Meerwasser für Palästina - Die Welt
soll den Wasserluxus Israels finanzieren
von Andrea Naica-Loebell 29.05.2004
Israel hat einen Plan vorgelegt, der eine gigantische
Meerwasserentsalzungsanlage vorsieht, die für die Versorgung der
Palästinenser mit Trinkwasser sorgen soll. Das vorhandene
Grundwasser des besetzten Westjordanlandes wollen die Israelis
dagegen weiterhin für sich selbst nutzen.
Israel hat kürzlich einem Komitee für internationale Beziehungen des
Repräsentantenhauses die Pläne für die Entsalzungsanlage vorgestellt
(Water Scarcity in the Middle East: Regional Cooperation as a
Mechanism towards Peace (1)). Mit dem in Caesaria aus dem Mittelmeer
gewonnenen Trinkwasser sollen künftig die Palästinenser in den
besetzten Gebieten versorgt werden. Wie Uri Shamir vom Technion
Israel Institute of Technology (2) den Abgeordneten mitteilte, sei
dies auf lange Sicht "die einzige praktikable Lösung". Bezahlen soll
die Anlage die USA, bzw. die internationale Gemeinschaft, die
Folgekosten für die Palästinenser werden enorm sein. Wörtlich
erklärte Uri Shamir dem Wissenschaftsjournal New Scientist (3):
"Die Anlage wird die Welt für die Palästinenser finanzieren. Israel
wird nicht bereit sein, diese Kosten zu tragen und die Palästinenser
sind nicht fähig dazu."
Das Grundwasser der Westbanks
Die Ausbeutung des Grundwassers des Westjordanlandes behält sich
Israel weitgehend selbst vor und sieht das als Voraussetzung für die
Anerkennung eines künftigen palästinensischen Staates. Dafür wird
der israelische Staat die reibungslose Durchleitung des Wasser
mittels einer Pipeline durch sein Gebiet nach Dschenin garantieren.
Von dort
aus kann es durch ein Leitungssystem in die Städte und 250 Dörfer
des besetzten Gebietes verteilt werden.
Seit der Okkupation des Westjordanlandes im Sechs-Tage-Krieg 1967
haben die Palästinenser nur bedingten Zugang zum Grundwasserbecken
unter ihren Füßen. Das Bohren und Reparieren von Brunnen wurde
streng reglementiert und im Friedensvertrag von Oslo (4) wurde
festgeschrieben, dass Israel den Löwenanteil der sich erneuernden
unterirdischen Reserven nutzen darf.
Brunnen bohren verboten
Tatsächlich beansprucht die Besatzungsmacht 80 Prozent für sich, nur
ein Fünftel kommt den Palästinensern zugute. Viele der Dörfer des
Gebietes sind bis heute ohne fließendes Wasser, manche sogar ohne
Trinkwasserbrunnen. Tiefe Brunnen zu bohren ist
genehmigungspflichtig und wurde nur in seltenen Ausnahmen erlaubt.
Die israelischen Siedler in den Westbanks verbrauchen bis zu 360
Liter Wasser täglich und während sie in ihren Schwimmbädern
plantschen, sitzen viele Palästinenser auf dem Trockenen. Ihr
Verbrauch liegt bei durchschnittlich bei weniger als 100 Litern
täglich. Die Weltgesundheitsorganisation hat immer wieder darauf
hingewiesen, dass die schlechte Wasserversorgung die Gesundheit der
Besetzten gefährdet (Health situation of Palestinian people living
in the occupied Palestinian Territory (5)).
Wer das Wasser hat, kann die Wüste blühen lassen. Milch und Honig
fließt nur für den, der seine Felder bewässern kann. In den
besetzten Gebieten gibt es kaum Industrie, die Menschen sind
weitgehend auf ein Einkommen aus der Landwirtschaft angewiesen.
Unter dem Westjordanland liegt ein gewaltiger Grundwasserspeicher.
Diese Aquiferen (Wasser führende Schichten im Untergrund) werden
durch Niederschläge aus den Bergen immer wieder aufgefüllt.
Entsalzung von Meerwasser
Die Verfahren zur Entsalzung von Meerwasser sind aufwändig und
teuer. Die meisten Experten sehen sie - wenn überhaupt - nur als
sinnvoll an, um den reinen Trinkwasserbedarf zu stillen. Die Anlagen
verbrauchen sehr viel Energie und das bedeutet hohe Kosten. Bisher
hat sich die Technik entsprechend vor allem in den reichen,
arabischen Ölstaaten durchgesetzt (Zahlen, Daten und Fakten zur
Meerwasserentsalzung (6)). Im Westjordanland kommen weite und
schwierige Transportwege für das blaue Gold hinzu: Das Wasser müsste
bis zu 1000 Meter hinauf gepumpt werden. Der Kubikmeter würde
folglich in etwa einen Dollar kosten.
Arie Issar, Wasserexperte von der Ben Gurion University (7) im
Negev, der bis heute die Hoffnung nicht aufgegeben hat, durch
technologische Kooperation mit den Nachbarn sowohl den Wassermangel
zu beheben, als auch den Frieden zu erreichen (Nutzung der kostbaren
Wasserressourcen (8)), zeigt sich den aktuellen Planungen gegenüber
sehr kritisch:
"Die Frage ist, ob eine durchschnittliche palästinensische Familie
sich das leisten kann. Es wäre töricht, Wasser an der Küste zu
entsalzen und es in die Berge hochzudrücken, wenn es dort oben
Wasserressourcen im Untergrund gibt, die nur ein Drittel so viel
kosten."
Chronischer Wassermangel
Bisher funktioniert die tägliche Kooperation der beiden
Bevölkerungsgruppen im Bereich der Wasserversorgung erstaunlich gut.
Aber die palästinensischen Experten sehen mit viel Misstrauen auf
die Zukunftsperspektiven. Die zuständige Behörde Palestinian Water
Authority (9) befürchtet eine zukünftige Abhängigkeit von
israelischem
Know-How und kommende finanzielle Probleme.
Israel versucht, sich die lebenswichtigen Ressourcen zu sichern. Das
Land bezieht sein Wasser hauptsächlich durch den Jordan und den See
Genezareth, die am Golan entspringenden Flüsse und die
Grundwasseradern des Westjordanlandes. Das Kernland ist
hauptsächlich Wüste, wo kaum Regen fällt (Israel in Kürze - Wasser
(10)).
Israel ist Weltmeister, wenn es um die optimalen Bewässerungssysteme
geht, aber der Wassermangel ist ein grundlegendes und chronisches
Problem. Die Veränderungen am Jordan haben bereits zu einer
zunehmenden
Austrocknung des Toten Meeres geführt (Quo vadis, Totes Meer? (11)).
Ob der Staat wirklich je durch eine Pipeline Wasser aus der Türkei
beziehen wird, steht noch in den Sternen. Der Transport mit Tankern
kann nur ein Tropfen auf den heißen Stein darstellen (Programmierter
Streit um Lebenselixier (12)).
Der Sicherheitszaun
Experten haben sich bereits den Verlauf des "Sicherheitszauns"
genauer angesehen, mit dem sich Israel gegen die Palästinenser
abgrenzen will und über dessen genauen Verlauf noch diskutiert wird.
Der Hydrogeologe Clemens Messerschmid berät die Palestinian Water
Authority und stellte bei seiner Analyse der geplanten Linie der
Grenzmauer fest, dass sie neben dem Schutz der israelischen Siedler
auch dafür sorgen soll, den Palästinensern den Zugang zum
Grundwasser möglichst zu verwehren. Er kommt zu dem Schluss:
"Bereits Mitte der 90er Jahre, lange vor Camp David, haben
israelische Hydrologen 'maps of water interests' gezeichnet, in
denen die Gebiete, die nun hinter die Mauer fallen, zu den
strategischen Interessenszonen Israels gezählt wurden. In diesen
Gebieten sollte zukünftige palästinensische Erschließung unterbunden
werden. Es ist
daher nicht überraschend, dass der jetzige Verlauf der Mauer diesen
Karten stark ähnelt. (...) Hauptanliegen ist hier, jegliche
zukünftige und potenzielle Erweiterung der palästinensischen
Kapazitäten zu unterbinden und durch geschaffene Fakten von
vornherein zu verunmöglichen. Wenngleich dieser Aspekt in der
Berichterstattung keinen großen Raum einnimmt, so ist er für die
Lebenswirklichkeit von Millionen Palästinensern zentral."--
Sicherheitszaun und Wasserressourcen-Entwicklungsperspektiven (13)
Gaza
In Gaza ist die Situation noch katastrophaler, das Grundwasser
versalzt immer mehr und die UNO warnt, dass wenn es so weitergeht,
in 15 Jahren kein Trinkwasser mehr vorhanden sein wird. In der Liste
der Länder mit den größten Wasserproblemen steht diese Region an
zweiter Stelle (Der große Durst (14)). Gaza liegt am Strand und eine
Meerwasserentsalzungsanlage soll das Problem lösen. Die USA und
andere Länder unterstützen das Projekt mit Entwicklungshilfe. So
ähnlich stellt Israel sich auch die Finanzierung des entsalzten
Wassers für die Westbanks vor. Die amerikanische
Entwicklungshilfeagentur USAID (15) unterstützt die Planung bereits.
Alvin Newman, der Zuständige für Wasserressourcen in Tel Aviv,
kommentiert: "Letztlich ist das die einzige Lösung".
LINKS
(1)
http://wwwa.house.gov/international_relations/108/sham050504.htm
(2) http://www.technion.ac.il
(3)
http://www.newscientist.com
(4)
http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/kursss99/winkler/Jordanien.htm
(5)
http://www.who.int/mediacentre/statements/statement04/en
(6)
http://www.dme-ev.de/global/downloads/Pressemeldungen/DME_Fact%20Sheet_ME.pdf
(7) http://www.bgu.ac.il
(8)
http://www.bpb.de/popup_quellentext.html?guid=HB720Y
(9) http://www.pwa-pna.org
(10)
http://www.liste.israel.de/botschaft/kuerze/wasser.html
(11)
http://www.telepolis.de/r4/artikel/12/12678/1.html
(12)
http://www.taz.de/pt/2004/01/12/a0098.nf/text
(13)
http://www.genfer-initiative.de/c-messerschmid_wasser.htm
(14)
http://www.telepolis.de/r4/artikel/14/14434/1.html
(15) http://www.usaid.gov
Telepolis Artikel-URL:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/17/17532/1.html
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