Bericht
von einem Aufenthalt in Ramallah
Im
März 2003 verbrachte unsere Familie (Österreicher mit Palästinenserin
und 1 1/2-jährigen Zwillingen) fünf Wochen in Ramallah. Die
Zeit war wegen der Irak-Krise (und dann auch Irakkrieges) äußerst
ungünstig, aber meine Frau benötigte einen neuen palästinensischen
Pass und wegen ihrer Schwangerschaft
und den damit verbundenen Reisebeschränkungen und Arztterminen
kam nur diese Zeit in Frage.
Gleich
an der Allenbybrücke schlug das Apartheidsystem zu. Da Palästinenser
und "Ausländer" nicht gemeinsam die Brücke passieren
dürfen, wurde unsere Familie getrennt und wir mussten mit zwei
verschiedenen VIP-Taxis hintereinander auf die israelische Seite
fahren. Allein dieser VIP-Übertritt kostete uns 126 USD.
Von
der Grenze ging es mit dem Taxi zum für uns neuen Checkpoint
Qalandia. Auf der Höhe des stillgelegten Flughafens wurde eine
richtige Grenzstation aufgebaut, die den Verkehr von und nach
Ramallah komplett kontrolliert bzw. unterbindet. Auf beiden
Seiten stauen sich die Taxis in einem unglaublichen
Verkehrschaos. Mit einem Handkarren musste unser Gepäck über
das wegen des
damaligen Schneefalles völlig verdreckte Straßenstück über
die "Grenze" gebracht werden.
Die
Hauptstraße von Qalandia nach Al-Bireh führt noch immer an
einem israelischen Militärposten vorbei und ist wegen der
Panzerbewegungen in einem fürchterlichen Zustand. Erst in der
sogenannten Zone "A" wird es besser.
Beim
Besuch des Passamtes am nächsten Tag sahen wir dann den Muqata,
den Regierungskomplex. Trotz der inzwischen erfolgten Aufräumungsarbeiten
ist der Anblick der gigantischen Zerstörungen, die die Israelis
dort angerichtet haben, noch immer erschreckend. Zermalmte
Fahrzeuge der Post und der Polizei liegen neben
"zusammengeklappten" Amtsgebäuden. Statt der Mauern
wurden
Stachelbandrollen ausgelegt. Der Weg zu Arafats Amtssitz ist
jetzt komplett frei zugänglich, erst wenige Meter davor wurde
eine kleine Mauer errichtet.
Polizisten
in Uniform findet man nur mehr im Bereich des Muqata, auf der
Straße verkehren sie nur mehr in Zivilkleidung. Die
Polizeiautos wurden weiß umgespritzt und mit zivilen
Kennzeichen versehen. Dies führte zu einem rechtlosen Zustand
auf Ramallahs Straßen. Die schöne Ordnung, die nach der
Ankunft der PA eingekehrt war, ist weg. Vor allem die vielen
Taxis halten und parken wieder wie früher, wo immer sie wollen.
Die neugebaute Taxi-Haltestelle im Parkhochhaus ist verweist,
weil es keinen
Zwang mehr gibt, diese zu benützen.
Israelische
Militärfahrzeuge verkehren nach Belieben in den Straßen,
konfiszieren gestohlene Autos und verschleppen von Israel
gesuchte Personen. Ein Onkel meiner Frau, ein
Magistratsabteilungsleiter, wurde für 10 Stunden mitgenommen,
weil einer seiner Gemeindearbeiter von der Armee gesucht und
bei ihm am Arbeitsplatz gefunden wurde.
Eines
Tages wurde ein israelischer Jeep vor dem Haus meiner
Schwiegereltern in Al-Bireh mit Steinen beworfen. Die Soldaten
kehrten immer wieder zurück und suchten die Konfrontation. Sie
unternahmen aber nicht gegen die Steinewerfer, sondern fuhren
nur langsam auf und ab. Dann erkannte ich die Absicht dahinter.
Der Jeep wurde genau so positioniert, dass abprallende und
daneben getroffen Steine die Fenster des Hauses bzw. parkende
Autos beschädigen mussten, was auch geschah. Eine Fenster der
Veranda wurde zerstört und das Auto meines Schwiegervaters am
Dach zerbeult. Einer Bekannten, die uns mit ihrem ziemlich neuen
Auto besuchen wollte und wegen der Steine das Weite suchen
wollte, wurde mehrmals der Weg abgeschnitten, bis auch sie einen
Stein abbekam. Sie flüchtete im Retourgang. Da diese
Steinewerfer keine Kinder von Anrainern waren, sondern aus dem
Flüchtlingslager Amari kamen, sind ihnen diese Schäden egal.
Wider Erwarten sieht man von den Zerstörungen der israelischen
Militäroperationen nicht mehr seht viel, nur auf den Straßen
sieht man ab und zu einen verbeulten Masten oder kaputte
Randsteine. Lediglich die Abdrucke der Kettenfahrzeuge sind überall
im Asphalt sichtbar.
Zweimal
machten wir einen Ausflug nach Jerusalem. Wegen der
Grenzkontrolle in Qalandia und den damit verbundenen Wartezeiten
und Umwege dauert so eine Fahrt 1 bis 2 Stunden, früher ging es
in weniger als 30 Minuten. Durch meinen österreichischen Pass
und der Aufenthaltsgenehmigung meiner Frau hatten wird beim
Passieren keine formalen Schwierigkeiten, doch ist die Anlage so
konstruiert, dass man mit einem Zwillingskinderwagen verzweifeln
muss.
Bei
unserer Abreise zur Allenbybrücke bestellten wir zuerst ein
Taxi aus Ramallah. Dieses holte uns um 4:30 morgens zu Hause ab
und brachte uns um 5.30 zur Sperre in Surda (nördlich, auf dem
Weg nach Birzeit). Dort stand ein Jeep und ließ nur Fußgänger
nach einer Kontrolle passieren. Nur ein Rettungswagen durfte
zwischen die Erdhaufen auf die andere Seite fahren. Um Punkt
6.30 verließen die Soldaten den Platz - Wachablöse. Dann
hatten wir die Möglichkeit schnell auf die andere Seite zu
fahren. Doch bei Birzeit
stand ein Panzer und verwehrte uns die Weiterfahrt. Über einen
Feldweg gelangten wir schließlich bei Silwat zur Hauptstraße
nach Jericho. Aber auch dort gab es eine Anhaltung mit
Ausweiskontrolle. Endlich vor Jericho angekommen, wurde uns
gesagt, dass die Westeinfahrt jetzt geschlossen ist. Erst die Südeinfahrt
(nur über die Ostumfahrung zu erreichen, also 75 Grad
um die Stadt) war offen. Erst nach 8 Uhr erreichten wir die palästinensische
Grenzstation.
Die
Allenbybrücke musste wieder auf getrennten Wegen passiert
werden. Leider gab es wegen des Krieges neue
Einreisebestimmungen für Palästinenser und so erfuhr ich nach
5 Stunden Warten auf der jordanischen Seite, dass meine Frau
nicht einreisen durfte. Hier muss die Unfreundlichkeit der
Jordanier erwähnt werden, die mich und meine Kinder zwar unbürokratisch
wieder zurückreisen ließen, aber meiner schwangeren Frau weder
ein Telefonat noch das Aufladen ihr Handys gewährten, damit ich
von der Zurückweisung informiert werde. Ich kontaktierte nämlich
6 Mal Grenzbeamte (bis zum Direktor), um zu erfahren, wo meine
Frau bliebe. Meine Frau war so aufgelöst und wütend, dass sie
von
einer ISRAELISCHEN Grenzpolizistin getröstet werden musste.
Schließlich reisten wir wieder gemeinsam in Israel ein und
fuhren mit dem Taxi nach Ramallah zurück. Mit Fahrtkosten und
Ausreisesteuer kostete uns dieser Tag 1000 Schekel = 200 EUR.
Nach
einigen Tagen, in denen ich schon am Arbeitsplatz hätte sein müssen,
hatten wir eine Verpflichtungserklärung eines Jordaniers für
meine Frau. Für die zweite Ausreise bestellten wir ein Taxi aus
Ostjerusalem, das uns in Qalandia abholen sollte, diesmal erst
um 7 Uhr. Doch da gab es dort noch keine Handwagen für das Gepäck
und wir sollten zu zweit alle Koffer auf einmal hinüber tragen.
Der Onkel meiner Frau verhandelte mit dem Soldaten und er durfte
uns nach Abgabe seines ID-Ausweises beim Tragen helfen. Wie
wir später erfuhren, wurde er dafür bei seiner unmittelbaren Rückkehr
von einem anderen Soldaten mit einer Stunde Wartezeit
"bestraft". Um 8 Uhr erreichten wir wieder die
Allenbybrücke. Ich fuhr mit dem gesamten Gepäck direkt zu den
Israelis, meine Frau musste nach Jericho. Ich war mit den
Kindern nach etwas über 1 Stunde fertig, meine Frau benötigte
fast 10 Stunden, bis sie in Jordanien ankam! Während wir diese
Zeit in einer Wartehalle saßen, musste meine Frau die meiste
Zeit im Bus und an einer
Kontrollstelle direkt an der Brücke warten, wo es weder Sessel
noch Bänke gab, nur verdreckte Toiletten und einen Getränkeverkauf.
Dies
zeigt, dass zur Zeit Palästinenser auch in Jordanien einen
schlechten Stand haben. Leider muss ich sagen, dass sie momentan
an der Grenze von den Jordaniern schlechter behandelt werden als
von den Israelis.
Mit
einer Woche Verspätung kamen wir dann nach Österreich zurück.
Martin
BRETTERKLIEBER
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