"Der
letzte Raub unseres Landes bringt uns langsam um"
Die Vollendung der ersten Phase der Apartheidmauer führte zur
Konfiszierung von 16 Dörfern in der Westbank. Während dieser
Zeit bestand der Yesha Rat, die Lobbygruppe der Siedler darauf,
dass die Mauer noch weiter in die Westbank hineindringt, um die
Siedlungen in Israel zu inkorporieren. So entstand eine neue
Version dieses Plans, in dem es für mehrere Dörfer nicht klar
ist, ob sie zu Palästina gehören oder ob Israel sie
annektieren wird oder ob sie zwischen zwei Maueren in einem
"Niemandsland" gefangen sein werden.
Zwei von diesen Dörfern sind Deir Ballut und Marda, beide im
Bezirk Salfit. Deir Ballut liegt in einer außerordentlich
fruchtbaren Gegend. Große und mit Feuchtigkeit vollgesogene
Felder werden als das Hauptagrargebiet der Sommerernte in der
Salfit-Region bearbeitet. Das Dorf mit 3750 Einwohnern besitzt
120.000 Dunums Ackerland, mehr als jedes andere Dorf in der
Gegend. Zirka 70 % des Landes sind Olivenhaine. Weitere 20.000
Dunums verlor Deir Ballut 1948 - Ackerland, dass jetzt Rosh Ha´ayn
gehört. Zusätzlich leben weitere 1700 Einwohner von Deir
Ballut im Ausland (von denen 1000 noch eine palästinensische
Identitätskarte haben).
Nach Oslo blieben nur das Dorf Deir Ballut und 150 Dunums
Terrain in Gebiet A, der Rest wurde israelischer Kontrolle
zugeteilt. Eines der Probleme ist die völlige Isolierung von
den anderen palästinensischen Zentren. Das nächste
Krankenhaus ist in Ramallah, und zwischen Ramallah und Deir
Ballut sind zwei große Checkpoints zu überwinden. Der
Checkpoint bei der Kreuzung von Deir Ballut existiert schon seit
15 Jahren - also auch während der Oslo-Jahre!
Trotz dieser Bewegungseinschränkung haben die Bewohner Deir
Balluts versucht zu überleben, indem die Männer in Israel
arbeiteten und die Frauen die 150 Dunums abwechselnd mit
Sommerprodukten (Zwiebeln, Tomaten, Gurken) und Winterprodukten
(Weizen) anbauten und Olivenöl produzierten. Ein lebhafter
Markt existierte auf der Strasse nach Ramallah, wo Pendler aus
Nachbardörfern täglich ihr Gemüse einkauften.
Die intensivierte Besatzung hat nun auch diese Überlebensstrategien
kürzlich völlig zerstört. Am 29. Mai 2003 deponierte die
israelische Besatzungsarmee Betonblöcke in der Kreuzung
zwischen Ramallah und Deir Ballut, und errichtete einen
Betonbeobachtungsturm. Der einzige andere Weg für die Einwohner
nach Ramallah zu kommen, ist 20 Minuten über Feldwege zu
fahren, und von der Ostseite der Kreuzung zum Checkpoint zu
gelangen. Obwohl nicht einmal das eine sichere Route nach
Ramallah ist, seit die israelische Besatzungsarmee ein Metalltor
quer auf der Straße auf der Ostseite errichtet hat.
Betonblocks und Tor bedeuten, dass nur selten Autos mit frischen
Produkten das Dorf verlassen können. Die Soldaten haben den
einzigen Schlüssel zum Tor. In anderen Dörfern wie Qarawa,
wurden Tore errichtet, nur um einige Tage später permanent
verriegelt zu werden und nur aufgemacht zu werden, um
israelische Besatzungstruppen in palästinensische Dörfer zu
lassen.
Die Strasse wird nicht mehr von Pendlern verwendet, und der
Markt existiert nicht mehr. Vorher hätten drei Kilo Gurken zehn
Schekel gebracht, jetzt bekommt man nur fünf Schekel - und die
Preise fallen fast täglich. Die Dorfbewohner erzählen, dass
sie in ihrer Verzweiflung die unverkäuflichen Gurken ihren
Eseln gefüttert haben.
Um Ammar ist eine verzweifelte Dorfbewohnerin, die darum kämpft,
Essen auf den Tisch zu bringen. Ihr Mann starb, als der Älteste
von Um Ammars vier Söhnen erst 11 war. Sie musste ihre Kinder
alleine großziehen und sie von dem Einkommen der Weizenernte im
Winter und den 12 Dunums Olivenbäumen ernähren. Das Leben
wurde leichter, als die Buben herangewachsen waren und in Israel
Jobs fanden. Nach der Abriegelung der Westbank verloren alle
vier Söhne ihre Stellen.
Die Familie behauptet, dass die 4-5000 Schekel, die die
Winterernte jährlich einbrachte, "Bonus Geld" waren.
Um Ammar musste dieses Jahr zum ersten Mal auf den einzigen zwei
Dunums Getreidefeld, das der Famille gehört, eine
Sommerernte anbauen. Das Einkommen von der Ernte dieser zwei
Dunums, jährlich 4000 Shekels - der monatliche Mindestlohn
eines Bauarbeiters - ist fast das einzige, wovon die Famille
lebt - klarerweise eine unmögliche Situation.
Die Armut und der bevorstehende Mauerbau quälen die Bewohner
von Deir Ballut. Den Weg durch die Felder zu asphaltieren, würde
das Dorf US $ 10.000 kosten. Das Palästinensische
Landwirtschaftskomitee (PARC) kann nur den Asphalt zur Verfügung
stellen, das heißt 30% der Kosten. Zusätzlich stehen fünf Häuser
hinter dem Checkpoint, vollkommen abgeschlossen von dem Rest des
Dorfs. Dass sie nur einen Steinwurf vom schwer bewaffneten
Checkpoint entfernt sind, ist schon schlimm genug. Nun aber
notierten die Soldaten auch die Identifikationsnummern der
Bewohner und erzählten ihnen, dass sie "nach einem
bestimmten Zeitpunkt" nicht mehr ohne spezielle Genehmigung
nach Deir Ballut kommen dürften.
Die meisten Ereignisse in Verbindung mit der zweiten Phase des
Mauerbaus wurden den Dorfbewohnern auf diese vage Weise übermittelt.
In Deir Ballut verbreitet sich ein Gerücht, dass "ein
israelischer Mann" einen palästinensischen Sachbearbeiter
des Innenministeriums benachrichtigte, er solle "sich
vorbereiten, 40.000 palästinensische Identitätskarten zu
stornieren, denn wir wollen diesen Palästinensern israelische
Identitätskarten ausstellen".
Der Aktivist Riziq Abu-Nasser vom Land-Verteidigungs-Komitee (LDC)
meint: "Wir leben in einer Situation, in der man nie wissen
kann, was Wahrheit und was Gerücht ist."
Es ist aber kein Gerücht, dass der Bürgermeister von Deir
Ballut am 25. März von Robert Weller und Jeffrey Place, US
State Department (Amerikanisches Konsulat in Jerusalem) besucht
wurde. Sie erzählten dem Bürgermeister, sie hätten einen
Artikel über die Apartheidmauer gelesen und fragten, ob das
Dorf bereit wäre, von Israel annektiert zu werden. Das Dorf
lehnte glatt ab. Dennoch, der neue Checkpoint und das Errichten
des Betonbeobachtungsturms an der Deir Ballut-Kreuzung -
dieselbe Art von Turm, wie sie entlang der ganzen vollendeten
Strecke der acht Meter hohen Mauer in Qalqilya errichtet wurden
- führten die Dorfbewohner zur Schlussfolgerung, dass die
Annektierung schon eine entschiedene Sache sein könnte.
Erst zwei Monate später drang die Nachricht des Besuches aus
dem State Department zum Dorf Marda durch. In der Nacht vom 28.
Mai eilten die in Panik geratenen Einwohner von Marda zum Haus
des hiesigen Aktivisten Aded Baset-Said. Sie hätten gehört,
dass israelische Soldaten in Deir Ballut angekommen seien, um
die Palästinenser zu benachrichtigen, dass sie bald israelische
Identitätskarten erhalten würden.
Die Einwohner von Marda fragten sich, ob sie demselben Schicksal
gegenüberstehen. Als das nächste palästinensische Dorf zu
Ariel, der zweitgrößten illegalen israelischen Siedlung in der
Westbank, liegt Marda in dessen Schatten, denn Ariel wurde auf
einem Hügel errichtet. Die Straßen Nr.505 und Nr.5, die gebaut
wurden, damit die Siedler von Ariel und Tapuach Tel Aviv
erreichen können, läuft direkt unter Marda. Der Plan der
Apartheidmauer, der vom Land-Forschung-Zentrum erstellt wurde,
zeigt, dass die Mauer Ariel nach Israel annektieren wird. Zur
gleichen Zeit wird entlang der Straße gegenüber von Marda
heftig gegraben. Dies könnte andeuten, dass Marda, zusammen mit
Ariel und der Siedlerautobahn, danach in Israel liegen wird.
Dieselbe Autobahn war mit dem Raub von 3.000 Dunums Land vom
Dorf Azzawiya verbunden. Die Einwohner von Azzawiya arbeiten in
Ramallah, und erzählten IWPS, dass sie seit der Errichtung des
Checkpoints an der Deir Ballut-Kreuzung Schwierigkeiten haben,
zur Arbeit zu kommen.
Die Einwohner von Marda sind nicht von ihrem Schicksal
benachrichtigt worden. Abed rätselt: "Manche sagen, die
Bauarbeiten seien für eine Straße direkt nach Jordanien, während
andere meinen, es werde eine Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke.
Vielleicht ist es wegen der Mauer.wir wissen nicht, was Israel
plant."
"Unsere Zukunft ist unklar. Ariel ist erweitert worden und
nun eine Stadt. Sie wird nicht abgebaut werden. Sie haben schon
eine unserer drei Wasserquellen gestohlen und lassen ihren Müll
und die Abwässer auf unser Dorf herunter. Als Einwohner von
Marda können wir uns nicht vorstellen, ein Teil von Ariel zu
werden oder einigermaßen in Israel existieren zu können. Das
ist schwierig für uns zu begreifen, denn normalerweise will
Israel keine Palästinenser innerhalb seiner Grenzen, dennoch
wollen sie nun gleich ganze Dörfer übernehmen, " sagt
Abed.
"Unser Zuhause und unser Land ist hier. Der Baubereich der
Mauer (bis jetzt 50 Meter breit und drei Kilometer lang) haben
schon zum Verlust von 300 Dunums von unseren Land geführt. Der
Besitzer des Landes brachte die Angelegenheit vor Gericht, aber
das Urteil lautete, es sei eine militärische
Entscheidung."
"Selbstverständlich werden wir gegen die Beschlagnahmung
Widerstand leisten, aber dazu brauchen wir internationale
Unterstützung", fügt Abed hinzu. "Unsere Erfahrung
mit israelischen Soldaten ist, dass sie uns kaltblütig töten
werden. Vor vier Jahren demonstrierten Hunderte von Palästinensern
gegen den Landraub in Kufr Dik. Die Armee und Polizei schossen
auf uns, verprügelten uns mit Gewehren und nahmen zehn von uns
fest. Wir wurden nur deshalb wieder heil entlassen, weil
Journalisten von den Massenmedien in der Polizeistation unsere
Freilassung forderten."
Die Zukunft in diesen Dörfern ist unklar. Es herrscht eine
seltsame Atmosphäre: Ärger der Dorfbewohner darüber, dass
noch mehr von ihrem Land gestohlen wird, gemischt mit Empörung,
dass die Welt von ihnen erwartet, nur schweigend zu akzeptieren,
langsam umgebracht zu werden; der Wille sich zu wehren gemischt
mit einen Gefühl der Sinnlosigkeit. "1948 wurden viele Dörfer
gespalten und Familien zerrissen. Es ist also nichts Neues an
Israels Spaltung von Dörfern mit der Apartheidmauer", sagt
Abed.
Nawaf Souf, der DCL (District Coordination Liaison) für Salfit
sagt: "Für die Palästinenser, die in diesen Häuser außerhalb
des Checkpoint leben müssen, ist es wie im Gefängnis. Wir sind
gezwungen, kranke Menschen auf der Straße neben den Betonblöcken
liegen zu lassen, weil unsere Krankenwagen nicht durch können -
sie sind ja keine Flugzeuge! Wir wissen, dass unser Blut fließen
wird. Diese Situation verursacht immer größeren Stress für
den palästinensischen Bürger. Wir können nirgendwo hin. Diese
Betonblocks und die Bauarbeiten könnten für die Mauer sein.
Wenn ja, ist es wirklich unser Ende."
Text IWPS: Laura & Anna, 9. Juni 2003
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