Israel und Palästina in den
Medien der USA und Europas
Wann werden Palästinenser gleichberechtigt sein?
von Kathleen Christison, 26.8.05, Counterpunch, USA (Orginaltitel:“Don’t
think of a Jewish State!- Can Palestine be put into the
Equitation?”
“Wenn wir gewaltfrei demonstrieren, dann ist die Welt wenigstens
mit uns,” sagte neulich ein junger palästinensischer Bewohner
des Westbankdorfes Bilin zum britischen Journalisten Graham
Usher. „Wenn wir mit Gewalt Widerstand leisten, ist sie nicht
mit uns“.
Usher, ein langjähriger Korrespondent in Jerusalem und in den
besetzten Gebieten, beschrieb eine gewaltfreie Protestdemo gegen
Israels Trennungsmauer, die seit Februar ununterbrochen in
diesem winzigen Dorf, das nur 3 Meilen von der 1967er-Grenze
entfernt liegt, stattfindet. Die palästinensischen Bewohner von
Bilin, palästinensische Aktivisten aus den benachbarten Orten,
israelische Friedensaktivisten und Internationale von ISM haben
eine fast permanente Präsenz in Bilin gehalten, um gegen die
Konfiszierung des größten Teils des landwirtschaftlich genutzten
Landes für den Mauerbau zu protestieren. Die Demonstranten haben
sich selbst der gewaltfreien Taktik verpflichtet – sie haben
sogar das Steine-werfen verboten. Die israelischen
Sicherheitskräfte reagierten mit Scharfschießen, und dem
Abfeuern von mit Gummi-ummantelten Kugeln in die Menge, mit
Schlägen und Tränengas. Und mindestens einmal wurde gefilmt, wie
isr. Provokateure als Palästinenser verkleidet, Steine gegen die
Polizei warfen und so einen Angriff auf die Demonstranten
provozierten und die Verhaftung einiger Palästinenser
verursachten. Mehr als 100 Palästinenser, Israelis und
Internationale wurden durch israelische Polizei und Militär
verletzt.
Und der Bau der Mauer geht unerbittlich weiter.
Diese palästinensische Gewaltlosigkeit ist ein erstaunliches
Schauspiel, eines Gandhi und Martin-Luther-King wert. Aber man
fragt sich, wie die Hoffnung der jungen Palästinenser jemals
erfüllt werden kann. Sie hoffen, dass die Welt mit ihnen
solidarisch ist, wenn sie gewaltfrei demonstrieren. Wie soll es
denn die Welt erfahren? Woher werden es denn die Israelis und
Amerikaner, geschweige denn alle Welt jemals erfahren, dass
Palästinenser und ihre paar Freunde aus den israelischen und
internationalen Friedensbewegungen für den Grundsatz ihr Leben
riskieren, dass Israels Gewalt und Aggression gegen
Palästinenser auf gewaltfreien, nicht aggressiven Widerstand
stößt?
Wer kümmert sich denn in der Welt darum? Anscheinend niemand.
Auf der Suche nach dem Namen Bilin oder Bil’in in den Washington
Post- und den NY-Times-Archiven ( vgl. FAZ, FR, Spiegel ua!)
fand man nichts in der W.-Post und nur zweimal in der Times;
beides nur kurze Nachgedanken am Ende eines langen Artikels,
jedes Mal über israelische Kräfte, die seit fünf Monaten mit
Demonstranten „zusammenstoßen“ – obwohl es ein monatelanger
Protest war; auch keine Erwähnung davon, dass es gewaltfreie
Proteste waren. Wenn CNN und das Fernsehen Bilin überhaupt
erwähnen, dann nur minimal.
Mit dem noch kleineren Dorf Khirbet Tana in der zentralen
Westbank geschieht dasselbe; man beachtet es nicht, noch
schlimmer: als es Anfang Juli vom israelischen Militär total
eingeebnet worden war, hat nur die Haaretz-Journalistin Amira
Hass darüber geschrieben. Fast jede der Dorfbauten, in denen 450
Menschen und eine große Schafherde lebten, wurden zerstört; nur
die 200 Jahre alte Moschee und zwei andere Strukturen blieben
stehen. Doch dieser Ethnozid im kleinen war für die Zeitungen
von keinem Interesse; die New York Times nahm keine Notiz davon.
Auch die anderen größeren US-Zeitungen nicht ; denn hätte man es
getan, dann hätte man – wie Amira Hass – anerkennen müssen, dass
Israel nicht nur „beachtliche soziale Strukturen“ zerstört,
sondern dass seine zerstörerische Aktion nur eine andere Methode
ist, die breiten Ränder der palästinensischen Westbank
anzugreifen, ihre Bewohner zu enteignen, um die Annexion an
Israel vorzubereiten.
Sterbendes Palästina.
Palästina kämpft in fast totaler politischer Finsternis um sein
Überleben. Ein besonderer Horror umgibt immer Morde, die im
Finstern geschehen, da dem Opfer niemand zu Hilfe eilen und
nicht einmal von seinem Todeskampf berichten kann. Gräueltaten
wie der Mord an den drei jungen Bürgerrechtsarbeitern 1964 in
Mississippi hat solchen Schrecken ausgelöst, ebenso die Morde an
den „Desaparecidos“ 1970 in Argentinien und das Klopfen mitten
in der Nacht an Türen im Nazi-Deutschland oder im
Stalinistischen Russland, was jedes Mal Verschwinden und
sicheren Tod bedeutete. Solcher Horror geschieht heute in
Palästina. Israel terrorisiert ein ganzes Volk und zwar ganz
klar mit der Absicht, dieses Volk als eine vereinigte nationale
Einheit zu teilen und zu verhindern, dass es jemals einen
lebensfähiger Nationalstaat bilden kann. Praktisch beleuchtet
keine der Medien - und niemand im öffentlichen Diskurs - die
überall herrschende Finsternis.
Palästina wird langsam durch Israel zu Tode gebracht --- und Tod
ist kein zu starkes Wort. Es ist ein Tod durch ethnische
Säuberung. Es ist ein Tod durch den Diebstahl des Leben-
spendenden Landes; durch Mord an seinen Menschen und ihre
Einschüchterung ; auch durch Entfernung arabischer
Straßenschilder, die auf palästinensische Städte hinweisen, als
ob sie nicht mehr existierten; durch Zerstörung
palästinensischer Landwirtschaft, seines wirtschaftlichen
Potentials, seines Transportsystems, seines Wassers, seiner
Infrastruktur, die Zerstörung seiner Häuser. Und kaum jemand in
der Welt weiß darum.
Diesen Geschichten aus Mississippi, Argentinien und von anderen
Orten ist eines gemeinsam: sie sind Opfer, die im Geheimen
terrorisiert werden, sie sind hilflos und unschuldig, sie sind
Schwarze, Juden oder deren Verteidiger oder friedlich nach
Gerechtigkeit Suchende. Niemand wird ihren wirklichen Schrecken
kennen. Aber da sie Unschuldige waren, ist unsere Empörung
grenzenlos. Und weil sie hilflos waren – absolut ohne
Möglichkeit der Rettung vor einem Lynchmord oder einem
diktatorischen Sicherheitsapparat - ist unser Entsetzen
offensichtlich. Aber wo bleibt das Entsetzen über die Situation
in Palästina?
...Die angeblich zum progressiven Lager Gehörenden kann man, was
dieses Problem betrifft, in zwei Kategorien teilen. Zu der einen
Kategorie gehören jene, die Israel aktiv stützen, die zwar gegen
die Besatzung sind, aber glauben, dass Israel als jüdischer
Staat ein wunderbares Unternehmen sei, und die deshalb nicht
wagen, Israel selbst zu kritisieren, oder Israels Gräueltaten
nicht zur Kenntnis nehmen wollen. In der 2. Kategorie sind
Progressive, die in ihrem Innersten die in Palästina geschehenen
Gräueltaten ehrlich erkennen, die aber so sehr eingeschüchtert
werden, dass sie aus Angst als antisemitisch eingestuft zu
werden, sich abwenden, oder die glauben, dass andere Dinge wie
z.B. sich gegen Bush und den Irakkrieg zu wenden, wichtiger sei.
Die Folge ist eine schreiende Stille über Palästina und sein
Schicksal. Wo in diesem Spektrum auch immer diese zionistischen
oder nicht-zionistischen Progressiven oder die eifrigen
Unterstützer Israels auf der Rechten oder die
christlich-zionistischen Unterstützer auch stehen, letzten Endes
nimmt keiner den Tod Palästinas zur Kenntnis. Und das Problem
wird von Tag zu Tag ernster. Während Zeit vergeht, und andere
große Ereignisse geschehen, gerät Palästina immer weiter in den
Hintergrund und wird letztlich ganz vergessen. Es ist zu einer
„alten Geschichte“ und so zu einem komplizierten Problem
geworden, das man gern zur Seite schiebt. ...
Obwohl ein paar große christliche Kirchen einige lobenswerte
Schritte unternehmen, um Israels Mauer zu verurteilen und sich
von Gesellschaften trennen, die die Besatzung unterstützen, so
geschieht dies nur zögerlich und sehr langsam. Das Problem ist
für die meisten kirchlichen Gruppen zu umstritten; die tapferen,
aber vorsichtigen Schritte, die die Presbyterianer unternommen
haben, um die sie sich in unerträglicher Weise ein Jahr lang
ohne eine definitive Maßnahme bemüht hat, hat der Kirche
unglaubliche Bauchschmerzen bereitet. Mitglieder der Kirche und
einzelne organisierte jüdische Gruppen und andere christliche
Sekten sind nicht einmal so weit gegangnen. Theologen und
Kirchen, die in den USA den Weg für den Kampf um die
Bürgerrechte und den Anti-Apartheid-Kampf in Südafrika
vorbereiteten und die brillante Thesen gegen Ungerechtigkeit
irgendwo sonst aufstellen können, haben wenig oder nichts zu
Israels Unterdrückung der Palästinenser zu sagen.
Christlich-jüdische Dialoggruppen ignorieren zum größten Teil
den israelisch-palästinensischen Konflikt überhaupt, ja weigern
sich sogar, die Tatsachen der Situation vor Ort zur Kenntnis zu
nehmen. Die katholische Kirche unter dem verstorbenen und dem
gegenwärtigen Papst ist so damit beschäftigt, die Verbindung des
Vatikans zum Judentum zu stärken und für seine Beziehungen zu
den Nazis in den 30er und 40er Jahren zu sühnen, dass es ihm
jetzt zu unangenehm wäre, direkte Kritik an der Politik Israels
und der USA gegenüber den Palästinensern zu üben.
Mit Europa ist es kaum besser. Tony Blair war noch nie bereit,
jenseits der von den USA gesetzten Grenzen diesen Konflikt
betreffend anzuschauen. Er hat sich anscheinend dafür
entschieden, seine wichtigsten politischen Maßnahmen auf die
Londoner U-Bahn-Attentate zu konzentrieren und dabei eine neu
erfundene Islamophobie in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist zu
einem tobenden George Bush en miniature geworden, absolut blind
gegenüber dem Gedanken, dass westliche Raubzüge in der
arabischen und muslimischen Welt unvermeidlich arabischen und
muslimischen Hass gegen den Westen erzeugt. Was Frankreich
betrifft, so ist es seit der Ära De Gaulles ein Kritiker
Israels, ein treuer Anhänger der Anti-Kriegs- und
Anti-USA-Haltung auch während des laufenden Irak-Krieges – es
zuckt aber auch nur mit den Achseln, wenn es sich um Palästina
handelt. Es hat gerade Ariel Sharon herzlich in Paris empfangen.
Wieder war es nur Amira Hass, die die Bedeutung dieser Geste
feststellte. Nachdem sie die lange Liste von Beispielen
ständiger israelischer Strangulierungen der Palästinenser
brachte, während Jacques Chirac Sharon umarmt, fragt sich Amira
Hass: „Warum sollte Chirac und andere europäische Führer sich
für die Millionen Kleinigkeiten kalkulierter Enteignungen
interessieren, die das Leben des palästinensischen Volkes
bestimmen. Lappalien, die an einander gefügt, ein klares Bild
ergeben: Sharon ist fest entschlossen dabei, seinen Gesamtplan
zu realisieren: den größten Teil der Westbank unter die
Herrschaft Israels zu integrieren.“ Sie folgert daraus, dass
Europa eine historische und moralische Verantwortung für beide
trägt, für die Israelis und die Palästinenser und dass dies
genügt, Europa zu verpflichten, Israel bei der Erfüllung dieses
Gesamtplanes nicht zu unterstützen.“
Aber natürlich genügt das nicht .
Formuliere dies noch einmal! Denke neu darüber nach!
... so dreht sich die hochheilige Idee von Israel als einem
jüdischen Staat und die Realität des arabisch-israelischen
Konfliktes allein um die Garantie einer dauerhaften Existenz
Israels. All dies überwältigt und füllt den öffentlichen Diskurs
in den USA so sehr, dass alle anderen Möglichkeiten sekundär
bleiben und nur in der einzigen Beziehung beurteilt werden, wie
sie irgendwo und irgendwie Israels Sicherheit und Überleben
berühren. Der Punkt, neu darüber nachzudenken, es neu zu
formulieren, würde bedeuten, das Denken der Allgemeinheit für
andere Möglichkeiten zu öffnen wie z.B. die Anerkennung der
palästinensischen Rechte in Palästina - das Recht echter
Unabhängigkeit, das Recht der Unantastbarkeit der Häuser und des
persönlichen Eigentums, das Recht auf ein Leben ohne
Menschenrechtsverletzungen durch eine Besatzungsmacht – also neu
darüber nachdenken, dass in einer gerechten Welt dies genau so
wichtig ist, wie Israels Recht, zu existieren.
Es gibt aber guten Grund zu glauben, dass jedes neue Formulieren
eine fast hoffnungslose Aufgabe ist, weil das in Jahrzehnten
aufgebaute Denksystem über „Israel-als-jüdischer-Staat“ - zum
großen Teil auf dem Mitgefühl für Juden als einem geschundenen
Volk beruhend – einen so festen Platz in den Medien und den
Köpfen hat, dass es fast unmöglich erscheint, in dieses System
einzubrechen, um die Botschaft zu verändern. Letzten Endes sind
es allein die Medien, durch die das Denken der
Kriegsgegner-Aktivisten, Kirchengruppen, zionistischen und
nicht-zionistischen Progressiven, der Politiker und der
allgemeinen Öffentlichkeit geändert werden kann. Aber die Medien
werden nicht mitmachen. Ein kleines Beispiel: Amira Hass, fast
die einzige Stimme in den Medien, die die Wahrheit sagt,
berichtet, dass sie, als sie einen europäischen Journalisten
fragt, warum er nicht über die Mauer schreibe, die da rund um
Jerusalem gebaut wird und den Ost-Jerusalemer Vorort Anata total
umgibt, antwortete der Journalist, dass sein Zeitungsverleger
nur am Gaza-Abzug interessiert sei, weil dies voller Aktionen
und aufregend sei. Die Zeitungsverleger sind nicht mehr an den
sich immer wiederholenden Details über den Schaden, den die
Mauer verursacht, interessiert.
Unterdrückung ist eine fiese Sache.
Etwas Aufregendes allerdings geschah einem Palästinenser vor
wenigen Wochen; doch auch dies ging praktisch unbemerkt von den
Medien über die Bühne. Eine Gruppe israelischer Teenagesiedler
aus der Westbank kamen, um gegen den bevorstehenden Abzug zu
protestieren, in den Gazastreifen. Sie schlugen einen
palästinensischen Teenager beinahe zu Tode, als er bewusstlos am
Boden lag. Eine Gruppe israelischer Soldaten und ein
internationales Presse-Team beobachtete dies und griff nicht
ein. Israelische Zeitungen hatten den Anstand, so entsetzt zu
sein, dass sie diesen Vorfall mit „Lynchen“ bezeichneten. Die
US-Medien ignorierten dies. Wie in einem alten Rätsel fragt man
sich: macht ein fallender Baum mitten im Wald Lärm, wenn es
niemand hört? Dies kann man auch auf die Palästinenser anwenden:
Leiden die unter israelischer Besatzung lebenden Palästinenser
wirklich unter der Unterdrückung, wenn die Medien nichts davon
berichten?
Ein Vergleich der Medien-Berichterstattung ....... über die
Evakuierung der Siedler im Gazastreifen mit der
Berichterstattung über die massive Zerstörung palästinensischer
Häuser, die seit Jahren im Gazastreifen, in der Westbank und
Ost-Jerusalem vor sich geht, stellt sich die erstere im
Vergleich zu jener über Palästina wie immer als „ weit
verbreitetes Schweigen“ dar. Während des Abzugs der Siedler
berichteten 900 Journalisten aus aller Welt Tag für Tag von der
fürs Fernsehen fabrizierten Angst und Pein der 7-8000 Siedler
und der opportunistischen Fanatiker, die von außerhalb Gaza
kamen, um die Siedler zu unterstützen. Niemals wurde solches
Theater jedoch um die Angst und den Schmerz der Palästinenser
gemacht, als buchstäblich Tausende ihrer Häuser zerstört wurden,
und Zehntausende von Unschuldigen obdachlos wurden, weil Israel
ihr Land zu einer „Sicherheitszone“ erklärte, oder das Haus als
zu nah an einer israelischen Siedlung wähnte oder es im Weg des
Mauerbaus stand oder weil man keine Baugenehmigung hatte, die
Palästinenser gar nicht bekommen. Dies sind reine, sich ständig
wiederholende Details der Unterdrückung – und anscheinend nicht
so emotional, aufregend oder plastisch wie der jüdische Schmerz.
Auch wenn die Medien in den USA und in Europa schweigend über
die Todeswehen Palästinas hinweggehen, versäumen sie selten eine
Gelegenheit, den Palästinensern.eine Lektion zu erteilen: Israel
hat einen unübertrefflich mutigen Schritt in Gaza unternommen (
„den bedeutendsten und schmerzvollsten Schritt in Richtung
Frieden, der jemals im Mittleren Osten gemacht wurde“,
trompetete eine Zeitung mit spektakulärer Übertreibung) . Die
Zukunft hängt nun ganz davon ab, wie sich die Palästinenser
verhalten. Unter „Verhalten“ versteht man, weder die Israelis
noch die Medien zu stören, die verbreiten, dass der Frieden
schon um die Ecke sei, wenn nur die Palästinenser kooperieren.
Unter „Verhalten“ ist auch gemeint, dass sie sich ganz sicher
nicht über Israels massive Konsolidierung und Expansion in der
Westbank beklagen dürfen, während die Welt nach Gaza schaut.
„Verhalten“ bedeutet im Wesentlichen, Kapitulation. Die neue
Nach-Gaza-Medien-Propaganda läuft darauf hinaus, wie es kürzlich
in der (Fox-) Sonntags-Talkshow ausgedrückt wurde: Israel ist
aus dem Gazastreifen, die Mauer hat dem Terror ein Ende gesetzt,
die Palästinenser haben keine Druckmittel mehr und müssen
deshalb ihre Forderungen aufgeben und „ein Abkommen erreichen“ –
d.h. Kapitulation gegenüber allem, was Israel diktiert. Auch
wenn dies ein Rezept vom rechten Flügel ist, gibt es bei diesem
Thema kaum einen Unterschied zwischen der Rechten und der
Linken. Man kann ziemlich sicher sein, dass dies in etwa die
neue Wahrheit für das ganze Spektrum der Hauptmedien in den USA
sein wird.
Jene Medien-Kommentatoren und -Redakteure, die meist dazu
neigen, den Palästinensern mit den Fingern zu drohen, sind am
wahrscheinlichsten diejenigen, die ignorieren, was auf der
Westbank wirklich vor sich geht . Der Kolumnist der Washington
Post, Jackson Diehl, einer der vielen, der vor dem Abzug eine
ganze Spalte seiner Enttäuschung widmete, dass die Palästinenser
sich irgendwie nicht der Lage gewachsen zeigten .(
„Palästinensische Führer,“ verkündete er mit atemberaubender
Kurzsichtigkeit, „ konzentriert euch mehr auf die US-Vermittler,
um mehr Konzessionen von Israel zu erhalten .....“ )– der aber
niemals die Westbank erwähnte oder die vielen Schritte, die
Israel unternahm, um Palästina abzuwürgen. Die letzte Nummer
einer Monatszeitschrift ( Atlantic Monthly) hatte einen 20 000
Wörter langen Artikel über „Wie Yassir Arafat Palästina
zerstört“ ohne die Siedlungsexpansion in der Westbank, die
Mauer, die Zerstörung von palästinensischem Eigentum und die
anderen Arten, wie Israel Palästina zerstört, zu erwähnen. So
geht das Phänomen von Palästinas Verschwinden unsichtbar über
die Bühne.
Diese Beispiele sind nur die Spitze des Eisberges, der
„Jüdischer Staat“ genannt wird: ein Denk- und öffentliches
Diskurs-System, in dem alles Israelische als gut und alles
Palästinensische als schlecht oder bestenfalls als nicht der
allgemeinen Aufmerksamkeit wert erachtet wird; ein Denk-System,
das alle Entwicklungen in der Region nur im Sinne von
Beeinträchtigung der Existenz oder des Überlebens von Israel als
einem jüdischen Staat betrachtet. Israel ist also immer
unschuldig, immer das Opfer, jeder gewaltfreie Widerstand gegen
Israels Aggression wird nur in dem Sinne betrachtet, wie es
Israels Zukunft berührt. So ist es fast unvermeidlich, dass
alle, die in diesem Sinne denken, jedes Tun der Palästinenser
als Bedrohung von Israels Zukunft betrachten. (wie z.B. das
Banner in Fußballstadium in Basel: „Free Palestine!“ am 3.9.05.
ER)
Die Medien sind der Hauptlieferant dieses „Jüdischen
Staats“-Systems von Richtlinien und deshalb auch der
Hauptlieferant des Denk-Systems, das die Palästinenser und ihre
Notlage als eine ständige Wiederholung ( von Lappalien)
betrachten. Die Details der palästinensischen Unterdrückung
werden immer nur in Beziehung - im Sinne der oben beschriebenen
Medien - beurteilt, welche Bedeutung sie für das jüdische Leiden
haben. Die Medien schweigen über das tägliche Töten von
palästinensischen Zivilisten, einschließlich Kindern – egal, ob
es durch Scharfschützen, durch Raketenangriffe, unter
plattgewalzten Häusern, als „Kollateralschaden beim gezielten
Töten von militanten Führern geschieht. Das Töten findet, wie
die Human Rights Watch (Menschenrechtsorganisation) kürzlich
charakterisierte, in einer Atmosphäre totaler Straflosigkeit
statt. Das Schweigen der Medien und die Gleichgültigkeit des
Westens hilft mit , diese Atmosphäre auszubrüten, in der die
israelischen Soldaten die Genehmigung des Tötens haben, wann
immer sie wollen.
Studien über US- und britische Medien zeigen wiederholt, dass
der Tod palästinensischer Zivilisten wenig Medienaufmerksamkeit
erhält, während der Tod von Israelis unverhältnismäßige
Aufmerksamkeit erhält. So gewinnt man den Eindruck, als würde
die Tötungsrate der Israelis viel höher sein, als die der
Palästinenser – während tatsächlich während der ganzen Intifada
die Zahl der palästinensischen Getöteten immer drei-vier mal
höher lag. Nur wenige TV-Konsumenten kennen die wahre Geschichte
dieser unverhältnismäßigen Zahl palästinensischer Getöteten. Die
Journalistin Alison Weir ( Leiterin von „IFAmericansknew.org)
hat ausgedehnte Studien über die Berichterstattung in den
US-Hauptmedien, -Zeitungen, Magazinen, Fernsehen gemacht und
durchgehend entdeckt, dass die Medien über die palästinensischen
Getöteten viel weniger berichten und zwar in einem Verhältnis
von 3:14 . Während des 1.Jahres der 2. Intifada (Okt.2000 –
Sept.2001) fand Weir z.B. heraus, dass trotz der viel höheren
Tötungsrate, die Medien über alle israelischen Getöteten drei
bis vier mal mehr berichteten als über palästinensische Getötete
und über den Tod israelischer Kindern sogar 14 mal mehr als über
den Tod palästinensischer Kinder. In einer ähnlichen Studie hat
Weir über das Jahr 2004 genau diesen Unterschied wieder
festgestellt.
Eine gründliche Studie über die Berichterstattung des britischen
Fernsehen über den Konflikt im Jahr 2004 - einschließlich des
Inhaltes und der Auswirkungen der Berichte auf das Verständnis
und die Haltung des Fernsehpublikums - zeigte ähnliche
Verdrehungen. In einem Artikel, der die umfangreiche .... Studie
(„Schlechte Nachrichten aus Israel“ von Glasgow
Universitätsforschern Greg Philo und Mike Berry) untersucht,
schrieb ein früherer BBC-Nahost-Korrespondent, die britische
Rundfunk- und Fernsehberichterstattung über die Intifada sei
hauptsächlich unredlich – was das Konzept, die Behandlung und
die Ausführung betrifft. Tim Llewellyn, der zehn Jahre lang für
BBC über den Nahen Osten berichtete, bestätigt die
Schlussfolgerungen des Buches. Er hatte nach seinen Erfahrungen
beobachtet, dass die „Rundfunksprecher“ allein mit ihrer Sprache
bzw. ihrem Ausdruck den besetzenden Soldaten den Vorzug gaben,
im Vergleich zu den besetzten Arabern, indem sie die letzteren
im wesentlichen als fremde Stämme beschrieben, die das Überleben
Israels bedrohten – dabei ist es genau umgekehrt.
Die Glasgow-Untersucher beobachteten zwei Jahre lang die
Berichterstattung des britischen Fernsehens und fanden heraus,
dass Israelis in Interviews und in Zitaten mehr als doppelt so
oft erscheinen wie Palästinenser; dass die Berichterstattung
keine historischen Hintergründe über die Ursprünge des
Konfliktes oder über die Enteignung der Palästinenser 1948
bringt; dass die Besatzung oder das Konzept der israelischen
Kontrolle über israelische Gebiete nie erwähnt wurde, ja, nicht
einmal das Wort „Besatzung“ kam vor; dass israelische Siedlungen
und andere Merkmale der Besatzung, wie die Landenteignungen,
niemals beschrieben werden, ja, bei der Besatzung eine
wesentliche Rolle spielen.
Der Forschungsbericht über das TV-Publikum in Schottland und
England fand weitgehende Ignoranz und Verwirrung über den
Konflikt vor. Die Lücken im Wissen des Publikums entsprechen den
Lücken in der Berichterstattung. Die meisten Zuschauer/ Zuhörer,
die nichts über die Geschichte und nur selten das Wort
„Besatzung“ hörten, wussten nicht, wer wen besetzt hält. Nur
etwa erstaunliche 10% verstanden, dass Israel palästinensische
Gebiete besetzt und nicht umgekehrt, und die meisten dachten,
dass die Palästinenser jeweils den Kampf beginnen. Wie Llewellin
aus den Ergebnissen der Studie entnahm, war das Ergebnis der
„verdrehten Linse“ des Fernsehens, dass die Israelis eine
Identität und eine Existenz haben, die der Zuschauer versteht.
Die Palästinenser bleiben anonym, unsympathisch, ihre
Persönlichkeiten und ihre Ansichten bleiben unter ihrer Bürde
des Leids und dem Jargonwort „Terror“ vergraben..
Aber wie kann dies verändert werden?
… die Medien-Berichterstattung über den
palästinensisch-israelischen Konflikt ignoriert den
palästinensischen Standpunkt. Er passt einfach nicht mit dem
tief verwurzelten Denken der Medien zusammen - oder mit der
teuer finanzierten und enorm erfolgreichen Lobby- und
Propaganda-Kampagne organisierter Unterstützer Israels zusammen.
All dies ist abwechselnd ein größerer Grund, warum die
Öffentlichkeit die palästinensische Geschichte nicht kennt. Sie
ist kein Teil des akzeptierten, politisch korrekten öffentlichen
Denkens. Israel als Unterdrücker passt nicht in das Bild von
Unschuld und Moral, das in uns hineingetrommelt wurde; Israel
als ( militärisch) besonders stark , passt nicht in das Bild des
jüdischen Opfers, mit dem wir alle aufgewachsen sind; Israels
Soldaten als Killer passen nicht in das Konzept der „Reinheit
der Waffen“, von denen uns immer erzählt wurde und das noch
immer dem israelischen Militär eingeflößt wird; Israel als
Verursacher eines Ethnozids gegen ein ohnmächtiges Volk passt
nicht zum „Opfer eines Völkermord“-Images, das in den Gehirnen
der meisten Amerikaner ( und Europäer ! ER) steckt.
...Israel und seine Unterstützer können über „Jüdischen Staat“
oder über „Bedrohung von Israels Existenz“ oder über
„Antisemitismus“ reden und werden sofort und mitfühlend
verstanden. Die überkommene Grundlage für die Berichterstattung
ist, dass es in diesem Konflikt nur um Israels Überleben geht;
seit einem halben Jahrhundert hat man uns alle glauben gemacht,
dass die Araber Israel als Staat zerstören und Juden töten
wollen; und deshalb muss sich Israel – natürlich mit massiver
Hilfe der USA – um jeden Preis verteidigen, und dass deshalb
Israels Sicherheit äußerst wichtig ist. Weitere Erklärungen sind
nicht nötig. In Wirklichkeit geht es aber nicht um Israels
Überleben, das gar nicht in Gefahr ist – es geht um das
Überleben der Palästinenser und die Bedrohung der
palästinensischen Existenz als Volk und Nation. ...
Die Palästinenser selbst werden nicht verschwinden, trotz
Israels größter Anstrengung, und sie werden ihren Kampf nicht
aufgeben – jetzt nicht, nachdem sie 60 Jahre lang erfolgreich
gegen einen gemeinsamen multinationalen Versuch, sie zum
Verschwinden zu bringen, kämpften. Aber Israels Besatzung von
palästinensischem Land und die israelische Gewalt zerstört jede
Möglichkeit einer palästinensischen Staatsbildung. Während die
Medien die Besatzung und die Politiker die Gewalt Israels
ignorieren, weiß das westliche Publikum wenig und kümmert sich
wenig darum. Palästina und die Palästinenser werden terrorisiert
und im Dunklen gemordet. Keiner hilft ihnen, nur wenige bemerken
ihr Sterben. Sie sind hilflos und stehen der Macht einer
massiven israelischen Militär- und Propagandamaschine gegenüber,
die von den westlichen Medien begünstigt wird.
Kathleen Christison ist eine frühere politische CIA-Analystin
gewesen und hat sich 30 Jahre lang mit Nahostthemen befasst. Sie
ist die Autorin von „Perceptions of Palestine“ (Wahrnehmung von
P.) und „ The Wound of Dispossession“ (Die Wunde der
Landenteignung“) . Ihre E-Mail-Adresse:
christison@counterpunch.org
http://counterpunch.org/christison08262005
(dt. und etwas bearbeitet :Ellen Rohlfs)
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