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Brief von Abraham Melzer an Stefan Aust, der Spiegel

DER SPIEGEL
Herrn Stefan Aust
Brandswiete 19

20457 Hamburg

Lieber Herr Aust,

ich schreibe Ihnen bezüglich Herrn Henryk Broder, Mitglied des Redaktionskollegiums beim SPIEGEL. Ich weiss nicht, ob Ihnen bewusst ist, dass Ihr Kollege auf seiner Homepage und der Homepage von „Die Achse des Guten“ (!) regelmäßig eine größere Anzahl von Personen diffamiert. Nichts gegen Kritik und scharfe Polemik, aber Diffamierung ist eine andere Sache. Seine letzte Zielscheibe war die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die er als „Schmock der Woche“ tituliert hat. „Schmock der Woche“ auf Jiddisch bedeutet nichts anderes als „Arschloch der Woche“.

So hat Herr Broder, weil ihm ein Beitrag von Professor Bodemann in der Süddeutschen Zeitung nicht gefallen hat, den in Kanada lehrenden Bodemann als „Mega-Schmock des Jahres“ diffamiert und in seinem Beitrag u.a. geschrieben: „Bodemann ist ein promovierter Schwachkopf“, ein „selbstgerechter Trottel“, „Bodemann ist so blöd, dass verglichen mit ihm ein Kuhfladen noch als Pizza Margarita durchgehen könnte.“ Etc.

Die Liste seiner Opfer ist inzwischen lang und sieht wie ein „Who is Who“ der deutschen Gesellschaft aus: Elfriede Jelinek, Robert Menasse, Prof. Dr. Erwin Häckel, André Brie, Peter Eisenmann, Antje Vollmer, Sir Peter Ustinov, Michael Degen, Heinz Berggruen, Iris Berben, Roger Willemsen, Rafael Seligmann, Paul Spiegel, Günther Rühle, Herta Däubner-Gmelin und viele andere.

Dies alles wäre weniger empörend, wenn Broder nicht zunehmend auch nazistische Stereotypen benutzen würde, die die Antisemiten und Nazis seit Jahrhunderten uns Juden gegenüber verwendet haben: die Juden sind, wie im Falle Bodemann „Trittbrettfahrer“ der deutschen Kultur und eigentlich „blinde Passagiere in Deutschland“. Hierzu passt, was Herr Broder vor wenigen Wochen in der „Jüdischen Allgemeinen“ geschrieben hatte – seine Lehre, die er aus Auschwitz gezogen hat: „Es stimmt, Israel ist heute mehr Täter als Opfer. Das ist auch gut und richtig so … Täter haben meistens eine längere Lebenserwartung als Opfer und es macht mehr Spaß, Täter als Opfer zu sein“.

Anlässlich unseres Vortrages an der Universität in Leipzig im Rahmen der dort stattfindenden Ringvorlesung Israel/Palästina hat Broder in der Homepage „Die Achse des Guten“(!) unter der Überschrift: „Holo mit Hajo – wie zwei Juden für die Leipziger den Hitler machen“ wieder seine primitiven und äußerst unappetitlichen Beleidigungen veröffentlicht, die darin gipfeln, dass der 81-jährige Hajo G. Meyer als ein „Berufsüberlebender“ beleidigt wird. Das gegenüber einem Mann, der in seinem langen Leben zwei Berufskarrieren erfolgreich hinter sich gebracht hat: eine, von 34 Jahren als technischer Forscher und während der letzten zehn Jahre als Direktor eines der größten Industrielaboratia der Welt. Eine zweite, von neunzehn Jahren als Geigenbauer. Von mir sagt er, dass ich als jüdischer Verleger, eine „Lücke entdeckt habe, die er fleißig mit braunem Dreck füllt.“

Unsere Lehre, die wir aus Auschwitz gezogen haben, fällt ganz anders aus, als die von Broder. Unsere Lehre lautet: Nicht nur, dass wir niemals Täter sein wollen, sondern dass nicht nur Auschwitz sich nicht wiederholen darf, nicht in Deutschland und auch nirgendwo sonst auf der Welt, sondern schon weit im Vorfeld Menschenverachtung und Rassismus angegriffen werden müssen. Auschwitz war gewiss das Äußerste, ist aber ohne Rassismus, Menschenverachtung und Diabolisierung gewisser Gruppen, nicht denkbar. Wir halten es deshalb für erforderlich, auch die menschenverachtende, völkerrechtswidrige Politik des israelischen Staates und Anzeichen von Rassismus in Israel zu kritisieren.

Offensichtlich gefällt Herrn Broder dieser Standpunkt nicht, und deswegen ist jeder, der es wagt, Israels Politik oder gar die Verbrechen der israelischen Armee und die der Siedler zu kritisieren: ein Antisemit. Wenn es ein Jude oder Israeli tut, dann hat er „eine Lücke entdeckt…“. Die logische Folgerung daraus ist demnach, dass man Antisemit oder zumindest Antizionist, was auf das Gleiche hinausläuft, sein muss, um die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Da stellt er sich auf der gleichen Stufe wie diese undurchsichtige Organisation „honestly concerend“, die in guten alten Blockwart Mentalität jeden angreift, der es wagt diese Politik nicht gut zu finden.

Der Henryk M. Broder, von dem ich im SPIEGEL lese, unterscheidet sich um Welten von dem hetzerischen Broder, der sich im Internet austobt. Ob sich dieser Dr. Jekyll von jedem Mr. Hyde für den Betrachter trennen lässt, weiß ich nicht. Einen Ruf als begnadeter Polemiker, der er sicherlich früher einmal war, verspielt Henryk M. Broder mit seinen hemmungslosen Hasstiraden und den diversen Versuchen Menschen, deren Meinung ihm nicht genehm war, fertig zu machen, ja fast existenziell zu vernichten. Mit Journalismus hat das wenig zu tun.

Ich schreibe Ihnen das alles, weil ich mich darüber wundere, dass eine so angesehene Zeitschrift wie der SPIEGEL es duldet, dass einer ihrer Mitarbeiter, der sogar im Impressum genannt wird, sich in solch primitiver und menschenverachtender Art und Weise betätigt.

Es ist endlich an der Zeit, dass auch Sie sich von dieser Art Journalismus distanzieren und einen Schlussstrich ziehen. Es darf nicht sein, das Broder die Tatsache, dass er Jude ist, dazu benutzt, Pressefreiheit zu missbrauchen und für sich selber eine Freiheit in Anspruch zu nehmen, auf Kosten unbescholtener Bürgerinnen und Bürger, deren einziges Vergehen es ist, eine andere Meinung zu haben.

Broder mag eine geniale Begabung haben, aber er hat auch unangenehme menschliche Schwächen, wie seine narzisstische Verliebtheit in seinen Spitzfindigkeiten, sein Drang immer wieder zu zeigen wie brillant und scharfsinnig er formulieren kann. Broder wird sich und seine Umgebung immer wieder aufs neue beschmutzen, da er darauf aus ist Ärger zu machen; es macht ihm offenbar nichts aus als Clown aufzutreten und viel mehr noch als Henker.

Immerhin gilt in diesem Land noch § 1 unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Mit freundlichen Grüßen

Abraham Melzer

 

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