Guten Morgen, israelische Linke!
von Gideon Levy, Haaretz,
13.2.05
Guten Morgen, israelische Linke! Nach einem ewig langen
Winterschlaf nehmen wir wieder Geräusche ihres Erwachens wahr.
Nur wenn der Wind wieder einmal aus ihrer Richtung weht -
nicht weil sie irgend etwas tat - wagt die außerparlamentarische
Linke aus ihrer Kammer zu kommen, wo sie sich mehr als vier
Jahre eingeschlossen hat. Vielleicht sollte man diese Zeichen
des Erwachens willkommen heißen; aber es ist unmöglich, sie
nicht für ihre langes, schmähliches und feiges Schweigen zur
Verantwortung zu ziehen, dass sie den Rechten und Siedlern die
Straße überlassen hat. Länger als vier Jahre hat Israel in den
besetzten Gebieten getan, was es wollte - praktisch ohne irgend
eine Kritik von innen. Es tötete und zerstörte, entwurzelte und
brutalisierte - und praktisch protestierte niemand. Die Welt
sah, was vor sich geht und schrie deshalb. Aber nicht wir. Als
Israel verzweifelt eine andere Sichtweise braucht, einen klaren,
lauten Protest, wurde praktisch nichts gehört, nicht einen
Pieps, außer von ein paar kleinen und tapferen Organisationen.
Es ist also schwierig denen zu vergeben, die schwiegen, wegsahen
und sich in Gleichgültigkeit einhüllten und Israel so wie einen
monolithischen Block erscheinen ließen, der die Regierung
unterstützt. Die raschelnden Geräusche, die man nun von der
zionistischen Linken langsam vernimmt, kommen zu spät, um sie
von ihrer Verantwortung zu befreien. Bis jetzt wurden sie durch
ihr
Schweigen nur ein Partner von all dem, was die Regierung während
all dieser verdammten Jahre getan hat. Mit dem Verschwinden der
Labor-Partei und den Bedenken und der Kraftlosigkeit, die die
anderen Teile der zionistischen Linken lähmte, waren allein die
Siedler ein aktives Element der Gesellschaft. Auf diese Weise
gelang es der Regierung, ihre brutale Politik fortzuführen, und
die Siedler konnten ohne Unterbrechung ihr Unternehmen pflegen
und fortführen. Nun, unter dem Schutz eines Ministerpräsidenten
der Rechten, erinnerte sich die Linke plötzlich, dass sie auch
etwas zu sagen hat - wie ein schwaches, blasses Echo von Ariel
Sharon. Die ersten, die, wie gewöhnlich, kein Blatt vor den Mund
nehmen, sind Schriftsteller der Avantgarde... Vor ein paar Tagen
riefen Amos Oz, A.B. Jehoshua, Davis Grossman, Meir Shalev, Agi
Mishol und ein paar andere Eliteschreiber in einem sauberen,
stilvollen Inserat zu "einer Änderung im Bewusstsein und Gefühl"
auf.
Was für eine Änderung? Was für ein Bewusstsein? Sie riefen auch
nach einer Wiederaufnahme politischer Verhandlungen auf, eine
sehr gewagte Maßnahme nach dem Sharm-el-Sheikh-Gipfel. Sie
schlugen auch der Regierung vor, das Leiden des
palästinensischen Volkes anzuerkennen - natürlich mit
gleichzeitiger Anerkennung unserer Leiden.
Ein Gruppe Filmemacher und Musiker schlossen sich diesem Aufruf
an - doch mit einem Unterschied. Im Inserat von Daniel
Barenboim, Pinhas Zuckerman und Zubin Mehta gibt es ein
Eingeständnis, dass die direkte Ursache des Leidens der
Palästinenser die Besatzung ist, und in ihrem Inserat gibt es
einen klaren Aufruf, die Besatzung zu beenden; die
Schriftsteller waren nicht bereit, so weit zu gehen.
Es ist kaum zu glauben: aber nach fast 38 Jahren Besatzung und
vier Jahren Intifada verteilen die Schriftsteller des
Friedenslagers noch immer die Verantwortung für das, was
geschehen ist, symmetrisch auf beide Seiten: "In unsern Augen
trägt jede Seite Verantwortung für die Ungerechtigkeit, das
Leiden und die tragische Situation, in der beide Völker gefangen
sind", schrieben sie selbstgerecht. Die Auffassung des " wir
sind alle schuldig" ist nicht weniger empörend als das
Schweigen, das immer weiter fortsetzte. Wie kann man das
Schweigen des Friedenslagers brechen? Verteile die Verantwortung
im gleichen Maße auf die Besatzer und die Besetzten, auf die
Mächtigen und die Schwachen. Rufe beide dazu auf, die Soldaten
an den Checkpoints und ihre Untertanen, deren Leben unter den
Stiefeln der Soldaten liegt, dass sie "ihr Bewusstsein und ihre
Gefühle ändern", und das bevor die Checkpoints aufgehoben
werden: predigt den Mördern und den Gemordeten, dass sie
einander in die Arme fallen sollen; zieht Parallelen zwischen
einer Nation, deren wirtschaftliches, kulturelles,
soziales und emotionales Leben vollkommen zerstört wurde und
einer Nation, in der der größte Teil sein Leben normal lebt, als
ob nichts geschehen sei; zieht Parallelen zwischen einem
Volk, das eingesperrt ist und gedemütigt wird und einem freien
Volk in seinem eigenen souveränen Staat.
Auch ohne die Todesfälle zu zählen - nämlich dreimal so viele
auf
palästinensischer Seite - gibt es keine Vergleichsmöglichkeiten,
nicht im Ausmaß des Leidens, noch was das Maß der Verantwortung
betrifft. Können die Schriftsteller denn nicht das größere
Ausmaß der Verantwortung erkennen, das wegen der vom Besatzer
bewusst verursachten Ungerechtigkeit auf diesem liegt? Oder
haben sie aus Furcht vor ihren Lesern nicht den Mut, dies
zuzugeben?
Kurz nach dem die Schriftsteller erwachten, wachte auch Peace
now aus seiner scheinbaren Bewusstlosigkeit auf . Nach weiteren
zwei Wochen will es wieder auf der Straße und auf den Plätzen
sein. "Die Koalition der Mehrheit", die Dachorganisation der
Linken, und die Protestgruppen (ein Oxymoron! - hat es sie denn
je gegeben?) wollen zu einer Massendemo aufrufen. Warum taten
sie es nicht früher? In den finsteren Jahren der Morde und
Zerstörungen, als die
Notwendigkeit dafür viel dringlicher gewesen wäre? Die
Erklärungen und Entschuldigungen sind lächerlich: der Wunsch,
einen möglichst großen gemeinsamen Nenner zu haben und die Angst
vor einem Fehlschlag. Aber dies Schweigen war der größte
Fehlschlag. Man muss fragen, wo waren sie, als 346 Kinder von
Israel getötet wurden? Was hinderte sie daran, gegen das ohne
Gerichtsurteil verhängte Töten von 112 gesuchten Männern und
gleichzeitig 521 getöteten Unschuldigen, die zufällig in der
Nähe waren, zu
protestieren? Die Zerstörung von halb Rafah, das Zerstören von
Olivenbäumen in der Westbank, der Bau der Mauer, die
Apartheidstraßen nur für Juden, das jahrelange Einsperren einer
ganzen Nation hinter Checkpoints - nichts davon weckte die
Künstler oder die "Koalition der Mehrheit" auf. Sie schwiegen.
Sie hatten Angst. Sie wurden Komplizen.
Die alternativen Stimmen, die Stimmen der Protestbewegungen und
Autoren spielen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, die
weit über das hinausgeht, was sie sagen. Sie sind es, die den
Weg bereiten und den pluralistischen und demokratischen
Charakter des Staates bewahren. Aber nach vier und halb Jahren,
in denen die Gesellschaft mit einer einförmigen Stimme sprach,
mit dem schmachvollen Schweigen der Linken, dem Lager, das nur
unter der Schutzherrschaft des Ministerpräsidenten aufwacht,
zeigt, dass es
ein feiges und furchtsames Lager ist.
(Übersetzung ins Deutsche: Ellen Rohlfs)
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