Aus:
Yediot Aharonot vom 10. 04. 2003
ISRAEL:
RAFFINIERT VERDECKTER „TRANSFER“ DER PALÄSTINENSER
Von
Tanya Reinhart
Am
Vorabend des Krieges gegen den Irak wurden in verschiedenen
Kreisen Befürchtungen laut, dass Israel unter dem Deckmantel
des Krieges einen „Transfer“ der Palästinenser an der
„Saumlinie“ (Kalkilya, Tulkarem) der nördlichen Westbank
versuchen könnte. Eine Szene dieses Szenarios wurde letzte
Woche von der Armee aufgeführt. Am 2. April um 3 Uhr morgens
fiel ein großer Truppenverband in das Flüchtlingslager von
Tulkarem ein, blockierte alle Straßen und Pfade mit
Stacheldraht und verkündete über Lautsprecher, dass alle Männer
im Alter zwischen 15 und 40 Jahren sich zu einem bestimmten Gelände
im Zentrum des Lagers zu begeben hätten. Um 9 Uhr begann die
Armee, die zusammengetriebenen Männer in ein nahegelegenes Flüchtlingslager
abzutransportieren. Diesmal war es nur eine demonstrativ vorgeführte
Szene, und den Einwohnern wurde gestattet, nach wenigen Tagen
zurückzukehren. Aber die Prozedur dieser Show sorgte dafür,
das ihre Bedeutung den Teilnehmern und Zuschauern nicht entgehen
konnte. Man achtete insbesondere darauf, dass die Evakuierung
mit Lastwagen erfolgte – eine exakte Wiederaufführung des
Traumas von 1948. Einer der Einwohner beschrieb seine Gefühle,
als er auf den Lastwagen verfrachtet wurde, so: „Alle
Erinnerungen und Kindheitsgeschichten meines Vaters und Großvaters
von der Nakba tauchten wieder auf.“ (Ha’aretz v. 04. 03. 03)
Viele
interpretieren diese Show als “Generalprobe” für die Möglichkeit
eines bevorstehenden Transfer. Es kann kein Zweifel daran
bestehen, dass die gegenwärtige Regierung konzeptionell auf den
Transfer vorbereitet ist, aber es ist nicht sicher, dass die
„internationalen Bedingungen“ reif sind, dies in der Weise,
wie gerade vorgeführt, durchzuführen. Der Krieg im Irak hat für
die USA zu einer Situation geführt, die zu verwickelt ist, als
dass ein weiterer Brennpunkt eröffnet werden könnte. Aber
Transfer bedeutet nicht einfach nur Lastwagen. In der
israelischen Geschichte der „Landnahme“ gibt es auch ein
anderes Modell, das verdeckter und raffinierter ist. Im Rahmen
des Projekts der „Judaisierung von Galiläa“, das in den
50er Jahren begonnen wurde, wurden die Palästinenser, die in
Israel verblieben, der Hälfte ihres Landes beraubt. Sie wurden
in kleinen Enklaven, von israelischen Siedlungen umgeben,
isoliert und verloren nach und nach die Bindungen, die sie als
Nation zusammenhielten. Ein solcher innerer Transfer findet nun
in den besetzten Gebieten statt, und er ist während des Krieges
noch ausgeweitet worden.
Am
24. März drangen die Bulldozer auf die Ländereien des Dorfes
Mas’ha vor, das nahe der Siedlung von Elkana liegt, und
begannen den neuen Verlauf der Grenzmauer zu markieren, welche
das Dorf von all seinen Ländereien abschneiden wird, genau so
wie Tausende von Dunams, die zu Bidia und anderen Dörfern des
Gebietes gehören. Elkana liegt etwa fünf Kilometer von der Grünen
Linie entfernt, aber der Verlauf des Zauns wurde im Juni 2002 geändert,
so dass er auch Elkana innerhalb der israelischen Seite
einschließen wird. Allerdings ist es selbst nach diesem Plan
nicht erforderlich, diese Länderein von den Dörfern
wegzunehmen.
Es
war nicht nur Gier nach Land, welche die Bulldozer auf die Ländereien
von Bidia und Mas’ha vorstoßen ließ. Diese Ländereien
liegen im westlichen Teil des Berggrundwasserbassins – des großen
Wasserreservoirs, das seinen Ursprung in der Westbank hat, und
dessen Wasser unterirdisch auch ins Zentrum von Israel fließen.
Von den 600 Millionen Kubikmeter Wasser, welches das
Bergreservoir jährlich liefert, entnimmt Israel in
verschiedenen Gebieten etwa 500 Millionen. (1) Die Kontrolle über
die Wasserreserven war immer ein zentrales israelisches Motiv für
die Aufrechterhaltung der Besatzung. Die Labourregierungen der
70er Jahre legten die ersten Siedlungen, die sie genehmigten in
Gebiete, die für Bohrungen als „kritische Stellen“
definiert wurden. Elkana war eine dieser Siedlungen, die
aufgrund eines Planes gegründet wurden, der den (irreführenden)
Namen „Schutz der Quellen des Yarkon“ erhielt. (2) Seit der
Besetzung 1967 hindert Israel die Palästinenser daran, neue
Brunnen zu bauen, aber auf den Ländereien von Mas’ha und
Bidia, wie auch auf den Ländereien, die bereits von Kalkilia
und Tul Karem abgeschnitten sind, gibt es noch viele
funktionierende Brunnen aus der Zeit vor 1967. Deren
fortgesetzte Nutzung könnte die Menge des Wassers etwas
vermindern, welches von Israel entnommen werden kann.
Die
Einwohner von Mas’ha und Bidia, die dafür kämpfen, ihre Ländereien
und ihren Lebensunterhalt zu retten, haben entlang den Pfaden
der Bulldozer aus Protest Zelte errichtet. „Friedenszelte“
werden sie von ihnen mit einem Schimmer von Hoffnung genannt.
Palästinenser, Israelis und internationale Unterstützer haben
sich Tag und Nacht in diesen Zelten aufgehalten und stellen sich
vor den Bulldozern auf. Ich war letzten Sonntag dort. Ringsum in
alle Himmelsrichtungen, Hügel und Hügel mit Olivenbäumen –
weite Gebiete mit Grün und Weideland, das man nur dort findet,
wo Menschen seit Generationen auf ihrem Land leben, sich seiner
Kostbarkeit und Schönheit bewusst sind. Und all dies Land gerät
nun in die gierigen Hände der Landnehmer, die seine Brunnen
austrocknen und es an Immobilieninvestoren verkaufen möchten.
(1)
Dies sind die Vor-Oslo-Zahlen für 1993, zitiert in Haim
Gvirzman “Two in the same basin”, in Ha’aretz v. 16. 05.
1993. Nach Angaben der Palästinensischen Hydrologiegruppe
beläuft sich die gesamte palästinensische Wasserentnahme aus
einer jährlichen Ergiebigkeit des westlichen Teils des
Berggrundwasserbassins von gewärtig 362 Millionen Kubikmeter
pro Jahr beläuft sich lediglich auf 22 Millionen Kubikmeter pro
Jahr (www.pengon.org)
(2)
Gvirzman, a.a.O.
Übersetzung:
Klaus von Raussendorff nach einer aus dem Hebräischen übersetzten
englischen Fassung von Irit Katriel
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