Bericht von Mauerprotest in Beit Awwa
Bitte entschuldigt die
verspätete Weiterleitung dieses Berichts von Ariane - ich kam in
der letzten Zeit nicht hinterher mit den e-mails. Bei aller
Dramatik erscheinen die Berichte aus der Westbank schon fast
harmlos angesichts der Geshehnisse in Gaza. ISM ist jedoch nicht
mehr in der Lage, eigene Berichte aus Gaza zu schicken, da die
israelische Armee es erfolgreich schafft, alle internationalen
Aktivisten und Zeugen aus dem Gazastreifen fernzuhalten.
Heidi/ISM
Ariane, Beit Awwa, 6.10.04
Ich weiß gar nicht wo ich beginnen soll. Wie ihr wisst, bin ich
am Samstag nach Beit Awwa, einem Dorf in der Nähe von Hebron,
gefahren. Dort fand am Sonntag eine Demonstration gegen den Bau
der illegalen Mauer statt. Für deren Konstruktion werden dort
nicht nur Olivenbäume radikal entwurzelt, die Mauer verlauft
auch direkt am Dorf, an den Häusern und der Schule vorbei. Sie
wird auch auf dem Boden eines Friedhofes des Dorfes gebaut, was
ich unfassbar finde. Der ganze Boden wird vorher durchwühlt.
Wenn ich mir vorstelle, was es für einen Aufstand gäbe, wenn
dies jemand in Deutschland machen würde!!!! Und hier und in dem
Rest der Welt interessiert das niemanden- außer dem Dorf, dessen
Vorfahren dort ihren Seelenfrieden haben sollten.
Das Dorf ist eigentlich nur eine halbe Stunde von Hebron (Stadt)
entfernt (mit dem Auto), aber die beiden Strassen nach Hebron
sind nur für Siedler oder für das Militär passierbar- die
Dorfbewohner müssen auf Umwegen nach Hebron (dort gehen die
meisten in die Schule, Universität oder zur Arbeit) kommen und
brauchen dafür über eine Stunde. Und dies auch nur dann, wenn
diese Wege (Strassen kann man diese holprigen Strecken kaum
nennen) geöffnet sind- oft blockiert das Militär die "Strassen"
und legt Felsbrocken auf die "Strassen", so dass sie teilweise
wochenlang für Autos unpassierbar sind.
Jedenfalls war diese Demo als absolut gewaltfrei geplant. Die
Dorfbewohner wollten dies und haben im Vorfeld mit allen
Jugendlichen gesprochen und ihnen erklärt, dass sie das
Steineschemissen auf jeden Fall unterlassen sollen. Wir waren
zwischen 50 und 70 Menschen, unter uns viele Frauen. Wir kamen
sehr nahe zu der Konstruktion der Mauer, wo drei Bagger den Weg
für die Mauer "freimachten". Es war absolut friedlich, die
Frauen waren auch ganz vorne. Von Anfang an war geplant, nicht
länger als zwei Stunden zu demonstrieren- damit jegliche Form
von Eskalation vermieden ist. Es war insgesamt eine unsichere
Atmosphäre unter den teilnehmenden Dorfbewohnern-für viele
Frauen war es die erste Demonstration und aufgrund der vielen
Verletzten bei der Demonstration in der Woche davor hatten alle
Angst.
Auf einmal- und obwohl es wirklich keinen Grund gab; nicht eine
einzige Person hatte Steine geschmissen- begannen die Soldaten
wie verrückt in die Menge zu schießen. Nicht nur Tränengas und
sogenannte rubber bullets, auch mit richtiger scharfer Munition.
Und dies obwohl wir wirklich am Ende der Demonstration waren und
viele bereits los, zurück in das Dorf gingen. Ich stand mit
anderen Internnationalen direkt vor den Soldaten und wir
beschworen sie doch bitte aufzuhören und den Dorfbewohnern Zeit
zu lassen um friedlich in ihr Dorf zu gelangen. Während wir dies
taten, schossen sie jedoch einfach weiter auf die Menschen.
Jedoch nicht ziellos, sondern sehr bewusst und direkt. Maja, ein
Mädchen aus Dänemark, die sich während der ganzen Demonstration
im Hintergrund gehalten hatte und nur gefilmt hatte, wurde
nachdem sie einen Soldaten gefilmt hatte, der auf einen Jungen
zielte, mit einer sogenannten Gummikugel, in Wirklichkeit eine
Stahlkugel mit Plastikmantel, angeschossen. Sie hatte nichts
getan außer zu filmen- dies ist vermutlich der Grund, es passte
dem Soldaten wohl nicht eine Zeugin für seine Handlung zu haben.
Doch nicht nur sie wurde angeschossen, viele wurden getroffen.
Ein 18- Jähriger (Hussein) wurde mit scharfer Munition viermal
in die Hand geschossen, als er reflexartig direkt in den Lauf
des Maschinengewehrs fasste, als ein Soldat ihm damit auf den
Kopf schlug. Er wird seine 4 Finger der rechten Hand vermutlich
nie wieder bewegen können, nur den Daumen kann er noch bewegen.
Doch was nützt ihm dies? Es ist seine Hand, seine rechte Hand,
auf die er angewiesen ist um irgendwann- sowieso schlecht
bezahlte, aber immerhin- Arbeit zu finden. Und dies nur da er
sich an einem friedlichen Protest auf seinem Grund und Boden
beteiligte! Ich war im Krankenhaus mit Maja und habe ihn und
seinen Vater gesehen, es war schrecklich. Er ist jedoch nicht
der einzige, es gab viele Fälle von Verletzten. Und drei von
ihnen waren mit scharfer Munition getroffen worden. All dies
geschah während wir die Soldaten anflehten, sie mögen uns doch
bitte wenigstens zwei Minuten geben, um sicher in das Dorf
zurückkehren zu können.
Dies ist jedoch leider immer noch nicht alles: die Soldaten
umzingelten später- nach der Demonstration- noch das Dorf und
schossen mit Tränengas auf das Medical Center. Ich kann nicht
begreifen, wie man so etwas machen kann. Sie haben an jenem Tag
so viele unschuldige Menschen angeschossen, und mussten danach
noch das Medical Center, in das die Verletzten gebracht werden,
angreifen- es ist einfach unbegreiflich. Das Tränengas, dessen
sind wir uns sicher, war auch kein normales Tränengas. Ich
selbst war mehrere Male bereits in einer "Tränengaswolke" und
habe dies gut überstanden, aber an diesem Tag dachte ich
wirklich ich ersticke und sterbe, als neben mir das Tränengas
explodierte. Ungefähr vierzig Menschen sind an diesem Tag
alleine wegen dem Tränengas total zusammengebrochen, umgekippt
und mussten sich übergeben. Und dies obwohl wir eh so wenige
Demonstranten waren!!!!!
21 Menschen wurden insgesamt angeschossen, sechs mussten vom
Medical Center nach Hebron in das Krankenhaus gebracht werden.
Darunter war auch Maja. Ich bin mit ihr mit im Krankenwagen
gefahren und war bis heute mit ihr dort. Ich habe mit ihr das
Training gemacht und wir waren seitdem die ganze Zeit überall
gemeinsam und haben uns angefreundet. Es hat mir so leid getan
für sie (für die Palästinenser natürlich genauso), vor allem da
sie sich wirklich im Hintergrund gehalten hat. Das einzig gute
ist, dass es überall in den Medien kam und permanent ihr Handy
klingelte mit irgendwelchen Journalisten aus Dänemark- so konnte
sie ihnen wenigstens alles erzählen. Sie wird die Soldaten auch
anzeigen. Zum Glück haben wir alles gefilmt und somit auch
genügend Beweismaterial, um zu zeigen, dass der Soldat sehr
bewusst und mit voller Absicht auf sie schoss und sie ihm
absolut keinen Grund dafür gegeben hatte.
Im Krankenhaus selbst war ich wieder einmal absolut berührt von
den Palästinensern. Das ganze Dorf kam, um die Verletzten zu
besuchen. Sie waren auch keineswegs voller Hass oder
Verbitterung, sonder einfach nur traurig. Ihnen wird das Land
weggenommen, sie haben kaum Rechte und selbst bei einen
friedlichen, gewaltfreien Protest, werden sie mit einer solchen
Härte
"bestraft". Ich habe mich schrecklich hilflos gefühlt, und mir
hat es unglaublich weh getan, die ganzen Verletzten zu sehen,
die den "Fehler" gemacht hatten gewaltlos zu protestieren.
Als ich heute vor der Entlassung mit einem Krankenpfleger
sprach, zeigte er mir an den Wänden des Krankenhauses überall
Einschusslöcher- sie stammen von der Invasion (sorry, anders
kann man es nicht nennen) Hebrons im Mai 2002. In der Nähe des
Krankenhauses wurden Schützen vermutet- komischerweise wurde bei
der Suche nach den "gefährlichen Terroristen" jedoch das Labor
des Krankenhauses zerstört (und eine Patientin schwer verletzt).
Ich bin sehr müde und muss jetzt echt schlafen gehen. Wir sind
erst vorhin aus Hebron gekommen. Maja fliegt morgen von Tel Aviv
aus zurück nach Dänemark. Zwei sind noch im Krankenhaus, Hussein
und der 20- jährige Najeeb. Najeeb wurde von einem Rubber Bullet
getroffen, das 7 cm in seinen Rücken eindrang.
Ich könnte noch so viel schreiben, dies war nur eine kurze
Zusammenfassung. Im Internet auf der ISM Seite steht noch mehr,
und täglich wird daran gearbeitet um es zu vervollständigen.
http://www.palsolidarity.org
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