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Artikel und Meinungen auf dieser Seite, die nicht direkt von der Palästinensischen Gemeinde Österreich stammen, müssen nicht unbedingt der Meinung der Palästinensischen Gemeinde Österreich entsprechen. Alle Rechte vorbehalten.

 

Ist der Zionismus heute der wahre Feind der Juden? Ja.
von Avi Shlaim
 
Heute treffen sich Machmud Abbas und Ariel Scharon in Scharm-el-Scheich. Wie immer sich die Palästinenser künftig orientieren, für Israel geht es in dieser Phase, in der es seine Zukunft definieren muss, einmal mehr um die Klärung seiner existenziellen historischen, religiösen und politisch-ethnischen Parameter. In dem Londoner Forum "Intelligence Squared" fand aus diesem Grund eine Debatte zu der Frage statt, ob der "Zionismus heute der wahre Feind der Juden "sei. Nach der Debatte sprach sich das Publikum mit 355 zu 320 Stimmen für die bejahende Antwort aus, 40 enthielten sich. SZ

Der Zionismus ist die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, und der Staat Israel ist seine politische Verwirklichung. Israel war Symbol für die Freiheit und Quell des Stolzes für Juden in der Diaspora. Doch Israels Misshandlung der Palästinenser hat das Land zu einer Belastung und moralischen Bürde für den liberalen Teil der jüdischen Gemeinschaft gemacht. Manche Juden, besonders aus linken Kreisen , würden noch weiter gehen und Israels Verhalten mit dem weltweiten Erstarken des neuen Antisemitismus in Verbindung bringen. Das zugrunde liegende Problem ist Israels illegale Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967. Diese verwandelte die zionistische Bewegung von einer legitimen nationalen Befreiungsbewegung der Juden in eine Kolonialmacht und Unterdrückerin der Palästinenser. Mit heutigem Zionismus meine ich die ideologischen, ultranationalistischen Siedler und ihre Unterstützer in der vom Likud geführten Regierung.

 

Diese Siedler sind eine winzige Minderheit, aber sie halten das politische System Israels im Würgegriff. Sie repräsentieren die inakzeptable Seite des Zionismus. Zionismus ist nicht mit Rassismus gleichzusetzen, aber viele dieser radikalen Siedler und ihrer Anführer sind unverhohlene Rassisten. Ihr Extremismus und ihre Exzesse haben manche Leute dazu gebracht, nicht nur das zionistische koloniale Projekt außerhalb der Grenzen von 1967 zu hinterfragen, sondern auch die Rechtmäßigkeit des Staates Israel innerhalb dieser Grenzen. Und es sind diese Siedler, die auch die Sicherheit und das Wohl der Juden überall auf der Welt gefährden.

Der Mann der Zwietracht

Premierminister Ariel Scharon personifiziert diesen fremdenfeindlichen, exklusiven, aggressiven und expansionistischen Zweig des Zionismus. Eine der größten Auszeichnungen im Judentum ist es, ein rodeph shalom, ein Friedensstifter genannt zu werden. Als ein solcher kann Scharon auch unter größten geistigen Verrenkungen nicht bezeichnet werden. Er ist ein Mann des Krieges und ein Verfechter gewaltsamer Lösungen. Scharons Ziel ist der Politizid, den Palästinensern also jegliche unabhängige politische Existenz in Palästina zu verweigern. Sein Plan für den Abzug aus Gaza nennt sich "unilateraler Rückzugsplan". Dies ist kein
Friedensplan, sondern das Vorspiel für Israels Annektierung großer Teile des Westjordanlandes. Scharon, dieser Unilateralist par excellence, ist ein jüdischer Rambo - die Antithese zu traditionellen jüdischen Werten wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Toleranz.

 

Scharons Regierung führt einen grausamen Krieg gegen das palästinensische Volk. Ihre Methoden umfassen die Konfiszierung von Land; die  Zerstörung von Häusern; die Entwurzelung von Bäumen, Ausgangs- und Straßensperren und 736 Checkpoints, die entsetzliche Not hervorrufen; die systematische Missachtung der Menschenrechte der Palästinenser; und den Bau einer illegalen Mauer im Westjordanland, einer Mauer, bei der es mindestens so sehr um Landraub geht wie um Sicherheit. Es ist dieser Zweig eines grausamen Zionismus, welcher der wahre Feind ist all dessen, was vom liberalen Israel und liberalen Juden außerhalb Israels noch übrig ist.

 

Dieser Zionismus ist der Feind, weil er die Flammen eines
virulenten und manchmal gewalttätigen Antisemitismus weiter anfacht. Israels Vorgehensweise ist die Ursache; Hass auf Israel und Antisemitismus sind die Konsequenzen. In den letzten Jahren ist viel über "den neuen Antisemitismus "geredet worden. Die Argumentation lautet, kurz zusammengefasst, dass das Wiedererwachen des Antisemitismus wenig oder nichts mit Israels Verhalten zu tun habe. Antizionismus, wird weiter argumentiert, sei nur der Ersatz für den bösen, altmodischen Antisemitismus. Mit solchen Beweisführungen muss man sich auseinandersetzen.

 

Erstens: Was ist Antisemitismus? Isaiah Berlin hat einen Antisemiten definiert als "jemanden, der Juden mehr hasst, als es strikt notwendig ist ". Diese schelmische Definition hat den Vorteil, dass sie auf jede Art Antisemitismus anwendbar ist, auf den alten wie auf den neuen. Doch müssen wir über die Etikette hinausschauen. Gibt es noch starken klassischen Antisemitismus? Ja. Breitet sich Antisemitismus in Europa aus? Ja, und zwar auf alarmierende Weise. Benutzen manche Leute den Antizionismus als einen seriösen Mantel für ihren verachtenswerten Judenhass? Leider ebenfalls ja. Wie ist der Hass auf Israel auf der einen und der Judenhass auf der anderen Seite in der Fabrikation des neuen Antisemitismus zu gewichten? Ich weiß es nicht. Ich weiß jedoch, dass eine Menge anständiger Leute ohne jegliches antisemitisches Gepäck über Israel sehr aufgebracht sind, und zwar weil es die Palästinenser unterdrückt. Man kommt nicht um die Tatsache herum, dass sich die Einstellung zu Israel wegen der Verlagerung des Staates in Richtung des Zionismus der extremen Rechten und der radikalen Rabbis verändert hat.

 

Während der Jahre des Osloer Friedensprozesses war Israel ja der Liebling des Westens, weil es bereit war, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen. Israels heutiges Image ist nicht deshalb negativ, weil es ein jüdischer Staat ist, sondern weil es ständig die Normen des akzeptablen internationalen Verhaltens überschreitet. Und tatsächlich wird Israel zunehmend als ein "Schurkenstaat" angesehen, als ein internationaler Paria und als eine Bedrohung für den Weltfrieden. Diese Wahrnehmung von Israel ist ein wesentlicher Faktor im jüngsten Wiedererstarken des Antisemitismus in Europa und im Rest der Welt. In diesem Sinn ist der Zionismus heute der wahre Feind der Juden. Es ist tragisch, dass ein Staat, der nach dem Holocaust als Zufluchtshafen für das jüdische Volk errichtet wurde, nun einer der unsichersten Orte der Welt ist, an dem Juden leben können. Israel sollte sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen, nicht um den Palästinensern einen Gefallen zu erweisen, sondern sich selbst und den Juden weltweit - denn wie Karl Marx einmal bemerkte, ein Volk, das ein anderes unterdrückt, kann auch selbst nicht frei bleiben.

Der Autor, Avi Shlaim ist Professor für Internationale Beziehungen am St. Antony 's College in Oxford und Verfasser von "The Iron Wall: Israel and the Arab World ".

Deutsch von Petra Steinberger

 

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