Konfisziert, besetzt, zerstört
Israel vernichtet Palästinas Kultur, sagt Sa'd Nimr, Koordinator
von "Museum ohne Grenzen"
"Museum ohne Grenzen" - das ist der Name eines Projekts, das
seit 1993 zwischen Europa und der arabischen Welt vermitteln
will. Es ist ein Verbund von Archäologen, Wissenschaftlern aus
dem gesamten Mittelmeerraum. Die Europäische Union finanziert
das Projekt, das gerade unter dem Titel "Pilger, Sufis und
Gelehrte" eine Bestandsaufnahme zur Lage des Kulturerbes in
Palästina veröffentlicht hat (Islamische Kunst im Westjordanland
und im Gazastreifen, Wasmuth Verlag). Ein Gespräch mit dem
Koordinator von "Museum ohne Grenzen" für Palästina, Sa'd Nimr.
SZ: Die Organisation "Museum ohne Grenzen" will Brücken zwischen
Europa und dem Nahen Osten schlagen. Ziel ist es, Verständnis
für die Tatsache zu wecken, dass sich Europäer und Muslime einen
gemeinsamen Kulturraum auf beiden Seiten des Mittelmeeres
teilen. Wieist die Lage in Palästina?
Sa'd Nimr: Unser Kulturerbe befindet sich in einem
katastrophalen Zustand. Von den 65 wichtigsten kulturellen und
religiösen Denkmälern in Palästina sind allein seit Ausbruch der
Intifada sechs oder sieben zerstört, beschädigt oder von den
Israelis konfisziert worden. In Nablus zum Beispiel wurde die
Al-Khadra-Moschee schwer beschädigt. Es steht zwar noch das
Minarett, das von der Moschee getrennt ist, doch wichtige Teile
dieser wunderbaren Moschee aus der Mameluckenzeit wurden
zerstört. Ein anderes Bauwerk, die alte Karawanserei der früher
weithin bekannten Handelsstadt Nablus, wurde mit Bulldozern zum
Einsturz gebracht - damit die israelischen Soldaten einen
besseren Blick in die Altstadt werfen können.
SZ: Die Zerstörungen folgen also der Logik des Militärs?
Nimr: In Hebron, wo 400 radikale Siedler unter 120 000
Palästinensern leben, sind 800 Jahre alte Häuser, wunderbare
Bauwerke aus der Mameluckenzeit, von den Israelis abgerissen
worden, damit die Siedler mehr Platz haben, um zum Grabmal
Abrahams zu gelangen. Ebenfalls in der Altstadt von Hebron wurde
der Schrein von Scheich Ali al-Bakka von den Siedlern
konfisziert, indem sie ihn mit Stacheldraht umgaben und ohne
Angabe von Gründen besetzten. Wir wissen nicht, wofür sie ihn
benutzen, aber es ist eine unserer heiligen Stätten. In
Jerusalem wurde die Madrasa al-Tankizijja konfisziert, eine
historische Koranschule mit großartigem Portal, ebenfalls aus
der Mameluckenzeit. Die israelische Grenzpolizei benutzt das
Gebäude als Außenposten in Ostjerusalem.
SZ: Kann es mit den Israelis keine Verständigung geben?
Nimr: Die Israelis zeigen keinerlei Respekt für die Heiligtümer
und das Kulturerbe der Palästinenser. Bis 1967 gab es in
Ostjerusalem das "Palestine Archeological Museum" aus der
britischen Mandatszeit, mit großartigen Zeugnissen der
islamischen Kunst in Palästina, darunter Schnitzereien und
Holzarbeiten aus der Jerusalemer Al-Aksa-Moschee. Als die
Israelis Ostjerusalem besetzten, konfiszierten sie das Museum
und führten es unter dem Namen "Rockefeller Museum" fort. Es ist
jetzt dem "Israel Museum" angeschlossen.
SZ: Wie ist die Lage der islamischen Kulturgüter auf
israelischem Boden?
Nimr: Das islamische Kulturerbe in Israel und seit 1967 auch in
den besetzten Gebieten wird systematisch und bewusst
vernachlässigt. Moscheen wurden in manchen Dörfern
zweckentfremdet und beispielsweise zu Kulturzentren gemacht. Die
Israelis nahmen auch viele Ausgrabungen vor. Was immer man an
Kunst in Palästina fand, wurde nach Israel gebracht. Mosche
Dajan, der ehemalige Verteidigungsminister, war ein
weltbekannter Kunstsammler. Auf die Moschee von Jaffa, der einst
wichtigsten Stadt in Palästina, heute ein Vorort von Tel Aviv,
wurde vor einigen Jahren ein Bombenanschlag verübt. Niemand
weiß, wer dafür verantwortlich ist. Das Minarett wurde zerstört,
die Israelis wollten daraufhin die ganze Moschee abreißen. Doch
es gab zu viel Widerstand von der einheimischen muslimischen
Bevölkerung.
SZ: Wie verhält sich Ihre Organisation im besetzten
Ostjerusalem?
Nimr: 25 unserer wichtigsten Monumente befinden sich in
Ostjerusalem. Für uns und die Arbeit von "Museum ohne Grenzen"
ist es ein großes Problem, dass Palästinenser nur unter großen
Schwierigkeiten nach Ostjerusalem gelassen werden. Junge Männer
zwischen 16 und 45 dürfen nicht in die Al-Aksa-Moschee, schon
gar nicht zum Freitagsgebet. Es ist uns nicht erlaubt, unsere
heiligen Stätten zu besuchen. Überhaupt gibt es vieles, was der
Westen nicht weiß. Das Kulturerbe ist wichtig für jede Nation,
aber ganz besonders für eine, die unter der Besatzung lebt.
Besatzung bedeutet nicht nur Demütigung, das Zerstören von
Häusern und das Töten von Menschen. Wir haben auf die Einlösung
des Oslo-Vertrags gewartet, dann hätten wir zum Beispiel das
Palästina-Museum in Ostjerusalem automatisch zurückbekommen.
Aber es ist nichts daraus geworden.
Interview: Werner Bloch
Süddeutsche Zeitung
Nr. 2, Dienstag, 4. Januar 2005, Seite12
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