Das
besetzte Salfit:
Ein Leben zwischen stinkenden Siedlungsabwässern
und dem Schatten der Apartheidmauer
Salfit,
im Herzen der besetzten Westbank, leidet seit vielen Jahren
unter Enteignungen und Wasserdiebstahl. In der Region leben
mittlerweile 65 % aller israelischen Westbank-Siedler,
wohingegen es nur noch 20 palästinensische Dörfer gibt.
Die
wirtschaftliche Lage der Dorfbewohner in Salfit ist verheerend.
Salfit besitzt die größten Grundwasservorkommen der Westbank.
Der israelische Wasserdiebstahl hat eine lange Geschichte. In
den letzten Jahren wurden 16 artesische Brunnen beschlagnahmt:
Das Wasser aus diesen Brunnen wird jetzt viele Kilometer weit
nach Israel, in die Siedlungen in Salfit und sogar bis in die
Siedlungen im Jordantal umgeleitet. Wegen der Übernutzung durch
die Siedler verfügen die nahegelegenen Dörfer über keine ständige
Wasserversorgung mehr. Die Israelis verbrauchen fünfmal mehr
Wasser als die Palästinenser. Gleichzeitig ist das Wasser für
die Palästinenser sehr viel teurer: Sie müssen 300% soviel
bezahlen.
In
den letzten neun Jahren hat die Stadtverwaltung von Salfit
versucht, eine Kläranlage für ihre Einwohner zu bauen. Für
den Bau der Anlage und einer Hauptleitung zur Stadt erhielt die
Stadtverwaltung eine Unterstützung von mehr als 10 Millionen
Euro von der Bundesrepublik Deutschland. Die israelischen
Besatzungstruppen stoppten den Bau und beschlagnahmten 18 Monate
lang alle Maschinen. Die Verwaltung von Salfit musste zusätzliche
Darlehen aufnehmen, um ein neues Stück Land näher bei der
Stadt zu kaufen. Ausserdem musste ein Darlehen von etwa einer
Million Euro aufgenommen werden, um die Wasser- und
Stromleitungen neu zu verlegen. Obwohl der neue Standort der
Anlage von Israel genehmigt wurde, wird diese nun durch die
Apartheidmauer von Salfit getrennt. Dadurch wird die Anlage
nicht mehr unter Kontrolle der Stadt stehen, sondern dem Zugriff
der Siedler ausgesetzt werden.
Das
Wasserszenario ist düster. Das Almatwi-Tal verläuft zwischen
Salfit und dem nahegelegenen Dorf Bruqin: Früher genossen die
Dorfbewohner das Schwimmen und Plantschen in einem Wasserfall,
einem Geysir, vier Quellen und einigen natürlichen Tümpeln im
Tal. Hier wurde gewandert und hier konnten sie mit ihren
Familien picknicken. All das ist Vergangenheit: Die israelische Besatzungsmacht
treibt regelmäßig Wildschweine in das Tal, die die Kinder
anfallen. Das Schwimmen, Plantschen, Wandern und Grillen wird
durch eindringende Soldaten verhindert. Ausserdem haben die
israelischen Wasserwerke in den Dörfern Marda, Rawa und Huwara
den Grundwasserspiegel im Tal gesenkt. Mit ihren
Hochleistungspumpen pumpen sie laut den Bewohnern „24 Sunden
am Tag“ und trocknen das Tal aus. Dagegen wurde den Palästinensern
von den Besatzungstruppen die Erneuerung ihrer 60 Jahre alten
Saugpumpen untersagt, die nach Beschreibung der palästinensischen
Bevölkerung „klein“ und von „niedriger Leistung“ sind.
Die Quellen, natürlichen Tümpel und der Al Asafeer-Fluss, der
das Land früher drei Kilometer weit bewässerte, sind völlig
ausgetrocknet.
Das
ganze Tal ist nun ein schwer verschmutztes und stinkendes
Gebiet. Geblieben ist nur noch ein Graben voller unbehandelter
Abwässer. Diese Abwässer stammen von der fünf Kilometer
entfernt auf einem Hügel liegenden Siedlung Ariel, der zweitgrößten
israelischen Siedlung in der Westbank. Für die im Tal lebenden
Beduinen, für die Dorfbewohner, aber auch für den Grundwasserkörper
selbst stellt das Abwasser ein ernsthaftes Problem dar: Das
Umwelt- und Gesundheitsamt von Salfit kontrolliert täglich das
Trinkwasser, weil befürchtet werden muss, dass große Mengen
von belastetem Abwasser in das Grundwasser einsickern.
Zwei Beduinenfamilien mit 15 Mitgliedern waren gezwungen, immer
weiter hügelaufwärts zu ziehen, um dem überwältigenden
Gestank des Abwassers zu entkommen. Sie wurden dadurch immer näher
zu den Siedlern getrieben, und weiter weg von ihrem Wasser, das
derzeit kläglich aus einem rostigen und schleimigen Metallrohr
tröpfelt – dem Überlauf des palästinensischen Wasserwerks.
Vor
zwei Jahren zerstörten israelische Bulldozer eine zwei Meter
breite Schneise auf halber Höhe des Hügels. Landkarten von
verschiedenen Organisationen, wie der Palestine Hydrology Group,
des Land Research Center und des United Nations Office for the
Coordination of Humanitarian Affairs, zeigen, dass diese
Schneise die voraussichtliche Route der Apartheidmauer ist. Die
Karten basieren auf Beschlagnahmungsbefehlen der israelischen
Besatzungstruppen an palästinensische Landbesitzer.
Die gegenwärtige Route der Apartheidmauer wird auch eine alte
Grabstätte namens Jelal al Adreer zerstören oder isolieren,
die als Grab eines Propheten gilt. Der Bürgermeister von Salfit
geht davon aus, dass weitere 25% des Landes in seinem Zuständigkeitsbereich
durch die Mauer verloren gehen werden. Damit wären auch
zahllose Olivenbäumen verloren, die sich so weit das Auge
reicht zu tausenden um die Stadt erstrecken: Ein schwerer Schlag
für den palästinensischen Olivenexport, von dem 25% aus der
Region Salfit stammen.
Die
Besatzungsmacht geht sehr viel schlauer als vor zwei Jahren vor.
Die israelischen Verantwortlichen haben gelernt, dass Ankündigungen
des Mauerverlaufs Widerstand im Volk erleichtern und zu
Massendemonstrationen der verzweifelten Palästinenser führen.
Deshalb bekommen viele Landbesitzer heute nicht einmal mehr
Beschlagnahmungsbefehle. Sie wachen einfach eines Morgens auf
und sehen die Bulldozer auf ihrem Land. Wenn sich Widerstand
regt, fahren die Bulldozer über den Hügel und beginnen ihre
zerstörerische Arbeit auf der anderen Seite. Den Palästinensern
bleibt deshalb nur, die Landkarten genau zu studieren und die
Beschwerden der Beduinenfamilien anzuhören. Aus den spärlichen
Informationen versuchen sie zu schließen, ob ihnen die Mauer
siebzig, achtzig oder neunzig Prozent ihres Landes nehmen wird.
Vor sechs Wochen wurde den Beduinenfamilien in Salfit
mitgeteilt, dass sie die Gegend innerhalb von zwei Wochen
verlassen müssen: Die Palästinenser gehen davon aus, dass die
Apartheidmauer die Stadt Salfit in den nächsten drei Monaten
erreichen wird.
Text.
Anna
Übersetzung. Katharina Lins
edited by m.
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