Das
Osmanische Reich
Im Jahr 1517 eroberte der Osmane Selim I. Syrien, Palästina und
Ägypten. Zusammen mit Syrien wurde Palästina zu der Provinz
"Wilayat ash-Sham" erklärt. Auch hier führte die
Hohe Pforte - der Regierungssitz der Osmanen - das im
Osmanischen Reich geltende Bodenrecht ein, welches zwischen
Privatbesitz, in den Händen religiöser Stiftungen befindlichem
Land und verstaatlichtem Grundbesitz, der den größten Anteil
des Bodens ausmacht, unterscheidet. Dieses System, das die
Situation der Bauern in den ersten Jahrhunderten der osmanischen
Herrschaft verbesserte, hatte im 20. Jahrhundert verhängnisvolle
Folgen für Palästina.
Doch zunächst befreite das zentralistisch ausgerichtete
Verwaltungs- und Steuersystem der Osmanen durch die genaue
Festlegung der Abgabepflichten die unterworfene Bevölkerung von
übermäßigen Steuerlasten. So erlebten die Agrarwirtschaft und
der Handel einen Aufschwung. Gemäß des islamischen Rechtes
wurde Juden und Christen weiterhin ein geschützter
Minderheitenstatus zuerkannt, und die gesamte Bevölkerung hatte
jeder Zeit Zugang zu Beschwerdegerichten, bei denen sie Klagen
vorbringen konnten.
Zwischen dem 16. Und 17. Jahrhundert waren in Palästina die
Berge um Jerusalem und Nablus, Galiläa und der Gazastreifen am
dichtesten besiedelt. Die Menschen betrieben Handwerk,
Landwirtschaft und Fischerei. Textil- und Agrarprodukte wurden
von den großen Handelszentren Gaza, Jaffa, Akko, sowie
Jerusalem, Nablus und Beersheba aus nach Europa und Asien
transportiert. Religiöse Stiftungen (waqf) unterhielten
Schulen, Krankenhäuser und karitative Einrichtungen.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts setzte der allmähliche
Machtzerfall des Osmanischen Reiches ein. Die Niederlage gegen
Österreich (1683), die Verschiebung der Handelswege durch die
Entdeckung Amerikas, Misswirtschaft und Korruption ermöglichten
das Eindringen europäischer Mächte. Zwar stellte der Feldzug
Bonapartes nach Ägypten und Palästina lediglich ein kurzes
Zwischenspiel dar (1798/99), doch die Weltmacht war im Innern
zunehmend geschwächt. Schließlich befreite Ali Pascha Ägypten
und Palästina aus der Vorherrschaft der Osmanen (1831). Nur
wenige Jahre später aber brach in Palästina ein Aufstand gegen
Ägypten aus, in dessen Verlauf die Palästinenser die Hohe
Pforte um Hilfe baten und so erneut die Regierung des
Osmanischen Reiches anerkennen mussten (1840).
Als sich der Sultan Mahmut II. im Jahr 1839 endlich zu
eingehenden Reformen des Verwaltungs- und Militärsystems
entschloss (Tanzimam-Periode), konnte dies den politischen und
wirtschaftlichen Verfall des Osmanischen Reiches nicht mehr
aufhalten. Immer mehr Völker lösten sich aus dessen
Machtbereich und wurden unabhängig. Frankreich, England,
Russland, Österreich und Deutschland sicherten sich -
insbesondere durch den Erwerb von Wirtschafts- und
Handelsmonopolen - direkten Einfluss bei der Hohen Pforte. Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts wartete man in Europa auf den endgültigen
Zusammenbruch des "kranken Mannes vom Bosporus".
Für die Völker des Nahen Ostens brachte dies alles eine
deutliche Verschlechterung ihrer sozialen und wirtschaftlichen
Lage mit sich. Darüber hinaus war es im Zuge der Reformen zu
einer Neuordnung der Bodenbesitzverhältnisse gekommen.
Staatsland und Kollektiveigentum wurden in privaten Grundbesitz
umgewandelt und der Verfügungsgewalt der Bauern entzogen. Das
System der "absent landlords", die größtmöglichen
Gewinn aus den Ländereien erzielen wollten, verschärfte die
Lage der Bauern und trieb sie in die Armut.
Zu diesem Zeitpunkt wanderten vermehrt Juden aus Osteuropa, die
vor der Verfolgung und Diskriminierung in ihren Heimatländern
flohen, nach Palästina aus. Angesichts dieser Vorgänge und des
sich verbreitenden Nationalstaatsgedanken gelangten einige europäische
Juden zu dem Schluss, dass auch die völlige Assimilation der
Juden in der Diaspora sie nicht vor dem latent vorhandenen
Antisemitismus schützen könne und somit die Schaffung eines jüdischen
Nationalstaates eine Notwendigkeit sei.
Bücher wie Moses Hess „Rom und Jerusalem" (1861) und
Leon Pinskers „Autoemancipazion" (1882), insbesondere
aber Theodor Herzls "Der Judenstaat" (1895) wurden zu
den Grundlagen einer Ideologie, die die Geschichte Palästinas
im folgenden Jahrhundert bestimmen sollte: des Zionismus.
Auf dem 1. Zionistenkongress in Basel im Jahr 1897 forderten die
Teilnehmer die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten
Heimstätte in Palästina. Uganda, das die Briten als
Siedlungsgebiet vorschlugen, wurde von den Zionisten abgelehnt,
denn schon Herzl hatte darauf hingewiesen, dass "für Palästina
die mächtige Legende (spricht)". Um den zionistischen Plan
zu verwirklichen, wurden vier Maßnahmen beschlossen: 1. Die Förderung
der Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern,
Handwerkern und Gewerbetreibenden, 2. Die Gliederung und
Zusammenfassung der gesamten Judenschaft durch geeignete örtliche
und allgemeine Veranstaltungen nach den Landesgesetzen, 3. Die
Stärkung des jüdischen Volksgefühls und Volksgedankens und
schließlich 4. Die Einleitung vorbereitender Schritte zur
Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, das Ziel
des Zionismus zu erreichen. Mit den Beschlüssen des 1.
Zionistenkongresses war der Grundstein zu der Konfrontation
zwischen der einheimischen Bevölkerung Palästinas und der nun
verstärkt einsetzenden Einwanderung europäischer Juden nach
Palästina gelegt.
Während sich in Europa allmählich die zionistische Bewegung
formierte, gewann auch im Nahen Osten die Idee der Nation und
der nationalen Souveränität eines Volkes an Anhängern.
Ausgehend von der islamischen Umma, der alle Muslime umfassende
Gemeinde, entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunächst die
Idee des Panislamismus, die schon bald von der des Panarabismus
abgelöst wurde. Die vom Osmanischen Reich beherrschten
arabischsprachigen Völker des Nahen Ostens wandten sich
zunehmend gegen die Vormacht der Hohen Pforte und betonten ihre
Eigenständigkeit.
Zu diesem Zeitpunkt brach in Europa der 1. Weltkrieg aus. Auch
das Osmanische Reich, das an der Seite Deutschlands gegen Engländer
und Franzosen kämpfte, wurde zum Kriegsschauplatz. Um sich die
Hilfe der Araber zu sichern, versprach Großbritannien 1915 dem
Scherif Hussein von Mekka die Unabhängigkeit nach einem Sieg über
die Hohe Pforte. Gleichzeitig vereinbarte es jedoch mit
Frankreich im "Sykes-Pikot-Abkommen" (1916) die
Aufteilung des Nahen Ostens in eine britische und französische
Einflusssphäre. Nur ein Jahr später - am 2.11. 1917 - richtete
der englische Außenminister Arthur Balfour an Lord Rothschild
ein Schreiben, das in eher vagen Formulierungen der
zionistischen Bewegung Hilfe bei der „Errichtung einer
nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina"
zusicherte Balfour-Deklaration). Diese widersprüchliche, im
Grunde den eigenen Machtinteressen folgende Politik Englands
setzte sich nach dem Ende des Weltkrieges fort und hatte für
die Bevölkerung Palästinas verheerende Folgen, die bis zum
heutigen Tag nicht gelöst worden sind.
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