Eine Reise nach Jerusalem, März 2004
Im Dezember 2003 machte ich eine Reise in die besetzten palästinensischen Gebieten, die ein Familienbesuch mit politischen Aktivitäten verband. Nichtsdestoweniger, als ich im Februar von einer Friedenskarawane nach Israel und Palästina erfahren habe, die vom Europaeischen Sozialforum ausging, habe ich mich sofort angemeldet. Ein großes Glück dass meine Freundin Waltraud, die im Dezember und Januar nach Palästina und in den Irak gefahren ist, bereit war, auch wieder eine solche Reise anzutreten.
Wir flogen in den frühen Morgenstunden am 12. März mit Czech Airlines nach Tel Aviv, wohl mit einigem Bedenken wie wir dort empfangen werden würden -- ob wir überhaupt hineingelassen werden. Von den vielen Berichten, die ich immer wieder zugesandt bekomme scheint es, dass alles, was mit Friedensaktivitäten oder Aktionen gegen die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen in den besetzten palästinensischen Gebieten zu tun hat, als staatsgefährdend angesehen wird. Wir hatten also Bedenken, ob alles klappen würde wie wir uns das vorstellten. Glücklicherweise gab es keine Probleme! Anders als eine französische Gruppe, die am Flughafen nach Frankreich zurück geschickt wurde. Am Ende waren wir ca. 28 – 30 ItalienerInnen, ein Grieche und wir zwei aus Österreich.
Waltraud und ich haben auf Waltrauds Empfehlung im Österreichischen Hospiz in Ostjerusalem nahe dem Damaskustor gewohnt. Der Empfang war sehr herzlich – alle freuten sich, sie wieder zu sehen. Der Hospiz ist ganz nahe dem Haus, das Ariel Scharon in Ostjerusalem gekauft hat – es war damals und bleibt eine große Provokation, da es mitten im arabischen Stadtteil steht – eine riesige israelische Fahne hängt über zwei Stockwerke herunter.
Am nächsten Tag fuhren wir mit einem Minibus über Kalandia nach Ramallah , ein bekannter „Checkpoint“, der von israelischen Frauen aus der Gruppe „Machsom Watch“ um
PalästinenserInnen den Weg nach Jerusalem zu erleichtern oft „bewacht und betreut“ wird. Es herrscht dort fast immer Aufregung – die
PalästinenserInnen werden oft gedemütigt, aufgehalten, zurückgewiesen. Am vorletzten Tag meines Jerusalemer Aufenthalts habe ich erlebt, dass ein Student von der Bir Zeit Universität, der in Hebron wohnt, wegen Fehlens einer Identitätskarte von einem Soldaten wieder zurückgeschickt wurde – obwohl sein Professor für ihn garantiert hat. Das bedeutet, dass anstatt einer Heimreise, die -- wenn er über den Checkpoint hätte gelangen können, ziemlich kurz wäre -- ca. 3 Stunden (wieder nach Bir Zeit und vielen Checkpoints) dauert – nach einem langen Tag an der Universität. Das ist nur ein Fall von Tausenden und manche sind viel tragischer.
Wir besuchten in Ramallah das Büro der Palestinian Working Women Society for Development, eine nichtstaatliche Organisation mit der ich öfters zu tun hatte. Das Café und Restaurant, das sie jetzt betreiben, ist eine Möglichkeit für Frauen, Geld zu verdienen. Das Restaurant ist sehr schön und mit Geschmack eingerichtet und befindet sich im Zentrum von Ramallah; die PWWSD betreibt auch ein kleines Geschäft im selben Haus mit Handwerk, Stickerei usw. die von Frauen gemacht werden – die Einnahmen geben ihnen etwas Unabhängigkeit und Geld in diesen äußerst schwierigen ökonomischen Zeiten.
Auf dem Weg wieder nach Jerusalem haben wir drei Frauen von der Friedensgruppe „Machsom Watch“ (Checkpoint Watch) beim Kalandia Checkpoint getroffen und, da sie schon ihre Arbeit für den Tag abschließen wollten, tranken wir in einem naheliegenden Café Tee zusammen. Als wir noch im Café waren, hörten wir von dem Selbstmordanschlag in Ashdod, begangen von Männern aus dem Gazastreifen, was uns sehr schockiert hat. Wir hatten mit diesen interessanten und mutigen Frauen ein gutes Gespräch und haben über die gegenwärtige Situation auch verschiedene Meinungen gehört – für Israelis, die aktiv sind und für den Frieden wirklich etwas tun, ist es eine äußerst deprimierende Zeit.
Wir hatten mehrere Besuche und Treffen mit Menschen aus der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft. Zuerst in dem Ramallah Büro von Dr. Mustafa Barghouti (Palestinian National Initiative), wo er uns eine kurze Beschreibung des Konfliktes und der Besetzung gegeben hat, und natürlich sehr viel über den Bau der Mauer, die alle
PalästinenserInnen und palästinensische Orte und das Land in einer Weise bedroht, die man sich kaum vorstellen kann. Diese Mauer wird auch Ramallah treffen, dieses kulturelle und politische Zentrum, das trotz ständiger Abriegelungen, Sperren, Eindringen der israelischer Armee noch fähig ist, nicht aufzugeben.... weiterzumachen... aufzubauen. Mit der Mauer wird das in aller Wahrscheinlichkeit unmöglich sein.
Wir erfuhren bei diesem Vortrag einige harte Tatsachen – u.a.
• dass während der jetzigen Intifada täglich ca. 3 PalästinenserInnen (Frauen, Kinder,
Männer) getötet werden, -- bei einer Bevölkerung von 3,500,000 Menschen unglaublich hoch --
• dass seit 1967 40% der männlichen Bevölkerung verhaftet worden ist (das sind ca. 600,000 Männer),
• dass seit dem Osloer Vertrag ca. 102 Siedlungen gegründet wurden, und vieles andere.
Der Bau der Annexionsmauer in Palästina wurde uns durch Bilder auf Leinwand auch gezeigt. Diese Mauer wird - tatsächlich tut sie es schon - die ökonomische Infrastruktur dieses äußerst fragilen Landes zerstören: sie zerstört die Landwirtschaft, das Schulwesen, die Bewegungsfreiheit, die medizinische Versorgung und vieles mehr. Alle TeilnehmerInnen wussten vieles darüber aber diese Reise war für mich, die, anders als Waltraud, im Dezember die Mauer nicht persönlich gesehen hat (unsere Demonstrationen damals fanden mit bedrohten DorfbewohnerInnen auf ihrem Land statt) eine erschütternde Offenbarung, denn an den darauf folgenden Tagen bekamen wir sie mit eigenen Augen zu sehen.
Wir sind dann nach N’hilin gefahren, ein bedrohtes Dorf, wo wir von den Bauern mit Interesse und Freude empfangen wurden und sind dann mit ihnen auf ihr Land gegangen (das durch den Bau der Mauer bereits ziemlich zerstört ist).
Der Bus hat uns dann nach Bidya gebracht und wieder ausgeladen. Die palästinensischen Bauern und wir Internationalen wurden von israelischen Soldaten mit Tränengas, Lärmgeschossen und scharfer Munition beschossen. An diesem Tag wurde ein junger Mann verletzt und am nächsten Tag gab es zahlreiche Verletzte -- die Menschen wollten nichts anderes als ihr rechtmäßiges Land zu beschützen. Diejenigen, die immer von palästinensischen Militanten und Gewalt schreiben und reden, sollten einmal diese gewaltfreien Demonstrationen erleben; ich möchte wissen, wie viele Menschen den Mut dazu hätten.
Nach diesen aufregenden Aktionen sind wir in das Büro von PARC gefahren, in Ramallah, wo uns InitiatorInnen der neuen Palästinensischen Demokratischen Koalition ihre neue Initiative erklärt haben und wir Fragen stellen konnten. Leider werden diese Menschen aus der Zivilgesellschaft in den hiesigen Medien kaum gezeigt; was sehr traurig ist, weil sie nicht nur gegen die israelische Besetzung kämpfen müssen, sondern auch gegen den wachsenden Extremismus, der zu einem großen Teil eine Folge der schrecklichen Unterdrückung ist. Es ist oft viel interessanter für die Medien über Hamas, Kopftuch und islamischen Terrorismus zu sprechen. Wir sollten aber diese Menschen, die für eine demokratische Gesellschaft so hart kämpfen müssen, anhören und unterstützen.
Als Abschluss fand in Ramallah bei Kerzenlicht eine sehr berührende Mahnwache für Rachel Corrie statt, eine amerikanische Friedensaktivistin, die, beim Versuch ein Haus im Rafah-Flüchtlingslager im Gazastreifen gegen Demolierung zu schützen, von einem israelischen Bulldozer zweimal überrollt worden war. Am 16.3. fand ein Internationaler Tag statt im Gedenken an diese mutige junge Frau, die vor einem Jahr den Tod fand. (Der israelische Soldat, der diese Tat begangen hat, ist nicht gestraft worden, auch hat der US-amerikanischer Kongress nie dazu Stellung genommen.)
Auf der Weiterreise kamen wir nach Qalqilya, einer eingemauerten Stadt; einer sterbenden Stadt, wie der Gazastreifen, ein Gefängnis, mit ca. 43,000 EinwohnerInnen. Qalqilya war einst eine florierende Handelsstadt nahe der „Grünen Linie“, wo viele Israelis eingekauft und Restaurants besuchten; diese Stadt ist jetzt ein Ghetto; sie hat ein Tor, das dreimal täglich für je 20 Minuten geöffnet wird: morgens, mittags und abends. Fast alle Geschäfte sind geschlossen. Das rechtmäßige Land wird den EinwohnerInnen einfach vom israelischen Staat gestohlen. Die Bauern können nicht auf ihr Land gehen, um es zu bewirtschaften Es ist für die EinwohnerInnen dieser Stadt fast unmöglich, die Stadt wegen dieser 8 Meter hohen Mauer mit Wachturm zu verlassen und wieder zurück zu kehren! Diese Erfahrung war fuer uns ein großer Schock, ein Schock, den ich noch nicht überwunden habe – und es wird, wenn die Mauer fertiggebaut ist, viele solche Städte in den besetzten Gebieten geben.
Wir wurden im Büro des Buergermeisters von Qalqilya empfangen. Alle freuten sich sehr, ausländische Gäste begrüßen zu können und wir haben immer wieder gestaunt über den Mut der Menschen, mit dieser schrecklichen Situation zu leben.
Am Abend gab es im Notre Dame Hospiz in Jerusalem eine Gedenkstunde
für Rachel Corrie, arrangiert vom Israelischen Komitee gegen Häuserdemolierungen, mit Jeff Halper, Gila Svirsky, Naama Nouran, einer jungen Dichterin, mit Musikern, und mit einem Kollegen von Rachel, der aus ihren berührenden Schriften las.
Es gab außerdem eine Diskussion im Knights Palace Hotel mit einem israelischen und einem palästinensischen Professor, Befürwortern der Genfer Initiative, einer neuen, ziemlich umstrittenen Friedensinitiative.
Die Gruppe hat eine „Rundreise“ gemacht, um die vielen Siedlungen zu sehen, die Jerusalem zu einer „jüdischen Stadt“ machen. Diese Siedlungen umzingeln den palästinensischen Stadtteil, um ihn vom Rest des Westjordanlands zu trennen; deswegen ist es kaum zu glauben, dass Jerusalem je die Hauptstadt
für zwei Völker und zwei Staaten sein wird. Waltraud erzählte mir von einem palästinensischen Spielplatz, der bald wegen des Baues einer neuen Siedlung zerstört sein wird. Wir waren beide sehr über die Veränderungen in Jerusalem betroffen, eine Stadt, die früher meine „Traumstadt“ war, und jetzt zu einer von jüdischen Siedlungen (die oft Festungen gleichen) umgebenen Stadt geworden ist.
Wir besuchten auch Abu Dis, wo die Mauer diese Stadt von Jerusalem trennt – und vom Westjordanland. Früher war es möglich, Jerusalem in 10 Minuten zu erreichen. Jetzt wird eine Stunde
für die Fahrt gebraucht – wenn man die Erlaubnis bekommt, diese „Reise“ zu machen. Die hohe Mauer verläuft ganz nahe der Al Kuds Universität, der Universität in der voriges Jahr das Büro von Sari Nusseibeh, dem Direktor und bekanntem Gemäßigten, von israelischen Soldaten geräumt wurde. Wir haben ein sehr schönes, mehrstöckiges Haus gesehen, das einfach zerstört wird, weil es wegen dem Mauerbau „im Wege“ ist.
Waltraud und ich waren sehr glücklich über die Möglichkeit, zwei junge palästinensische Pianisten aus Jerusalem bei einem Konzert im YWCA zu hören. Wir erfuhren davon durch unsere Freundin Karin von IWPS. Nach dem emotionalen und körperlichen Stress der voran gegangenen Tage war das ein echtes Vergnügen!
Es gab auch noch ein hochinteressanten Tag: ein Besuch im Alternative Information Centre in Jerusalem mit VertreterInnen von israelischen FriedensaktivistInnen, u.a.:
Michel Warshawski, früherer Direktor des AIC, B’tselem, Machsom Watch, Rabbiner fuer Menschenrechte, Israelisches Komitee gegen Häuserdemolierungen, Yesh Gvul, Refuseniks, Anarchisten gegen die Mauer. Das war sehr aufbauend – leicht haben es diese mutigen Menschen nicht! Wir haben das erlebt am 20.3. als wir mit der Coalition of Women for a Just Peace, und den italienischen Internationalen nach Mas’ha fahren wollten, um eine gemeinsame Demonstration mit israelischen und palästinensischen Frauen aus Mas’ha zu machen. Mit drei Bussen fuhren wir von Jerusalem ab und holten Frauen ab, die aus Tel Aviv und Haifa angereist sind. Es war einfach nicht möglich nach Mas’ha zu fahren – Polizei und Soldaten haben es uns nicht erlaubt. Endlich entschlossen die OrganisatorInnen, so zu tun als ob sie nach Tel Aviv zurückkehren würden und wir sind nach Tulkarem gefahren, eine eingemauerte Stadt, ähnlich Qalqilya. Wir sind in der Nähe des einzigen, geschlossenen Tores gestanden, haben unsere Transparente und Karton- Hände mit Beschriftungen aufgehalten und „The Wall Must Fall“ im Chor gesprochen; die Refuseniks haben in hebräischer Sprache „Nicht schießen! Nicht weinen!“ geschrieen, da die Soldaten Wache gehalten haben, und es wurde auch gesungen. Als wir Snipers (Heckenschützen) bemerkt haben sind wir dann ziemlich schnell zu den Bussen zurückgekehrt.
Ich traf bei dieser Demonstration eine Frau aus Haifa, die ich im Januar in Amman kennen gelernt habe, eine der ersten Women in Black, die schon 1988 auf den Strassen gestanden ist mit dem Schild „Beendet die Besatzung!“. Wir hatten bei der Rückfahrt die Möglichkeit, mit Gila Svirsky ein wenig zu plaudern, die ich sehr bewundere – FriedensaktivistInnen haben es unter der Scharon-Regierung besonders schwer, wie wir aus den Alternative-Nachrichten entnehmen: sie werden unterdrückt, untersucht und immer öfter angegriffen.
Ende der Reise: Israelischer Anschlag auf Scheich Achmed Yassin. Schock, dass so etwas möglich ist – (aber was ist nicht mehr möglich? – die Grenzen sind längst von Israel überschritten) - sehr viel Spannung, sehr viel Angst. Leider konnte ich mich von meinem Mann in Ramallah nicht verabschieden; vollkommene Sperre und Abriegelung.
Am Flughafen kamen dann die wiederholten Fragen, die ich immer wieder erlebe: mein arabischer Name und viele „Rafah Border Crossing“- Stempeln im Pass, die von den Privatreisen nach Gaza bezeugen, um Fayssals Familie dort zu besuchen -- sie machen mich für die israelische Sicherheit offenbar zu einer verdächtigen Person.
Ich kopierte mein Tagebuch vorsichtshalber in amerikanischer Kurzschrift. In dem einzigen demokratischen Staat in Nahost könnten ja die Fakten, die darin notiert sind, für mich problematisch werden! Schließlich konnten wir unseren physischen Abschied nehmen – den seelischen Abschied leider nicht. Die Gedanken an unsere Reise werden unseren Schlaf und unsere Tage lange beschäftigen und auch stören. Wir fragen uns immer wieder, wie solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 21. Jahrhundert möglich sind; weshalb die Welt diese Vorgänge nicht verbietet. Felicia Langers neues Buch heißt: „Brandherd Nahost – oder die geduldete Heuchelei“; sie hat es genau getroffen!
Paula Abrams-Hourani
Frauen in Schwarz (Wien)
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