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Leserbrief/Stellungnahme von Fritz Edlinger an die Wiener Zeitung

Auf der Titelseite der Ausgabe vom 18.8. findet sich ein Foto einer israelischen Grenzpolizistin, welcher Tränen über die Wangen kollern. Im Bildtext wird auf die „menschlich schwierige Situation“ hingewiesen. Die gewählte Ausdrucksweise lässt offen, ob man die schwierige Situation der konkreten Grenzpolizistin meint oder jene der zwangsevakuierten israelischen SiedlerInnen. In den verschiedenen Berichten im Inneren dieser Ausgabe wird über die Räumungsaktionen im Gazastreifen berichtet, übrigens recht objektiv und neutral. Ein Bericht über ein ORF-Interview mit dem israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery rundet die einschlägige Berichterstattung ab.

Obwohl ich – wie bereits betont – die Berichterstattung der Wiener Zeitung für durchaus ausgewogen halte, möchte ich mir doch zwei Kommentare erlauben:

Die „schwierige menschliche Situation“ der israelischen Siedler ist wohl im Vergleich zu der seit Jahrzehnten katastrophalen Situation der unter israelischer Besatzung lebenden rund 1,5 Millionen PalästinenserInnen eher vernachlässigbar. Die rund 8.000 Siedler wussten sehr wohl, dass sie Teil eines illegalen und völkerrechtswidrigen kolonialistischen Projektes waren, ganz zu schweigen von der üppigen Kompensation von ca. US-Dollar 50.000,-- (!) pro Kopf!

Es wäre daher durchaus angemessen, sich auch näher mit der gegenwärtigen Situation der Palästinenser und deren zukünftigen Perspektiven zu befassen. Derzeit müssen an die 60% der gesamten Bevölkerung von weniger als USD 2,-- pro Tag existieren und die Arbeitslosigkeit liegt weit über 50%. Die Israelis hinterlassen also eine katastrophale Situation. Angesichts der Rahmenbedingungen des einseitigen und weitgehend unkoordinierten israelischen Rückzuges sieht die Zukunft des Gazastreifens eher düster aus. Es wird bei den gegenwärtigen Berichten nämlich vor lauter Begeisterung über diesen Rückzug übersehen, dass sich Israel weiterhin die alleinige Kontrolle zu Land, Luft und Wasser über den gesamten Gazastreifen vorbehält und auch die letzte Entscheidung über wichtige Infrastrukturmaßnahmen wie den Wiederaufbau des bereits zweimal von der israelischen Armee zerstörten (und von Europa finanzierten) Flughafens und auch den bereits seit vielen Jahren geplanten Bau eines Tiefseehafens trifft. Auch die bereits von Israel angekündigte Widerrufung sämtlicher Arbeitsbewilligungen für palästinensische Arbeiter aus Gaza in Israel wird zweifellos kaum zu einem gedeihlichen politischen und wirtschaftlichen Aufbau beitragen.

Der israelische Rückzug aus dem Gazastreifen stellt zwar einen durchaus begrüßenswerten ersten Schritt in die richtige Richtung dar, viele weitere und vor allem weitaus größere müssen jedoch folgen. Im Sinne einer korrekten Berichterstattung über die gegenwärtige Situation in Palästina sowie über die Perspektiven eines wirklich fairen und tragfähigen Friedensprozesses wäre es gerade auch jetzt sinnvoll, über wichtigere Aspekte als die „menschlichen Schwierigkeiten“ israelischer Siedler zu berichten.

Fritz Edlinger

Generalsekretär/Secretary General
Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen/
Society for Austro-Arab Relations
Stutterheimstr. 16-18/2/5
A-1150 Wien
Tel.: +43/1/5267810, Fax: 5267795
Internet: http://www.saar.at

 

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