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Kommentar zu dem "Die Presse" Artikel:

Das Jahr der großen Chance für den Nahen Osten
VON WIELAND SCHNEIDER


Sg. Herr Schneider!

Ich würde gerne auf Ihren Leitartikel in der "Presse" am 7. Jänner 2005 eingehen.

Sie schreiben in dem Artikel über Hoffnung im Nahen Osten und mögliche Hindernisse auf dem Weg zum Frieden. Ich würde gerne einige Ihrer Aussagen kommentieren.

Zuerst schreiben Sie, dass "jederzeit palästinensische Buben im Kugelhagel sterben (können), weil sie als törichte Mutprobe israelische Soldaten beworfen haben." Sie erwähnen weder, dass es in jedem Fall ein Verbrechen ist, ein Kind zu erschießen, egal, ob es nun Steine geworfen hat oder nicht,es ist nach internationalem Recht verboten. Noch erwähnen Sie, dass palästinensische Kinder auch ohne Provokation ihrerseits von der israelischen Armee erschossen werden, denken Sie an den Fall, der vor kurzem Aufsehen erregte, wie ein israelischer Soldat zu einem angeschossenen wehrlosen palästinensischen Mädchen hingegangen war und ihr aus nächster Nähe eine Salve aus seinem Gewehr in den Kopf schoss. Die Kinder für ihren Tod quasi selbst verantwortlich zu machen ist eine Ungeheuerlichkeit, und es ist außerdem in vielen Fällen einfach nicht wahr.

http://www.haaretz.com/hasen/objects/pages/PrintArticleEn.jhtml?itemNo=489479


Was die Intifada betrifft, und den "Teufelskreis aus Terror, Vergeltung und Vergeltung für die Vergeltung", wie Sie schreiben, muss gesagt werden, dass Sie hier suggerieren, es hätten die Palästinenser mit der Gewalttätigkeit angefangen. Doch das Töten hatte nicht von Seiten der Palästinenser begonnen. Bei den Protesten gegen Ariel Sharons Besuch auf dem Tempelberg schoss die Polizei wahllos mit gummiummantelten Stahlgeschossen in die Menge, was zu vier Toten und dutzenden Verwundeten auf palästinensischer Seite führte, am nächsten Tag gab es weitere Proteste und Zusammenstöße, vier weitere Tote und hunderte Verwundete auf palästinensischer Seite. Erst am 2. November, also mehr als einen Monat später, gab es das erste Bombenattentat, das können Sie auch auf der Site der israelischen Regierung, http://www.mfa.gov.il nachlesen.

Sie erwähnen, dass die Hamas und andere radikalislamische Gruppen einer vernünftigen Friedenslösung im Weg stehen werden. Die für mich wesentlich entscheidendere Frage ist die, ob eine solche Friedenslösung denn überhaupt angeboten werden wird. Einige Mitglieder der Hamas stellen sich gegen einen Frieden mit Israel, doch Sie müssen bedenken, dass, ähnlich wie diese radikalen Mitglieder der Hamas das Existenzrecht Israels ablehnen, auch diverse Gruppen innerhalb Israels das Existenzrecht eines
Palästinenserstaates ablehnen, das inkludiert auch Mitglieder der Regierungskoalition Ariel Sharons. Sharon selbst hat in den 80er Jahren den Slogan "Jordanien ist Palästina" verwendet und bis heute nichts getan, um einen Palästinenserstaat Wirklichkeit werden zu lassen. Dass einige in der Hamas Israel ins Meer bomben wollen, wird kaum ins Gewicht fallen, denn auch in Israel gibt es, wie gesagt, genügend radikale Gruppierungen, für die die Palästinenser keine Existenzberechtigung haben, und niemand käme auf die Idee, dass an ihnen Friedensbemühungen scheitern könnten. Der ermordete Ahmed Yassin sagte einmal in einem Interview "Kein Palästinenser sagt, dass wir die Juden ins Meer treiben wollen. Die Palästinenser sagen immer, dass sie im Land ihrer Vorväter leben wollen und dass alle von uns - Moslems, Juden und Christen - zusammenleben werden, im Geiste der Demokratie. Doch das Problem ist, dass die Juden anderen ihre Rechte nicht geben wollen. Sie wollen ein rassistisches Regime errichten." http://www.fromoccupiedpalestine.org/node.php?id=1163. Ich denke, dass ein Radikaler, der die Juden ins Meer bomben will, anders klingt.

Sie sagen, dass auch Israel seinerseits Verpflichtungen habe, aber offensichtlich nur im Kontext mit Provokationen von Seiten radikaler Palästinenser, von denen es sich nicht provozieren lassen dürfe. Dass Israel von sich aus den Friedensprozess stören könnte oder von sich aus provozieren könnte, auf so eine Idee kommen Sie nicht. Aber das sollten Sie eben doch berücksichtigen, denn es ist tatsächlich gut möglich, dass eine Störung des Friedensprozesses von Israel ausgeht- und das, ohne dass sich die Palästinenser etwas zu Schulden kommen lassen. Eine Weigerung Israels, einen Friedensplan zu befolgen, hatten wir schon bei der "Road Map", und auch während der Osloer Abkommen, als Israel weiter im Westjordanland Siedlungen baute. Israel hat die Roadmap nicht eingehalten, es ist nicht davon auszugehen, dass künftige Abkommen von Seiten Israels eingehalten werden. http://www.gush-shalom.org/roadmap/start.html. Was die Provokationen von Seiten militanter Palästinenser betrifft, die den Friedensprozess stören könnten, muss ich auch hier sagen, dass ich mir mehr Sorgen um israelische Provokationen mache, wie diese auch geschahen, als die RoadMap implementiert wurde/hätte werden sollen:
http://www.nad-plo.org/f10.php

http://www.gush-shalom.org/roadmap/start.html (klick auf "Second Israeli Obligation")

Die Roadmap wurde am 30.April 2003 unterzeichnet. Am nächsten Tag tötete Israel 16 Palästinenser, zwischen dem 30. April 2003 und dem 8. Juli 2003 insgesamt 145 Palästinenser. Am 9. Mai ermordete Israel im Gazastreifen ein Hamas-Mitglied, am 10. Juni versuchte Israel in Gaza, einen Hamas-Aktivisten zu ermorden, wobei 2 Zivilisten getötet wurden und 10 verwundet wurden. Am 11. Juni gab es einen Selbstmordanschlag der Hamas in Israel, wobei 17 Israelis getötet und 104 verwundet wurden.  Richtig, die Hamas hätte sich nicht provozieren lassen dürfen, aber von wem ging die Provokation aus?

Sie schreiben, "Große Militäroperationen, die vor allem Zivilisten das Leben kosten, wären aber kontraproduktiv." Ich finde das Töten von Zivilisten nicht nur kontraproduktiv, sondern ein Verbrechen.

Ja, Sharon muss weiter gehen als nur den Gazastreifen zu räumen. Dass es "ein erster Schritt" sei, wie sie lobend erwähnen, glaube ich nicht - berücksichtigen Sie Sharons Plan, im Westjordanland eine riesige Sperranlage zu bauen, deren Verlauf Sie im Internet unter http://gush-shalom.org/thewall/ nachsehen können. Diese Karte zeigt, dass diesem angeblichen "ersten Schritt" keine weiteren folgen werden, sondern Israel plant, weite Teile des Westjordanlandes zu annektieren, diese Teile inkludieren die meisten Quellen, Brunnen, Wasserreservoire und das meiste fruchtbare Land der Palästinenser.

Die USA werden in diesem Konflikt nie eine Vermittlerrolle spielen können. Sie sind der größte Geldgeber Israels, 2003 gaben sie allein 2,8 Mrd. Dollar als Hilfe für Israel aus. In etwa 30% der US-Auslandshilfe bekommt Israel. (http://www.miftah.org)
Sie können nicht ernsthaft erwarten, dass die USA in diesem Konflikt jemals den unparteiischen Vermittler spielen werden.

Sg. Herr Schneider, ich hoffe, dass Sie diese Fakten berücksichtigen und einsehen werden. Ich bitte Sie auch, bei ihren nächsten Artikeln die Tatsache zu berücksichtigen, dass bei aller legitimer und nötiger Kritik an der palästinensischen Seite die Palästinenser sich in einem an sich legitimen Freiheitskampf gegen eine Unterdrückung, eine völkerrechtswidrige Besatzung befinden, eine Besatzungsmacht, die die fünftstärkste Armee der Welt hat und sie rücksichtslos zur Unterdrückung dieses legitimen Freiheitskampfes einsetzt. Ich bitte Sie, zu berücksichtigen, dass die Palästinenser ein so gut wie unbewaffnetes Volk sind, das gegen diese Militärmacht steht, mit Gewehren, Granaten und Sprengstoff gegen Panzer, F16 und Apache-Hubschrauber kämpft. Ich bitte Sie, zu erwähnen, dass es für palästinensischen Hass und palästinensische Gewalt einen Grund gibt, der in Unterdrückung, Enteignung, Zerstörung palästinensischer Häuser und Olivenhaine, Kollektivstrafen, rücksichtsloser militärischer Härte und monatelangem Einsperren ganzer Dörfer und Städte liegt. Ich bitte Sie, in zukünftigen Artikeln zu berücksichtigen, dass Arafat zu einem großen Kompromiss bereit war, wie auch der Großteil der Palästinenser es immer noch ist: Die Aufgabe von 78% des historischen Palästina, und Errichtung eines Staates Palästina auf den verbliebenen 22%, mit Ostjerusalem als Hauptstadt, ganz entsprechend dem Völkerrecht und den UN-Resolutionen.

Vielen Dank für die Berücksichtigung dieser Fakten
Ihr Georg Nitsche

iosef@gmx.at

 

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