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Beitrag von Felipe Perez Roque, Kubanischer Aussenminister anlässlich der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 4. September 2004

Sehr geehrter Herr Präsident,

 

Wir erfüllen jedes Jahr das gleiche Ritual. Wir nehmen an der Generaldiskussion teil, obwohl wir im vorhinein schon wissen, dass der Schrei unserer unterentwickelten Länder nach Recht und Frieden wiederum auf taube Ohren stoßt. Jedoch bestehen wir hartnäckig darauf. Denn wir wissen, das wir recht haben. Wir wissen, dass wir eines Tages das soziale Recht und die Entwicklung erreichen werden. Wir wissen auch, dass man uns nichts schenken wird. Wir wissen, als Volk, dass wir es denen abreißen müssen, die uns heute das Recht verweigern, weil sie tatsächlich ihren Luxus und ihre Arroganz auf die Verachtung unserem Leiden gegenüber, aufbauen. Aber es wird nicht immer so sein. Wir sagen es überzeugter denn je.

So gesagt, genau wissend, dass einige Mächtige hier anwesend das unangenehm empfinden, aber viele hier beistimmen werden, wird Kuba jetzt einige Wahrheiten sagen.

Erste Wahrheit:
Die Organisation der Vereinten Nationen, gegründet als eine notwendige und verschiedenartige Tribüne, errichtet für den Respekt aller, und den zugestimmten Garantien für die kleinen Länder, existiert seit der irakischen Aggression nicht mehr.

Sie erlebt den schrecklichsten Moment ihrer fast 60 Jahre. Sie siecht dahin. Sie ist erschöpft, sie täuscht, aber sie funktioniert nicht. Wer hat die Vereinten Nationen gefesselt, die so vom Präsidenten Roosevelt genannt wurden? Der Präsident Bush.

Zweite Wahrheit:
Die Nordamerikanischen Truppen müssen sich aus dem Irak zurückziehen.

Jetzt, wo eine Clique von Kumpanen und deren Partner umsonst das Leben von mehr als tausend jungen Nordamerikanern, aus Profitgier ihrer elenden Interessen geopfert und mehr als 12.000 Iraker getötet hat, da springt es ins Auge, dass der einzige Ausweg der Besatzer, sich zurückzuziehen, ist, vor einem Volk im Aufstand, und erkennen muss, dass es unmöglich ist dieses Volk zu dominieren. Das Imperium kann ruhig das Monopol der Information besitzen, jedoch die Völker werden immer zur Wahrheit gelangen. Die Verantwortlichen und ihre Komplizen werden eines Tages Rechenschaft vor der Geschichte und deren Völker abgeben müssen.

Dritte Wahrheit:
Keine gültige, reale und notwendige Reform der Vereinten Nationen ist zur Zeit möglich.

Um das zu ermöglichen, müsste die Supermacht auf ihre Privilegien verzichten, dadurch das sie das immense Vorrecht geerbt hat, für sich allein Profit zu schlagen, aus einer Anordnung die für eine bipolare Welt bestimmt war. Sie wird es nicht machen.

Wir wissen bereits, dass die anachronische Apanage des Veto erhalten bleibt, dass der Sicherheitsrat nicht demokratisiert werden kann, wie es notwendig wäre, auch nicht mit dem Eintritt dritter- Welt- Länder vergrößert werden kann, dass die Generalversammlung weiterhin ignoriert bleibt, und dass die Vereinten Nationen weiterhin je nach den Interessen der Supermacht und seiner Alliierten funktionieren wird. Wir müssen, wir, die angepassten Länder, uns, zur Verteidigung der Verfassungsurkunde der Vereinten Nationen, sich hinter diese stellen, denn sonst wird man sie neu schreiben und die letzten Überreste, wie die souveräne Gleichheit aller Nationen, die Nichteinmischung, und die Nichtanwendung der Gewalt oder der Drohung der Gewalt, streichen.

Vierte Wahrheit:
Die Mächtigen hecken Pläne aus um uns zu teilen.

Wir, die mehr als 130 unterentwickelten Länder, müssen eine gemeinsame Front errichten, um die unantastbaren Interessen unserer Völker, unser Recht auf Entwicklung und auf Frieden zu verteidigen. Bringen wir die Bewegung der nicht angepassten Länder wieder zum Beleben. Stärken wir die Gruppe der 77.

Fünfte Wahrheit:
Die bescheidenen Ziele der Zweitausendjahr- Erklärung werden nicht erreicht. Wir werden den fünften Geburtstag dieses Gipfels in einer noch schlimmeren Lage feiern.

Wir haben uns vorgenommen, die Zahl der Armen, die 1990 1 Milliarde 276 Millionen Menschen zählte bis zum Jahr 2015 zur Hälfte zu reduzieren, was hieß, dass sie sich pro Jahr um 46 Millionen verringern sollte. Aber, mit Ausnahme von China, 28 Millionen Menschen mehr sind von 1990 bis 2000 in Armut geraten. Anstelle der Verringerung hat sich die Armut erhöht.

Wir wollten bis zum Jahr 2005 die Anzahl der Hungernden, die sich im Jahr 1990 auf 842 Millionen Menschen beliefen um die Hälfte reduzieren. Das hieß eine Verringerung von 28 Millionen pro Jahr. Jedoch die Verringerung belief sich nur auf 2,1 Millionen. In diesem Rhythmus wird die Menschheit dieses Ziel erst im Jahr 2215 erreichen, also 200 Jahre nach dem festgesetzten Datum, mit der Vermutung natürlich, dass unsere Gattung die verheerende Umweltzerstörung überlebt.

Wir haben unseren Wunsch verkündet, bis zum Jahr 2015 die Volksschulpflicht zu verallgemeinern. Jedoch mehr als 120 Millionen Kinder im Schulalter, das heißt 1 zu 5, gehen nicht in die Volksschule. Nach der Unicef, ist dieses Ziel, in diesem Rhythmus, erst nach 2100 erreicht.

Wir haben uns vorgenommen das Kindersterben unter 5 Jahren zu zwei drittel zu reduzieren. Jedoch bleibt die Verringerung bis heute symbolisch. Bei 86 Verstorbenen von 1000 lebensfähigen Geburten im Jahr 1998 sind wir auf 82 Verstorbene gekommen. 11 Millionen Kinder sterben jedes Jahr an Krankheiten, die man verhindern oder heilen kann. Die Eltern fragen mit Recht wozu unsere Sitzungen nützen...

Wir haben gesagt, das wir unser Hauptaugenmerk auf die besonderen Bedürfnisse von Afrika richten. Jedoch haben wir fast nichts gemacht. Die Völker Afrikas brauchen keine Beratung auch nicht ausländische Modelle: sie brauchen finanzielle Einnahmequellen, Zugang zum Markt und zur Technik. Afrika zu helfen ist nicht Almosen spenden. Es gilt Recht zu sprechen, es gilt die historische Schuld zu bezahlen, für Jahrhunderte der Ausbeutung und der Plünderung.

Wir haben uns verpflichtet die Epidemie des AIDS zu bremsen und bis 2015 die Richtung zu beginnen umzukehren. Jedoch hat sie im Jahr 2003 fast 3 Millionen Todesopfer gekostet. In diesem Rhythmus wird sie 36 Millionen Menschen bis 2015 töten.

Sechste Wahrheit:
Die Gläubiger-Länder und die internationalen Finanzorganisationen suchen keine gerechten und langfristigen Lösungen der Aussenschuld. Sie bevorzugen uns als Schuldner, anders gesagt, prekär. Obwohl wir bereits 4,1 Billionen Dollar als Schulddienst die letzten 13 Jahre ausgegeben haben, ist unsere Schuld von 1,4 Billionen auf 2,6 Billionen Dollar gestiegen. Kurzum, wir haben bereits das dreifache von dem was wir schulden gezahlt, aber unsere Schuld hat sich verdoppelt.

Siebende Wahrheit:
Wir sind es, die unterentwickelten Länder, die die Verschwendung und den Luxus der entwickelten Länder bezahlen. Obwohl sie uns im Jahr 2003, als öffentliche Hilfe zur Entwicklung 68,4 Milliarden Dollar gegeben haben, haben wir ihnen als Schuld 436 Milliarden bezahlt. Wer hilft wem?

Achte Wahrheit:
Der Kampf gegen den Terrorismus kann nur durch die Mitwirkung aller Nationen und im Respekt des internationalen Rechtes, aber nicht durch massives Bombardieren, oder durch Präventivkriege gegen die" verlorenen Löcher" dieser Welt erfolgen. Die Scheinheiligkeit und die "zwei Gewichte, zwei Masse" müssen aufhören. Asyl in USA für drei kubanische Terroristen zu bieten ist Komplizenschaft mit dem Terror. Fünf junge Kubaner zu verhaften, ihre Familien zu strafen, weil sie gegen den Terrorismus kämpften ist ein Verbrechen.

Neunte Wahrheit:
Die allgemeine und komplette Abrüstung, davon auch die Atomabrüstung, ist heute unmöglich. Die Schuld liegt an einer kleinen Gruppe von entwickelten Ländern, die die größten Verkäufer und Käufer in der Rüstung sind. Trotzdem müssen wir für dieses Ziel kämpfen. Wir müssen verlangen, dass die fast 900 Milliarden Dollar, die jedes Jahr für die militärischen Ausgaben zur Verfügung stehen, für die Entwicklung ausgegeben werden.

Zehnte Wahrheit:
Es sind nicht die Geldquellen, die notwendig sind für die langfristige Entwicklung aller Völker, die fehlen, jedoch der politische Wille der Herren der Welt.

Eine Steuer von weniger als 0,1 Prozent bei internationalen Finanz-Transaktionen würden fast 400 Milliarden Dollar pro Jahr ausmachen, die man in die Entwicklung stecken kann.

Die Annullierung der Aussenschuld würde den Entwicklungsländern 436 Milliarden Dollar einbringen, die sie für die Entwicklung ausgeben könnten und nicht für den Schulddienst.

Wenn die entwickelten Länder ihr Engagement halten würden und 0,7 Prozent ihres Bruttonationalproduktes der öffentliche Hilfe für die Entwicklung widmen würden, dann würden sie anstatt 68,4 Milliarden , 160 Milliarden Dollar beitragen.

Ich möchte endlich, Ihre Exzellenzen, die tiefe Überzeugung Kubas klar ausdrücken: die 6,4 Milliarden Menschen dieses Planeten, die laut Verfassung der Vereinten Nationen, im Recht gleich sind, brauchen dringend eine neue Ordnung, die ihnen nicht den Atem raubt, so wie heute auf Grund der Wahlergebnisse im neuen Rom, Wahlen an denen nur die Hälfte der Wähler teilnehmen und die ungefähr 1,2 Milliarden Dollar verschlingen.

Man sollte hier von uns keine Mutlosigkeit sehen, dazu gehört mehr, (tant s'en faut). Wir sind optimistisch, weil wir Revolutionäre sind. Wir haben Vertrauen im Kampf der Völker, und wir sind sicher, dass wir eine neue Weltordnung schaffen werden, auf der Basis des Respekts des Rechts für alle, eine Ordnung, die sich auf die Solidarität, die Gerechtigkeit und den Frieden stützt, hervorgekommen aus dem Besten der universellen Kultur und nicht aus dem Durchschnittlichen und der brutalen Gewalt.

Weder die Handelsblockaden, noch die Drohungen, noch die Wirbelstürme, noch die Dürren, keine menschliche Macht oder Naturmacht kann Kuba von seinem Weg abbringen. Das ist alles.

Diese Generalversammlung wird am 28. Oktober zum 13. Mal eine Resolution gegen die Handelsblockade die dem kubanischem Volk auferlegt wurde, diskutieren und abstimmen. Und wieder wird die Moral und die Prinzipien über die Arroganz und die Gewalt siegen.

Ich beende mit der Erinnerung, dass der Präsident Fidel Castro hier vor 25 Jahren folgendes ausgesprochen hat:

"Der Lärm der Waffen, drohende Worte, die Arroganz in der internationalen Arena muss aufhören. Es ist genug zu glauben, dass die Probleme der Welt mit Atomwaffen gelöst werden können! Die Bomben können die Hungrigen, die Kranken, die Analphabeten töten aber sie töten nicht den Hunger, die Krankheit, die Unwissenheit. Sie können auch nicht die gerechte Rebellion der Völker töten...

Ich danke Ihnen

 

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