»SAGT
NICHT, IHR HÄTTET NICHTS GEWUSST ...«
INTERNATIONALE FRIEDENSAKTIVISTEN UND ISRAELISCHE JOURNALISTEN
KONFRONTIEREN
DIE GESELLSCHAFT ISRAELS MIT DEN TÄGLICHEN VERBRECHEN DER
BESATZUNGSMACHT
von Ulrike Vestring
»Wie kommt dieses Hühnchen aus Amerika dazu, sich hier in
unsere
Angelegenheiten einzumischen? . Solchen Leuten muss man eine
Lehre erteilen.
Ist
dies etwa ihr Land?« Mit diesen Worten kommentierte der
israelische Taxifahrer Yehuda G. den Tod der jungen
amerikanischen Friedensaktivistin Rachel Corrie, die Mitte März
im Süden des Gaza-Streifens von einem Bulldozer der
israelischen Armee zermalmt wurde. Sie hatte versucht, die Zerstörung
eines palästinensischen Wohnhauses zu verhindern.
Inzwischen erteilte die israelische Armee die Lehre, für die
sich Yehuda G. aussprach: Drei Wochen nach Rachels Tod wurde ein
weiterer amerikanischer Friedensaktivist, Brian Avery, in
Dschenin durch gezielte Schüsse lebensgefährlich verletzt. Am
11. April wurde ein dritter Freiwilliger der Internationalen
Solidaritätsbewegung ISM Opfer der Besatzungsgewalt. In
Rafah wollte der 21jährige Engländer Tom Hurndall einer Gruppe
von Kindern - keins davon älter als zehn - zu Hilfe kommen, die
beim Spielen in das Schussfeld eines israelischen Panzers
geraten war. Es gelang Tom, einen Jungen in Sicherheit zu
bringen; als er versuchte, zwei kleine Mädchen herauszuholen,
wurde er von einem in einem Wachturm postierten Scharfschützen
in den Hinterkopf geschossen. Der verletzte Friedensaktivist
liegt in einem Krankenhaus in Beerscheva; er gilt als klinisch
tot.
Die internationale Solidaritätsbewegung ISM versucht, die palästinensische
Zivilbevölkerung vor Übergriffen zu schützen. Die Palästinenser
haben nach ihrer Überzeugung ein völkerrechtlich gesichertes
Recht auf Widerstand gegen die israelische Besatzungsgewalt. Die
ISM-Aktivisten - meist junge Leute aus
Europa, aus den USA, aus Japan, aus Südafrika - fühlen sich
dem Prinzip der Gewaltlosigkeit verpflichtet; sie sind überzeugt,
daß ihr gewaltfreier Widerstand dazu beiträgt, die
Menschenrechtsverletzungen der Besatzungsarmee öffentlich zu
machen und ihren Opfern eine Stimme zu geben.
Rachel Corrie, 23, und wahrscheinlich auch Tom Hurndall, 21,
haben ihre Mission mit dem Leben bezahlt, ihr Kamerad Brian
Avery, 24, wird von seinen schweren Verletzungen gezeichnet
bleiben. Die israelische Armee spricht weiter von Unfällen, die
die Betroffenen selbst verschuldet hätten.
Die
gehässigen Worte des Taxifahrers in Tel Aviv - eine
Einzelstimme? Die israelische Gesellschaft, zu deren Schutz
modernste Waffen, Panzer und Bulldozer gegen die palästinensische
Zivilbevölkerung eingesetzt werden, betrachtet jeden, der die
Besatzung in Frage stellt, als Vaterlandsverräter.
Zum Beispiel Friedensorganisationen wie Gush Schalom (Uri Avnery),
das Komitee gegen Hauszerstörungen (Jeff Halpern) oder Bat
Shalom (Gila Svirsky). Ebenso die unerschrockene Journalistin
Amira Hass von der linksliberalen Zeitung Ha'aretz, die seit
Jahren nicht nur aus den besetzten Gebieten berichtet, sondern
auch dort lebt.
Inkognito in Rafah
Das Wegsehen und Weghören wird schwieriger: Kürzlich mutete
die populäre Zeitung Ma'ariv ihren Lesern in der
Wochenendausgabe (28.3.03) einen schockierenden Einblick in das
Alltagsleben der Palästinenser zu. Unter der Überschrift »Ich
war ein menschliches Schutzschild«, berichtete die Journalistin
Billie Moskona-Lerman über einen Aufenthalt in der Stadt Rafah.
Vierundzwanzig Stunden in Rafah, wo auch Rachel Corrie starb.
Seitdem, sagt Billie, sei sie nicht mehr dieselbe. »24 Stunden
können einen ganz schön
älter machen. .«
»Ab sofort darfst du kein Wort Hebräisch mehr sprechen«,
instruiert Abu Rahma, ein palästinensischer Journalist, seine
Kollegin Billie, als sie am Grenzposten Erez zu ihm ins Auto
steigt. »Vergiß nicht, hier bist du eine französische
Journalistin. Niemand darf wissen, daß du Israelin bist.« Die
Fahrt geht nach Süden, vorbei an den verlassenen und
verfallenen Hotels und Restaurants entlang der einst touristisch
belebten Strände von Gaza.
»Was machen all diese Kinder hier?« fragt Billie kurz vor
einem weiteren Checkpoint. Ganz einfach: Die Israelis lassen
dort nur Autos durch, die mindestens drei Personen an Bord
haben. Die Kinder verdingen sich als Mitreisende und kassieren
einen Schekel. Auf der anderen Seite steigen sie aus und
verdienen auf der Rückfahrt einen weiteren Schekel. Überlebenstaktik
in einem zusammengebrochenen Wirtschaftssystem.
Nach anderthalb Stunden erreichen die Journalisten Rafah am südlichen
Ende des Gazastreifens. Die Stadt mit ihren 140 000 Einwohnern
kommt Billie wie ein einziges riesiges Flüchtlingslager vor.
Selbst im Armenhaus Gaza ist dies der ärmste, elendste und von
der Intifada am meisten betroffene Ort: 250 Todesopfer, die Hälfte
davon Kinder.
Bei der Rückgabe des Sinai an Ägypten 1982 fiel ein Teil der
Stadt an Ägypten. Um Schmuggel über die Grenze und den Rückzug
palästinensischer Widerstandskämpfer auf ägyptisches Gebiet
zu unterbinden - angeblich benutzen sie dafür auch Tunnel -
errichtet die israelische Armee zusätzlich zu den Wachtürmen
und anderen Grenzbefestigungen jetzt eine 14 Meter hohe Mauer. Für
ein freies Schussfeld davor müssen die Häuser der Flüchtlinge
weichen.
Mit Druck und Gewalt will die Armee die Menschen zum Aufgeben
ihrer Häuser bringen. Als letztes Mittel rücken die Bulldozer
an, gigantische Maschinen, die Mauern und Wände eindrücken.
Oft bleibt den Bewohnern nicht einmal Zeit, wenigstens etwas von
ihrer Habe zu retten, manche retten nicht einmal das Leben. 602
Häuser, berichtete das Flüchtlingskomitee in Rafah, seien bis
März völlig zerstört worden, die Zahl der beschädigten Häuser
sei noch erheblich größer. Geht man von einer
durchschnittlichen Familiengröße von acht bis zehn Personen
aus, so sind mehrere tausend Menschen obdachlos geworden. Für
die meisten war ihr Haus der einzige Besitz, viele leben jetzt
in Zelten.
Techniken des Widerstands
In dieser Notlage wollen die Freiwilligen der Solidaritätsbewegung
den Menschen beistehen. Die Friedensaktivisten sollen dabei
weder naiv noch leichtsinnig handeln. Deshalb werden alle neu
ankommenden Freiwilligen auf ihren Einsatz vorbereitet. Von
einem solchen Training und seinen Teilnehmern berichtet ein
anderer israelischer Journalist, Orly Halper. Wie man es
vermeidet, erschossen zu werden, wie eine Gruppe in
Sekundenschnelle
Entscheidungen trifft, was man bei der Polizei auf keinen Fall
sagen
sollte - das lernen ISM-Aktivisten, bevor sie zum ersten Mal bei
einer gewaltfreien Aktion mitwirken. Auch einen Einblick in palästinensische
Kultur erhalten die Aktivisten im Schnellverfahren, und aus
Respekt für die Sitten ihrer Gastgeber müssen sich alle
verpflichten: »Während des Einsatzes - zwei Wochen bis zwei
Monate - kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex.«
Wichtig ist bei allen Aktionen, daß sie von der Gruppe
gemeinsam
beschlossen, vorbereitet und durchgeführt werden. Dabei hat
jeder seine Rolle - Dokumentation per Foto oder Video,
Pressekontakte,
Notfallversorgung. physische oder verbale Gewalt sind verboten,
und auf keinen Fall dürfen die Aktivisten sich umdrehen und
weglaufen. »Wer rennt, läuft Gefahr, beschossen zu werden.
Setzt euch hin!«
Welche erstaunliche Ruhe und Kaltblütigkeit ISM-Angehörige im
Angesicht unmittelbarer Lebensgefahr aufbringen, zeigten sie vor
kurzem bei einem Einsatz in Tel Zorab, einem weiteren Flüchtlingslager
bei Rafah. Unter den Augen der ohnmächtigen und verängstigten
Bewohner hatte ein gepanzerter Bulldozer der Armee damit
begonnen, ein Haus einzureißen. In ihrer reflektierenden
orangefarbenen Schutzkleidung und mit Spruchbändern bewegten
sich die ISM-Aktivisten langsam auf die Bulldozer zu. Der Fahrer
stieg aus und brüllte ihnen zu, dies sei sein Land, und sie hätten
hier nichts zu suchen. Ganz im Gegenteil, gaben die Aktivisten
zurück, dieses Land gehöre ihm keineswegs, sie seien
Zivilisten in einem Wohngebiet, und er als Soldat habe hier
nichts zu suchen.
Der Nervenkrieg ging weiter: Langsam vorrückende Bulldozer,
vier wie angewurzelt stehende Friedensaktivisten, denen ein
Panzer über die Köpfe und vor die Füße schoß. Ihre
Kameraden versuchten indessen per Telefon, die Konsularbehörden
der Herkunftsländer zu alarmieren. Ein Vertreter des
US-Konsulates erklärte klipp und klar, er werde seinen
Staatsangehörigen nicht helfen; sie hätten ihren Anspruch auf
konsularische Hilfe dadurch verwirkt, daß sie entgegen den
Warnungen des State Department in die
besetzten Gebiete eingereist seien. Die Freiwilligen blieben - für
diesmal - unverletzt.
Der Feind ohne Gesicht
»Während meines 24stündigen Aufenthaltes in Rafah«, schreibt
die israelische Journalistin Billie Moskona-Lerman, »habe ich
keinen einzigen israelischen Soldaten von Fleisch und Blut
gesehen. Die Israelis bleiben in ihren Bulldozern, gigantischen
Ungetümen mit undurchsichtigen Scheiben. In ihren Wachttürmen
und Panzern. Versteckt hinter Tonnen von Stahl in Tarnfarben,
die plötzlich Feuer speien. Ein Feind ohne Gesicht, unwirklich,
unnahbar,
unmenschlich.« Ihnen gegenüber die Palästinenser, denen
Billie in den schmutzigen Straßen von Rafah begegnet. Viele von
ihnen zerlumpt, barfuß, offensichtlich arm. In den Gesichtern
die Spuren von Sorgen, Angst, Leid und Mangelernährung. Mit 45
sehen sie alt aus.
Am Abend fragen die beiden ISM-Freiwilligen Joe und Laura, ob
Billie mit ihnen zum Einsatz gehen will. Ja, sagt sie, und weiß
doch nicht, worauf sie sich einläßt. Gegen acht wandern die
drei zu Fuß zu einem der letzten Häuser vor der Grenze
zwischen Israel und Ägypten, in orangefarbenen Westen mit
reflektierenden Streifen. Als sie sich dem israelischen Wachturm
nähern, nimmt Billie die Hände hoch wie ihre Begleiter. Jetzt
bloß nicht rennen.
Wenige Schritte vor dem Turm schubst Laura Billie in einen
dunklen
Hauseingang »Hier ist es«, und Billie tastet sich im Dunklen
voran. Es geht eine Treppe hinauf, durch eine Tür, und dann
sagt ein lächelnder Mann »Ahlan wa sahlan - herzlich
willkommen.« Sie sind am Einsatzort für diese Nacht angelangt,
im Haus von Jamil und Nora und ihren drei kleinen Kindern. Der
Beschuß setzt unmittelbar ein. Das geht Nacht für Nacht so,
bekommt Billie erklärt, und dient der Einschüchterung: Die
israelischen Soldaten wollen Jamil und seine Familie dazu
bewegen, das Haus aufzugeben. Sie leben als
einzige noch in der Gegend, weil sie kein Geld haben, woanders
hin zu ziehen. Vor kaum zwei Wochen hat Rachel Corrie hier mit
ihnen gewacht, ihr Bild hängt an der Wohnzimmerwand. Billie
hockt mit zitternden Knien zwischen Jamil und Nora mit dem jüngsten
Kind am Boden, ihr Herz rast und ihre Zähne klappern. Jamil
sagt: »Unser Schicksal liegt allein in Allahs Hand.« Billie
beruhigt das nicht.
Laura und Joe schützen mit ihren Körpern die zwei etwas älteren
Kinder, das Kleinste liegt weiter im Arm der Mutter. Billie
denkt an ihre Söhne, Wehrpflichtige in der israelischen Armee.
Könnten sie in einem der Panzer da draußen sitzen?
Jamil, der von Beruf Koch ist, geht mitten im Kugelhagel hin und
macht Essen für alle: Omelette und Salat, dazu Fladenbrot. Es
ist Mitternacht, und Billie fragt sich, ob sie den nächsten Tag
erleben wird. Da beschließt sie, ihre Karten auf den Tisch zu
legen: »Ich muß euch die Wahrheit sagen. Ich bin israelische
Journalistin aus Tel Aviv.« Einen Augenblick herrscht
Schweigen, dann lächelt Jamil und erzählt in fließendem Hebräisch,
in welchen Hotels in Herzlia und in Netanya er früher
gearbeitet hat. Und daß er im Restaurant Little Tel Aviv am
liebsten Kirscheis gegessen hat. Gibt es das noch?
Drei kleine Kinder, zwei Amerikaner, ein palästinensisches
Ehepaar und eine Israelin sitzen im Kreis um eine große Schüssel
Salat. Kugeln pf eifen ihnen um die Ohren. Auf einmal müssen
sie lachen, und dann sagt Laura, die amerikanische
Friedensaktivistin, sie sei auch Jüdin, und sogar strenggläubig.
Wie ein großer starker Vogel
Am nächsten Morgen ist die Journalistin aus Tel Aviv zum
letzten Mal bei den ISM-Freiwilligen. Joe zeigt ihr die Fotos,
die er von Rachels Tod gemacht hat. Wie immer bei diesen
Einsätzen sitzt Rachel in ihrer reflektierenden Weste auf dem
Schutt- und Sandberg, den der Bulldozer v or sich herschiebt. In
der Hand hält sie ein Mikrofon und versucht, mit dem Fahrer zu
reden. Natürlich kann man dabei das Gleichgewicht verlieren,
aber bisher hat der
Bulldozer immer im letzten Augenblick angehalten und abgedreht.
Diesmal nicht. Rachel fällt in den Tod. Als wenn ein großer
starker Vogel, der eben noch fliegt, einen Schlag bekommt, die
Flügel einfaltet und langsam zu Boden sinkt. »Mein Rücken ist
gebrochen.« Das, sagt ihre Kameradin Alice, waren ihre letzten
Worte. Dieselbe Alice, die jetzt ihren Landsmann Tom in die
Arme nehmen mußte, als er aus einem israelischen Panzer heraus
in den Kopf geschossen wurde. Übrigens, auch Alice ist Jüdin.
Wie halten diese jungen Leute das aus, fragt Billie. Wer hilft
den
Freiwilligen, mit ihrer Angst, mit Schock und Trauer über den
Verlust von Kameraden fertig zu werden? »Ich glaube nicht, daß
ich jetzt noch hierbleiben kann«, schreibt der Amerikaner Joe
am Ende seines Berichtes über den Tod von Tom Hurndall. »Ich
habe Rachels Tod noch nicht verarbeitet, und jetzt dies . Ich fühle
mich auf einmal alt.«
Fragt jemand, warum hier dauernd von Rachel Corrie und ihren
Kameraden die Rede war, warum nicht von den 250 in Rafah getöteten
Palästinensern, zum Beispiel den beiden 15 und 19 Jahre alten
Brüdern, die einen Tag vor Tom Hurndall erschossen wurden?
Warum nicht von den Tausenden, denen Armee-Bulldozer die Häuser
zerstört haben? Die ISM-Aktivisten sind sich bewußt, daß sie
sich in einem rassistischen System bewegen, ja, daß ihre
Wirkung in der Öffentlichkeit zu einem Teil auf diesem
Rassismus beruht.
»Die Menschen hier möchten gehört werden,« schrieb Rachel
kurz vor ihrem gewaltsamen Ende in einem Brief nach Hause. »Und
wir internationale Freiwillige sollten unsere Privilegien
nutzen, um ihnen Gehör zu verschaffen.« Sie und ihre Kameraden
haben genau das getan. Jetzt kann niemand mehr sagen, er hätte
vom Leiden der Menschen in Rafah nichts gewußt. Auch in Israel
kann das niemand mehr sagen.
* Quellen: Der Artikel »I was a Human Shield« von Billie
Moskona-Lerman erschien in hebräischer Sprache in Ma'ariv vom
28.3.03. Eine englische Übersetzung veröffentlichte die
israelische Friedensorganisation Gusch Schalom (www.gush-shalom.org).
Die Angaben über die Internationale Solidaritätsbewegung ISM
stammen von der Internetseite der Organisation: www.palsolidarity.org.
Der mit einem Bericht über ISM zitierte Journalist Orly Halper
hat folgende Adresse: orly@haaretz.co.il.
Fotos zum Thema stellte Muhammad, ein junger Student aus Rafah,
auf seine Internetseite: www.rafah.vze.com
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