Konflikt im Nahen Osten: Israels Selbstbild als Problem?
Interview mit Prof. Moshe Zimmermann von der Hebräischen Universität Jerusalem
Interview: Harald Neuber
Moshe Zimmermann ist seit 1982 Professor für Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Seit 1986 leitet er das dortige Richard-Koebner-Zentrum für deutsche Geschichte.
Ihr neuestes Buch trägt den Titel »Goliaths Falle«. Darin beschreiben Sie die Metamorphose der jüdischen Gesellschaft der Diaspora zur heutigen israelischen Gesellschaft. Sie benutzen dazu das Bild von David und Goliath. »Ein Goliath«, schreiben Sie mit Hinblick auf den Konflikt im Nahen Osten, »kann aber nie gewinnen«. Warum?
Weil er im Falle eines Sieges von vornherein der Bevorzugte ist. Nur ein David kann einen wirklichen Sieg davontragen, weil er der Unterlegene war, am Ende aber doch triumphiert. Verliert er, dann war das von Beginn an klar. Ich benutze dieses Bild für die Situation des israelischen Staates heute. Historisch gesehen wurden die Juden und Israel international als David betrachtet: schwächer, aber klüger und deswegen erfolgreicher. Mit der Zeit aber verwandelte sich Israel in eine starke Gesellschaft, die den Krieg mit den Palästinensern aber nie gewinnen kann. Die Juden in der Diaspora leiden darunter. Sie haben noch immer das Image des David, identifizieren sich aber mit Israel, dem Goliath.
Unterscheidet sich die Selbstwahrnehmung in Israel gegenüber der Wahrnehmung Israels auf internationaler Ebene?
Ja und nein. Die Israelis haben noch nicht gemerkt, daß sie von Davids zu Goliaths geworden sind. Die Juden in der Diaspora wissen es, weil sie dieses fälschliche Gefühl der Stärke nie kennengelernt haben.
Welche konkreten politischen Ergebnisse entstehen aus dieser Situation?
Israel kämpft immer weiter, als sei es unterlegen und schwach. Dabei benutzt die Armee Mittel, die dieser Rolle schon lange nicht mehr gerecht werden. Israel ist heute so stark, daß es die Palästinenser ohne weiteres unterdrücken kann. Innenpolitisch hat sich dadurch eine regelrechte Schizophrenie entwickelt: Die Politiker spielen weiter die Rolle des schwachen David, der gegen einen Riesen kämpft. Das Militär und die Israelis, die zum Militär gehören, wissen aber sehr genau um ihre Stärke.
Kann dazu auch beitragen, daß, wie Sie schreiben, die fortbestehende Gefahr des Antisemitismus auf den regionalen Konflikt projiziert wird?
Der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, vermutete Antisemitismus überall dort, wo Juden in der Diaspora wohnen. Wenn sie in das eigene Land auswandern, dann wäre dies das Ende des Antisemitismus. Das Gegenteil trat ein: Nach der Gründung Israels entwickelte sich Antisemitismus in der arabischen Gesellschaft, in der Judenfeindlichkeit früher unbekannt war. In der Folge nährt sich auch der Antisemitismus in der Diaspora durch die Geschehnisse im Nahen Osten.
Israel ist also unfähig, den Konflikt zu lösen. Europa fällt als Vermittler wegen der historischen Belastung aber auch aus. Wo liegt die Lösung?
Früher hätte man auf die US-Amerikaner hoffen können. Heute erleben wir leider, daß die USA mit dem sogenannten Kampf gegen den Terror so befaßt sind, daß sie an dieser Vermittlerrolle nicht mehr interessiert sind. Mehr noch: Amerika steht eindeutig auf der Seite Israels, weil dieser Staat als Verbündeter im »Kampf gegen den Terrorismus« verstanden wird. So kommen wir aus diesem Schlamassel aber nicht heraus. Israel kämpft weiter gegen den palästinensischen Terror, und die palästinensischen Politiker finden keinen Weg, um die Israelis von Verhandlungen zu überzeugen.
Michel Warschawski, der Mitbegründer des Alternative Information Center (AIC), forderte unlängst im jW-Interview Sanktionen gegen den israelischen Staat, um die Politik der amtierenden Regierung zu verändern ...
Das ist eine eher marginale Tendenz in der Friedensbewegung. Ich denke, daß es schon viel Kritik innerhalb der israelischen Gesellschaft gibt. Ziel der Kritiker ist es aber, einen Regierungs- und vor allem einen Politikwechsel zu erreichen. Das halte ich für den richtigen Weg. Die Opposition in Israel ist seit Beginn der letzten Intifada relativ schwach. Zu viele Israelis setzen die Palästinenser mit Terroristen gleich. Dieser vereinfachten Version muß man politisch etwas entgegensetzen, und das kann die Opposition derzeit nur mühsam schaffen.
Moshe Zimmermann: Goliaths Falle. Israelis und Palästinenser im Würgegriff. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004, 192 Seiten, 8,50 Euro
(Quelle Junge Welt)
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