebe, wird anscheinend mit der biblischen Stadt Motza
identifiziert, die tatsächlich neben dem gegenwärtigen Motza
liegt, einem anderen Vorort der Mittelklassebevölkerung des
jüdischen Jerusalem. Kaiser Vespasian machte sie zu einer
Kolonie römischer Soldaten, Colonia Amosa, die eine
byzantinische Siedlung wurde, die Koloneia genannt wurde, ein
Name, den die arabischen Eroberer fast unverändert übernahmen,
als sie das Land im 7. Jahrhundert eroberten. Alle diese
Informationen fand ich in dem Ort, in dem ich lebe, in einem
Band, den der alte palästinensische Historiker Walid Khalidi
geschrieben hat. Dieses Buch dient als eine Art Memorial für die
arabischen Orte, die es einmal gab und die nach dem 1948 er
Krieg und der Kolonisierung durch Juden verschwanden.
Aus diesem Buch erfuhr ich auch, dass vor 1948 hier in Qalunia
900 Araber in 156 Häusern lebten. Touristen und Pilger
beschrieben es als reiches Dorf. Es hatte Zitrusplantagen und
ein Gasthaus für Durchreisende; es war der letzte Rastplatz vor
Jerusalem. Das Dorf wurde am 11. April 1948 als Teil der
Operation Nachshon von der Haganah angegriffen. Der israelische
Historiker Benny Morris schreibt, dass die jüdischen Kräfte zwei
Tage dort blieben, um die völlige Zerstörung des Ortes zu
gewährleisten. Die meisten seiner Bewohner flohen offensichtlich
am 9.4., nachdem Berichte vom Massaker im benachbarten Deir
Yassin bekannt wurden.
Einige Juden weisen auf ihre biblischen Wurzeln im Heiligen
Land, was ihnen ein größeres Recht als den Palästinensern gäbe,
dort zu wohnen. Aber mit diesem Argument muss man 2000 Jahre
zurückgehen. Und warum sollten in diesem Fall die Palästinenser
nicht auf nur 57 Jahre zurückgehen? Die zionistische Forderung,
es solle die Situation, wie sie angeblich vor 2000 Jahren war,
wiederhergestellt werden, unterstützt damit auch die
palästinensische Forderung, dass die Situation wieder
hergestellt werden solle, wie sie vor nur einer Generation
bestand.
Dieses äußerst seltsame Spiel des „Wer-war-zuerst-da?“ ist eine
Absurdität.
Tatsächlich ist die Geschichte des Ortes, in dem ich lebe, ein
Fallbeispiel für das, was im ganzen Land geschah, bevor ich
hierher emigrierte. Zwischen 7 und 800 000 Araber wurden aus
etwa 400 arabischen Orten vertrieben. Die meisten Orte wurden
dem Erdboden gleich gemacht. Einige wenige wurden von jüdischen
Emigranten bewohnt und ihre Namen hebräisiert. Eine kleine
Anzahl ihrer Bewohner wurde in der Schlacht getötet oder starben
vor Hunger oder Krankheit. Der größte Teil von ihnen wurden
Flüchtlinge und wurden in der ganzen Region und der Welt
zerstreut. Einige wurden „interne Flüchtlinge“, d.h. sie flohen
oder wurden aus ihren Wohnungen vertrieben, und obwohl sie
innerhalb der Grenzen Israels blieben, war es ihnen nicht
gestattet, in ihre Häuser zurückzukehren.
Ihr Besitz als der von „Anwesend-Abwesenden“ wurde konfisziert
und verstaatlicht. Diese ethnische Säuberung, die 1948
ausgeführt wurde, sollte in ihrem geschichtlichen Kontext
gesehen werden, was bedeutet, dass die jüdische Perspektive mit
berücksichtigt werden muss. Es ist indiskutabel, dass die Folgen
des Krieges eine große Katastrophe für die palästinensische
Gesellschaft war und unbeschreibliches, menschliches Leid für
Generationen auslöste, das sich bis heute fortsetzt. Aber man
muss auch erkennen, dass diese Folgen nicht vorherbestimmt
werden konnten. Es bestand zu jenem Zeitpunkt noch die
Möglichkeit, dass die Gesellschaft jüdischer Immigrantensiedler
zusammenbrechen und zerstört würde. Beide Seiten betrachteten
die Situation als einen Krieg, in dem nur eine von beiden
Gemeinschaften politisch überleben würde. Dies war wenigstens
unter Juden das subjektive und ehrliche Gefühl, nachdem sie
gerade die Folgen des Holocaust und seine Bedeutung zu verstehen
begannen. Die Möglichkeit eines weiteren Holocaust in Palästina
erschreckte die Juden, und deshalb standen ihre militärische
Doktrin und Aktivitäten unter diesem Trauma.
Die Verbindung zwischen dem jüdischen Holocaust und der
arabischen Katastrophe besteht also in der palästinensischen
Geschichtsschreibung – doch ihr Kontext und seine Bedeutung sind
unterschiedlich. Die palästinensische Beschwerde darüber ist
bekannt und klar. Nicht Muslime oder Araber, sondern der
christliche Westen, Europäer und Amerikaner begingen das
schreckliche Verbrechen gegen das jüdische Volk. Die einen
führten die Vernichtung durch; die anderen verschlossen die
Augen davor und unternahmen nichts, um dieses zu verhindern.
Nachdem sie ihre Verbrechen gegen Juden begangen hatten, wuschen
sie ihre Hände in Unschuld, (leugneten ihre Verantwortung) und
ließen das arabisch-orientalische Volk den Preis zahlen, indem
sie mithalfen, ihr Land zu enteignen und so versuchten, ein
Verbrechen mit dem anderen aufzurechnen. Es ist also kein
Wunder, dass viele Palästinenser und andere Araber gegenüber dem
Westen sehr aufgebracht sind --- es ist ein Groll der vielleicht
unter den am meisten „Verwestlichten“ unter den Arabern am
stärksten ist.
Das Trauma der Vertreibung und der Zerstreuung, das sowohl
persönlich als auch national empfunden wird, hat die
palästinensische Lebenserfahrung mehr als alles andere geprägt.
Genau wie der Holocaust wird die Nakba für den Zweck, eine
kollektive palästinensische Identität aufzubauen, dazu
verwendet, neben konstruktiven und kreativen Prinzipien auch
zerstörerische und aggressive zu schaffen – wie den Kult um den
Märtyrertod einzelner, der die Selbstmordattentäter umgibt.
Die palästinensische Literatur und Dichtung reflektiert diese
Heimsuchung mit Erinnerung ...Die Dichterin Fadwa Touqan
schrieb: 1948 starb mein Vater und Palästina war verloren
...diese Ereignisse gaben mir die Fähigkeit, nationale Dichtung
zu schreiben, wie sie mein Vater immer von mir wünschte“. Eine
Gedichtsammlung des Dichters Mahmoud Darwish war überschrieben:
„Unglücklicherweise war es das Paradies“ Eine Volkskultur, die
sich in Liedern, Balladen, Gedichten und Prosa ausdrückt, dreht
sich um drei zentrale Themen : Die Erinnerung an das verlorene
Paradies, aus dem die Palästinenser vertrieben wurden; die
bittere Klage über die Gegenwart und der Wunsch nach Rache und
Wiederherstellung; und die Beschreibung der zukünftigen
siegreichen Rückkehr zu den Feldern, Weingärten, dem Haus, dem
Dorf und der Heimat.
Je weiter die Palästinenser geographisch und politisch von
Palästina entfernt sind und je weniger Kontakt sie mit Juden
oder Israelis haben, um so intensiver wachsen diese mythischen
Prinzipien in ihrem Gedächtnis, zusammen mit Hass und dem Wunsch
nach Rache. Diejenigen, die in engem, oft intimem – zuweilen zu
intimem Kontakt mit der zionistischen Entität sind - wie die
arabischen Bürger im jüdischen Staat – lernten, uns anerkennen,
lernten unsere Sprache, unsere Sitten und die Vielfalt und
Vielstimmigkeit unter uns und unserer Kultur. Das stimmt auch
für die Beziehungen zwischen Israelis und den (arab.) Arbeitern
und Gefangenen aus den besetzten Gebieten nach dem Krieg von
1967.
So haben die Palästinenser einerseits Israel die Ungerechtigkeit
und ihr Elend , das ihr Schicksal war und ist, übelgenommen.
Andrerseits hat der jüdische Staat unter Palästinensern eine
Mischung von Anerkennung und Neid auf seine materielle und sogar
geistige Kultur und militärische Macht erregt. Diese
Palästinenser erkennen das hässliche und das reizvolle Gesicht
Israels an. Ganz sicher erkennen sie die Israelis weit mehr an
als wir sie.
Nach einiger Zeit wurde den Palästinensern bewusst, dass Israel
eine unabänderliche Tatsache ihres Lebens ist. Deshalb sei es
sinnvoll, einen modus vivendi zu finden, sich mit seiner
Existenz abzufinden und zu einer erträglichen Vereinbarung zu
kommen. Die Anerkennung, dass ein solches Abkommen besser ist
als die Verewigung des palästinensischen Leidens und seine
Weitergabe von Generation zu Generation hat im palästinensischen
Denken eine Revolution ausgelöst. Deshalb haben kürzlich einige
ihrer Intellektuellen – wie unsere Intellektuellen in der 30er
Jahren – von einem bi-nationalen Staat zu träumen begonnen.
Trotz der letzten vier gewalttätigen Jahre der al-Aqsa Intifada
ist eine wachsende Anzahl von Palästinensern - besonders jene,
die in den 1967 von Israel besetzten Gebieten leben - aus Mangel
an anderen Möglichkeiten, bereit, den Traum von Großpalästina
aufzugeben. Trotz der Ungerechtigkeit bei dieser Konzession,
sind sie bereit, auf ihren Familienbesitz und auf einen Teil
ihres nationalen Vermögens zu verzichten – unter der Bedingung,
dass sie einen eigenen Staat bekommen und sich das Leben ihres
Volkes verbessert.
Als Entgelt dafür bitten die Palästinenser nur darum, dass -
wenn wir ihnen schon nicht ihr Land und ihre Häuser, die 1948
widerrechtlich angeeignet wurden, zurückgeben - wir wenigstens
ihre Katastrophe und ihr Leiden anerkennen sollten, ja, dass
unsere Gesellschaft und unser Staat auf den Ruinen der
arabischen Gesellschaft und Kultur gegründet wurde.
Die Palästinenser erwarten nicht einmal, dass wir sie um
Vergebung bitten – es geht nur um die Anerkennung der
historischen Fakten. Politisch und praktisch sind sie
berechtigt, zu erwarten, dass wir als Gesellschaft und Staat die
direkte Verantwortung für eine Rehabilitierung der
palästinensischen Flüchtlingsgesellschaft, die wir geschaffen
haben, zu übernehmen. Sie haben auch jedes Recht, zu verlangen,
dass wir kein „Subunternehmer“(Marionetten)-Regime wie Arafats
palästinensische Behörde über sie setzen, die alle ihre
Menschen- und zivilen Rechte verletzt hatte.
Ganz einfach das palästinensische Narrativ, ihr
Kollektivgedächtnis und ihr Leiden anerkennen -- ein Narrativ,
von dem Israel ein Teil ist, so wie die Palästinenser ein Teil
des israelischen Narrativ sind – das ist für das Reifen der
israelischen Gesellschaft selbst nötig.*
Stärke zeigt sich nicht nur militärisch. Unsere wahre Stärke
kommt dann zum Vorschein, wenn wir in der Lage sind, uns
selbstkritisch im Spiegel zu betrachten, und wenn wir verstehen,
dass je mehr das palästinensische Volk rehabilitiert ist, es um
so besser für uns als Juden und als Menschen sein wird. Wenn die
Vergangenheit mit all seiner Last weder von uns noch von den
Palästinensern vergessen werden kann, dann müssen wir uns
wenigstens darum bemühen, ein gemeinsames, mitfühlendes Narrativ
der Vergangenheit zu schaffen, in dem jeder von uns das Leiden
des anderen anerkennt. Dieser offene, von beiden Völkern
begangene Weg der Erinnerung würde Israel auf die Dauer mehr
Sicherheit bringen als jede Mauer.
Dieser Teil einer Programmrede ( zur jährlichen Konferenz der
israelischen Anthropologischen Gesellschaft, 1999) hier in einer
bearbeiteten Fassung Er wurde dem Gedächtnis von Edward Said
gewidmet, dem tapfersten Intellektuellen, den ich je gekannt
habe.
(Über den Verfasser: Baruch Kimmerling ist Professor der
Soziologie an der hebräischen Universität von Jerusalem und der
Autor des Buches „Politizid: Ariel Sharons Kriege gegen die
Palästinenser“ und Co-Autor von „Das palästinensische Volk: eine
Geschichte“.
* Vgl auch Uri Avnery: Wahrheit gegen Wahrheit, 101 Thesen, Mai
2004, AphorismA-Vlg Berlin)
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)
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