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Profil
Lindengasse
52
1070
Wien
Betrifft:
"Israeli"
als "Kriegsverbrecher"?
Kommentar
von Peter Michale Lingens im Heft 20/2002
Leserbrief
Wien,
11.5.2002
Offensichtlich
gehen manchen Israel-Freunden angesichts der Übergriffe der
israelischen Armee in den palästinensischen Gebieten und der
wieder deutlich stärker werdenden Friedensbewegung innerhalb
und außerhalb Israels (siehe die eindrucksvolle Demonstration
der 100.000 am 11.5. in Tel Aviv!) allmählich die Argumente aus
und man greift zusehends in die politische
"Trickkiste". Nun ist man leider schon lange gewohnt,
daß Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Man
entkräftet damit zwar kaum eines der konkreten Argumente gegen
die israelische Besatzungspolitik, man schafft aber zumindest
eine persönliche Diskreditierung der Kritiker. Nun hat Peter
Michael Lingens in seinem Kommentar gleich einmal im ersten Satz
die Israel-Kritik auf das Niveau Jörg Haiders reduziert. Ariel
Muzicant hat in einem Offenen Brief vor wenigen Tagen denselben
polemischen Untergriff verwendet, indem er vier Sozialdemokraten
(Blecha, Hatzl, Swoboda und mich) in's gleiche Boot mit Haider
setzte. Ob eine bzw. welche Absicht sich hinter derartigen
polemischen Unterstellungen verbirgt, möchte ich hier nicht
analysieren. Und wenn, dann sollten sich die Vergleichszieher
vielleicht darüber den Kopf zerbrechen, welchen argumentativen
Bärendienst sie einer offensiven Auseinandersetzung mit dem
"spielerischen" Umgang von Haider und Seinesgleichen
mit Rassismus und Antisemitismus leisten.
Eine
ausfühliche Auseinandersetzung mit Lingens' Ausführungen würde
den Rahmen eines Leserbriefes bei weitem sprengen. Ich möchte
mich also lediglich mit einem Aspekt befassen und zwar mit den
Auswirkungen der jahrzehntelangen israelischen Besatzungspolitik
auf das internationale politische und rechtliche System. Schon
lange nicht ist der Welt so eindrucksvoll die Existenz von
Doppelstandards vor Augen geführt worden, wie in den letzten
Wochen. Das "Katz-und-Maus-Spiel" der israelischen
Regierung, einen einstimmig (also mit der Stimme der USA) gefaßten
Beschluß des Sicherheitsrates zur Entsendung einer
Untersuchungskommission nach Jenin konsequent zu bekämpfen und
letztlich zu Fall zu bringen, hat wieder einmal nachdrücklich
unterstrichen, daß sich Israel um so "nebulose" Dinge
wie Völkerrecht nur dann kümmert, wenn es zu seinen Gunsten
spricht. Eine Moral, die übrigens offensichtlich auch jene
Lingens' ist, der ja sein Verständnis dafür äußert, daß
Israel sich nicht dem "Risiko" einer derartigen
Untersuchung ausetzt. Man kann über Terror und Antiterror
debattieren so lange man will, aber die Tatsache, daß Israel
seit Jahrzehnten Hunderte von Beschlüssen der Vereinten
Nationen konsequent ignoriert und sich damit grundsätzlich und
nachhaltig in's Unrecht setzt, ist unbestreitbar. Anstatt sich
ständig mit den schrecklichen aktuellen Details eines nun
bereits seit 54 Jahren andauernden Konfliktes zu befassen,
sollte man sich vielleicht wieder einmal die realen Ursachen und
Grundlagen des Konfliktes ansehen, zumal sich in wenigen Tagen
(am 15.5.) zum 54. Male jenes historische Datum jährt, welches
von den Israelis als historischer Sieg und den Palästinensern
als katastrophale Niederlage empfunden wird.
Fritz
Edlinger
Generalsekretär
Gesellschaft
für Österreichisch-Arabische Beziehungen
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