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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen Gemeinde Österreich entsprechen. Alle Rechte vorbehalten.

 

Leserbrief an die "Kleine Zeitung" von Georg Nitsche

 

Bezüglich der Artikel, die am 6. Januar 2006 in der Kleinen Zeitung erschienen, schrieb ich einen Leserbrief und einen ausführlicheren Artikel.

 

Mein Leserbrief:

Sg. Kleine Zeitung!

Sie titeln zum Ende der Ära Sharon „Ende für den Frieden?“. Das Ende eines Friedens setzt allerdings einen Frieden voraus, der unter Sharon aber nie zustande gekommen wäre. Das wäre klarer geworden, hätten Sie erwähnt, dass Sharon für die Massaker von Qibya, Sabra und Shatila, also für den Tod von mehr als tausend unschuldigen Palästinensern verantwortlich ist. Und hätten Sie erwähnt, das Frieden gerecht sein muss und den seit Jahrzehnten von Israel unterdrückten Palästinensern das geben müsste, was Sharon nie bereit war, ihnen zu geben – Freiheit.

 

Mein Artikel:

 

Sg. Herr Landsmann! Ich hätte einige Anmerkungen zu Ihren Artikeln, die am 6. Jänner 2006 in der „Kleinen Zeitung“ über Ariel Sharon erschienen.

 

Vielleicht ist der Zeitpunkt eines kritischen Artikels zu Ariel Sharon nicht günstig gewählt, da er sich in einem sehr kritischen Gesundheitszustand befindet, was ich bedaure.

 

Doch gerade aufgrund dieser Situation sollten Sie neutral schreiben und keinen Artikel veröffentlichen, der die Tatsachen so verzerrt, dass er Berichtigung verlangt. Der schwerwiegende Gesundheitszustand Sharons ist kein Grund, ihn rein zu waschen und von jeder Schuld freizusprechen.

 

Ihre Erwähnung des „einseitigen Loslösungsplans“ von Gaza sollte im Zusammenhang mit wichtigen Fakten genannt werden. Zum einen handelt es sich nicht um eine Loslösung, sondern um einen Abzug aus völkerrechtswidrig besetztem und daher geraubtem Territorium. Ein Abzug, der dadurch relativiert wird, dass Israel nach wie vor die Grenzen des Gazastreifens kontrolliert und den Palästinensern untersagt, ihren Flughafen in Betrieb zu nehmen – kurz, sie wieder zu Gefangenen im eigenen Land macht. Des Weiteren erwähnen Sie nicht, dass das Völkerrecht Israel ohnehin dazu verpflichtet, alle besetzten Palästinensergebiete zu räumen – auch die viel größeren und wichtigeren Gebiete im Westjordanland.

 

Diesbezüglich hätten Sie auch erwähnen müssen, dass gerade diese Gebiete im Westjordanland Sharons Plänen nach annektiert werden sollen, was er auch immer unverblümt sagte. Eine Erwähnung der Tatsache, dass durch Räumung der Siedlungen im Gazastreifen 8.000 Siedler von insgesamt ca. 250.000 Siedlern, also ca. 4 % der Siedler aus den Palästinensergebieten abgezogen wurden – und ca. 96% der Siedler illegal verbleiben, hätte Ihren Lesern auch einiges klar gemacht.

 

Selbst das sagt noch immer nicht alles aus, immerhin sind die von Israel völkerrechtswidrig besetzten Gebiete im Westjordanland die, die nahezu die gesamten – dem Völkerrecht nach den Palästinensern gehörenden – Wasserressourcen und nahezu das gesamte Ackerland beinhalten – deren geplante Annexion für eine von der Landwirtschaft lebende Gesellschaft wie die der Palästinenser den Untergang bedeutet. Dieser Landraub wird durch eine als „Anti-Terror-Maßnahme“ deklarierte Mauer, die sich völkerrechtswidrig tief innerhalb der Palästinensergebiete (die ohnehin nur noch 22% des historischen Palästinas ausmachen) befindet und die Hälfte des verbleibenden palästinensischen Landes annektiert, zu einer vollendeten Tatsache gemacht.

 

Sie schreiben von Sharons Spitznamen „Der Bulldozer“. Das Wort „Bulldozer“ und seine tatsächliche Bedeutung sollten Sie berücksichtigen – seit Jahrzehnten werden in der Absicht, die Palästinenser aus ihrem Land zu vertreiben, die Häuser unschuldiger palästinensischer Zivilisten völkerrechtswidrig von Bulldozern zerstört. Die Rücksichtslosigkeit und Brutalität dieser Politik erreichte ihren Höhepunkt im Tod Rachel Corries, einer amerikanischen Friedensaktivistin, die sich vor eines der Häuser stellte und vom Bulldozerfahrer einfach überfahren wurde, wodurch sie starb.

Die ethisch-moralischen Defekte Sharons, die Sie erwähnen, betreffen nicht nur seine Korruption – sondern im Gegenteil vielmehr seine blutige Vergangenheit: Die von ihm kommandierte Einheit 101, die mit „dem Feind“ (wie Sie die Palästinenser bezeichnen), kurzen Prozess machte, verübte im palästinensischen Dorf Qibya ein Massaker an 69 unschuldigen Zivilisten – wehrlose Frauen und Kinder, die sich in ihren Häusern befanden, in die die von Sharon befehligte Einheit Granaten warf. Und Sie erwähnen Sabra und Shatila nicht, das Massaker an mehr als 1000 unschuldigen palästinensischen Zivilisten – für das Sharon selbst von einem israelischen Gericht verantwortlich befunden wurde, woraufhin er als damaliger Verteidigungsminister zurücktreten musste.

 

Sie erwähnten die Hass-Kundgebung Sharons gegen die Osloer Verträge. Sie erwähnen aber nicht, dass Sharon sagte, man müsse Rabin für die „Verbrechen von Oslo“ den Prozess machen. Es würde genau dieses Zitat einiges über Ihre Behauptung, ohne Sharon würde der Frieden in fast hoffnungslose Entfernung rücken, aussagen. Sharon weigerte sich, wie sie schrieben, die „blutige Mörderhand Arafats“ zu drücken – auch wenn er selbst es war, dessen Hände blutige Mörderhände waren.

Sie schreiben, niemand weiß, was seine Meinung änderte. Doch in Wahrheit änderte sie sich nicht. Sharon war es, der sich bis zuletzt weigerte, mit Arafat zu verhandeln – auch wenn Arafat der demokratisch gewählte Präsident der Palästinenser war.

 

Sharon hat seine Ansichten nicht geändert. Sein Abzug aus dem Gazastreifen ist keine nennenswerte Leistung, berücksichtigt man, dass er laut Roadmap und Völkerrecht dazu verpflichtet war, nicht nur dieses winzige, bedeutungslose Gebiet des Gazastreifens, sondern auch das eigentlich bedeutsame Westjordanland zu räumen. Mit seiner Mauer und seinen Annexionsplänen nimmt er den Palästinensern die Hälfte ihres verbleibenden Landes, ihr Wasser, ihr Ackerland, ihre Lebensgrundlage. Er nimmt ihnen Ostjerusalem und damit die ihnen dem Völkerrecht nach zustehende Hauptstadt, die zusätzlich zu ihrer ökonomischen Bedeutung für die palästinensischen Christen und Moslems eine unschätzbare religiöse Bedeutung hat. Er sperrt sie mit einer Mauer in ihren Dörfern und Städten ein, ohne Wasser, Land und Hauptstadt, in totaler Abhängigkeit ihres Unterdrückers.


Neben den vielen unschuldigen Toten, die er auf dem Gewissen hat, war es diese Politik des Landraubs, der Mauer und des Einsperrens eines ganzen Volkes, das ihn ins Kreuzfeuer der Kritik der internationalen Medien brachte – und auch von Ihrer Zeitung hätte ich mir nun ein relevantes kritisches Wort erwartet.

 

Sg. Herr Landsmann, ich bitte Sie, bei jedem Ihrer Artikel zum Thema Naher Osten die Grundproblematik zu berücksichtigen. Bei aller Verurteilung palästinensischer Terroristen, die unschuldige Israelis töten, was mich nicht weniger empört als wenn israelische Soldaten und Siedler unschuldige palästinensische Zivilisten töten, vergessen Sie nie, dass Gewalt ihre Ursachen hat. Wir haben es mit einem Konflikt zwischen zwei miteinander nicht vergleichbaren Konfliktparteien zu tun:
Der starken Partei Israel, die seit Jahrzehnten völkerrechtswidrig mit der fünftgrößten Armee der Welt die Palästinenser unterdrückt und beraubt, ihre Häuser und Felder zerstört, ganze Dörfer und Städte einsperrt, den Palästinensern Land und Wasser raubt und auf unbewaffnete Demonstranten – inklusive Frauen und Kinder – mit scharfer Munition schießt, die Kinder foltert und Mörder unschuldiger Palästinenser freispricht – und auf der anderen Seite den Palästinensern, der schwachen Partei des Unterdrückten, der um seine Freiheit und seine legitimen Rechte kämpft, ohne Armee, ohne internationale Unterstützung und ohne dass jemand für seine Menschenrechte ernsthaft einträte.

 

Sie sagten, für den Frieden im Nahen Osten bräuchte man – wie Sharon – Charisma, Killerinstinkt, Durchsetzungsvermögen und Sturheit. Doch ich glaube, für Frieden im Nahen Osten bräuchte man Gerechtigkeit. Wenn der nächste israelische Premierminister Frieden will, dann muss er den Palästinensern auch das zurückgeben, was ihnen jahrzehntelang von Israel vorenthalten wird: Freiheit.

 

Ihr Georg Nitsche

 

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