Fast
Neuland könnte man sagen, betritt man die palästinensische
literarische Bühne. In der europäischen Literaturlandschaft
konnten sich Lyriker und Prosaschriftsteller aus Palästina kaum
etablieren, obwohl zahlreiche Werke auf dem Büchermarkt zu
finden sind.
Der geringe Bekanntheitsgrad palästinensischer Literaten lässt
sich vorwiegend auf die repressive Politik der israelischen
Besatzungsmacht zurückführen. Sehr viele Hürden und Barrieren
mussten überwunden werden, um überhaupt in Palästina und in
den arabischen Ländern zu Wort zu kommen. Dabei hatten es die
Prosaisten weitaus schwerer, sich gegenüber der schon seit
Jahrhunderten existierenden Poesie durchzusetzen.
Die Renaissance-Bewegung
Ausgehend von den aus Europa kommenden neuen Einflüssen der
Renaissance-Bewegung, durchlief die arabische Literatur Ende des
19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kontroverse über
Tradition und Moderne. Zwar handelt es sich hier vorwiegend um
Veränderungen innerhalb der Lyrik, aber die Renaissancebewegung
versuchte das Prosagenre in die arabische Welt einzuführen.
Obwohl diese Debatte auch in Palästina stattfand, konnte sich
die Renaissancebewegung aufgrund der politischen Verhältnisse
nicht durchsetzen. Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches,
der Übergang zur britischen Mandatszeit und die zunehmenden jüdischen
Einwanderungen veranlaßte die Lyrik, sich zu politisieren, während
die Prosa durch ihre kaum gefestigten Strukturen auf die
politische Situation nicht reagieren konnte.
Israelische Zensur
Erst durch die nakba von 1948 erfuhr die palästinensische
Literatur neue und entscheidende Impulse. Poesie und Prosa
wandten sich Themen wie der Verlorenheit und Machtlosigkeit
gegenüber den Briten und den Zionisten zu. Der Verlust der
Heimat und des Heimatgefühls sowie die Vertreibung aus Palästina
prägt die palästinensische Literatur.
Trotz eines langsam entstehenden literarischen Widerstandes kam
es immer wieder zur Stagnation der literarischen Entwicklung.
Betroffen war insbesondere die Prosa. Die israelische
Besatzungsmacht griff auf Maßnahmen wie ein absolutes Verbot
von Veröffentlichungen sowie auf die Zensur zurück, um
Entwicklung und Verbreitung der Werke entgegenzutreten. Obwohl
im israelischen Gesetz Zensur nicht verankert war, wurde sie von
der Militärherrschaft in der Praxis verschärft angewandt. Es
wurden beispielsweise nur Artikel veröffentlicht, die weder die
Sicherheit des Staates Israels gefährden noch palästinensische
Symbole aufweisen. Selbst der Terminus „Palästina"
stellte schon ein Risiko für die Sicherheit des Staates Israel
dar. Aus diesem Grunde war Palästina nicht in den Geschichtsbüchern
der palästinensischen Kinder zu finden. Trotz dieser
„Richtlinien" hing die Veröffentlichung jedes einzelnen
Werkes von der Sympathie des jeweiligen Zensors ab.
Zusätzlich kontrollierte die israelischen Besatzungsmacht
soziale Institutionen, Klubs und kulturelle Aktivitäten, so daß
auch in diesem Rahmen weder politische noch literarische
Diskussionen geführt werden konnten. Unter anderem wurden immer
wieder Schulen willkürlich und auf unbestimmte Zeit
geschlossen, so daß sich das - schon unter britische
Mandatsmacht unterentwickelte - Bildungssystem auch unter der
israelischen Okkupationsmacht nicht entfalten konnte. Das
Schulsystem fiel aufgrund der diskriminierenden
Erziehungspolitik unter den Standard der arabischen Nachbarländer.
Ungenügende Fremdsprachenkenntnisse bei den palästinensischen
Autoren erschwerten somit die Verfolgung der literarischen
Entwicklung und den Zugang zur Weltliteratur.
Die geographische Isolation, unter der die Palästinenser im
Gaza-Streifen, in der Westbank und im Kernland lebten,
verhinderte auch die Erhaltung der kulturellen Verbindungen
zueinander. Ein Besuch der literarische Hochburgen wie Beirut,
Damaskus und Kairo war für die Palästinenser ebenfalls
ausgeschlossen, da eine Rückkehr für sie von israelischer
Seite unmöglich gemacht wurde.
Durch das Verbot der Veröffentlichung war es den palästinensischen
Autoren in den besetzten Gebieten nicht mehr möglich, ihr
Arbeiten der Bevölkerung zugänglich zu machen. Da die
Publikation unter schwerster Strafe stand und oft auch ihre
physische Existenz bedrohte, waren sie sowohl gezwungen, ihre
Arbeiten im Untergrund zu veröffentlichen als auch unter einem
Synonym zu schreiben. Sie kämpften mit der „Feder gegen den
Feind" und so wurden sie für die Gesellschaft zu
Nationalfiguren, zum Symbol des Widerstandes.
In ihren „Untergrundsbüchern" fordern die palästinensischen
Schriftsteller eine grundsätzliche Erneuerung des palästinensische
Nationalbewußtseins. Diese Forderung intensivierte sich nach
der arabischen Niederlage im Juni-Krieg 1967. Die Unfähigkeit
der arabischen Armeen, den Palästinenserkonflikt militärisch
zu lösen, bestärkte die Palästinenser in der Einsicht, daß
sie ihrem eigenen Schicksal nicht länger ohnmächtig gegenüberstehen
dürfen, sondern nur durch eigene Initiative ihre Recht
wiedererlangen können. Auf politischer Ebene wurde dies durch
den wachsenden Zustrom und die Anerkennung deutlich, die die palästinensische
Befreiungsbewegung zu diesem Zeitpunkt erfuhr.
Nun für die ganze Welt offensichtlich, wurde der Palästinenser
in seinem Konflikt vom Objekt zum handelnden Subjekt, das die
Wiederherstellung der nationalen und kulturellen Identität
anstrebt. Durch das neu entstandene Bewußtsein konnten
infolgedessen alle Genres einen beachtlichen quantitativen
Zuwachs verzeichnen. Dominierende Themen sind der nationale
Konflikt und seine Folgen, politische Restriktionen und der
Widerstand der Palästinenser sowie das Elend in den Flüchtlingslagern.
Zudem werden die Zerstörung der Jerusalemer Altstadt, die
Entfremdung der palästinensischen Menschen, die israelische
Siedlungspolitik, Unterdrückung und Folter durch die
Besatzungstruppen problematisiert. Es ist zu erkennen, daß die
Autoren einen ausgeprägten Palästina-Bezug vorweisen. Die
nationale Komplexität und seine Folgen genießt absolute
Priorität, während gesellschaftliche und soziale Konflikte
eher sekundär behandelt werden.
Die nach dem Juni-Krieg stattfindende literarische
Auseinandersetzung erhielt eine neue Qualität. Die
Schriftsteller schufen einerseits eine eindeutige Verbindung
zwischen den eigenen politischen und gesellschaftlichen
Problemen und dem Nahost-Konflikt, andererseits verarbeiten sie
den Krieg als ein universal-menschliches Problem. Auch aktuelle
Probleme wie die physische und ökonomische Sicherung ihrer
Existenz spielten eine große Rolle. Diese neuen Handlungsstränge
in den Werken der Dichter und Prosaisten wurde sowohl bei ihnen
als auch beim Volk zunehmend populärer.
Die Entwicklung der Poesie
Seit Jahrhunderten ist die Poesie die dominierende Ausdrucksform
der arabischen Literatur. Die traditionellen Gedichte über die
Heldentaten der Kalifen, Mythen und Märchen wurden zunächst mündlich
überliefert. Rhythmus und Ausdrucksstärke des Erzählers war für
die palästinensische Bevölkerung von größerer Bedeutung als
die eigentlichen Themen. Der beeindruckende Ausdrucksstil und
die ausgeprägte Vielfältigkeit der palästinensischen Lyrik
resultiert damals wie heute auf den zahlreichen Metren der
arabischen Sprache. Durch die verschiedene Ausübung von Silben
und der Aufsplitterung von Metren kann der Dichter seinem Werk
einen eigenen musikalischen Klang geben, um so die
Einzigartigkeit seiner Poesie zu verdeutlichen. Eine Abrundung
des Gedichtes findet vorwiegend in der Zusammenführung des am
Anfang oder am Ende stehenden Metrums mit den dichterischen
Metren innerhalb des Gedichtes statt.
Schon zu Beginn der ersten jüdischen Einwanderungswellen nach
Palästina im 19. Jahrhundert und der damit wachsenden Verdrängung
der palästinensischen Bevölkerung aus ihrer Heimat nahm die
Poesie ab 1913 eine politische Dimension an. Die Dichter wandten
sich direkt an das Volk, sie begleiteten und zeichneten das palästinensische
Leben in dieser Zeit mit seinen politischen und sozialen Kämpfen
nach. Die Lyrik konnte wegen ihrer Emotionalität und ihrer
Spontanität beim einfachen Volk ihre Popularität bewahren. Das
in den Gedichten behandelte Thema waren die Bauern, die das
Nationalgefühl und das Heimatgefühl am offensichtlichsten verkörperten.
Schon hier entsteht das Gegenbild des unstetigen Odysseus, der
verzweifelt seine Heimat sucht. Diese Metapher ist bis in der
heutigen Poesiegeschichte erkennbar.
Seit der israelischen Okkupation Palästinas hat sich die
Intention der Poesie verändert. Sie wurde zunehmend politischer
und erzählt von dem Leid der Palästinenser. Hoffnung und
Sehnsucht wechseln sich ab mit der Trauer über die verlorene
Heimat. Der Verlust der Heimat, besonders der Verlust von
Jerusalem, der Heiligen Stadt, wurde in der palästinensischen
Poesie verstärkt behandelt. Im Zuge dessen entstanden neue
literarische Ausdrucksweisen, die versuchten, das Leid und das
Elend der palästinensischen Bevölkerung zu verdeutlichen.
Lyrische oder individualistische Elemente wurden eingegliedert
in die politischen und sozialen Probleme der Bevölkerung.
Trotz den unerbittlichen Restriktionen etablierte sich 1958 die
literarische „Al-Ard"-Bewegung. Zum ersten Mal konnten
Palästinenser aus dem israelischen Kernland ihre Bedürfnisse
artikulieren und ihre Stimme wurde nicht nur von der palästinensischen
Bevölkerung, sondern auch in der arabischen Welt gehört. Der
literarische Widerstand wurde populärer und gewann immer mehr
Sympathien. Durch die Al-Ard-Bewegung, die von Emil Habibi,
Tawfiq Fayyad, Muhammad Ali Taha und Hanna Ibrahim gegründet
wurde, ermutigt, lehnten sich besonders die Studenten gegen die
israelischen Restriktionen auf. Sie schmuggelten aus den
arabischen Ländern Werke von palästinensischen und arabischen
Schriftstellern nach Palästina, um auf diesem Wege der
literarischen Ohnmacht zu entgehen. Bis in die siebziger Jahre
hinein konnten sich, besonders an der Bir Zeit Universität,
literarische Lesezirkel etablieren, in denen Gedichte
vorgestellt und diskutiert werden. Herausragende Vertreter
dieses Genres sind die Poeten Mahmoud Darwisch, Samih al-Quasim
und Rashid Husayn.
Zusätzlich konnten sich unter israelische Besatzung
verschiedene Vereine konstituieren, die sich hauptsächlich mit
sozialen und kulturellen Aktivitäten beschäftigen. Diese
Organisationen, die sich nur beschränkt gründen durften und
keine eigentlichen Funktionen ausüben durften, waren vor allem
für die Poesie von Nutzen. Im Rahmen dieser Organisationen gründete
sich ein Folklore-Komitee, die das Journal of Society and
Heritage herausbrachten. Kurz danach folgte die Folklore-Zeitung
Turmus'ayya - A Palestinian Village. Die Publikation dieser
Zeitungen war ein besonderer Meilenstein in der literarischen
Geschichte Palästinas. Folklore, die tanzbare Poesie, ist für
die Palästinenser von großer Bedeutung. Es drückt konkret
ihre Gefühle aus, erzählt ihre Geschichte und charakterisiert
zugleich die literarische Entwicklung. Sei zeigt aber auch die
Entschlossenheit der Palästinenser, für ihre Recht als Volk
mit einer eigenen Kultur und einer eigenen Geschichte, mit einer
eigenen Vergangenheit und einer eigenen Zukunft zu kämpfen.
Die Entwicklung der Prosa
Die palästinensische Prosa war im Gegensatz zu anderen
arabischen Ländern, und hier insbesondere zu Ägypten und
Syrien, bis 1948 recht dürftig. Inhaltliche Aussagen waren
wenig gefestigt und die künstlerische Gestaltung erreichte noch
keine nennenswerte Qualität. Kaum konnte sie, im Gegensatz zur
Poesie, auf die Fülle der politischen Ereignisse reagieren. Die
aus dem gebildeten Großbürgertum stammende intellektuelle
Elite hatte 1948 das Land verlassen. Somit war auch im Bereich
der Prosaliteratur die politische und kulturelle Verbindung zu
den anderen arabischen Ländern abgebrochen. Da die palästinensischen
Prosaisten sich an den europäischen formellen und inhaltlichen
Strukturen orientierten, konnten die bestehenden Ansätze sich
durch ihre Flucht nicht manifestieren.
Insgesamt befindet sich die moderne Erzählliteratur - Kurzprosa
und Roman - 1948 jedoch ganz am Anfang ihrer Entwicklung. Sie
hat sich noch nicht soweit gefestigt, daß sie die nakba
unbeschadet überstehen konnte.
Nach der nakba kommt den Kurzgeschichten eine besondere
Bedeutung und Wichtigkeit zu. In ihrer politischen, sozialen und
moralischen Aussage orientiert sich dieses Genre enger als die
lange Erzählung oder der Roman an der konkreten Wirklichkeit.
Sie wird in dieser Phase zum literarischen Dokument des
aktuellen Zeitgeschehens. Angesichts der günstigen
Verbreitungsmöglichkeiten, beispielsweise durch die Presse,
ergriffen Prosaisten wie Mahmoud Sayfaddin al-Irani, Nabil
Sahada al-Khuri oder Yusuf Jadd al-Haqq die Initiative, die
Kurzprosa zu einem wichtigen Mittel der politischen und
kulturellen Kommunikation auszubauen. Das Genre verfolgte das
Ziel, die nationale Integration des durch die Vertreibung
zersplitterten Volkes zu forcieren. Seine Offenheit, seine Empfänglichkeit
für andere Kunstformen - insbesondere für den Film - und seine
Fähigkeit, bereits vorhandene Elemente und Variationen epischer
Kurzformen in sich aufzunehmen, führen auf palästinensischer
Ebene zu einer dynamischen und vielseitigen Kurzprosabewegung,
die experimentelle und innovative Kräfte in sich trägt.
Ermutigt durch die Lyrik, konnte die Prosa fast dreißig Jahre
später in den besetzten Gebieten und in der arabischen Welt
erste Erfolge verzeichnen. Zum ersten Mal konnte sie politisch
agieren. Aufgrund der Wende in der palästinensischen Kurzprosa
ist der nun aufkommende Realismus in der Lage, sich
durchzusetzen. Vorreiter hierbei waren Samira Azzam und Ghassan
Kanafani - der wohl bekannteste palästinensische Schriftsteller
der Gegenwart.
Ein zentrales Anliegen der palästinensischen Prosaliteratur
nach 1967 war die literarische Gestaltung einer neuen palästinensischen
Persönlichkeit, die selbstbewußt und unabhängig Voraussetzung
und gleichzeitig Träger der nationalen Identitätsfindung ist.
Die Autoren arbeiteten in ihren Werken vorwiegend mit indirekten
Ausdrucksformen. Es wurden Allegorien und Symbolen verwendet,
die teilweise aus der Lyrik übernommen wurden.
Dennoch haben es die meisten palästinensischen Prosaautoren der
siebziger Jahre nicht geschafft, eine eigenständige Symbol- und
Bildsprache zu entwickeln. Sie stützten sich weiterhin auf die
Reihe von Symbolen aus der palästinensische Poesie, die durch
endlose Wiederholungen und mechanische Übernahme in der Lyrik
selbst und in der Prosa zu nichtssagenden Leerformeln erstarrte.
Die wichtigsten Bilder dieses Symbolinventars stammen aus dem
Naturbereich und der Tier- und Pflanzenwelt. Oliven-, Mandel-
und Feigenbäume, die Orange und der Obstgarten
versinnbildlichen das Land und die organische Beziehung zwischen
dem palästinensischen Menschen und seiner Erde. Himmel, Sonne,
Meer, Felsen, Adler und Pferd stehen für die Freiheit und die
Revolution, während wilde und bösartige Tiere wie Wolf,
Schakal und Raben für den Feind, den Zionisten, eingesetzt
werden. Palästina wird in der Figur der Geliebten oder der
Mutter dargestellt, die immer Erd- und Lebensnähe ausstrahlt.
Zukunftsaussichten
Sowohl die Lyrik als auch die Prosa konnte aufgrund ihrer
Politisierung nicht nur zu der palästinensischen Bevölkerung,
sondern auch zu der gesamten arabischen Welt Brücken schlagen.
Durch sie ermutigt, begannen andere arabische Dichter und
Prosaisten,sich mit dem Leid der Palästinenser zu beschäftigen.
Das Leben der Palästinenser spiegelt sich in ihrer Literatur
wider. Die Niederlage, die Hoffnungslosigkeit und die Trauer über
die verlorenen Heimat gaben den Schriftstellern mehr Inspiration
und mehr menschlichen Reichtum als es der Sieg hätte geben können.
So liegt im Verlust die große Poesie.
Doch heute schimmert Hoffnung am Horizont. Die Hoffnung auf
einen eigenen palästinensischen Staat. Dieser Hoffnungsschimmer
birgt eine neue Herausforderung für die palästinensische
Literatur, da die Existenz eines Staates kein literarisches
Thema ist. Um nicht in eine Krise zu geraten, ist die Literatur
gezwungen, sich neuen Ausdrucksweisen zuzuwenden, die die
Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Heimatland
verdeutlichen. Aber auch hier bleibt die Intention der Literatur
bestehen: weiterhin ihre Erzählungen des Lebens fortzusetzen.
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