Ein Kinobesuch
Aus der lokalen Presse hatte ich erfahren, dass heute der Deutschlandstart des Films Paradise Now von Hany Abu-Assad stattfindet. Ich hatte schon Vorberichte über den Film gelesen, war gespannt und wollte mir unbedingt ein eigenes Urteil machen.
Was dann passierte, habe ich so in meinem Leben noch nie erlebt.
Vor dem Kinoeingang standen Polizisten und schauten jedem Besucher ins Gesicht. Mitglieder der Deutsch-Israelischen Gesellschaft verteilten Flugblätter auf denen stand „wer sich diesen Film anschaut, finanziert mit seinen 7,00 Euro den Judenmord“.
Deutschland ist ein schwieriges Terrain für kritische Gedanken zur israelischen Politik. Die millionenfache Ermordung der Juden im Dritten Reich und die Schuld unserer Väter, die ohne Zweifel besteht, führt in diesem Land zu einem Kniefall der Politiker, was das Thema Israel betrifft. Und diese Erbschuld erstickt jede politische Diskussion in Deutschland. Im Nachhinein denke ich, die Polizei stand nicht vor dem Kino, weil es eine Bombendrohung gab oder man einen Anschlag befürchtete, nein, diese Gesellschaft will noch nicht einmal zulassen, dass man sich genauer mit dem Thema Israel – Palästina befasst oder sogar informiert. Irgendwie hatte ich an diesem Abend das Gefühl, dass jeder der sich diesen Film anschaut, suspekt ist und vielleicht sogar als potentieller Terrorist gesehen wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unter den 70 Zuschauern viele Polizeibeamte in Zivil saßen.
Den Film selbst fand ich sehr aufschlussreich, was die Gefühlswelt der Menschen in Palästina betrifft und es ist sicher der Verdienst von Hany Abu-Assad, dass er den ansonsten anonymen Palästinensern ein Gesicht gegeben hat. Aber auch in Bezug auf Deutschland ist mir durch den Film und die Polizeipräsenz etwas klar geworden. Man will uns abschrecken, darüber nach zu denken, dass Attentäter auch Menschen mit einer persönlichen Geschichte sind. Würde es nach der Politik und den Medien gehen, sollten sie alle verschleiert wie Schwarze Witwen durch die Nachrichtensendungen laufen. Kein Zuschauer würde diese ausgemachten Bösen in Frage stellen, geschweige denn nach Hintergründen für ihr Handeln fragen oder nach Erklärungen suchen – das Klischee ist perfekt.
In der dem Film folgende Diskussion stellte sich schnell heraus, dass die meisten Besucher uninformiert und voreingenommen waren. Sie käuten nur Meinungen einiger ARD und ZDF Redakteure wider. Und dann waren da noch die Vereinsvertreter, die ihre vorgefassten Meinungen zum besten gaben. Ich habe sie gefragt, ob es wirklich der Krieg der Kulturen ist oder ob es nicht langsam Zeit wird, von unserem hohen Ross der westlichen, moralisch überlegenen Kultur herunter zu steigen. Denn auch die westliche Welt kennt das letzte Aufgebot oder man kann auch sagen, als Verzweiflungstat den Selbstmord. Wir müssen uns nur an die japanischen Kamikaze-Flieger erinnern, oder auch in Deutschland wurde in den letzten Kriegstagen eine bemannte Bombe getestet – die allerdings nicht mehr zum Einsatz kam. Doch Freiwillige für dieses Projekt waren schon lange gefunden und kaserniert. Das ist mit Dokumenten belegt (im Newsletter-Archiv gibt es übrigens einen sehr guten Artikel über den westlichen Begriff von Heldentum). Leider konnte ich diese Sache nicht ausdiskutieren, denn außer einem gefälligen Geklatsche gab es keine Reaktionen.
Übrigens war ich über meine Landsleute etwas enttäuscht. Im Vorfeld hatte die Deutsch-Israelische Gesellschaft versucht, die Vorführung des Films mit allen Mitteln zu verhindern, doch die Gerichte haben zum Glück nicht mitgespielt. Aber es bleibt ein komischer Geschmack im Mund, wenn sich diese Leute als Demokraten bezeichnen. Sollen ihre vorgefassten Meinungen wirklich die neue Freiheit sein, die ein Präsident Busch der Welt bringen will?
Als ich das Kino verließ, gingen junge Leute hinter mir. Da ich etwas langsam gehe, werde ich normalerweise immer von ihnen überholt. Doch an diesem Abend blieben sie hinter mir, fast bis zum Auto – ein alles in allem bemerkenswerter Filmabend.
Edward Naujok
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