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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen Gemeinde Österreich entsprechen. Alle Rechte vorbehalten.

 

Antwort von Ulrich Sahm zu dem Leserbrief von Fritz Edlinger (hier zum lesen)

Sehr geehrter Herr Edlinger,

es freut und ehrt mich, dass Sie meinen Gastkommentar in "Die Presse" so
intensiv gelesen und ausführlich erwidert haben.

Da Sie mir öffentlich geantwortet haben, dürften Sie keine Einwände haben,
wenn auch ich Ihnen öffentlich antworte.

Erlauben Sie mir, Ihnen in einigen Punkten zu antworten

Sie behaupten, mein Kommentar sei in "der gegenwärtigen Phase des
"Nahostfriedensprozesses"" geschrieben worden. Der Nahostfriedensprozess ist
mit der Intifada gestorben. Mit der Road Map sollen Bedingungen für die
Erneuerung des Friedensprozess geschaffen werden. Es gibt derzeit keinen
Friedensprozess.

Sie beklagen, dass sich die Israelis nicht um die Interessen der
Palästinenser kümmern. Sie haben Recht. Das war die Quintessenz meines
Kommentars. Scharons Rückzug aus Gaza ist keine "Friedensgeste". Im
Gegenteil: Israel schert sich nur noch um die eigenen Interessen.

Es wundert mich, dass Sie als Generalsekretär Gesellschaft für
Österreichisch-Arabische Beziehungen das nicht verstehen. Würden Sie etwa
behaupten, dass die Palästinenser mit der Intifada, mit den Anschlägen auf
israelische Zivilisten, mit feindseliger Propaganda, mit Kampagnen in der
UNO und sonst wo auf israelische Interessen Rücksicht genommen hätten? Wieso
gestehen Sie Israel nicht zu, was für Palästinenser eine
Selbstverständlichkeit ist?

Glauben Sie etwa, dass palästinensischer Terror, die systematische
Zerstörung jeglichen Dialogs und der Kooperation (etwa des
Erez-Industriezentrums, des Grenzübergangs nach Ägypten und Karni) eine
"Grundlage für einen fairen und anhaltenden Frieden darstellen"? Selbst
israelische Friedensaktivisten, Kinder die keinen Hass auf Palästinenser
verspürten, solche, die es als ihre Lebensaufgabe betrachteten,
Palästinensern zu helfen, wurden schnöde in tödliche Fallen gelockt und
brutal ermordet. Nach so vielen palästinensischen "Aktionen" im Rahmen eines
"legitimen Widerstandes" gegen einen "Friedenspartner" (das waren doch wohl
die Israelis mit der Anerkennung der PLO und Oslo, oder?), können Sie
Scharon keine Vorwürfe machen, jetzt eigene Interessen in den Vordergrund zu
stellen, ohne Rücksicht mehr auf palästinensische Forderungen, Träume und
Wünsche.

Der wahnwitzige Missbrauch kleiner (palästinensischer) Kinder als lebende
Bomben gegen Männer, Frauen, Kinder und Greise, kommentiere ich mit Ihren
eigenen Worten: "Dass ein derartiges Diktat keine Grundlage für einen fairen
und anhaltenden Frieden darstellt, sollte einem eigentlich der normale
Menschenverstand sagen." Lesen Sie doch noch einmal das Interview mit
Mahmoud Abbas von 2001.

Sie beklagen sich über die mutmaßliche künftige Absperrung von Gaza nach dem
Rückzug. Ich erinnere mich noch als Kind, ohne jegliche Sicherheitskontrolle
Flugzeuge bestiegen zu haben. Ich war schon in Israel, als es im ganzen Land
keine einzige Straßensperre gab, keine Taschenkontrolle. Menschen aus Tel
Aviv fuhren auf den Markt von Gaza (!), um Gemüse einzukaufen. Menschen aus
Nablus fuhren nach Tel Aviv zum Strand. Und jetzt verraten Sie mir mal, seit
wann Flugpassagiere in Wien oder Frankfurt sogar ihre Schuhe ausziehen und
wie das Gepäck durchleuchten lassen müssen. In Israel wie im Rest der Welt
zieht man aus jedem Terroranschlag Lehren. Sie sollten sich heute nicht über
Mauern, Kontrollen, Sperren und sonstige "Schikanen" beklagen, ohne auf den
Tag genau mitzuteilen, wann und warum sie eingeführt worden sind. Das lässt
sich genauso leicht ermitteln wie die Geschichte mit dem "Schuhbomber". Und
dann müssen Sie sich fragen, welchen Teufel jene geritten hat, der ganzen
Menschheit und vor Allem dem palästinensischen Volk durch unverantwortliche
Taten solche "Kollektivstrafen" aufzubürden. Sie beklagen sich über Folgen
und ignorieren die Ursachen.

Ja, wie wäre es, wenn die Palästinenser eine Zivilgesellschaft aufbauen,
anstelle der Gangster- und Mörderbanden, die Amre Mussa das Bein
wegschießen, die Straßen von Gaza verunsichern und Attacken auf Israel nach
Gutdünken ausführen, obgleich Mahmoud Abbas sie als Angriffe gegen die
Interessen der Palästinenser verurteilt? Warum beenden die Palästinenser
nicht diesen sinnlosen Krieg, Intifada genannt, wie es die internationale
Gemeinschaft und Mahmoud Abbas fordern? Wozu werden Waffen und Sprengstoff
ins Land geschmuggelt? Warum schwenken die Palästinenser nicht von
Konfrontation auf Kooperation um, wie Sie es von Scharon verlangen? Warum
beweisen sie den Israelis nicht, dass diese ekelhaften und erniedrigenden
Sicherheitsmaßnahmen überflüssig sind?

Warum erwarten Sie "Friedens"-Gesten nur von Israelis? Sie scheinen nichts
dagegen einzuwenden, wenn Palästinenser weiter mit Kassamraketen um sich
werfen und täglich versuchen, mit Selbstmordattentätern sogar den Rückzug
aus Gaza zu stoppen. Sehen Sie nicht im Verhalten einiger
(bedauerlicherweise staatlich geduldeter und als Helden gefeierter)
Palästinenser einen Widerspruch?

Warum sollte es den Palästinensern in Gaza nicht erlaubt sein, für sich
selber verantwortlich zu sein? Halten Sie die Abhängigkeit von Israel und
das Besatzungsregime für so segensreich? Wieso sollte Israel weiter
palästinensische Arbeiter einlassen, nachdem diese Arbeiter unter dem Jubel
der Autonomiebehörde israelische Arbeitgeber ermordet haben?

Sie sollten an beide Seiten die gleichen Maßstäbe ansetzen.
"Gleichberechtigung" gilt auch für Palästinenser. Das kann nicht nur ein
Forderungskatalog an Israel sein.

Ich habe nicht behauptet, dass der Rückzug das Etikett "Friedensprozess"
trägt. Ich habe genau das Gegenteil dargestellt und kam zum Schluss dass es
nun an den Palästinensern liege, aus dem einseitigen Schritt Israels das
Beste zu machen. Denn Scharon hat - vorausgesetzt ich verstehe seine Politik
richtig - beschlossen, Israels Probleme mit so zu lösen, dass die
Palästinenser ihm nicht mehr gefährlich werden können, indem er die Arbeiter
aussperrt, einen hohen Zaun oder Mauer zieht und dann das Tor zuschließt.
Seine Methode erweist sich als erfolgreich. Die Zahl der gelungenen
Terroranschläge ist drastisch zurückgegangen und so auch die Zahl der
israelischen Toten. Gleichwohl werden weiterhin auf der palästinensischen
Seite Sprengstoffjacken produziert und Selbstmordattentäter auf den Weg
geschickt. Können Sie es wirklich Herrn Scharon verdenken, seine Bevölkerung
zu beschützen, auch wenn das auf Kosten der Palästinenser und ihrer
territorialen oder politischen Forderungen geht?

Dass sich die palästinensische Führung tatsächlich nicht mit dem Gedanken
eines fairen und gleichberechtigten Prozesses anfreunden kann, beweisen auch
die Erklärung von Präsident Mahmoud Abbas, dass nach Gaza und Jenin
Jerusalem folgen, oder gar die Sprüche der Dialogpartner von Abbas, der
Hamas: "Jetzt Gaza, dann ganz Palästina bis zur Grenze des Libanon und dann
das Ende des zionistischen Projekts". Wenn Sie Scharons Sprüche auf die
Goldwaage legen, benutzen Sie doch als Gegengewicht die entsprechenden
palästinensischen Sprüche. Mir persönlich bereiten die Sprüche weder der
einen, noch der anderen Seite das geringste Behagen.

Wenn Palästinenser ungestraft den Israelis den Staat, die Heimat und sogar
das Recht auf Leben verweigern, wie können Sie dann den Israelis übel
nehmen, den Palästinensern in Gaza jetzt eigene Verantwortung zuzugestehen
und im Westjordanland einen eigenen Staat zu ermöglichen, aber nicht in
jenen Grenzen, wie die Palästinenser es gerne hätten?

Sie bezeichnen es als "Chuzpe", wenn die Israelis die Kosten des Rückzugs
auf die Amerikaner abwälzen. Ich habe nicht nachgeprüft, ob das überhaupt
stimmt. Aber ist es dann nicht auch eine Chuzpe, wenn sich die Palästinenser
von UNO und EU ihre Kriegspropaganda gegen Israel und vieles mehr
finanzieren lassen? Ich dachte immer, dass die Palästinenser einen
israelischen Rückzug aus Gaza und Westbank wünschen. Warum ist es dann eine
Sünde, wenn sich die Amerikaner finanziell daran beteiligen? Vorwürfe können
Sie da nur den Amerikanern machen, wenn die beschließen, dafür Geld locker
zu machen.

Auch meinerseits eine persönliche Anmerkung. Sie behaupten, Bethlehem sei
von einer Mauer "umgeben". Sie scheinen nur am Grenzübergang 300 gewesen zu
sein, nicht aber in Beth Dschallah oder El Chader. Was bezwecken Sie
eigentlich mit solchen falschen Aussagen?

Und dann sollten Sie auch mal die Geschichte des Zionismus studieren. "Eretz
Israel" muss nicht erst geschaffen werden. Das gab es schon in der Bibel. Es
ist (mit fließenden Grenzen) das Territorium, das die Römer in Palästina
umgetauft haben. Und die "frühen Zionisten" dachten über Argentinien und
Uganda nach, weil ihnen ein sicherer jüdischer Staat wichtiger war als Land
und Grenzen. Genau so hielt es auch Staatsgründer David Ben Gurion, als der
bereit war, sich mit einem Ministaat gemäß dem Teilungsplan der UNO von 1947
abzufinden, während die Araber ("Palästinenser" gab es laut Chanan Aschrawi
damals noch nicht) diesen Teilungsplan ablehnten. Alles weitere ist
Geschichte.

Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Sahm
Jerusalem/El Kuds
 

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