»WIR ZERSTÖREN UNS
SELBST...«
Michael Warschawski über die Lage in Israel, den Nahost-Konflikt
und Martin Buber
Michael Warschawski,
1949 in Straßburg geboren, ging 1965 nach Jerusalem, besuchte
die Talmudschule, studierte Philosophie an der Hebräischen
Universität, ist Mitglied des Friedensblocks Gush Shalom,
Vorsitzender des Alternative Information Center und
AIC-Vertreter im Welt Sozial Forum. Ende der 80er war er zu 30
Monaten Haft verurteilt _ wegen »Unterstützung illegaler
palästinensischer Organisationen«. Mit dem Friedensaktivisten
sprach Karlen Vesper.
ND: »Mit Höllentempo« heißt Ihr neues Buch. Steuert Israel mit
offenen Augen auf den Abgrund zu?
Mit geschlossenen. Im rasenden Tempo. Nicht nur die Regierung
und das Parlament, die Mehrheit der Bevölkerung will das nicht
wahrhaben. Wir haben die Selbstkontrolle verloren. Wir
provozieren immer wieder Gewalt und ernten immer mehr Gewalt.
Plötzlich sind wir die Hauptopfer. Die Palästinenser leiden
viel, aber sie wissen 200 Millionen Araber und eine Milliarde
Muslime hinter sich. Wir sind eine ganz kleine Minderheit. Zu
glauben, dass Israel den Krieg gewinnt, weil wir die Mauer und
Nuklearwaffen haben, ist tödlich.
Warum darf Israel Massenvernichtungswaffen besitzen? Bei anderen
ist der Verdacht ausreichender Grund für eine Intervention.
Wir haben das Recht, weil es uns niemand streitig macht. Doch
das Recht wird nicht rechtens, wenn es niemand Unrecht nennt.
Wer sollte das tun?
Die internationale Gemeinschaft. Sie hat den »Schutzwall«
verurteilt. Aber sonst? Israel verletzt Hunderte von
UN-Resolutionen, begeht laufend Kriegsverbrechen...
Zum Beispiel?
In den besetzen Gebieten. Es ist ein Kriegsverbrechen, eine
1000-Kilo-Bombe über einer dicht bevölkerten Gegend abzuwerfen _
um einen Menschen zu töten, von dem man annimmt, er sei ein
Terrorist. Klarer Bruch der Haager Konvention. Oder: Es werden
Menschen ohne Gerichtsurteil hingerichtet. Ein Verbrechen
schlechthin. Ebenso die Tatsache, eine ganze Bevölkerung ein-
bzw. auszusperren. Ungezählt sind die Fälle der Zivilgewalt.
Warum das selbstherrliche Agieren? Leistet die heutige
US-Politik Israel einen schlechten Dienst?
Große Teile der israelischen Bevölkerung sind zufrieden mit
Bush. Weil man kurzsichtig ist. Erstmals in seiner Geschichte
bekommt Israel grünes Licht aus Washington für alles. Vordem gab
es immer gewisse Beschränkungen. Weil die vormaligen
USA-Regierungen nicht wollten, dass Israel die ganze Region
destabilisiert. Wir waren für die USA so etwas wie ein kleiner
Bruder, der manchmal ungezogen ist, es zu weit treibt und
ermahnt werden muss. Heute ist das total anders. Wir haben
völlig freie Hand. Und wir füttern Bushs Politik des globalen
Präventivkrieges. Wir führen seit 1948 Krieg.
Was tun? Oslo ist gescheitert. Wird es die Road Map richten?
Oslo is finished. Kann nicht wieder belebt werden. Die Road Map
ist nur ein Stück Papier. Was wir jetzt brauchen, steht noch
nicht auf der Agenda: eine starke kritische internationale
Öffentlichkeit und Einmischung, um alle Aggressionen zu stoppen,
das Morden, die Besetzung, die Siedlungspolitik.
Problem: Wer Israel kritisiert, wird schnell Antisemit genannt.
Antisemitismus und Kritik an Israel sind zwei unterschiedliche
Paar Schuhe. Wer die Politik der israelischen Regierung nicht
kritisiert, der schadet Israel. Ein Beispiel: Die israelischen
Soldaten, die nach drei/vier Jahren von ihrem Dienst an der
Grenze oder in den besetzten Gebieten zurückkehren, bringen die
Gewalt, die ihnen dort befohlen worden war, mit in die Heimat,
in die Familien, in den Alltag. 18 bis 22 Jahre junge Männer und
Frauen sind unfähig, sich im normalem Leben zurechtzufinden,
sich zu rezivilisieren. Die
Kriminalitätsrate in Israel steigt. Man kann Gewalt nicht an den
Grenzen stoppen. Um die zunehmende Gewalt innerhalb der
israelischen Gesellschaft zu stoppen, muss man die Gewalt in den
besetzten Gebieten beenden.
In jüngster Zeit haben sich Proteste in der Armee gemehrt...
Das ist nicht neu. Es gibt seit 1982, seit der Invasion in
Libanon, eine mächtige Friedensbewegung in Israel. Ich war
damals einer der Gründer der Soldiers Movement. Israelische
Frauen gehen an die Checkpoints, junge Israelis sind nach
Ramallah gegangen, als Scharon dort Arafat festsetzen ließ,
immer mehr junge Leute verweigern den Wehrdienst.
Unglücklicherweise sind wir weit davon entfernt, eine
Hunderttausende umfassende Bewegung zu sein. Sie ist nicht neu,
sie ist Teil der alten und wieder nicht, zugleich etwas Neues.
Der Abbruch des Osloer Prozesses hat der Friedensbewegung einen
Hieb versetzt, nicht wahr?
In der Tat hat die Mehrheit der israelischen Gesellschaft diesen
unterstützt. Aber sie hat dann den Lügen der Regierenden
geglaubt: »Arafat hat die gnadenvollen Offerten schnöde
abgelehnt, er will uns ins Meer treiben.« Nix da. Baraks
Vorschläge waren nicht von Gnade diktiert. Aber der Trick
funktionierte. Die Israelis, die für einen Kompromiss waren,
wurden paralysiert: »Vielleicht lagen wir falsch, waren naiv?
Vielleicht ist Arafat noch schlimmer als die Hamas?« Die Hypnose
gelang, bevor der erste Schuss fiel, vor der Intifada.
Arafat kann man voll glauben?
Es ist sehr postmodern, zu behaupten: »Ja, was der sagt, sind
nur leere Worte.« Man kann doch sagen: »O.k., lasst uns sehen,
ob er es ernst meint.« Netanjahu, Barak, Scharon haben immer
alles richtig gemacht, nur Arafat soll der Schuldige sein. Das
ist doch Unsinn!
Scharon gilt in eigenen Kreisen schon als Verräter. Ist er
einer? Oder ist er ein Pragmatiker?
Scharon hat einen Plan: Die Kolonisation von ganz Palästina. Und
er ist einer der sehr wenigen Politiker, die sagen, was sie
denken: »Der Krieg von 1948 ist noch nicht beendet. Wir können
die Grenzen jetzt noch nicht festlegen.« Dass er bereit ist,
Gaza aus seiner Kontrolle zu lassen, ist Teil des Plans.
Insofern ist er ein Pragmatiker. Um Raum zu erobern, muss man
manchmal eine Stellung räumen. Für jene, die alles wollen, ist
er ein Verräter. Ich zweifle, dass er sich ganz aus Gaza
zurückzieht, er wird den totalen Bruch nicht riskieren.
Wie unterscheiden Sie Antisemitismus und Antizionismus? Hier zu
Lande oft in einen Topf geworfen.
Was ist der Unterschied zwischen einem Antikommunisten und einem
Vegetarier? Das ist doch nicht vergleichbar. Antisemitismus ist
ein Ausdruck von Rassismus, negiert das Recht des Anderen auf
Leben, ob Jude, Roma oder Schwarzer. Antizionismus ist eine
Philosophie, die man unterstützen oder ablehnen kann. Die
meisten europäischen Juden waren vor Hitler Antizionisten. Ein
Antizionist muss kein Antisemit sein. Da kann man auch sagen:
Ich esse kein Fleisch, weil ich gegen Schwarze bin.
Wer steht Ihnen näher: Theodor Herzl oder Martin Buber?
Auch da liegen Welten dazwischen. Da könnte man auch Joschka
Fischer und Karl Marx vergleichen. Herzl war ein wenig
erfolgreicher Schriftsteller und ein schlechter Journalist.
Martin Buber war ein großer und interessanter Philosoph und ein
Humanist. Er sah den Menschen, nicht den Juden, den Deutschen,
den Araber. Er sagte: »Lasst uns mit den Arabern leben. Nicht
sie sind an unserem Unglück schuld, sondern die Europäer, die
uns fortgejagt haben.« Herzl und die anderen Zionisten sagten:
»Ich habe meine Probleme zu lösen und kann mich nicht um die
anderer kümmern. Sorry.« Manche sagen noch nicht einmal »sorry«.
Nein, ich kann und darf meine Probleme niemals auf Kosten
anderer lösen. Wenn wir sagen: »Ihr seid uns im Weg, fort mit
euch«, dann begeben wir uns auf den mörderischen Pfad der
ethnischen Säuberung. Das kann ich angesichts der Geschichte
meines Volkes und meiner Familie nicht
mitmachen.
Ihrer Familie?
Die Familie meines Vaters wurde von den Nazis in Polen ermordet.
Mir ist aufgefallen, dass Sie nie das Wort Holocaust benutzen.
Holocaust meint ein heiliges Ritual, ein Brandopfer. Die Juden
waren keine Kühe und sind nicht für Gott geopfert worden. Warum
Begriffe aus der religiösen Welt nehmen, um den Genozid zu
beschreiben?
Ein US-Fernsehfilm hat den Euphemismus zur Mode erhoben.
Als ich Kind war, sprachen wir von Vertreibung, Deportation,
Mord. Shoah oder Holocaust stehen für eine neue, postmoderne
Ansicht. Man könne nicht verstehen und begreifen, es sei nicht
erklärbar, phänomenal, irrational. Natürlich hat jeder Rassismus
etwas Irrationales an sich. Aber der Genozid an den europäischen
Juden erfolgte nicht außerhalb der europäischen Geschichte,
wurzelt in einer über zweitausendjährigen Verfolgung der Juden
als Antichristen.
Und arabischer Antisemitismus? Sie können ihn nicht negieren.
Doch, das kann und tue ich. In der arabischen Hemisphäre sind
die Juden niemals so verfolgt und massakriert worden wie in der
europäischen. Sie wurden mehr oder weniger unterdrückt, waren
mitunter akzeptiert und respektiert, aber auch nicht
gleichberechtigt. Gleichberechtigung für Minoritäten kennen
selbst die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die
Menschenrechtsdeklaration der Französischen Revolution nicht.
Ich wünschte, die sechs Millionen Juden im Europa vor Hitler
hätten in arabischen Ländern gelebt. Die Araber sind nicht
antisemitisch. Antisemitismus predigen die Theologen; sie
schüren Ressentiments und Hass mit ihren antijüdischen
Statements. Und dies, obwohl es in den arabischen Ländern kaum
mehr Juden gibt. Sie mussten diese nach den jeweiligen Kriegen,
die Israel gegen seine arabischen Nachbarn geführt hatte,
verlassen.
Anderes Thema: Warum hat Israel keine Verfassung?
Weil sich das nicht vereint mit dem Anspruch »Jüdischer Staat«.
Wie das?
Privilegien für eine Gemeinschaft bedeuten Apartheid-Verfassung.
Unser Parlament arbeitet seit 40 Jahren daran, eine Verfassung
zu verhindern, denn eine demokratische müsste allen Bürgern die
gleichen Rechte zugestehen, also auch den Arabern. Und wir
müssten ein säkularer Staat sein. Man kann kein demokratischer
und zugleich jüdischer Staat sein. In einem demokratischen Staat
sind alle Menschen gleich, in Israel sind sie es nicht.
Was ist, wenn eines Tages die Araber die Majorität in Israel
sind?
Bei uns sagt man: »Das ist ein Problem.« Für mich ist das keins.
Mir genügt es, wenn meine Rechte als Individuum gewahrt sind,
und die meiner Frau und Kinder und meiner Community. Und wenn
meine Enkelkinder die hebräische Sprache erlernen und die
Geschichte ihres Volkes erfahren können.
Können Sie Arabisch?
Ich nicht. Meine Tochter spricht Arabisch perfekt, weil sie es
so wollte. Mein Sohn lernt jetzt. Meine Frau spricht ebenfalls
perfekt. Sie ist Anwältin, verteidigt Palästinenser. Doch zurück
zu Ihrer Frage: Ich habe keine Angst vor einer arabischen
Majorität. Aber die israelische Gesellschaft, das Parlament, die
Medien sind besessen von dieser Furcht. Töchter werden bedrängt:
»Wann bekommst du ein Baby? Schnell, schnell, wir brauchen
Kinder.« Das ist verrückt, krank. Meine Gesellschaft ist krank.
Welche Prognose wagen Sie für Israels Zukunft?
Ich wage keine. Nur so viel: Wenn Israel nicht mehr als Staat
existiert, was soll's. Ein Staat ist nur ein Werkzeug oder eine
Hülle, wie Sie wollen. Sorgen mache ich mir um die jüdische
Gemeinschaft, um uns Juden. Welche Fahne wir vor uns her tragen
oder in welchem politischen Rahmen wir leben das ist sekundär.
Aber unsere Existenz als Gruppe haben wir zu sichern. Doch was
wir tun sich abzuschotten und Hass auf uns zu ziehen
ist dem nicht
dienlich. Wir zerstören uns selbst. Das ist die Tragödie, die
ich verhindern will. Um jeden Preis.
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