Was für
Wunder!
von Uri Avnery
In meinem Gedächtnis hat sich ein Bild eingeprägt: Ariel Sharon
in der Knesset. Rund um ihn wütet ein Sturm. Die Parlamentarier
rennen herum, Schreie von allen Seiten. Der Abgeordnete am
Redner pult gestikuliert aufgeregt mit den Armen, verurteilt und
verflucht ihn. Sharon sitzt am Regierungstisch. Allein.
Unbeweglich. Massiv und passiv. Kein Gesichtsmuskel bewegt sich.
Nicht einmal das nervöse Muskelzucken um die Nase, das einst
sein besonderes Kennzeichen war (und das viele Leute als eine
Art Lügendetektor betrachteten). Ein Fels im tobenden Meer.
Dies ist der Mann, der allein über den Rückzug und die Auflösung
der Siedlungen aus dem Gazastreifen entschied. Es ist der Mann,
der dies praktisch alleine ausführt. Es ist der Mann, der in der
nächsten Woche allein dem Hurrikan trotzt, wie es ihn bisher in
der Geschichte Israels noch nicht gegeben hat. Ein an Gott
Glaubender könnte sagen: Es ist ein Wunder des Himmels.
Geheimnisvoll sind die Wege des Allmächtigen. Der Schutzherr der
Siedlungen, der Mann, der die meisten von ihnen geplant und
dorthin gesetzt hat, wo sie jetzt stehen, und ihnen half,
Wurzeln zu schlagen und sich auszubreiten – er ist der Mann, der
nun den schicksalhaften Präzedenzfall schafft, in diesem Lande
Siedlungen aufzulösen. Die Dimensionen dieses „Wunders“ können
nur begriffen werden, wenn man einige hypothetische Fragen
stellt. Was würde geschehen, wenn die Laborpartei an der Macht
wäre, wenn Shimon Peres verantwortlich wäre, wenn Ariel Sharon
die Opposition führen und die orangefarbenen Hemden befehligen
würde? Allein der Gedanke ist schon ein Alptraum.
Wenn dies das einzige Wunder wäre, das uns zustößt – dann wäre
das schon genug. Doch wird es von einem anderen Wunder
begleitet: die israelische Armee führt den Kampf gegen die
Siedler aus. Das ist ein außerordentliches Wunder, dass es auch
den säkularsten Schweinefleischesser zum Rabbi laufen ließe.
Seit 37 Jahren ist die israelische Armee eine Verteidigungsarmee
der Siedler gewesen. Sie hat offen oder im Geheimen die
Standorte der Siedlungen geplant, einschließlich der „illegalen“
Außenposten überall in der Westbank. Sie hat ihre meisten Kräfte
und Ressourcen ihrer Verteidigung gewidmet. Das nahm groteske
Dimensionen an: z.B. die Nezarim-Siedlung mitten im Gazastreifen
wurde von drei ganzen Bataillonen verteidigt. 17 Soldaten und
Soldatinnen ließen ihr Leben bei der Verteidigung von Nezarim,
über das Ariel Sharon vor ein paar Jahren sagte: „ Das Schicksal
von Nezarim ist wie das von Tel Aviv!“ Die Geschichte von den
Siedlerkindern, die zum Musikunterricht von gepanzerten
Militärfahrzeugen begleitet werden, ist schon zu einem Teil
israelischer Folklore geworden.
Zwischen der Armee und den Siedlern hatte sich eine wirkliche
Symbiose entwickelt. Die Grenzlinie zwischen ihnen war
verschwommen: viele Siedler sind Armeeoffiziere, die Armee hat
die Siedlungen unter dem Vorwand von „territorialer
Verteidigung“ schwer bewaffnet. Während der letzten Jahre
bemühte sich das national-religiöse Lager auf Dauer, die
unteren, mittleren und oberen Ränge des Offizierkorps zu
infiltrieren und füllten so die Lücken, die die Kibbuzniks
hinterlassen hatten, die aus allen Rängen verschwunden sind. Die
Schaffung der „Arrangement-Jeshivots“, homogene
national-religiöse Einheiten, die ihren Rabbinern gehorchen, war
ein Verrat an den innersten Werten der Nationalarmee – ja, sogar
noch mehr, als die Entlassung von zehn Tausenden orthodoxer
Studenten aus der allgemeinen Wehrpflicht.
Bei vielen Demonstrationen gegen Errichtungen von Siedlungen
standen Friedensaktivisten Soldaten gegenüber, die sie mit
Tränengasgranaten bewarfen, mit Gummi ummantelten Kugeln auf sie
schossen und manchmal auch scharf schossen. Wenn die Siedler
palästinensische Dorfbewohner aus ihren Olivenhainen trieben,
ihre Oliven stahlen und ihre Bäume ausrissen, verteidigten die
Soldaten gewöhnlich die Räuber und vertrieben die Beraubten. Und
siehe da! dieselben Offiziere und Soldaten lösen nun die
Siedlungen auf und vertreiben die Siedler, um die israelische
Demokratie zu verteidigen und gegen deren Feinde zu kämpfen.
Gewiss mit Samthandschuhen und Süßholzgeraspel – aber immerhin.
Wir müssen nicht davor zurückschrecken, die Dinge beim richtigen
Namen zu nennen: der gegenwärtige Kampf ist eine Art
Bürgerkrieg, auch wenn – noch einmal wie ein Wunder – kein Blut
dabei vergossen wird. Die Yesha-Leute sind eine revolutionäre
Bewegung. Ihr wirkliches Ziel ist, das demokratische System
umzuwerfen und die Herrschaft ihrer Rabbiner aufzurichten.
Jeder, der die Geschichte der Revolutionen studiert hat, weiß,
dass die Position der Armee letzten Endes entscheidend ist.
Solange die Armee vereint hinter der Regierung steht, ist die
Revolution zum Fehlschlag verurteilt. Erst wenn die Armee dabei
ist, sich aufzuspalten oder sich den Rebellen anzuschließen,
gewinnt die Revolution. Deshalb können die Siedler diese
Schlacht nicht gewinnen.
Vor 32 Jahren blockierten die ranghohen Offiziere der Armee
General Sharons Pfad zum Posten des Generalstabschefs. Jetzt
stehen sie geschlossen hinter dem Ministerpräsidenten Sharon.
Wenn das kein Wunder ist ? Was ist es dann?
Natürlich sieht dies alles nur wie ein Wunder aus. Alles hat
seine natürlichen Ursachen.
Die ausländischen Journalisten, die im Augenblick den
Gazastreifen belagern, fragen immer wieder: Warum tut er das?
Was hat ihn dazu gebracht, den Trennungsplan zu konstruieren?
Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Wie jedes
historische Ereignis, hat es mehr als nur einen Beweggrund. Der
Plan war nicht das Ergebnis von Beratungen. Es gab keine
ordentliche Stabsarbeit, weder im militärischen noch im zivilen
Bereich. Sharon zog den Plan sozusagen aus dem Ärmel und warf
ihn vor anderthalb Jahren in die Luft. Er reagierte auf mehrere
unmittelbare Bedürfnisse.
Als Sharon einer der prominenten Armeegeneräle war, war er eher
als „Taktiker“ bekannt im Stile eines Rommel oder George Patton,
denn als „strategischer“ General wie Dwight Eisenhower. Er
erfasste das Schlachtfeld intuitiv, war aber nicht in der Lage,
mehrere Schritte im voraus zu denken. Genau diese Eigenschaften
brachte er ins politische Leben mit. Dies erklärt die Umstände
der Entstehung des „Trennungsplanes“.
Man erinnere sich daran, dass die Amerikaner von ihm verlangten,
eine Friedensinitiative zu präsentieren. Präsident Bush
benötigte dies dringend, um der Welt zu zeigen, dass er Frieden
und Demokratie im Nahen Osten fördern will. Für Sharon war die
Verbindung zu den Amerikanern schon allgemein, die Verbindung zu
Bush aber eine zentrale Stütze für Israels Sicherheit. Der
einseitige Trennungsplan sieht irgendwie wie ein Friedensplan
aus und so hat er Wort gehalten. Gestern wiederholte Sharon bei
einem Presse-Interview: „Ich möchte lieber ein Abkommen mit den
Amerikanern als mit den Arabern erreichen.“
Er wollte auch anderen herumgeisternden Friedensplänen
zuvorkommen . Die „Genfer Initiative“ war gerade dabei, überall
in der Welt Anerkennung zu finden; ausländische Würdenträger
unterstützen sie. Sharons Trennungsplan wischte sie vom Tisch.
Später machte er dasselbe mit der Road Map, die von Sharon
forderte, den Siedlungsbau einzufrieren und die „Außenposten“
aufzulösen. Als der Trennungsplan sich auf den Weg machte, wurde
die Road Map eine Worthülse. Die Amerikaner unterstützten sie
nur mit Lippenbekenntnissen. (Das mag sich nach dem Abzug
ändern, da Präsident Bush in dieser Woche in einem
Spezialinterview im israelischen Fernsehen eine Andeutung
machte).
Natürlich hat Sharon nicht im entferntesten damit gerechnet,
dass es mit den Siedlern, seinen Schützlingen und privaten
Hausgästen, einen Kampf auf Leben und Tod geben wird. Er war
sich sicher, dass er in der Lage sein würde, sie zu überzeugen,
dass dies eine weise und voraussehende Maßnahme sei.
Dann kamen die Mörsergranaten und Kassam-Raketen, die eine
bedeutende Rolle spielten. Die israelische Armee hat vorläufig
keine Antwort auf diese Waffen, und der Preis, den Gazastreifen
zu halten, wurde eine zu große Belastung für die Ressourcen der
Armee.
Die Feinde des Abzugsplanes schrieen es ( buchstäblich) von den
Dächern, Sharons wirkliches Motiv sei, die Aufmerksamkeit von
der Korruptionsaffäre, in die er und seine beiden Söhne
verwickelt waren, abzulenken. Das ist sicher sehr übertrieben.
Wenn dies der einzige Grund gewesen wäre, hätte eine andere
Initiative erfunden werden können , z.B. ein kleiner Krieg. Aber
es mag ein zusätzlicher Grund gewesen sein.
Aber hinter all diesen Motiven stand etwas Wesentlicheres: die
Persönlichkeit und Weltanschauung von Sharon selbst.
Mehr als einmal wurde über ihn gesagt, dass er größenwahnsinnig
sei, ein Mann der brutalen Gewalt, ein Mann, der alle anderen
verachtet, ein Mann, der jeden Widerstand wie eine Dampfwalze
überrollt. All das ist wahr, aber es ist nicht alles.
Schon vor Dutzenden von Jahren kam er zu dem Beschluss, dass er
die einzige Person sei, die den Staat führen kann. Das Schicksal
habe ihn dafür erkoren, das Volk von Israel zu retten und die
Weichen für die nächsten Generationen zu stellen. Dass alle
anderen Leute um ihn, Politiker und Generäle, Zwerge seien,
deren An-die-Macht-kommen nur unsägliches Unheil über Israel
bringe. Die Schlussfolgerung: jeder, der seinen Weg blockiert,
begeht ein Verbrechen gegen den Staat und das Volk. Das würde
natürlich auch auf jeden zutreffen, der den Abzugsplan
verhindert, der - für ihn – der erste Schritt in seinem „Großen
Entwurf“ ist.
Sharons Weltsicht ist einfach, um nicht primitiv zu sagen. Die
Vision von Vladimir Jabotinsky, dem ideologischen Poeten von
Odessa ( und geistigem Vater des gegenwärtigen Likud) ist für
den Jungen, der in dem Gemeinschaftsdorf Kfar Malal geboren
wurde, sehr fremd. Menachem Begin mit seinen polnischen Ideen
der Ehre, war ihm auch fremd, und in seinem Herzen verachtete er
ihn. Sein wirklicher Mentor war David Ben-Gurion. Seine
Ideologie ist eine klassisch zionistische, konsequent und
pragmatisch: die Grenzen des jüdischen Staates in einem
andauernden Prozess so weit wie möglich hinauszuschieben, ohne
eine nicht-jüdische Bevölkerung einzuschließen. Überall, wo
möglich, zu siedeln und dabei jeden Trick zu verwenden. Viel zu
handeln und wenig darüber reden. Erklärungen abgeben, dass man
Frieden erreichen wolle, aber keinen Frieden machen, der die
Expansion und Siedlung behindert.
Moshe Dayan, ein anderer Schüler Ben Gurions, predigte in einer
seiner enthüllenden Reden vor der Jugend des Landes, dass es ein
fortdauerndes Unternehmen sei. „Ihr habt es nicht angefangen und
werdet es auch nicht beenden!“ sagte er. In einer andere
wichtigen Rede sagte Dayan, dass die Araber zuschauen, wie wir
das Land ihrer Vorfahren in unser Land verwandeln. Sie werden
sich niemals damit abfinden. Der Konflikt wird ein permanenter
sein.
Das ist auch Sharons Einstellung. Er will Israels Grenzen so
weit wie möglich hinausschieben und die Anzahl der Araber
innerhalb dieser Grenzen minimieren. Deshalb ist es sinnvoll,
den winzigen Gazastreifen mit anderthalb Millionen dort lebenden
Palästinensern aufzugeben und auch die Zentren der
palästinensischen Bevölkerung in der Westbank. Er will die
Siedlungsblöcke und die dünn besiedelten Gebiete annektieren, wo
neue Siedlungsblöcke gebaut werden können. Das Problem der
palästinensischen Enklaven will er zukünftigen Generationen
überlassen.
Ben Gurion hat ein grundsätzliches Prinzip hinterlassen: der
Staat Israel hat keine Grenzen. Grenzen frieren die bestehende
Situation ein – und das kann Israel nicht anerkennen. Deshalb
waren alle seine Nachfolger, einschließlich Yitzhak Rabin,
bereit, Interim-Abkommen abzuschließen, aber niemals ein
endgültiges Abkommen, das die Grenzen festlegt. Deshalb besteht
Sharon darauf, dass alle seine Schritte einseitig sind und dass
nach dem Abzug ein neues Interim-Abkommen erreicht werden kann –
aber unter keinen Umständen ein endgültiges Friedensabkommen.
Diese Vorgehensweise wird das Auflösen von weiteren Siedlungen
in der Westbank nötig machen – von kleinen, isolierten
Siedlungen in Gebieten, in denen keine neuen Siedlungsblöcke
wegen dichter palästinensischer Bevölkerung errichtet werden
können. Das wird praktisch da hinauslaufen, dass es weitere
Zusammenstöße mit den Siedlern geben wird, deren harter Kern
nicht nach den Lehren eines Ben Gurion aufgewachsen sind,
sondern nach der Vision messianischer Rabbis, die über die
Grenzen des „von Gott verheißenen Landes“ reden. Sharons
Pragmatismus beeindruckt sie wenig.
Um den Staat fest auf diese Schiene zu setzen, und um sicher zu
gehen, dass er so auch in den zukünftigen Jahrzehnten läuft,
benötigt Sharon eine zweite Amtsperiode. Binyamin Netanyahu, den
Sharon für einen kleinen Politiker mit einem großen Mundwerk
hält, gefährdet diesen Plan. Für ihn ist es ein Verbrechen
gegenüber Israel.
Viele sind wegen Sharons langfristiger Absichten gegen diesen
Abzugsplan.
Aber die Geschichte zeigt, dass Absichten notwendigerweise nicht
so wichtig sind. Jene, die historische Prozesse in Gang bringen,
kontrollieren nicht die Folgen. Was aber zählt, sind die
Ergebnisse. Die Väter der Französischen Revolution
beabsichtigten nicht, einen Napoleon hervorzubringen; Karl Marx
beabsichtigte nicht, das Gulag-Empire eines Stalin zu errichten.
In dieser Woche geschieht etwas Besonderes: es ist das erste
Mal, dass jüdische Siedlungen in Palästina aufgelöst werden. Das
Siedlungsunternehmen, das sich bis jetzt nur immer erweitert
hat, macht das erste Mal einen Rückzieher.
Und das ist wichtiger als die – guten oder bösen – Absichten
Ariel Sharons.
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