Bericht
über eine israelische Militäroperation am 26. März 2003 in
Bethlehem, erlebt bei einer betroffenen Familie.
Gestern
Abend ist vor unserer Haustüre die Tochter von Carolyns bester
Freundin erschossen worden (Carolyn ist die Mutter der Familie, bei
der ich grad wohne). Leider wurde ich Ohrenzeuge von einem vierfachen
Mord, als ich grad aus der Apotheke kam und ins Internetcafe ging. Da
begann eine wilde Schießerein, sodass der Besitzer des Internetcafés
schnell die Eisentüren zumachte, weil es so nahe war. Regelrechter
Kugelhagel ist geprasselt. Wir wussten nicht woher, wer und warum. Ich
hatte auch niemanden gesehen, auch kein Militär, als ich in den Laden
ging. Wir versteckten uns im oberen Stock, weil die Kugeln möglicherweise
durch die Türe kommen, sollte jemand darauf schießen. Ich war mit 7
jungen bis älteren Männern dort, die alle zitterten. Auch wenn sie
noch Witze machten sah ich, wie sich die Herzschläge unter den Jacken
vervielfachte. Ich blieb ganz ruhig. Es musste ja schließlich wieder
mal aufhören und ich fühlte mich in Sicherheit.
Nach
ca. einer Viertel Stunde schien es leise zu sein. Ich huschte
hinaus und um die Ecke, wo auch schon unser Haus ist. Als ich
klingelte, machten sie mir schnell auf. Sie hatten sich Sorgen
gemacht, weil sie wussten dass ich genau dort war, wo es schoss. Die
Kinder hatten noch den Sandwich in der Hand, den sie vor einer
Viertelstunde essen wollten. Dann sind sie in den Korridor geflüchtet,
haben die Lichter ausgemacht und dort ausgeharrt. Sie hatten Angst,
dass Kugeln zum Fenster herein kommen.
Das
Telefon klingelt ununterbrochen und die Informationen und Gerüchte über
was passiert sein soll häufen sich, ändern sich immer wieder. Immer
wird es noch schlimmer. Tränen, hoffen auf einen Irrtum, angstvoll geöffnete
Kinderaugen, die nicht wissen was passiert und was sie tun sollen, die
Wangen ganz rot.
Immer
wieder gibt es erneut Schüsse. Durch das stürmische Wetter war es
teilweise unmöglich zu unterscheiden, ob Schüsse, Donner oder
die Flugzeuge, die in den Irak fliegen, um dort zu bombardieren.
Dann
im Bethlehemer Lokalfernsehen erste Bilder: zwei total zerschossene
Autos. Alle Fensterscheiben kaputt, der Kofferraum wie ein Sieb durchlöchert,
daneben Verletzte, Ambulanz, über eine Person wird ein weißes
Plastik gebreitet - ein Toter, oder mehr? Wer ist es. Wem gehört
dieses Auto. Das ist das Auto von Charlotte ... wieder telefonieren.
Oh nein, Charlotte. Nein es ist nicht Charlotte, es ist das Auto von
Nijwe, Carolyns bester Freundin und angeblich ist eine Tochter schwer
verletzt. Sie habe Augen und Mund offen und atme nicht. Nein das darf
nicht sein. Wieder Tränen. Unter Tränen wieder telefonieren. Nijwes
Familie - um zu hören, dass es doch nicht stimmt, aber es ist
wahr. Am Telefon kann die Mutter von Nijwe kaum sprechen. Die 12-jährige
Tochter ist tot, die 14-jährige hat eine Beinverletzung, ihrem Mann
wurde in den Nacken geschossen und er sei in sehr kritischer Lage.
Nijwe sei nur leicht verletzt.
Im
anderen Auto werden drei Leichen geborgen. Der Fahrer, dessen Körper
seiner Familie im Flüchtlingslager Aida/Bethlehem zur Beerdigung übergeben
wird. Seine zwei Mitfahrer waren angeblich gesuchte Hamas-Mitglieder.
Beide Leichen werden vom Militär beschlagnahmt. Eine Name davon ist
erst bekannt. Bis 23h ist das Militär vor unserem Haus um auf den
Abtransport der Toten nach Israel zu warten.
Die
Familie bei mir hat immer noch Angst. Der Mann ist noch nicht zuhause
und kann nicht kommen, solange das Militär vor dem Haus ist. Niemand
darf hinaus. Er ist bei einer befreundeten Familie untergekommen. Über
Handy konnten wir ihn verständigen, was passiert ist. Die Kinder
werden nervös zu Bett gebracht, der Kleinste ist ganz heiß. Er hat
Fieber. Nur die 10-jährige ist noch auf. Ich muss mit ihr aufs Klo
gehen, da sie sich fürchtet allein im Badezimmer nebenan zu sein. Bei
jedem ungewöhnlichen Geräusch zucken sie zusammen. Immer noch
klingelt das Telefon ununterbrochen. Das Lokalfernsehen zeigt
inzwischen Bilder von der toten Christina in ihren blutüberströmten
Kleidern. Mund offen, Augen halb geschlossen, als hätte sie zuletzt
nach ihrer Mama geschrieen.
Die
Nachrichten über den Zustand des Vaters ändern sich. Der Schuss ging
doch in in den Rumpf, er wurde drei Stunden operiert und sein Zustand
sei bis jetzt stabil. Die ältere Tochter wird jetzt gerade operiert -
die Kugel wird aus ihrem Bein entfernt. Die ganze Familie ist im
israelischen Krankenhaus Hadassah, außer der toten Tochter, die in
Bet Jala aufgebahrt ist. In Hadassah hat man sich bei der Familie
entschuldigt, dass man das Auto verwechselt habe.
Der
Unfall wird folgendermaßen beschrieben: Das Militär hatte die
Information, auf den kommenden hellen Peugeot zu schießen, in dem
angeblich Hamasmitglieder sitzen sollen. Das Pech der Familie war,
dass sie das gleiche Auto hatten wie die gesuchten Opfer und vor ihnen
fuhren. Der Peugeot der Familie ist beige, der andere Peugeot Silber.
Um
halb zwölf kommt der Vater endlich nach Hause und wir gehen schlafen.
Die ganze Familie schläft heute Nacht in einem Bett.
Am
nächsten Morgen ist keine Schule. Die Schule des Mädchens hat einen
Trauertag und die Schule in Bet Jala hat drei Tage Trauer, da der
Vater dort Direktor ist. Der Kleine hat immer noch Fieber, schläft
wieder und wird zum Arzt gebracht.
Wieder
gibt es Nachrichten. Der Zustand des Vaters hat sich wieder
verschlechtert und es gibt Probleme mit Nieren und Blase. Angeblich
ging die Kugel durch die Blase.
Die
Nachbarn kommen herüber und erzählen, wie es ihnen gestern
ergangen ist. Die Tochter der Nachbarin, die sieben Jahre alt ist,
ruft immer wieder angstvoll an und fragt, wann die Mama wieder kommt.
Die Mutter erzählt, dass die Tochter den ganzen Abend gestern Fragen
gestellt hat, ob Kugeln auch durchs Fenster kommen können oder ob
eine Kugel hinten am Rücken herauskommt, wenn sie vorne rein geht.
Am
Vormittag die Nachricht: das zweite Opfer (angeblich Hamas) ist Ala.
Wieder ein Freund der Familie. Er hat im Restaurant der Brüder
gearbeitet, war öfters bei Ihnen zu Besuch und rief fast jeden Tag
bei Carolyns Mutter an, um sie zu fragen wie es ihr geht. Carolyn
sagt: "er ist nicht von Hamas. Das kann nicht sein. Er hatte fast
nur christliche Freunde. Nein er ist nicht von Hamas." Wieder
steigen ihr Tränen in die Augen. "Karin, wenn Du ihn nur kennen
lernen hättest können. Er war so ein guter Junger. 25 Jahre alt.
Hilfsbereit, höflich. Und er war eben vor einem oder zwei Monaten aus
dem Gefängnis entlassen worden. Also wenn er wirklich so gesucht ist,
warum haben sie ihn denn freigelassen. Karin, was denkst Du - wie weit
musst Du da denken?
Die
zehnjährige Lourdes, der ich beim Französisch helfe, hält plötzlich
inne und sagt: "Karin, Ala war wirklich so ein guter Mensch. Ich
hatte ihn so gerne." Tränen wieder in den Augen. "Warum tun
sie das?, warum bringen sie meine Freunde um?, warum Leute, die so gut
sind wie Ala und wie Christine?, die armen Mütter von ihnen."
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