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Antwort von Fritz Edlinger zu der Stellungnahme von Ulrich Sahm (hier zum lesen)

Sehr geehrter Herr Sahm!

Es wäre sicherlich spannend und intellektuell herausfordernd, mit Ihnen einen grundsätzlichen Diskurs über den palästinensisch-israelischen Konflikt zu eröffnen, leider fehlt mir dazu ausreichend Zeit. Darüber hinaus würden wir höchstwahrscheinlich eine Debatte wiederholen, die bereits unzählige Male abgeführt worden ist, leider zumeist ohne nachhaltige Konsequenzen.

Bevor ich auf einige Ihrer Argumente antworte, möchte ich eine grundsätzliche Feststellung vorausschicken:

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist entgegen den vom israelischen Establishment verbreiteten Mythen und Legenden von Anbeginn an ein einseitiger gewesen, jedenfalls was das reale Stärkeverhältnis der beiden Konfliktparteien anbelangt. Diese historische Tatsache ist beginnend mit dem jüngst erst wieder aufgelegten Buch „Die Geburt Israels“ von Simcha Flapan im Jahr 1988 durch eine Serie von Veröffentlichungen der so genannten „neuen israelischen Historiker“ nachdrücklich bewiesen worden [1]. Somit handelt es sich also seit knapp 60 Jahren um einen völlig einseitigen Konflikt, bei dem die stärkere israelische Seite konsequent und Schritt für Schritt die schwächere arabisch/palästinensische Seite zurückdrängt. Spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967, infolge dessen Israel große arabisch/palästinensische Gebiete erobert und teilweise später auch einseitig annektiert hat (was natürlich einen flagranten Bruch des Völkerrechtes darstellt!), hat sich diese Einschätzung auch in der Welt herumgesprochen, was zu einer Änderung der Einstellung vieler Staaten zu Israel und seiner Eroberungspolitik geführt hat.

Kurzum: Israel ist die eindeutig stärkere Konfliktpartei in dieser blutigen Auseinandersetzung und hat als einziger der Kontrahenten die Macht, seinen Willen durch einseitige Maßnahmen durchzusetzen, nicht zuletzt auch wegen der mehr oder minder uneingeschränkten politischen Unterstützung seitens der USA. Derartige einseitige Maßnahmen stellen aber keinesfalls einen Schritt in Richtung Frieden dar sondern ein Diktat, wenn man so will, kann man es auch eine Erpressung nennen.

Die israelische Politik ist seit der Gründung des Staates im Jahre 1948 von dieser Einseitigkeit charakterisiert. Selbst die von Vielen als Jahre der Hoffnung bezeichnete Periode nach der Osloer Grundsatzvereinbarung 1993 (übrigens anerkannten damit die Palästinenser das Existenzrecht des Staates Israel und das bereits nach dem Palästinensischen Nationalkongress 1988 zum zweiten Male!) brachten kein wirkliches Umdenken und endeten mit dem Mord an Ministerpräsident Ytzhak Rabin in einer Katastrophe, die zu einer Rechtsentwicklung in Israel und zu einer „Rückbesinnung“ auf die Ziele der Gründungsväter Israels führten. Und weil Sie, sehr geehrter Herr Sahm, David Ben Gurion erwähnen: Dieser hat bewusst bei der Gründung des Staates 1948 auf eine Festlegung der Grenzen des „Staates der Juden“ verzichtet. Dessen Politik war, wie dies erst jüngst wieder in einem Artikel des israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery formuliert worden ist, davon gekennzeichnet, „die Grenzen des jüdischen Staates in einem andauernden Prozess so weit wie möglich hinauszuschieben, ohne eine nicht-jüdische Bevölkerung einzuschließen. Überall, wo möglich, zu siedeln und dabei jeden Trick zu verwenden. Viel zu handeln und wenig darüber reden. Erklärungen abgeben, dass man Frieden erreichen wolle, aber keinen Frieden machen, der die Expansion und Siedlung behindert.“[2] Man könnte meinen, diese Worte beziehen sich auf Arik Sharon. In so ferne ist als der gegenwärtige israelische Ministerpräsident also ein legitimer Vollstrecker des Programmes des „Vaters des heutigen Israel“ Davon Ben Gurion.

Einige Worte zum Terror

Sie prangern zu Recht den Terror von palästinensischen Organisationen an. Ich stimme mit Ihnen überein, dass Selbstmordattentate oder andere gezielte Anschläge auf unbeteiligte Zivilisten durch nichts zu rechtfertigende Verbrechen darstellen. Stimmen Sie auch mit mir darin überein, dass Bombenangriffe auf palästinensische Wohngebiete, gezielte Tötungen von vermeintlichen Terroristen (und dies nicht nur in den palästinensischen Gebieten sondern auch in einigen nahöstlichen ja sogar europäischen Staaten!), kollektive Strafmassnahmen gegenüber unbeteiligten Personen u.ä. ebenfalls Terror darstellen? Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass sich die israelische Armee seit Jahrzehnten eines verbrecherischen Staatsterrorismus schuldig gemacht hat und dass dafür natürlich die jeweiligen israelischen Politiker die volle Verantwortung tragen. Abgesehen davon, dass man die willkürlich und entschädigungslose Enteignung von palästinensischen Familien, die Inhaftierung von zig-tausenden PalästinenserInnen (darunter zahllose Kinder und Jugendliche) ohne ordentliche Prozesse und Verurteilungen und viele andere „administrative“ Maßnahmen sehr wohl auch als strukturellen Terrorismus bezeichnen kann. Es gäbe noch zahlreiche weitere Beispiele für die völkerrechtswidrige Besatzungs- und Vertreibungspolitik Israels. Dass diese seit vielen Jahren und von fast allen Staaten der Welt verurteilt wird, stellt für Sie, sehr geehrter Herr Sahm, offensichtlich eine unverständliche weltweite Verschwörung dar. Für mich ist dies schlicht und einfach Ausdruck eines – gottseidank – nach wie vor bestehenden internationalen Rechtsempfindens. Dass diese Empfinden mitunter einseitig und selektiv ist, mag stimmen, spricht aber Israel dennoch nicht frei von seinen Verfehlungen und Verbrechen.

Zu Ursachen und Wirkungen

Sie werfen mir vor, dass ich Ursachen und Wirkungen bestimmter Ereignisse verwechsle. Ich versuche, dies nicht zu tun. Ich teile aber absolut nicht Ihre Meinung, dass der Ausbruch der sogenannten Zweiten Intifada (können Sie sich noch an den auslösenden Faktor dieses Volksaufstandes, nämlich den provokanten Besuch des damaligen Oppositionsführers Sharon auf dem Haram Al-Sharif/Tempelberg erinnern?) den seit Oslo herrschenden Friedensprozess beendet hätte. Aus meiner Sicht verwechseln Sie mit dieser kurzschlüssigen Gleichung Ihrerseits Ursachen und Wirkungen. Sie wissen sicherlich genau so wie ich, dass Sharon von Anbeginn an den Oslo-Prozess abgelehnt hat, und daher mit diesem demonstrativen Auftritt wenige Wochen vor seinem ohnedies bereits feststehenden Wahlsieg diesem Prozess gewissermaßen den letzten Todesstoß versetzen wollte. Von wegen Ursachen und Wirkungen.

Angesichts der Langwierigkeit und Komplexität des israelisch-palästinensischen Konfliktes halte ich es aber für müßig, einzelne Ereignisse aus ihrem Zusammenhang zu reißen und ihnen damit eine größere Bedeutung beizumessen, als ihnen tatsächlich zukommt. Dies trifft im Übrigen auch auf einzelne terroristische Verbrechen zu. Solange man nicht bereit ist, die israelische Besatzung und die Weigerung, dem palästinensischen Volk sein Recht auf einen eigenen und vor allem lebensfähigen Staat zuzuerkennen, wird sich das Karussell des Terrors und Gegenterrors weiterdrehen. Dies sind die wahren Ursachen des Konfliktes. Um diese zu beseitigen, bedarf man eines Dialoges von gleich zu gleich. Die einseitige, nur die israelischen Sicherheitsinteressen berücksichtigende Politik a la Sharon wird sicherlich keine Lösung bringen, weder auf dem Gebiet der dauerhaften Sicherheit des „Staates der Juden“ noch auf jenem des unabdingbaren Kompromisses mit den legitimen Ansprüchen des palästinensischen Volkes. Diese sind genauso berechtigt wie jene des jüdischen Volkes. Kein Volk kann auf die Dauer ein anderes Volk entrechten und unterdrücken!

Sehr geehrter Herr Sahm, es gäbe noch viel zu sagen/zu schreiben. Aus Platz-. Zeit- und anderen Gründen verzichte ich darauf. Nach jahrzehntelangen Erfahrungen mit den Nahostkonflikt halte ich auch das Gegeneinanderaufrechnen von Verbrechen und anderen Schandtaten für wirklich nicht zielführend. Es geht um eine grundsätzliche Einstellungsänderung. Und – so leid es mir tut – davon kann ich bei der gegenwärtigen israelischen Regierung weit und breit nichts sehen. Diese taktiert – siehe das obige Avnery-Zitat über Ben Gurion – und steht unter dem massiven Druck einer rechtsradikalen faschistoiden Massenbewegung. Auch wenn Sie das höchstwahrscheinlich nicht hören wollen, so halte ich die gegenwärtige palästinensische Führung trotz ihrer vielfältigen Schwächen für weitaus realistischer und kompromissfähiger als ihr vis a vis in Israel.

Mit besten Grüßen,


Ihr Fritz Edlinger

Fritz Edlinger
Generalsekretär/Secretary General
Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen/
Society for Austro-Arab Relations
Stutterheimstr. 16-18/2/5
A-1150 Wien
Tel.: +43/1/5267810, Fax: 5267795
Internet: http://www.saar.at



[1] Simcha Flapan: Die Geburt Israels. Mythos und Wirklichkeit. Melzer Verlag 2005.

[2] „Was für ein Wunder“ 13.8.2005. Siehe www.uri-avnery.de

 

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