Eine Gesellschaft im Würgegriff
Eine Gruppe von neun Frauen ist im März 2005 nach Israel und in
die Westbank gereist, um einen Eindruck von der Lebensrealität
palästinensischer Frauen und der palästinensischen Gesellschaft
insgesamt zu gewinnen. Da die Situation in der Westbank in
Europa besser dokumentiert ist, geht der folgende Artikel nur
auf den ersten Teil der Reise ein.
Im Wissen um den schwierigen, von Emotionen und Bildern
überlagerten Zugang zum Israel-Palästina-Konflikt haben wir Wert
auf eine sorgfältige gemeinsame Vorbereitung und einen
kontinuierlichen Austausch unter den Teilnehmerinnen während der
Reise gelegt, was sich als sehr fruchtbar erwies. Ein Ziel der
Reise war, die palästinensische Gesellschaft in ihrer
Komplexität kennenzulernen - durch Begegnungen mit Bäuerinnen
und Beduininnen, Flüchtlingsfrauen, Arbeiterinnen, politischen
Aktivistinnen, ehemaligen Gefangenen bis hin zu Intellektuellen
und engagierten Feministinnen. Ein weiteres Ziel war es, in
Europa gängige Bilder und Meinungen über den
Israel-Palästina-Konflikt zu überprüfen und sie an
internationalen Rechtsstandards zu messen. Und schliesslich
wollten wir verschiedene Regionen sehen, um einen Eindruck von
den unterschiedlichen Facetten der Verdrängung und Zerstörung
der palästinensischen Gesellschaft zu erhalten. Von einem Besuch
im Gaza-Streifen mussten wir absehen, da dies angesichts der
israelischen Isolationspolitik seit Jahren nur noch mit grossem
Aufwand und längerem Aufenthalt möglich ist.
Zweierlei Massstab
Ein Fünftel der israelischen Bevölkerung sind PalästinenserInnen.
Es ist jener Teil der arabischen BewohnerInnen des Landes und
ihrer Nachkommen, die 1948 nicht über die Grenzen des
zukünftigen Staates Israel hinaus vertrieben wurden oder
geflüchtet sind. Sie sind den jüdischen BürgerInnen formal
gleichgestellt, wenn auch auf vielfache Weise diskriminiert. Die
Auseinandersetzung mit ihren Lebensbedingungen ist
aufschlussreich für ein Verständnis der israelischen Politik
gegenüber den PalästinenserInnen insgesamt.
Unser Aufenthalt führte uns zuerst in den Norden Israels, wo die
PalästinenserInnen mit israelischer Staatsbürgerschaft, ebenso
wie im Negev, nach wie vor die Mehrheit bilden. Ein zentrales
Problem der palästinensischen Frauen in Israel ist ihre schwache
wirtschaftliche Stellung. Die traditionell landwirtschaftlich
orientierte palästinensische Gesellschaft hat im Zug der
zionistischen Kolonisierung einen Grossteil ihrer
Existenzgrundlage eingebüsst; gleichzeitig werden
palästinensische Städte und Dörfer systematisch in ihrer
Entwicklung behindert und bezüglich Infrastruktur (Schulen,
Strassen, Industrie- oder Gewerbezonen, Freizeitanlagen,
Gesundheitswesen, Wasser- oder Stromversorgung etc.)
benachteiligt. Zudem wird bis heute Land, das sich in
palästinensischem Besitz befindet, im „öffentlichen Interesse“
konfisziert, im Klartext also der palästinensischen Bevölkerung
geraubt, um nahezu exklusiv der jüdischen Bevölkerung zugute zu
kommen. Einen Eindruck von der „Judaisierung“ Galiläas, mit der
die Mehrheitsverhältnisse in dieser Region zugunsten der
jüdischen Bevölkerung gekippt werden sollen, bieten die
zahlreichen neuen Siedlungen (Watchouts) auf den Hügel rund um
Nazareth oder das jüdische Nazareth Illit (Upper Nazareth), das
mit seinen 40 000 EinwohnerInnen über ein fünf Mal höheres
Budget und eine drei Mal grössere Fläche verfügt als das
arabische Nazareth mit 70 000 EinwohnerInnen.
Unter diesen Bedingungen ist es nicht erstaunlich, dass nur
knapp 15 Prozent der palästinensischen Frauen einen Beruf
ausüben, während es in der jüdischen Bevölkerung etwa 50 Prozent
sind. Insbesondere in den Dörfern stellt sich daher die Frage
nach alternativen Einkommensquellen, wie wir anhand des
Sindyanna-Projektes erfahren konnten. Um den Frauen nicht nur zu
einem bescheidenen Einkommen zu verhelfen - beispielsweise durch
Weiterverarbeitung von Oliven zu Öl und Seife oder durch
traditionelle Stickereien und Webarbeiten -, bietet dieses
Frauenprojekt wie viele andere gleichzeitig Weiterbildungskurse,
Lese- und Schreibwerkstätten etc. an. Damit sollen die Frauen
die Möglichkeit erhalten, sich gemeinsam über ihre Stellung in
Familie, Dorf und Gesellschaft auszutauschen, aber auch ihren
Kindern Unterstützung bei Schulaufgaben bieten zu können. Die
hohe Arbeitslosigkeit unter der palästinensischen Bevölkerung
und ihre zunehmende Verdrängung vom israelischen Arbeitsmarkt,
auf dem sie durch billige Arbeitskräfte aus Osteuropa und Asien
ersetzt werden, aber auch die Schwierigkeit, in den israelischen
Städten eine Wohnung oder Arbeit zu finden, stellt für viele
Frauen ein unüberwindbares Hindernis dar, traditionellen Rollen
zu entfliehen. Frauen mit geringerer Schulbildung sind daher,
wenn überhaupt, vor allem im informellen Sektor (Putzen,
Haushalt) beschäftigt.
Etwas besser stehen die Chancen für Frauen mit höherer Bildung.
Doch auch sie stossen an die Grenzen einer
Apartheid-Gesellschaft, wie uns die Frauen des I’lam Media
Center deutlich vor Augen führten. Diese in Nazareth tätige NGO
unter Leitung von Haneen Sourbi, einer langjährigen Feministin,
bildet palästinensische JournalistInnen aus, wertet die
Berichterstattung israelischer Medien aus, nimmt zu
Gesetzesentwürfen im Bereich der Pressefreiheit Stellung und
vermittelt jüdisch-israelischen JournalistInnen alternative
Informationen und Kontakte zur palästinensischen Bevölkerung.
Die israelischen Medien berichten, wo sie nicht offen
rassistisch sind wie z.B. die Jerusalem Post, kaum und
mehrheitlich negativ über die palästinensische Minderheit.
Entsprechend negativ ist auch die Einstellung vieler jüdischer
Israelis gegenüber ihren arabischen MitbürgerInnen. Einer
Umfrage der Uni Haifa zufolge sprechen sich gegenwärtig 67% der
Studierenden für den „Transfer“, also die Abschiebung der
palästinensischen Bevölkerung aus Israel, aus und 30% wollen die
PalästinenserInnen nicht in der Knesseth, dem israelischen
Parlament, vertreten sehen. Als Palästinenserinnen haben die
engagierten Medienfrauen vom I’lam Center praktisch keine
Chance, in Israel in einer grösseren Tageszeitung oder in einem
Fernsehsender unterzukommen und Berufserfahrungen zu sammeln.
Verwurzelung mit dem Land
Einen spannenden Tag verbrachten wir mit Binnenflüchtlingen von
Adrid, einer NGO, die die Rechte der palästinensischen
Flüchtlinge in Israel wahrnimmt und regelmässig Ausflüge in
deren ehemalige Dörfer organisiert. Seit 1948 hat Israel über
400 palästinensische Ortschaften zerstört (aktuell z.B. Lifta
bei Jerusalem). Den früheren BewohnerInnen, die heute oft unweit
ihrer ehemaligen Dörfer leben, ist es nicht erlaubt, sich dort
anzusiedeln, ihre Häuser wieder aufzubauen oder ihr Land zu
bearbeiten. Die älteren Männer der Reisegruppe konnten uns über
ihre eigene Vertreibung berichten. Wie sehr sie sich diesem Land
nach wie vor verbunden fühlen, wurde deutlich, als sie im
wuchernden Gras nach essbaren Kräutern suchten und uns allerlei
Stängel und Blätter zum Kosten anboten. Die Frauen gehörten
mehrheitlich der Generation der Kinder oder Enkelkinder der
Vertriebenen an, die sich weiterhin für ihr Recht auf Rückkehr
und Entschädigung einsetzen.
Wie sehr die israelische Gesellschaft bemüht ist, die Existenz
der palästinensischen Bevölkerung in Israel selbst zu leugnen
und zu behindern, wurde im Lauf dieser Tage deutlich. Einen
Überblick über die verschiedenen Diskriminierungsformen auf
rechtlicher und institutioneller Ebene, aber auch verstecktere
Formen der Ausgrenzung (etwa Stellenausschreibungen, die an die
Absolvierung des Militärdienstes geknüpft sind) erhielten wir
von den beiden Menschenrechtsorganisationen Humans Rights
Association und Adallah Center.
Identitätsverlust
Eine besonders hart betroffene Bevölkerungsgruppe in Israel sind
die BeduinInnen, die von der Regierung von ihrem Weide-, Acker-
und Siedlungsland vertrieben werden, um ihr Land in jüdischen
Besitz überzuführen und für intensive Landwirtschaft zu nutzen.
Einen Eindruck davon erhielten wir bei einem Besuch
verschiedener Frauenprojekte im Negev. Auch hier wiederholen
sich viele bereits im Norden festgestellte
Diskriminierungsmuster. Die meisten Ortschaften sind vom Staat
nicht „anerkannt“, was zur Folge hat, dass sie keinerlei
öffentliche Dienstleistungen erhalten. Dazu kommen massive
Übergriffe der Behörden (Besprühen der Felder mit Gift, um die
Ernte zu vernichten; Bedrohungen durch eine eigens eingesetzte
so genannte Umweltpatrouille) und der Versuch, die BeduinInnen
in Satellitenstädten anzusiedeln, die kaum Arbeitsmöglichkeiten
bieten. Indem die israelische Regierung dieser früher weitgehend
autarken Gemeinschaft die Lebensgrundlagen entzieht und sie
ihrer Identität beraubt, untergräbt sie auch die Stellung der
Beduinen-Frauen. Umso wichtiger ist die Arbeit verschiedener
NGOs und des Frauenforums Ma’an, die versuchen, die Anliegen der
Beduininnen zu koordinieren und ihnen Bildungs- und
Arbeitsmöglichkeiten zu bieten. Auf die Frage nach den Wünschen
der Frauen im Sidri-Projekt erhielten wir zur Antworten: eine
Bibliothek, eine Klinik, Kinderbetreuungsmöglichkeiten, aber
auch die Anbindung an den öffentlichen Verkehr.
Isolation der Hauptstadt
Die ungebrochene Einengung des palästinensischen Lebensraums und
die Verdrängung der Bevölkerung (durch Mauer, Umzonungen, Entzug
von Aufenthaltsbewilligungen etc.) wurde auch bei unserem
Aufenthalt in Jerusalem deutlich. Zum krassen Ungleichgewicht in
der Verteilung finanzieller Mittel kommt hier die unterdessen
fast vollständige Isolation der Stadt von ihrem Umland durch
adminstrative Schikanen, Checkpoints, den (nach internationalem
Recht illegalen) jüdischen Siedlungsring und neuerdings die
Mauer, wodurch Jerusalem ihrer Zentrumsfunktion für die
palästinensische Gesellschaft völlig beraubt wird. Wie belastend
die Ungewissheit über die weitere Entwicklung auf den Frauen
lastet, konnten wir im Gespräch mit Natascha vom Jerusalem
Center for Women erfahren, die nicht weiss, ob sie in einem
halben Jahr noch mit ihrer Familie und Freunden in der Stadt
Kontakt haben oder ihren Arbeitsplatz erreichen können wird.
Unsere Begegnungen mit palästinensischen Frauen in Israel und
Jerusalem zeigten, dass ihr Widerstand sehr „zivile“, wenn auch
existenzielle Formen annimmt. Er besteht im Wesentlichen darin,
allen Widrigkeiten zum Trotz die Grundlagen der eigenen
Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Deutlich wurde auch, dass das
Engagement von Frauen unter den Bedingungen von Apartheid und
Besatzung (was die Westbank betrifft) zwangsläufig eine sehr
materielle und politische Dimension erhält.
Birgit Althaler
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